Ungebetene Gäste

Plötzlich waren sie da.
Ich hatte sie nicht eingeladen. Die ersten beiden Tage nach ihrer Entdeckung konnte ich nicht darüber sprechen. Mit niemandem. Tausend Dinge schwirrten durch meinen Kopf.
Was ist, wenn…?
Was machst du jetzt? Wie soll dein Leben weiter gehen?

Vor zwei Wochen entdeckte ich Knoten in meiner Brust.
Uromi Anna, die 30 Jahre vor meiner Geburt verstarb, litt ebenfalls darunter. Sie wurde 56 Jahre alt.
Darüber nachzudenken, was nun passieren würde, fiel mir schwer. Frauenärztin. Ein Besuch. Die nächste Kontrolle war zwar erst für Februar 2017 geplant, aber dies war wohl eine andere Sache.

In der Phase des Nichtdarübersprechenkönnens musste ich an Omi Paula denken.
„Das kannst du Omi nicht antun!“ schrie eine Stimme in mir.
Ich musste lachen und weinen gleichzeitig. Omi würde nicht mal merken, wenn ich nicht mehr da wäre. Ich schob den Gedanken zur Seite.

Ich dachte an jene Menschen und Dinge, die mir Kraft gaben. Aber bei Omi ging ich nicht vorbei. Denn ich wusste genau, sie würde meine Traurigkeit spüren und es würde sie verwirren. Denn trotz Demenz würde sie noch immer direkt in mein Herz sehen können, so wie sie es immer getan hat, als ich noch ein Kind war und sie meine Oma.

Einige Tage zuvor hatte ich ein Referat übers Trauern gehalten. Dass ich mich nun damit auseinandersetzen musste, dass ich selber vielleicht sehr krank würde, befand ich als Ironie des Schicksals.

Der Termin bei meiner Ärztin verlief gut. Ein Ultraschall. Keine Tumoren. Kein Krebs. Lediglich eine Laune der Natur. Ich war erleichtert. Und dann dachte ich: mit 39 ist es verdammt noch Mal zu früh, um über das eigene Ende nachzudenken.

Alles ist anders

Vor vier Jahren um diese Zeit steckten wir mitten in den Vorbereitungen für Omi Paulas Eintritt ins Pflegeheim. Es war unglaublich emotional, und mehr als einmal dachte ich, wir schaffen das nicht. Ich hatte Angst, dass ihr im Haus was passiert. Dass sie überfallen wird. Dass sie sich nicht mehr wehren kann und ich spät komme.

Mehr als einmal träumte ich, wie ich in meinem Auto zu ihr hinfahre und nicht vom Fleck komme. Wie ich an der Haustür klingle und sie nicht öffnet. Wie ich ums Haus herum renne und nicht zu ihr reinkomme. Wie ich draussen stehe und langsam verzweifle.

Omi hat immer wieder erwähnt, dass sie nicht mehr leben will. Dass sie hofft, dass der Herrgott sie zu sich holt und sie all das hier nicht mehr ertragen muss. Ich wusste darauf nichts zu entgegnen. Ihre Verzweiflung war auch meine.

Mein damaliges Gefühl glich jenem von 2007, als meine Mutter vom Spital ins Pflegeheim verschoben wurde. Meine Mutter war gerade 56 Jahre alt geworden. Kein Fall fürs Altenheim und trotzdem am Übergang zwischen Leben und Tod. Omi hingegen war lebensfroh, trotz Demenz, trotz Trauer und trotz Lebenszweifeln.

Ich kannte ja all jene Geschichten von Menschen, die ins Heim gehen und dann einfach schnell sterben. Ich wollte Omi nicht verlieren. Nicht jetzt. Nicht so. Ich wollte doch nur, dass sie zufrieden und behütet leben konnte.

Vier Jahre später ist alles anders.
Omi lebt in ihrem Pflegeheim, wird geliebt und behütet, so wie sie es sich immer erträumt hat. Sie hat mir sehr oft von ihrer Mutter, Omi Berti erzählt, die weich und zärtlich war und immer nur gute Worte hatte. In Omi Paulas jetziger Phase der Demenz wirkt sie so, als würde sie genau das dank der Pflegenden erleben, die sich so liebevoll um sie kümmern.

Die Rollen haben sich weiter gewandelt. Ich lebe im Haus und empfinde nun nach, wie es Omi all die Jahre hier ergangen ist zwischen all den Erinnerungen, alten Möbeln, Büchern und Werkzeugen. Anders als Omi habe ich die Freiheit mich von den Dingen zu trennen, die mich belasten, die mir nicht gefallen und die ich nicht mehr um mich haben will.

Alles ist anders. Alles ist gleich.

Was fehlt

Vor neun Jahren um diese Zeit war ich nicht guter Dinge. Ich war am Ende meiner Kräfte.
Darauf warten, dass jemand stirbt, ist brutal. Gleichzeitig zu hoffen, dass dieser Jemand nicht stirbt, gleicht einer seelischen Zerreissprobe.

Meine Mutter war im Pflegeheim. Der Herbst 2007 ist in meiner Erinnerung golden und tiefgrau zugleich. Ich war gerade 30 Jahre alt geworden. (Meine Güte, das ist fast 10 Jahre her.) Ich empfand es als Ungerechtigkeit, meine Mutter zu verlieren.

Es gab Momente der Innigkeit. Grosse Zärtlichkeiten beim Abschied. Wir wussten, vielleicht würden wir uns nie mehr wiedersehen. Das Gefühl ist seltsam. Man wartet gemeinsam an einer Bushaltestelle in dem Wissen, dass beide in unterschiedliche Richtungen fahren.

Ich wollte sie nicht loslassen. Nicht jetzt. Nicht so.
Wir hatten uns gerade wiedergefunden. Nach fast 30 Jahren.

Sie fehlt mir heute noch. Es gibt Momente, da seh ich sie vor mir. Sie lächelt mich an. Streichelt meine Schulter. Sagt was Nettes. Es gibt Momente, da vermisse ich sie noch mehr als sonst.

Am letzten Wochenende lernte ich Filochieren.
Zu gerne hätte ich sie abends einfach angerufen und ihr gesagt, was ich gemacht habe, wie toll es war und wie glücklich ich bin, dass ich diese Handarbeit jetzt ein wenig beherrsche.

Das Telefon bleibt an den Sonntagabenden stumm. Ihre Nummer weiss ich immer noch auswendig.

Vom Verlust und der Liebe

Am 2. September würde meine Mutter 65 Jahre alt werden. Ich kann es mir nicht vorstellen. Egal, wie lange ich darüber nachdenke, es stellt sich kein Bild meiner gealterten Mutter ein.

Wenn ich über sie nachdenke, sehe ich sie immer als junge Frau. Manchmal sogar als Teenager oder Kind. Im Haus gibt es so viele Bilder von ihr. Sie war wunderschön. Sie war eine grosse, schlanke Frau mit dunklem Haar und einer seltsam olivfarbenen Haut. In ihren 40ern war sie etwas fülliger geworden. Dann, mit 50 magerte sie ab. Sie wirkte ausgezerrt.

Am Ende ihres Lebens, nach all den Jahren des Leidens und des Erstickens von tiefen Emotionen mit Hilfe von Alkohol, war sie wieder wunderschön. Ihr Sterben war schwer. Doch der Tod hat was friedliches. Die Begegnung und die Auseinandersetzung mit ihrem Sterben hat mich sehr geprägt und die Sicht auf das Leben völlig verändert.

Als meine Mutter vor neun Jahren im Sterben lag, war mir alles schwer. Ich wusste nicht mehr, wie ich einen Schritt vor den anderen setzen sollte. Und doch war das Leben intensiv wie nie. Ich schätzte plötzlich Dinge, die ich vorher gar nicht erkannt hatte. Ich freute mich über Begegnungen, die mir Kraft gaben. Das waren insbesondere Gespräche mit Menschen, die ebenfalls Angehörige verloren hatten. Das Feingefühl, das Verständnis und vor allem die wortlose Übereinstimmung, was Verlust angeht, haben mich beeindruckt und tief berührt.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Sie fehlt mir so. Ich wünschte, sie würde noch leben und wir würden uns hin und wieder treffen und gemeinsam ein Glas Wein trinken. Ich würde so gerne mit ihr über die Liebe und den Verlust sprechen. Ich würde sie so gerne besser verstehen. Jetzt, mit fast 40 Jahren, ist sie mir in ihrem Sein näher denn je. Wir sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Wir sind Alpha und Omega. Feuer und Wasser.
Mir fehlen ihre Umarmungen und ihre sanfte Stimme.

mami und ich

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Lebensader

Da gibt es Menschen in meinem Umfeld, die schwer krank sind und an ihrem Leben hängen. Jeder Gedanke, jede Faser ist aufs Leben konzentriert. Und trotzdem vergeht ihr Leben langsam wie Sand in einer Sanduhr. Der geliebte Mensch nimmt rasch ab, die Haut färbt sich langsam durchsichtig, dann gelb. Der Krebs kriecht durch diesen Menschen und man hofft, er möge aufhören zu wachsen und sich nicht länger am Körper dieses Menschen zu laben.

Es gibt Menschen, die sehr alt geworden sind und in ihrer Demenz zwischen Leben und Leben und Tod und Tod schweben. Sie werden immer dünner, kleiner und zerbrechlicher und man kriegt das Gefühl, sie verschwinden langsam, aber sie sind noch da. Sie wirken wie uralte Schmetterlinge aus Seidenpapier.

Es gibt Menschen, deren Leben noch kaum begonnen hat, die als kleine Kinder sterben und man steht daneben und hat wenig Worte und erst recht keinen Trost.

Dann gibt es da Menschen, denen das Leben zu schwer geworden ist. Keine Hoffnung. Kein Sonnenaufgang, kein Lachen und kein Kuss, auf den sie sich noch freuen könnten. Und als Mensch in ihrem Umfeld beginnst du Bahngleise, Fenster im dritten Stock, Äste mit Seilen dran, Schlaftableten oder Armeewaffen zu fürchten.

Du kannst dich den Menschen öffnen und hoffen, dass sie dein Herz sehen. Trauer macht den Menschen verbittert, so sagt man. Ich denke, Trauer macht einen Menschen fassungslos und verletzlich. Der Verlust eines Menschen kehrt alles. Nichts mehr ist wie vorher. Du bleibst zurück mit deinen Erinnerungen, die du nun nicht mehr mit ihm teilen kannst.

Du hast die Wahl zu leben, sagt man. Du hast die Wahl, wie du dein Leben gestalten willst. Du kannst einen Garten bepflanzen und dich an den Rosen, den Schmetterlingen und den vielen Vögeln freuen.

Oder aber du wählst die Planierraupe, fährst alles platt und machst einen Parkplatz draus.
Du hast die Wahl.

Muttertag

2007 war das letzte Jahr meiner Mutter. Ich habe den Tag nicht gefeiert, weil ich unendlich wütend auf sie war. Sie hatte es geschafft, mit einem einzigen Telefonat meine psychisch labile Schwester in einen Zustand von grosser Verzweiflung zu versetzen.

Meine Schwester lebte damals in einer psychiatrischen Klinik, weil sie Monate zuvor einen Suizidversuch gemacht hatte. Sie arbeitete mit Hilfe von Fachleuten ihre eigene Kindheit auf. Für meine Schwester war so vieles schwierig. Sie erklärte mir damals, sie hätte niemals Grenzen erfahren, immer nur grosse Liebe. Das mag toll klingen, für sie aber war es furchtbar. Meine Mutter litt so sehr unter dem Tod meines Bruders, dass sie bei allem, was meine Schwester anstellte, meinte: „Du bist für mich zwei Kinder.“

Meine Schwester konnte machen, was sie wollte. Es hatte nie Konsequenzen. Vor knapp zehn Jahren erlitt sie schliesslich einen völligen Zusammenbruch. Meine Mutter machte sich Sorgen um sie. Sie rief sie an. Sie redeten. Das letzte Mal.

Meine Schwester rief mich nach jenem Telefonat verzweifelt an. Sie sagte: „Mami hat mir gesagt, sie hätte damals überlegt, mich abzutreiben. Das kriege ich nicht auf die Reihe.“

Ich war sowas von sauer. Ich hab meine Mutter angerufen und sie angeschrien, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat. Sie weinte. Ich weinte. Das Muttertagsgeschenk verrottete in meinem Kofferraum. Ich konnte nicht mehr.

Im Juli 2007 kam meine Mutter ins Spital. Drei Monate später starb sie. Ich war dabei. Meine Schwester nicht. Ich war verzweifelt und wütend und alleine. Ich habs meiner Schwester nicht vergeben, obwohl ich weiss, wie schlecht es ihr ging.

Ich kann wenig anfangen mit der Verherrlichung des Mutterseins. Das hat bestimmt mit meiner Vergangenheit zu tun. Ich weiss nicht, was die Mutterschaft für meine Mutter bedeutete. Aber ich lernte früh, dass nicht jede Mutter für ihre Kinder aufgeht. Dass sie nicht jedes Kind automatisch lieben muss. Ihr Leben wurde nicht durch Rosen aus der Fleischerei versüsst.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Ich würde sehr gerne vieles klären.
Aber das geht ja nicht. Also kläre ich mit mir selber.

 

mami und ich

 

Atemlos

Die Geburt eines Menschen ist ein wunderbarer, denkwürdiger Vorgang. Ein Leben fängt an. Ein Kind wächst im Körper seiner Mutter heran. Sie gebärt es und das Kind wird gross.
Soweit alles gut. Das Glück einer jeden Frau. Eines jeden Mannes.

Meines ist es nicht. Ich war nie an einer Geburt dabei, ausser vielleicht bei meiner eigenen. Aber daran erinnere ich mich eher dunkel. Wenn überhaupt.

Das Gegenteil des Geburtsvorganges ist das Sterben. Damit habe ich Erfahrung. Sterben ist nicht minder berührend als eine Geburt, nur anders.

Als Lebender neben dem Sterbenden zu sitzen, in dem Fall sass ich neben meiner Mutter, war ein Gefühl von grösster Betroffenheit, Verletzbarkeit und Traurigkeit. Ich hatte Bauchschmerzen. Es schien mir, als risse man sie mir aus dem Herzen heraus.

So sass ich also da. Weinte. Aber nur innerlich. Ich dachte mir, sie mag es nicht, wenn ich offen weine. Sie lebt ja noch. Hätte sie nur geredet. Hätte sie nur noch einmal meine Hand gedrückt.

Wir waren miteinander im Reinen. Sie und ich. Trotzdem fiel es mir unsagbar schwer, sie loszulassen. Sie war immer ein Teil meines Lebens gewesen. Sie hatte mich geboren. Mich getröstet, wenn ich traurig war. Sie hatte mich auch geschlagen. Aber das verdrängte ich nun, es spielte für den Moment keine Rolle mehr.

Sie atmete noch. Ihr Lungen war stark, trotz ihrer jahrelangen starken Raucherei. Ihre Lippen waren braunrot. Sie roch nach Leber. Ihr Gesicht war eingefallen, denn sie hatten ihr zum Sterben das Gebiss entnommen. Ihr Mund formte sich trapezförmig. Manchmal öffnete sie ihre Augen, blickte panisch wie eine Ertrinkende um sich. Ihre Lungen füllten sich langsam mit Wasser.

Ich sass daneben. Die Stunden gingen, als wenn nichts wäre. Draussen wurde es dunkel, dann Nacht. Aber sie starb nicht. Sie atmete weiter, als würde sie den Ärmelkanal durchschwimmen. Ich legte mich neben sie. Hielt ihre Hand. Schämte mich, weil ich Angst hatte, sie vom Gehen abzuhalten. Mit einem Mal träumte ich, wir stünden an einem Bahnhof. Ich trug ein Costume und einen Hut. Sie öffnete das Fenster des Zugabteils und winkte heraus mit einem Taschentuch. Und dann fuhr der Zug ab. Ich schreckte auf.

Ihre Hand lag in meiner. Sie atmete. Noch immer.
Dann wurde es morgen. Mittag. Nachmittag.
Sie starb, als die Pflegenden sie umlagerten: Sie öffnete ein letztes Mal ihre Augen. Und dann entfuhr ihr ein letzter, tiefer, trauriger Atemzug.

Wo du bist

36 Jahre bist du heute tot.
Und ich bin bald vierzig und bruderlos.
Heute aber bin ich glücklich.
Darf ich das überhaupt?

Wann ist genug getrauert?
Wann ist die Lücke, die du hinterlassen hast, gefüllt?
Ist sie es je?

Ich war heute nicht an deinem Grab.
Manchmal denke ich: ich brauch es nicht mehr.
Auf meinem Grundstück gibt es viele Orte, wo ich dich mehr spüre als dort auf dem Friedhof, wo dein Kindergrab liegt.

Es fällt mir schwer, dass ich praktisch mit keinem Menschen über dich sprechen kann. Denn, du bist ja schon so lange tot. Die einen verschweigen dich und ihren eigenen Kummer über deinen Tod, die anderen haben dich vergessen, weil sie ihr Leben vergessen haben.

Ich stelle mir vor, wie wir als Kinder unter der Linde gespielt haben könnten.
Wie wir den Bach hinab geklettert wären und die Forellen beobachtet hätten.
Sie sind noch immer da!
Ich versuche nicht mehr, dich in jedem Mann, der in deinem jetzigen Alter ist, wiederzufinden.

Ich würde mir wünschen, dass du lebst und stolz auf mich bist.
Dass wir regelmässig telephonieren und an Weihnachten und Ostern Omi gemeinsam besuchen. Weil Geschwister das tun würden.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich mir vor, wie die Trauer verschwindet.
Jedes Jahr ist sie weniger.
Aber wird wohl so sein, dass, solange ich lebe und solange ich mich an dich erinnern kann, du in meinen Gedanken bist.

Unsichtbare Linde. In mir.

Was mich an Omis fortschreitender Demenz so wütend macht, ist, dass ihre Krankheit uns voneinander trennt. Es ist eine verdammte, himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Während ich das Buch beende, und immer wieder lese, was ich die letzten zweieinhalb Jahre geschrieben habe, fühle ich mich unendlich traurig. Ich schrieb über Dinge, ohne zu ahnen, was uns erwartet. So gerne würde ich Omi erzählen und zeigen, woran ich arbeite. Aber sie versteht mich nicht mehr. Sie nickt, sieht mich an und lächelt. Doch ich spüre, dass ich ihr fremd werde.

Wenn man sich in einer Beziehung trennt, dann hat man vielleicht Streit gehabt. Einer hat einen Fehler gemacht, den anderen vielleicht belogen oder betrogen. Man wird sich gegenseitig müde. Man liebt sich nicht mehr.

Aber bei Omi und mir war und ist das doch anders. Wir hatten uns immer gern. Wir haben selten gestritten. Haben so viel gesprochen. Und dennoch: diese Trennung! Wir sitzen in unterschiedlichen Zeitmaschinen, die uns von einander entfernen. Ich bin so wütend.

Ich arbeite viel im Garten und denke nach. Ich mache dieselben Arbeiten wie Omi die letzten 30 Jahre. Ich hege und pflege die Johannisbeerplantage. Pflege die Rosen. Pflanze Blumen. Kräuter.

Dann ist da noch die Linde. Sie spendet mir Trost. Ich habe sie als Kind nie wahrgenommen. Aber das kann ja nicht sein, dass sie vor zwanzig, dreissig Jahren nicht hier war. Ich finde sie auf keinem Photo.

Ihr Rauschen beruhigt mich. In ihren Ästen verstecken sich Vögel. Ich berühre ihren Stamm und denke ganz fest an mein Omi.

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Mitte der 60er Jahre

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30. Mai 2015

omi und zora (2)

ca 1983

Loslassen. Das Wort des Moments.

Omi wird in einigen Tagen 87 Jahre alt. Was für eine Zahl! Nie hätte ich gedacht, dass sie so alt wird. Niemand hätte wohl darauf gewettet, nachdem sie als Kind so schwer an einer Hirnhautentzündung erkrankte.

Ich sitze in meinem Atelier mit Blick auf den Garten, wo die Primeln blühen. Schaffe ich es, dass Omi noch einmal den Garten sieht? Ich habe Angst davor, dass sie nichts mehr erkennt, denn mich kennt sie ja auch nicht mehr.

Omi sprach, solange sie noch im Haus lebte, oft vom Sterben. Der Sehnsucht nach Ruhe. Schmerzlosigkeit. Das nicht Vorhandensein von Trauer und Verlust. Für sie ist diese Phase des Lebens, diese immensen Emotionen, wohl schon vorbei. Sie fühlt sich wohl und sitzt da, als warte sie auf den Bus, der sie bald abholen wird.

Ich sitze da und beende das Manuskript für das Buch über sie. Ich schreibe unsere Geschichte, weil nur noch ich diese Geschichten weiss. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie es ist, wenn ich ihr im Juli das Buch zeige. Was wird sie dazu sagen?
Durch Omis Demenz und mein Schreiben darüber hat sich mein Leben komplett verändert. Alles scheint klar. Doch in meinem Innern ist das nicht so: Was wird sein, wenn Omi einmal nicht mehr ist?

Als meine Mutter starb, da war Omi für mich da. Wir haben gemeinsam getrauert. Omi war immer voller Hoffnung. Sie sagte: „Sei nicht traurig, es geht Urseli gut. Nie mehr Sorgen. Nie mehr Trauer.“

Doch dann sagte sie: „Das Schlimmste ist, wenn die Mutter stirbt. Das weiss ich genau.“

Kurze Zeit später zeigte sich ihre Demenz immer stärker. Manchmal denke ich, dass nur das Sterben meiner Mutter sie vom Vergessen abgehalten hat. Es schien mir, als müsste meine Omi mit 79 diese letzte Aufgabe ihres Lebens, nämlich den Menschen, den sie 1951 geboren hat, bis zum Tod begleiten und wieder hergeben.

Ich stand daneben. Ihre Aufgabe war erfüllt. Doch was ist meine Aufgabe? Kinder kriegen ist es jedenfalls nicht.