Die Angst meiner Grosseltern

Die Angst vor Krieg ist in meiner Familie verhaftet. Meine Omi Paula und Opa Walter haben den Zweiten Weltkrieg als Teenager erlebt. Der Horror ging ihnen ins Blut über.

Beim Räumen entdeckte ich Plastikgeschirr. Nie ausgepackt. Opa verlangte von Omi, dass sie dieses zu Zeiten des Ersten Golfkriegs kaufte. Ich werfe das Geschirr weg. Es beelendet mich.

Für Opa war dieser Krieg schlimm. Mir scheint heute, als hätten all die Berichterstattungen seine nie verheilten Narben wieder aufgerissen.

Opa wurde als junger, unterernährter Mann eingezogen. Er war Musiker und arbeitete in einer Weberei. Ihm hatte die ganze Welt offen gestanden. Doch nach dem Krieg schaffte er es kaum noch, wieder Fuss zu fassen.

Mein Vater, sein Ex-Schwiegersohn, erzählte mir kürzlich, was für ein guter, vielversprechender Musiker Opa gewesen war. Opa hatte einfach kein Glück.

Dennoch bin ich irgendwie sehr froh, dass er nie berühmt geworden ist. Vielleicht hätte er dann Omi nie kennengelernt. Sie hätten meine Mutter nie bekommen und ich wäre nie geboren worden.

Ich freu mich drauf, im Haus die Portraits meiner Grosseltern aufzuhängen. Sie sind noch immer ein Teil des Hauses.

Du bist, woher du kommst und wohin du gehst.

Meine jüngere Familiengeschichte ist geprägt von zwei Weltkriegen und Männern, die einen Teil ihres (jungen) Erwachsenenlebens in der Armee und an der Grenze verbracht haben.

Mein Urgrossvater Henri und mein Grossvater Herrmann haben erst spät, mit fast 40 Jahren, ihre Familien gegründet. Was heute als hip erscheint, muss für die jeweiligen Eheleute nicht ganz einfach gewesen sein. Nach einem verheerenden Krieg, den Erlebnissen an der Grenze, endlich zu heiraten und Kinder zu kriegen, stell ich mir anspruchsvoll vor. Meine Grossmutter Ida und Urgrossmutter Anna waren ebenfalls weit über 30 Jahre alt, als ihre Kinder geboren wurden.

Sie ist tief in mir drin, diese Sehnsucht nach Familie, nach Menschen, die einem nahe stehen. Angehörige zu haben, bedeutet für mich Zugehörigkeit und Glück. Ich bin überzeugt, man lebt damit, was man seit Generationen mit auf den Weg bekommen hat.

Vielleicht hänge ich deshalb so am Haus. Es symbolisiert, wer ich bin. Das Haus ist kantig und vielschichtig. Es wurde fast zwei Jahrhunderte lang gepflegt, belebt und geliebt.

Wenn ich im Haus bin, bin ich denen nahe, die nicht mehr sind und deren Züge und Eigenheiten ich trotz alledem mehr oder weniger in mir drin trage.

Meine Verbindung zum Toggenburg, die Liebe zu den Bergen, den Menschen schlägt sich im Haus nieder. Darf ich glücklich sein, dort leben zu dürfen, wo ein Teil meiner Familie her stammt? Dort, wo die, die nicht mehr sind, begraben liegen? Oder sollte ich aus modischen Gründen sagen: es bedeutet mir alles nichts.

Dann wäre ich eine verdammte Lügnerin.

Winters Kälte

Ich erinnere mich gut an den Januar 1997. Ich war 19 Jahre alt, Besitzerin einer riesigen Zahnspange und seit einem halben Jahr unterwegs im Berufsleben.

Opas Krebserkrankung war allgegenwärtig. Ich wartete auf seinen Tod. Sehnsüchtig. Er litt. Ich war nicht fähig, ihn zu besuchen. Erinnerte mich an den Spruch: Behalt ihn so in Erinnerung, wie er sein Leben lang war.

Ich bereue es heute. Vielleicht hätte er in jenen Tagen meiner Anwesenheit bedurft. Wir haben uns immer umarmt, wenn ich das Haus verliess. Er war knochig. Am Ende war er fast zerbrechlich.

Omi wuchs in jener Zeit über sich heraus. Sie war standhaft und ruhig. Der Fels in der Brandung. Omi konnte nichts und niemand erschüttern. Sie war an seiner Seite und im Gegensatz zu mir weinte sie nicht. Sie erledigte nach seinem Tod, der nicht eben schön war, alle Angelegenheiten, so als hätte sie nie etwas anderes getan.

Die Beerdigung fand an einem sonnigen, kalten Tag im Januar statt. Opis Sarg wirkte klein. An die goldenen Blüten auf der Seite der Holzkiste erinnere ich mich noch immer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er da drin lag. Ich erwartete jeden Moment, dass er einfach um die Ecke kommen würde. Rauchend. Fluchend. Die klaren blauen Augen auf uns gerichtet.

Doch Opi blieb weg.

Erst einige Tage nach der Beerdigung weinten wir gemeinsam. Seine Stimme fehlte. Sein leiser Schritt auf der Holztreppe. Der Keller war plötzlich unbelebt.

18 Jahre und einen Monat später werden wir im Haus leben. Mein Opi hätte bestimmt Freude dran.

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Walters Sein

Seit ich die Werkstatt zu meinem Büro umfunktioniere, ist mir mein Opa Walter wieder sehr präsent. Ich hätte nie gedacht, dass aus dem türkisfarbenen, vollgemüllten Raum mal ein leeres, weissgestrichenes Zimmer werden könnte.

Ich muss, während ich renoviere, sehr oft an Opa denken. Am 7.1. ist sein Todestag 18 Jahre her. Bald lebe ich in seinem Haus, das er 1984 von seinem Vater Henri geerbt hat. Hier, im Keller, hat Opa gewirkt. Der Keller ist eine alte Wäscherei, die wahrscheinlich irgendwann nach 1840 entstand.

Anfangs der 1980er wurde Opa arbeitslos. Er fand keinen Job mehr und war noch nicht mal 60 Jahre alt. Stattdessen zog er ins Toggenburg und pflegte seinen Vater und seine Stiefmutter Röös. Ich weiss nicht wirklich, wie es ihm dabei erging. Es war wohl nicht einfach. Mein Opa war ein zartgliedriger, eher mittelgrosser Mann. Mein Urgrossvater hingegen war kugelrund und schwer. Mir ist es ein Rätsel, wie er es jeweils geschafft hat, ohne pflegerische Kenntnisse, meinen Uropa zu bewegen.

Meinen Opa Walter habe ich noch immer in jenem Blaumann vor Augen, wenn er Holz sägte, oder Regale zusammenbastelte. Er liebte seine Märklin, seine Briefmarken und seine Instrumente. In jungen Jahren war er ein begabter Musiker. Seine im Krieg erworbene Angst vor Zahnärzten verunmöglichte ihm später, weiter Musik zu machen. Die Zähne fielen ihm bis auf einige wenige alle aus. Lieber litt er Schmerzen als nochmals einen Zahnarzt aufzusuchen.

Als er starb, träumte ich davon, dass ich in einem Jeep durch einen von Buchen bewachsenen Wald fuhr. Ich wusste, irgendwo ist mein Opa. Ich fand ihn in einer Grotte, die dem Keller glich. Wir tauschten unsere Overalls. Und dann fuhr Opa wieder davon. Ich hingegen blieb.

Und nun schleife ich die Wände ab, streiche und alles wird neu. Opa aber ist noch immer da. Ich wünsch mir so sehr, er hätte Tagebuch geschrieben. Irgendwas, damit er greifbarer würde.

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Jahresrückblick 2014

Dieses Jahr war wirklich eines der besten, an die mich erinnern konnte. Den ganzen Frühling über arbeitete ich wie eine Verrückte an meinem Buch „Lavinia Morgan“. Ich bestellte das Land ums Haus herum. Im Februar erhielt meine Omi einen Beistand. Das war für mich eine riesige Entlastung, denn Herr H. kümmert sich nicht nur um ihre finanziellen Angelegenheiten, sondern besucht sie auch regelmässig.

So wurde im Februar meine Kaufabsicht eingeläutet und eine lange Zeit des Wartens, der Unsicherheit für mich und des Entrümpelns begann.

Im April reisten Sascha und ich nach Paris. Diese Stadt hat uns so sehr gefallen. Wir wurden süchtig! Einige Tage später aber wurde unser beider Leben auf den Kopf gestellt. Ich erhielt eine Mail vom Grimme-Institut und erfuhr, dass ich für einen Grimme-Online-Preis nominiert war.

Ich buchte Flüge nach Köln, das Hotel und wusste nicht, wie mir geschah. Dann wurde es Mai, wir reisten von Friedrichshafen aus und ich sah zum ersten Köln.

Die Nominierungsfeier war grossartig und ich begriff zum ersten Mal, was hier gerade passierte. Ich bemerkte, in welcher Gesellschaft ich mich befand und was „Demenz für Anfänger“ ausgelöst hatte. Indies, am gleichen Abend flog ich zurück. Am selben Abend erfuhr ich, dass Omi gestürzt war und sich schwer verletzt hatte. Das grossartige Gefühl von Köln machte einer unglaublichen Angst Platz. Wenn sehr alte Menschen stürzen und sich verletzen, ist es oft keine Seltenheit, dass sie daran sterben. Das wollte ich nicht. Nicht jetzt!

Ich besuchte Omi im Spital, ärgerte mich über die medizinische Versorgung und den herzlosen Umgang mit Demenzpatienten. Ich war heilfroh, dass Omi nach einer Woche wieder in „ihr“ Pflegeheim gehen konnte. Schon nach einigen Tagen begann sie trotz ihrer schweren Verletzung wieder zu laufen.

Im Juni flog ich an die Verleihung. Ich lernte viele Menschen kennen, Blogger, Medienleute. Ich redete, bis ich heiser war. Ich war nicht traurig, dass ich keinen Grimme gewonnen hatte. Vielmehr war ich in Gedanken bei Omi, dem Haus und dem, was mich im Sommer erwartete. Ich wusste, wenn Omi jetzt stirbt, dann verlier ich sie und auch das Haus. Das belastete mich über alle Massen.

Dass ich in jener Zeit einen Buchvertrag von einem renommierten deutschen Verlag erhielt, schien mir wie die Ironie des Schicksals.

Im Juli begannen Sascha und ich mit der Entrümpelung des Hauses. Wir entsorgten ungefähr eine Tonne Müll in Kehrrichtsäcken und 300kg (bis jetzt) an Sperrmüll. Wir leerten das Haus, verschoben Möbel, begannen mit der Renovation.

In jener Zeit griffen uns mein Vater und seine Frau unter die Arme. Ohne hätten wir den Spagat wohl nicht geschafft. Mein Vater organisierte mir eine Fädelisägiss, einen Rasermäher, einen Helm, usw. Meines Vaters Frau zeigte mir, wie ich die Johannisbeerstauden und die Büsche schneiden muss. Ich machte zum ersten Mal Johannisbeerliqueur. Wir schliefen zum ersten Mal im Haus. Dank Freunden, die mir immer wieder Mut machten, stand ich diese Phase durch. Danke!

Ende Oktober erschien dann mein erstes Buch „Lavinia Morgan“. Ich durfte am Lesefest meiner Verlegerin Fatima Vidal vorlesen und zum ersten Mal Bücher signieren.

Im November dann wurde es ernst und ich ging mit Sascha und Omis Beistand aufs Grundbuchamt und unterzeichnete den Eintrag. Kurz vor Weihnachten stand dann fest: das Haus gehört mir.

Ein weiteres Highlight waren zahllose Interviews und der Besuch bei Kellerschuran in Frauenfeld. Ich bin sehr dankbar für dieses Jahr 2014 und freue mich, wenn ich anfangs 2015 mit Sascha im Toggenburg leben darf.

die 80er im Thurgau

Meine Kindheit war überschattet von der Angst meiner Eltern und Grosseltern, mich zu verlieren. Einerseits war da der Tod meines Bruders 1979, der sie alle stark verunsicherte, andererseits das rätselhafte Verschwinden unzähliger Kinder.

Da war Peter Perjesy, der 1981 im Nachbardorf Wattwil verschwand. Dann verschwand 1984 Peter Roth im Mogelsberg. Doch am nachhaltigsten erschütterte meine Familie das Verschwinden von Edith Trittenbass. Sie lebte in Wetzikon TG. Ich war gerade mal neun Jahre alt, als die Vermisstmeldung von Edith im Fernsehen lief. Meine Familie wollte in jener Zeit nach Wetzikon ziehen.

Edith war und blieb verschwunden. Albträume beherrschten unser aller Leben. Es war unerträglich. Diese Angst. Diese Unsicherheit, niemandem mehr trauen zu dürfen. Nie durfte ich auch nur eine Stunde wegbleiben, ohne zu sagen, wo ich bin. Wenn ich das nicht tat, bekamen sie Angst. Die Angst vor dem „bösen, schwarzen Mann“ war allgegenwärtig.

Ende Juli 2007 verschwand Ylenia. Meine Mutter lag im Spital und kämpfte um ihr Leben. In derselben Zeit suchte man im ganzen Thurgau nach dem Mädchen. Gleichzeitig traten Vermutungen an die Oberfläche, dass der Entführer von Ylenia auch jener von Edith sein könnte.

Ich habe mir so sehr gewünscht, dass irgendjemand Edith findet. Dass der namenlose Verlust des Mädchens endlich nach zwanzig Jahren zu Ende sein würde.
Wir schreiben 2014. Doch Edith ist noch immer unauffindbar und Ylenia ist seit sieben Jahren tot.

Die Menschen, die Edith etwas angetan haben, taten auch meiner Generation etwas an. Das Spielen draussen wurde uns vergällt. Die Mütter und Väter hatten immerzu Angst um uns. Das und das Verschwinden der Freundin, die ich nie kennenlernen durfte, verzeihe ich diesen Unmenschen nie.

Vermisste Kinder in der Schweiz

Weihnachten 2014

Ich war am 25. Dezember mit Sascha bei meinen Eltern eingeladen. Das war wunderschön. Du wirst dich jetzt, als regelmässiger Leser des Blogs fragen: Eltern? Wie das? Die Mutter ist doch tot.

Mein Vater hat nach der Scheidung von meiner Mutter seine Liebe geheiratet. Er hat nach all den nicht ganz leichten Jahren mit meiner Mutter Uschi ein neues Glück gefunden. Ich bin glücklich, dass ich so wieder eine vollständige Familie habe.

Seine Frau Helene ist für mich auch eine Mutter. Sie hat mich zwar nicht geboren, aber seit vielen Jahren begleiten mich ihre guten Worte durchs Leben. Sie ist mit ihrer Art ein Vorbild für mich. Sie kann wunderbar kochen, dekorieren, liebt Handarbeiten, hat ein Händchen für Tiere und den Garten. Aber noch wichtiger ist, dass sie eine unzerstörbare positive Lebenseinstellung hat. Die fehlt meinem Vater (und mir) manchmal.

Mir wurde am Weihnachtsabend bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann. Unsere Familie ist klein. Wir haben keinen Streit. Als ich noch jünger war, habe ich all jene beneidet, die eine grosse Familie hatten. Ich konnte nicht verstehen, dass Kollegen sagten: „Ich hab heute einen Familienschlauch“. Ich fand das abschätzig.

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass man es in der Gesellschaft von vielen Tanten, Onkeln und Cousinen nicht schön haben kann.

Es ist wichtig, dass man in seinem Leben Menschen hat, die zu einem halten und die auch stolz auf einen sind. Das sind Menschen, die dich auch dann stützen, wenn dir eine steife Brise im Leben entgegen weht.
Ich wünsche jedem, dass auch er oder sie solche Menschen im Leben hat oder ihnen begegnet.

Konservierte Kindheit

Ich wollte heute eigentlich am liebsten den ganzen Tag im Bett bleiben. Mich ausruhen. Die Weihnachtseinkauferei ist eh nix für mich. Ich hielt es durch. Bis halb zehn. Dann wusste ich, wenn jetzt nicht ins Haus fahre, rege ich mich auf.

Schnell ist das Auto mit Kisten geladen. Weihnachtszeugs. Sommerkleider. Brauch ich hier alles nicht mehr. Bei strahlendem Sonnenschein fahren wir ins Toggenburg. Die Strassen sind frei. Es ist ein Gefühl wie Ferien.

Die Kisten verstaue ich im einen Estrichteil, der langsam voll wird. Heute schleife ich nicht. Zuerst muss der Boden geflickt werden. Ich wage mich an die Küche. Der rote, alte Teppich ist schmutzig. Ich will wissen, wie der Kachelboden darunter aussieht. Wir verschieben Regale. Überall stossen wir auf Holzscheite, Wäscheklammern und Karton. Es ist staubig.

Und dann seh ich den Kachelboden. Er ist wunderschön. Ich putze ihn sorgfältig. Es ist kaum zu glauben, wie gut er erhalten ist.

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die Küche im Sommer 2014

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Küche im Dezember 2014

Wir räumen den Vorratsraum. Mehrere Möbel müssen wir entsorgen. Sie sind defekt, alt und nicht mehr schön anzuschauen. In einem Schrank stosse ich auf das Kinderklavier, das ich bestimmt schon zwanzig Jahre nicht mehr gesehen habe. Ich stosse auf den Topf, den ich als Kind benutzt habe.

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Mir scheint, als hätte meine Oma meine gesamte Kindheit in diesen Mauern konserviert. Nichts, was ich als Kind benutzt oder womit ich gespielt habe, hat sie weggeworfen. Auch die Sachen meiner Mutter hat sie aufbewahrt. Ihre Bücher, ihre Schulsachen, ihre Comics. Alles ist noch hier. Es liegt nun wohl an mir zu entscheiden, womit ich meinen Weg weiter bestreiten will.

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Werkstatt-Gedanken

Heute wäre eigentlich einer jener Tage gewesen, an denen ich am liebsten mit der Decke über dem Kopf und der Katze auf dem Bauch im Bett geblieben wäre. Ich war sehr müde.

Doch heute morgen um acht Uhr war ich hellwach. Und erstaunlicherweise fit. Ich wollte ins Toggenburg. Zum Haus. Ich wusste, wenn ich da heute nicht hingehe, bin ich unglücklich.

Wir transportieren die Balkonblumen, meinen Rosmarinstrauch und einige Kisten ins Haus. Dann mache ich weiter mit Wände abschleifen. Mit der professionellen Atemmaske kann ich problemlos arbeiten. Es macht Spass, ich komme gut voran.

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Heute ist Opas 90ster Geburtstag und ich stehe hier im Haus und schleife die Farbe seiner alten Werkstatt ab. Hier in diesem Raum wird einmal mein Computer stehen. Meine Nähmaschine. Dieser Raum wird mein neues kreatives Zentrum.

Ich schleife. Nach mehreren Stunden Praxis ist die Handhabung leicht. Zwar bin ich verstaubt, aber das stört mich nicht. Ich geniesse es, die alte Farbe, abzuschleifen. Darunter ist das Holz. Es sieht verletzlich aus.

Auf dem Heimweg kommt mir in den Sinn, dass ich nicht mal auf Opas Grab war. Muss ich mich jetzt schämen?

Ich muss dran denken, dass ich Opa Walter hier in seiner Werkstatt sehr viel näher bin, als auf dem Friedhof. Nach über 17 Jahren ist wohl nicht mehr viel von ihm übrig. Im Haus hingegen lebt sein Geist weiter. Sein Werkzeug ist noch hier. Seine Notizen. Seine Instrumente. Seine Pfeife. Seine Bücher. Seine Musiknoten. Seine Briefmarkensammlung.

Ach, lieber Opa: alles Liebe zu deinem 90sten Geburtstag. Du fehlst.

 

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mein Opa, wahrscheinlich um 1944

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Hochzeitsphoto von Paula und Walter, 1951

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Opa Walter in Sirnach. Ende der 60er Jahre

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Opa Walter im Toggenburg, um 1988

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Opa Walter mit meiner Mutter, um 1991

Omi Berta in meinen Augen

Seit einigen Monaten spricht mich Omi Paula immer wieder als ihre Mamme an. Es ist seltsam, aber dieser Vergleich tut mir nicht weh. Das muss dran liegen, dass Paula und ihre Mamme Berta eine sehr enge Beziehung hatten.

Omi Berta habe ich leider nie kennenlernen dürfen. Sie starb einige Jahre vor meiner Geburt, ja sogar lange vor der Hochzeit meiner Eltern.

Sie muss eine besonders starke Frau gewesen sein. Sie hatte meinen Urgrossvater geheiratet, der als Verdingkind ennet des Ricken aufwuchs. Berta und ihr Mann hatten fünf Kinder: Bibi, Hadi, meine Oma Paula, Sepp und Hans. Sie waren eine sehr arme Familie und lebten am Rande der Stadt Wil in der alten Mühle.

Meine beiden Grosstanten und Omi Paula erzählten nur gutes von Berta. Anders als in jener Zeit üblich hat sie ihre Kinder nie geschlagen. Sie umsorgte die Familie, erst recht als mein Urgrossvater einen schweren Unfall hatte. Danach muss er schwer körperbehindert und Epileptiker gewesen sein.

Auch die Hirnhautentzündung meiner Oma Paula muss die Familie in arge Nöte gebracht haben. Berta muss grosse Ängste um ihre jüngste Tochter gelitten haben.

Berta war eine Frau mit einer rundlichen Figur und einem sehr lieben Gesicht. Auf allen Bildern strahlt sie. Sie hat freundliche Augen und und einen breiten Mund.

Auch für meine Mutter war sie jahrelang die wichtigste Bezugsperson, so wie Paula für mich. Die Trennung von Berta aufgrund des Umzugs von Wil nach Ebnat-Kappel hat meine Mutter in eine tiefe Krise gestürzt.

Dann wurde Omi Berta krank. Sie lag im Pflegeheim und wartete auf den Tod. Das war Ende der 60er Jahre kein schönes Sterben. Paula durfte schlussendlich nicht mal die letzten Momente an Bertas Bett verbringen. Das hat sie nie verwunden, solange sie sich daran erinnert hat. Sie hat sich immer für mich gefreut, dass es mir gelungen ist, bei meiner Mutter bis am Schluss zu bleiben. Sie sagte: „Das ist ein Geschenk, Kind.“

Vielleicht macht es mich darum glücklich, dass, wenn Paula in mein Gesicht blickt, ihre Mutter sieht und keine Angst und keine Trauer mehr verspürt.