übers Erinnern und Vergessen

Es gab eine Situation, da war ich noch ein kleines Mädchen. Ich war wütend, weil mir eine Lehrerin verboten hatte, über meinen toten Bruder zu sprechen. Ich konnte das nicht verstehen und war sehr enttäuscht, zumal ich diese Lehrerin besonders gerne mochte.

Zu meinen Eltern konnte ich mit dieser Sorge nicht gehen, denn ich wusste, dass sie traurig waren. Ich wollte nicht, dass meine Mutter deswegen anfängt zu weinen. Mein Vater sprach nicht gerne über meinen Bruder, also konnte ich auch mit ihm nicht sprechen.

Also rief ich Paula an.
Paula nahm meine Sorgen diesbezüglich immer sehr ernst und sie konnte wunderbar trösten.
Sie sagte: „Die Erinnerung an deinen Bruder kann dir niemand nehmen.“

Sie zeigte auf ihre Brust und sagte: „Weisst du, er lebt in deinem Herzen drin weiter, solange du lebst.“
Das leuchtete mir ein. Ich verstand auch, warum die Lehrerin so seltsam reagiert hatte. Sie hatte wohl keinen Bruder, der in ihrem Herzen lebte.

Morgen halte ich ein Referat übers Vergessen und Erinnern. Ich freue mich und bin dankbar für Omi, die mich so vieles darüber in den letzten Jahren gelehrt hat.

Meine Mutter, der Kaktus

Meine Mutter Ursle hat, seit ich mich erinnern kann, Kakteen geliebt. Die Blüte eines Kaktus war jeweils ein hoher Feiertag in ihren Augen. Gemeinsam haben wir die zarten und bunten Blätter des Kaktus bewundert.

Meine Mutter ist seit bald acht Jahren tot. Aber ihr Kaktus, wir nannten ihn immer biggus longus, halte ich in Ehren. Als sie ins Krankenhaus kam, hing er in seinem Topf wie eine halb verfaulte Wurst. Nachdem klar war, dass sie nie mehr zurück in ihre Wohnung kann, nahm ich ihn mit in meine.

Kurze Zeit nach ihrem Tod blühte er. Seine pinken Blüten erfreuten mich und – bestärkten mich in meinem tiefen Verlust.

Er blühte immer wieder, in unregelmässigen Abständen. Manchmal sorgte ich mich um seine Kakteen-Gesundheit. Aber er überstand alles. Meine Tränen. Meine Sorgen. Den Umzug ins kühle Toggenburg bei sibirischen Temperaturen
Und nun blüht er erneut.

Toggenburger Frühling. In meinem Haus. In einer Zeit, die schwierig für mich ist. Pinke Blüten. Und doch fühlt sich jede Blüte wie eine Umarmung meiner Mutter an.

Danke.

Kaktus

Loslassen. Das Wort des Moments.

Omi wird in einigen Tagen 87 Jahre alt. Was für eine Zahl! Nie hätte ich gedacht, dass sie so alt wird. Niemand hätte wohl darauf gewettet, nachdem sie als Kind so schwer an einer Hirnhautentzündung erkrankte.

Ich sitze in meinem Atelier mit Blick auf den Garten, wo die Primeln blühen. Schaffe ich es, dass Omi noch einmal den Garten sieht? Ich habe Angst davor, dass sie nichts mehr erkennt, denn mich kennt sie ja auch nicht mehr.

Omi sprach, solange sie noch im Haus lebte, oft vom Sterben. Der Sehnsucht nach Ruhe. Schmerzlosigkeit. Das nicht Vorhandensein von Trauer und Verlust. Für sie ist diese Phase des Lebens, diese immensen Emotionen, wohl schon vorbei. Sie fühlt sich wohl und sitzt da, als warte sie auf den Bus, der sie bald abholen wird.

Ich sitze da und beende das Manuskript für das Buch über sie. Ich schreibe unsere Geschichte, weil nur noch ich diese Geschichten weiss. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie es ist, wenn ich ihr im Juli das Buch zeige. Was wird sie dazu sagen?
Durch Omis Demenz und mein Schreiben darüber hat sich mein Leben komplett verändert. Alles scheint klar. Doch in meinem Innern ist das nicht so: Was wird sein, wenn Omi einmal nicht mehr ist?

Als meine Mutter starb, da war Omi für mich da. Wir haben gemeinsam getrauert. Omi war immer voller Hoffnung. Sie sagte: „Sei nicht traurig, es geht Urseli gut. Nie mehr Sorgen. Nie mehr Trauer.“

Doch dann sagte sie: „Das Schlimmste ist, wenn die Mutter stirbt. Das weiss ich genau.“

Kurze Zeit später zeigte sich ihre Demenz immer stärker. Manchmal denke ich, dass nur das Sterben meiner Mutter sie vom Vergessen abgehalten hat. Es schien mir, als müsste meine Omi mit 79 diese letzte Aufgabe ihres Lebens, nämlich den Menschen, den sie 1951 geboren hat, bis zum Tod begleiten und wieder hergeben.

Ich stand daneben. Ihre Aufgabe war erfüllt. Doch was ist meine Aufgabe? Kinder kriegen ist es jedenfalls nicht.

Über die wirklich starken Männer

In den 90er Jahren liessen sich meine Eltern nach fast zwanzig Jahren Ehe scheiden und – mein Vater bekam das Sorgerecht für mich und meine Schwester. Das mag heute vielleicht keinen mehr wundern, aber in jenen Jahren war es eine Sensation, dass ausgerechnet ein Mann seine Kinder zugesprochen bekam.

Für mich war das eine ungeheure Erleichterung, denn ich hätte nicht mit meiner alkoholkranken Mutter zusammenleben wollen und sie wohl auch nicht mit mir. Dennoch stelle ich heute in Gesprächen mit meinem Vater fest, dass diese ganze Sache nicht so einfach über die Bühne gegangen ist.

Mein Vater erzählte mir, dass für ihn diese Monate der Scheidung ausserordentlich belastend waren. Er durfte sich gar nichts zu Schulden kommen lassen, denn sonst wären wir Kinder einfach „weg“ gewesen.

Seine Worte machen mich wütend.
Es hat scheinbar genügend Menschen in jener Gemeinde gegeben, die meinem Vater auf die Finger geschaut haben und die darauf achteten, ob er auch ja erziehungsfähig ist. Dass meine Mutter vorher jahrelang psychisch angeschlagen war, alkoholisiert und aggressiv gegen mich vorgegangen ist, haben diese Menschen aber wohlweisslich ignoriert. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Eine Nachbarin und meine Omi waren die einzigen Menschen, die sich dafür interessiert haben, wie es uns erging, erzählte er mir. Mein Vater empfindet diese Jahre noch heute als grosse Ungerechtigkeit. Ich stimme ihm zu.

Das einzig Positive daran ist, dass ich dank dieser Situation wohl ein Männerbild intus habe, das nicht besonders konservativ ist. Für mich ist es sonnenklar, dass Männer sich liebevoll für ihre Kinder einsetzen und dass sie ein Sorgerecht kriegen können nach einer Scheidung. Für mich ist auch klar, dass Frauen nicht automatisch die besseren Eltern sind, nur weil sie Frauen sind. Wie auch?

Es ist eine persönliche Sache und hängt auch von der Lebensgeschichte eines Menschen ab, ob er fähig und müssig ist, seine Kinder zu erziehen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich neben meiner Mutter, die mich geboren hat auch noch einen Vater habe, der bereit war, für mich zu sorgen.

Begegnungen

Wir waren uns lange nicht nahe, meine Mutter und ich.
Als Kind war sie mein Ein und Alles. Sie war die schönste Frau der Welt. Sie besass langes, dunkelbraunes Haar. Ich hätte mir nie vorstellen können, sie einfach zu verlieren.

Dabei verlor ich meine Mutter im September 1979. Ich war gerade zwei Jahre alt. Ich erinnere mich an ihre Schwangerschaft. Wie sie meinen Bruder in sich trug, wie sie mich immer wieder fröhlich dazu aufforderte, meinen Kopf an ihren prallen Bauch zu legen. Seltsam. Ich erinnere mich noch heute an die Tritte in ihrem Bauch. Es war für mich einziges Wunder. In meiner Mutter lebte ein Mensch. Irgendwann würde er ausserhalb ihres Bauches und mein Geschwisterchen sein.

Als er zur Welt kam, wurde ich von Omi gehütet. Die Stimmung war feierlich. Sie freute sich und ich vermute mal, sie wäre am liebsten selbst bei seiner Geburt dabei gewesen.

Die Geburt meines Bruders löste aber auch Angst in mir aus. Meine Mutter war einfach weg. Ich sehe noch heute die Wohnung vor mir. Ohne Mutter war sie leer.

Und dann war mein Bruder plötzlich tot.

Mit einem Mal war Omi wieder da. Sie lachte nicht mehr. Doch sie gab sich alle Mühe, mich nicht zu spüren zu lassen, dass für alle in der Familie eine Welt zusammen gebrochen war. Omi wurde mein Anker. Solange sie da war, brauchte ich keine Angst zu haben.

Ich sehe meine Mutter heute noch vor mir, wie sie in jenem dunkelgrün gekachelten Bad auf dem WC sitzt und heult. Ich kenne dieses Heulen. Es ging mir gleich, als sie starb.

Meine Mutter war damals 28 Jahre alt. Mein Bruder starb einige Tage nach ihrem Geburtstag. In diesem Jahr bin ich zehn Jahre älter als meine Mutter damals. Im Gegensatz zu ihr habe ich keine Kinder geboren. Aber mit schmerzlichem Verlust kenne ich mich bestens aus.

Meine Mutter zu verlieren, ihrem Sterben zuschauen zu müssen, hat mich geprägt. Mir schien 2007, als würden mindestens sieben Zwiebelhäute meiner Seele abgerissen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Omi jedoch war an meiner Seite. Wir hielten uns an den Händen, als ihre Tochter starb.

Doch ich denke vorwärts. Irgendwann geht Omi auch. Dann ist mein Fels gänzlich verschwunden.

Was wird sein?

Heute abend fand mein Adventsfenster statt. Das Fenster war nicht der Rede wert. Ich hatte keine Zeit und Lust, gross zu basteln. Ich wollte stattdessen vorlesen.

Während die Gäste in unserer Stube sitzen, wird mir bewusst, dass dies das letzte Mal sein wird, dass ich im Thurgau ein kleines Fest veranstalte. In einigen Wochen ziehen wir hier weg.

Wir reden. Normalerweise bin ich nicht so der Gesprächsmensch. Die Themen sind vielschichtig. Wir sprechen über Tod und Leben. Nichts, was man einfach so an einem oberflächlichen Ort besprechen würde. Ich bin dankbar für all die Begegnungen und die Menschen, die ich hier im Thurgau kennen lernen durfte.

Ich pendle zwischen mehreren Welten. Da ist unsere Wohnung, die sich langsam leert. Wer jahrelang am gleichen Ort lebt, hinterlässt Müll. Wir werden viele unserer Möbel weggeben. Nur den grossen Tisch, das Harmonium und unser Bett werden wir mitnehmen. Alles andere kommt weg. Ich sortiere Kleinigkeiten aus. Bücher, die ich nie mehr lesen werde.

Und dann ist da das Haus im Toggenburg. Wir renovieren. Wir freuen uns einfach nur, dass es da ist. Ich schleife die Wände meines Büros ab. Es ist ein Gefühl, das unbeschreiblich ist. Unser Haus. Unsere Zukunft.

Zwischen den Häusern

Manchmal wünschte ich mir, woanders zu sein.
Ich wünschte mir, der ganze Umzug läge hinter mir.
Ich hasse Trennungen. Abschiede.

Der Abschied vom Alten Schulhaus schmerzt mich zutiefst. Ich liebe dieses alte, wunderschöne Haus. Es ist aus Holz und Stein gebaut. Auf seinem Dach steht ein Glockenturm, der jahrzehntelang die Kinder zur Schule gerufen hat.

Seit 1997 wohne ich hier.
2015 verlasse ich es.
Nicht einmal der Auszug aus meinem Elternhaus versetzte mir solche Mühe.

1993 verliess ich meine Eltern in Richtung Romandie.
Ich hab mich in Nyon nicht verliebt. Nicht mal Sex gehabt. Ich wurde auch nicht erwachsen. Mein Weg führte lediglich aus dem Thurgau heraus.

Jetzt ist es anders.
Ich habe Freunde gefunden. Meine Nachbarn sind praktisch Familie.
Noch kann ich mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn ich sie nicht mehr täglich sehe. Wenn wir nicht mehr Abende lang draussen grillieren und Appenzeller. Unsere 1. August-Feiern. Die Geburtstage.

Ein klein wenig fühle ich mich wie eine verdammte Verräterin.
Ich verlasse meine Wohnung für das Haus.

In der Wohnung wurde ich erwachsen. Ich war gerade mal 19 Jahre alt, als ich hier einzog. Ich hatte schreckliche Akne, Dauer-Liebeskummer und einen Job, der mich nicht glücklich machte.

Ich hab in der Wohnung Schneefälle erlebt. Den Nussbaum vor dem Fenster mit der Katze beobachtet. Eine WG gegründet. Zum ersten Mal Sex gehabt. Bin zum ersten Mal verlassen worden. Mich eingelullt, als meine Mutter starb. Rotz und Wasser auf den Parkettboden geheult. Mich vor riesigen Spinnen geekelt. Den Schornsteinbrand im Haus gegenüber beobachtet. Eine Lebensmittelvergiftung überlebt. Nackt durch die Wohnung getanzt. Das ist bald Vergangenheit.

Omi Berta in meinen Augen

Seit einigen Monaten spricht mich Omi Paula immer wieder als ihre Mamme an. Es ist seltsam, aber dieser Vergleich tut mir nicht weh. Das muss dran liegen, dass Paula und ihre Mamme Berta eine sehr enge Beziehung hatten.

Omi Berta habe ich leider nie kennenlernen dürfen. Sie starb einige Jahre vor meiner Geburt, ja sogar lange vor der Hochzeit meiner Eltern.

Sie muss eine besonders starke Frau gewesen sein. Sie hatte meinen Urgrossvater geheiratet, der als Verdingkind ennet des Ricken aufwuchs. Berta und ihr Mann hatten fünf Kinder: Bibi, Hadi, meine Oma Paula, Sepp und Hans. Sie waren eine sehr arme Familie und lebten am Rande der Stadt Wil in der alten Mühle.

Meine beiden Grosstanten und Omi Paula erzählten nur gutes von Berta. Anders als in jener Zeit üblich hat sie ihre Kinder nie geschlagen. Sie umsorgte die Familie, erst recht als mein Urgrossvater einen schweren Unfall hatte. Danach muss er schwer körperbehindert und Epileptiker gewesen sein.

Auch die Hirnhautentzündung meiner Oma Paula muss die Familie in arge Nöte gebracht haben. Berta muss grosse Ängste um ihre jüngste Tochter gelitten haben.

Berta war eine Frau mit einer rundlichen Figur und einem sehr lieben Gesicht. Auf allen Bildern strahlt sie. Sie hat freundliche Augen und und einen breiten Mund.

Auch für meine Mutter war sie jahrelang die wichtigste Bezugsperson, so wie Paula für mich. Die Trennung von Berta aufgrund des Umzugs von Wil nach Ebnat-Kappel hat meine Mutter in eine tiefe Krise gestürzt.

Dann wurde Omi Berta krank. Sie lag im Pflegeheim und wartete auf den Tod. Das war Ende der 60er Jahre kein schönes Sterben. Paula durfte schlussendlich nicht mal die letzten Momente an Bertas Bett verbringen. Das hat sie nie verwunden, solange sie sich daran erinnert hat. Sie hat sich immer für mich gefreut, dass es mir gelungen ist, bei meiner Mutter bis am Schluss zu bleiben. Sie sagte: „Das ist ein Geschenk, Kind.“

Vielleicht macht es mich darum glücklich, dass, wenn Paula in mein Gesicht blickt, ihre Mutter sieht und keine Angst und keine Trauer mehr verspürt.

Mutters bunte Bluse

Meine Mutter mochte meinen Kleiderstil nie.
Als ich noch ein Kind war, fand sie ihn zu jungenhaft. Androgyn war damals ein Ausdruck, den niemand im hintersten Thurgau gekannt hätte. Dann wurde ich zwanzig und ich trug schwarz. Rotes Haar. Raspelkurz. Sie mochte es nicht. Als ich einundzwanzig wurde, meinte sie lapidar, ich solle ihr ruhig meine Freundin vorstellen. Damit hätte sie kein Problem.

Die nächsten zehn Jahre schrammten wir modisch aneinander vorbei. Sie hat meinen Kleiderstil nicht gross mitbekommen. Die Tuniken nicht. Meinen Pagenschnitt. Die gefärbten Haare. Die T-Shirts in schwarz, grau und beige. Die schrecklichen Knickerbocker. Die Strümpfe.

Als meine Mutter 56 war und ich gerade mal dreissig, lebte ich meine erdfarbene Phase aus. Ich trug fürs Leben gerne braun und ocker und schwarz. Meine Mutter meinte nur: „ich bin noch nicht tot.“

Meine Mutter war ein bunter Mensch. Sie liebte Farben über alles. Rot. Blau. Türkis. Alles war ihres.

Mein Zugang zur Buntheit kam schleichend. Ich begann mit Ohrringen. Ich lieb sie noch heute. Klein. Unauffällig. Einfach.

Inzwischen bin auch ich bunter geworden. Ich trage Rot. Blau. Eidottergelb.

Heute räumte ich meinen Kleiderschrank. Mutters Bluse hing darin. Ich werd sie nie tragen können. Sie sieht bunt aus, etwa so, wie man sich ein Hemd von Magnum vorstellt, nur dass meine Mutter in ihrer weiblichen Figur darin Platz hatte.

Sieben Jahre habe ich die Bluse aufbewahrt.
Heute fragte ich mich: willst du die Bluse wirklich mit in dein Haus nehmen?
Zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr: Wo ist meine Mutter?

Ein amtlicher Brief ins Jenseits

Einige Tage vor ihrem Tod musste meine Mutter einen Antrag auf IV unterschreiben. Die Dame vom Sozialamt bestand darauf.
Ich war dagegen, bekam aber den Auftrag, meine Mutter unterschreiben zu lassen.

Ganz im Ernst, wenn jemand im Sterben liegt, dann ist doch wohl ein Antrag auf Invaliditätsrente ein schlechter Witz. Meine Mutter fragte mich damals, ob ich sie verarschen will, als ich ihr das Formular unter die Nase hielt. Sie sass auf ihrem Bett im Pflegeheim, im Hintergrund dudelte die Mittelwelle und auf ihren Knien lagen fast fertig gestrickte Babysöckli.

„Die waren eigentlich für meinen Enkel gedacht“, sagte sie und blickte mich nicht unfreundlich an. Ich konnte nichts darauf entgegnen. Sie unterschrieb kopfschüttelnd den Wisch. Ihre einstmals kurvige, grosse Unterschrift war krakelig und unlesbar geworden.

Ich musste das Formular an die Dame vom Sozialamt zurückschicken. Und dann, nachdem meine Mutter gestorben war, vergass ich es.

Einige Wochen nach der Beerdigung erhielt ich Post. Die IV-Stelle des Kantons Thurgau informierte mich im Brief darüber, dass meine Schwester am 17. Oktober 2007 verstorben war. Man liess mich ebenfalls wissen, dass am 10. November 2007 die gesetzliche Wartefrist verstrichen wäre und sie nun eine Invalidenrente bekäme. Doch da die betreffende Person, nämlich meine Mutter, verstorben war, hätte sie keinen Anspruch auf Rente.

Bis zu diesem Zeitpunkt hielt ich den Brief für einen schlechten Witz.

Doch es kam noch besser: Man informierte mich, dass, wenn nach Ablauf eines erneuten Jahres eine rentenbegründende Erwerbsunfähigkeit bestünde, meine Mutter sich natürlich wieder beim Amt melden könnte.

Ich schob den Brief weg, denn es tat mir zu sehr weh. Bestimmt wäre mein erster Gedanke, wenn meine Mutter wider Erwarten wieder lebendig geworden wäre, nicht ein Antrag auf eine IV-Rente gewesen.

Drei Monate später erhielt ich erneut einen Brief. Man informierte mich nun darüber, dass meine Schwester, also eigentlich Mutter, noch immer tot war und die Verfügung, deswegen keine IV-Rente zu bekommen, nun in Kraft war. Dann setzte man mich in Kenntnis, wenn sich ihr Zustand verändern würde, sie natürlich jederzeit wieder einen Antrag stellen dürfte.

Ich schrieb mehrere Monate später, nachdem ich mich einigermassen gefangen hatte und sicher sein konnte, keine Fluchwörter zu verwenden, einen Brief an den Herrn vom Amt. Er schrieb mir sogar zurück und entschuldigte sich, was mich doch sehr gewundert hat.