Vom Altern

Es ist schon eine seltsame Sache mit dem Älterwerden.
Wer seine Eltern anblickt, weiss wie er selber einmal altern wird. Ich frage mich oft, wie ich mit 56 aussehen werde. Weiter reicht meine Fantasie nicht. Der Spiegel meines eigenen Alterns, meine Mutter, wurde nicht älter. In meiner Oma erkenne ich mich oft wieder. Wir sind beide pedantisch und ich habe ihre hohe Stirn geerbt. Wie werde ich mit 86 sein?

Die Falten sind mir gleichgültig. Weisse Haare habe ich schon lange. An den Verlust meiner Zähne werde ich mich gewöhnen müssen. Davor habe ich Angst. Meine Mutter hatte in meinem Alter schon längst ihre Dritten.

Manchmal habe ich grosse Angst davor, dass ich meinen Vater verliere. Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen werde. Ich denke trotzdem daran, denn ich hoffe, dass die Angst so wieder verschwindet.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bedeutete mein Vater mir alles. Er war der Held. Er trug einen Bart und ich erinnere mich daran, wie ich sagte: „Papi, wenn du deinen Bart jemals abschneidest, bist du nicht mehr mein Papi.“ Er schnitt ihn nie ab und dafür bin ich ihm dankbar.

Mein Vater war und ist mir immer ein wichtiger Ratgeber gewesen, egal ob ich Liebeskummer, Sorgen bei der Arbeit oder mit dem Auto hatte. Zu ihm konnte ich immer gehen. Während er seine Hühner und Kaninchen fütterte, sass ich auf der Steintreppe und redete.

Wir sind uns wohl sehr ähnlich. Wir reden nicht gerne einfach so. Es braucht was, dass wir uns öffnen. Als er an Krebs erkrankte, redete er plötzlich mehr. Krankheit macht verletzlich. Reden heilt.

Mein Vater hat als Kind wunderbare Bilder gemalt. Wie oft wünschte ich mir, er würde wieder malen und so seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Seine Tierzeichnungen habe ich ihm abgeschwatzt. Sie sind bei mir in sicheren und liebevollen Händen.

Vatergespräche

Ich hänge sehr an meinem Vater. Schliesslich habe ich ja nur noch ihn und meine Oma. Umso wichtiger sind mir unsere Gespräche.

Seit er pensioniert ist, sehe ich noch weniger als vorher. Denn früher konnte ich einfach an seinem Arbeitsplatz vorbei, ihm zusehen bei der Arbeit und kurz reden. Heute geht das nicht mehr, weil er dauernd unterwegs ist.

Als Kind tat ich alles, um ihn zu erheitern, denn im Gegensatz zu meiner Mutter war er eher ein stiller Mensch. Ich hatte oft das Gefühl, noch besser werden zu müssen, um ihm Freude zu bereiten. Schliesslich hatte er meinen Bruder verloren und männliche Nachkommen sind offenbar was besonderes.

Obwohl ich mit einer Hüftdysplasie zur Welt gekommen bin und als Kind operiert wurde, habe ich angefangen, Sport zu treiben. Ich wollte, dass er richtig stolz auf mich ist und seinen Kummer vergisst. Ich war in der Schule gut, weil ich keine Schande bereiten wollte. Auch rumgeknutscht habe ich nie. Naja.

Erst in der Sache mit dem Haus sind mein Vater und ich nicht einer Meinung. Er mag es nicht und ich liebe es. Zum ersten Mal stelle ich mich ihm entgegen. Nun könnte man sagen: Frau, du bist 36 Jahre alt. Werd mal erwachsen.

Es ist eine emotionale Sache. Anders kann ich es mir nicht erklären. Umso mehr freut es mich, dass mein Vater mir angeboten hat, mich beim Mähen der Wiese und des Rasens zu beraten. Aufgrund seines beruflichen Hintergrunds hilft er mir nun, ein passendes Gerät zu kaufen. Schliesslich sind die Wiesen abschüssig. Mit einem normalen Rasenmäher würde ich Probleme haben.

So bin ich dankbar für seine Hilfe und die sorgsam darin verpackte väterliche Sorge um mich.

 

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Unruhe und Wut

Heute ging ich das Grab meiner Mutter bepflanzen. Es ist eigentlich eine sinnlose Sache, denn sie hat sich nie eines gewünscht. Ihre Asche hätte ich irgendwo auskippen sollen, Ich habs nicht gemacht.

Sie mochte Farben über alles. Je bunter, je wilder, desto besser. Ihr Grab soll auch so aussehen. Lebensfroh. Keine Traurigkeit, dass sie nicht mehr da ist. Dankbarkeit, dass sie mich geboren hat und da war.

Das fällt mir schwer.
Auf dem Friedhof steht ein Verkaufsregal. Rosen. Herzen. Muttertag. Ja, mein Gott. Was soll ich denn jetzt noch so was für sie kaufen? Sie sieht es ja nicht.

Ich räume das Grab ab. Dabei fallen mir drei rote Rosen aus Plastik auf. Die waren im Herbst noch nicht da. Ich dachte, ich wäre die Einzige, die noch ihr Grab aufsucht. Oma kann schon lange nicht mehr hingehen und sie wüsste nicht einmal mehr, wer unter dem Stein begraben liegt.

Da der Friedhof nur zwei Minuten vom Haus weg ist, beschliesse ich, noch vorbei zu fahren. Von der Hauptstrasse aus kann man das Haus kurz sehen. Das Gartentor steht offen. Also halte ich an und gehe den Weg herunter.

Der Weg ist verwachsen. Die Wiese blüht. Das Gras steht hoch. Ich laufe um das Haus herum. Mit einem Mal stehe ich kurz vor einem Tränenausbruch.

Ich sollte jetzt hier leben. Ich sollte jetzt die Wiese mähen, den Garten bepflanzen. Alles spriesst. Unter dem Dach haben sich Spatzen eingenistet. Ich kann ihre Brut hören. Mir scheint, als zieht schon wieder alles an mir vorüber. Die Warterei zehrt an meinen Nerven. Ich hatte so sehr gehofft, dass ich bereits im Mai den Kaufvertrag unterschreiben kann. Doch wieder muss ich warten. Es wird nicht vor dem Herbst der Fall sein.

Im Herbst das Haus zu räumen, ist Irrsinn. Es wird zu kalt sein. Wir werden es nicht schaffen, die Küche zu renovieren vor dem Winter. Ohne anständige Küche werden wir erst im nächsten Frühling einziehen können. Ich bin wütend.

Das Haus lassen meine Tränen kalt. 175 Jahre lang steht es schon hier. Ein Jahr mehr oder weniger leer leben, macht ihm wohl nichts aus. Mir schon. Ich habe Träume. Wünsche. Ich will endlich dort leben.

In einem Anfall von Wut jäte ich den verwachsenen Weg. Dann geht es mir wieder besser.

Weiher, Wurzeln und Grosseltern

Meine Oma Paula wuchs am Wiler Weiher auf. Sie lebte bis Jahre nach ihrer Heirat mit meinem Opa bei ihren Eltern. Paula brachte meine Mutter im eigenen Elternhaus zur Welt. Das war 1951.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, gingen wir oft gemeinsam an den Weiher. Wir fütterten die Enten und die Goldfische und Oma gab mir fein geschnittenes trockenes Brot in die Hand. Immer hatte sie Angst, dass ich ins Wasser fallen und ertrinken könnte. Immer fürchtete sie, jemand könnte etwas sagen, weil so viel trockenes Brot wegschmiss.

Ich liebte es, die Vögel zu füttern. Meine Oma Paula erzählte mir beim Gang um den Weiher, wie meine Mutter hochschwanger mit mir im Bauch drin ebenfalls darum herum gelaufen ist. Ein schönes Gefühl und vor meinem geistigen Auge konnte ich es sogar sehen.

Oma beschrieb mir, wie sie mit ihren Eltern in dem alten Haus, dem Bädli, gelebt hatten. Sie zeigte mir Bilder, wo meine Uroma Berta auf einer Bank vor dem Haus sitzt, freundlich lächelt und strickt.

Für meine Mutter war die Zeit bei den Urgrosseltern wohl die schönste ihres Lebens. Auch sie liebte ihre Oma so sehr, wie ich die meine. Da meine Oma voll berufstätig war, ebenso wie mein Opa, denn damals konnte man sich gar nichts anderes leisten, wuchs meine Mutter bei Berta und Johann auf.

Auch meine Urgrosseltern grossmütterlicherseits hatten erst spät Kinder gekriegt. Meine Uroma muss gegen die 45 gewesen sein, als sie ihre jüngsten Söhne geboren hatte. Als meine Mutter zur Welt kam, waren beide schon gegen die 70 Jahre alt. Ich hingegen hatte eine 49jährige Oma, als ich geboren wurde. Ein wahrer Luxus!

Meine Grosseltern mussten schliesslich ausziehen, weil mein Opa Walter eine neue Stelle im Toggenburg antrat. Pendeln kam wohl nicht in Frage. Paula erzählte mir, dass es ihr das Herz zerrissen hat, als sie ihre Mutter verlassen musste. Auch für meine Mutter war es einzige Katastrophe, denn sie verlor so die Nähe derjenigen Menschen, die sie bedingungslos geliebt hatten.

Auch in meiner Geschichte gab es einen ähnlichen Bruch. Als ich acht Jahre alt war, zogen meine Eltern in ein Dorf im hintersten Thurgau. Die Verkehrsverbindungen waren sehr schlecht und ich sah meine Oma nur noch alle 14 Tage. Noch viel schlimmer war es für mich, alle meine Freunde zu verlieren, in einem Alter, in dem man Freunde so dringend braucht. Am neuen Wohnort gewöhnte ich mich nur schwer ein. Mir fehlten unser altes Haus, meine Schaukel, die nur mir gehörte, und mein Bach mit dem Tintenfischbaum.

Als ich als erwachsene Frau aus jenem Dorfe weg zog, war ich nicht traurig. Im Gegenteil. Ich fühlte mich wie ein Vogel, dem die gestutzten Federn nachgewachsen sind.

Das Ring-Ding

Als ich am Dienstag bei Paula war, fiel mir einmal mehr ihr goldener, irgendwie zeitloser Ehering auf. Sie trägt das gleiche Ding wie einst meine Mutter, obwohl Paula 1951, im dritten Monat schwanger und definitiv nicht mehr jungfräulich, und meine Mutter, Blumenkind, 1974 geheiratet haben.

Ich kann mich sehr wohl daran erinnern, dass Oma und meine Mutter ihre Eheringe immer getragen haben. Aber mein Vater und mein Opa trugen sie nicht. Nein. Mein Vater arbeitete in einem Beruf, wo der Ring hätte zerstört werden oder noch schlimmer, er einen Finger hätte verlieren können. Auch mein Opa war nicht der typische Ehering-Mann. Ich denke, dass in den 50ern ein Ring nur gestört hätte. Es wundert mich ohnehin, dass er, der Musiker, überhaupt geheiratet hat.

Seltsamerweise rühren mich Ehering tragende Männer, vielleicht, weil sie in meinem eigenen Leben nicht vorkommen. Es ist mir ein Graus, mir vorzustellen, dass ich einen Ehering am Finger kleben habe und mein Mann ebenso.

Früher ging man in der Kirche den Bund fürs Leben ein. Meine Urgrosseltern, meine Grosseltern und meine Eltern tatens. Ich weiss nicht, wie glücklich sie dabei waren. Eine Ehe ist doch viel mehr eine Schicksalsgemeinschaft, denn eine Liebessache. Leidenschaft verpufft. Sex noch schneller.

Als ich heiraten wollte, da hab ich über eine flammenförmige Tätowierung am Handgelenk nachgedacht. Aber irgendwie fand ich das dann doch zu prosaisch und habs gelassen. Auch das Heiraten. Die Vorstellung, einst als unverheiratetes Fräulein Debrunner unter einem Grabstein zu liegen, ist reizvoll. Mal sehen.

Eine Geburt unter Freunden

Meine Geburt war für meine Mutter eine Geduldsprobe. Geplant hatten meine Eltern mich für den 7.7.1977. Aber irgendwie hat das nicht geklappt. Im heissen Sommer 77 liess ich meine Mutter vier Tage lang warten. Das hat sie mir bis zu ihrem Ende nicht verziehen.

Mein Vater erzählte mir, dass sie wahrscheinlich Angst hatte vor ihrer ersten Geburt. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde, da sie ein Einzelkind war. Nie hatte sie meine Oma Paula schwanger gesehen.

Für meinen lieben Vater war meine Geburt nicht minder aufregend. Er erzählte mir auch später immer wieder, dass er mich, kaum aus dem Mutterleib gezogen, auf die Arme genommen hatte.

„Du sahst aus! Voller Blut! So klein“, pflegte er zu sagen und ich hörte ihm gerne zu.

„Ich durfte deine Nabelschnur durchtrennen“, sagte er stolz und ich dachte, dass das Vater und Tochter aneinander bindet.

Wie meine Mutter ihr Wochenbett durchlebte, weiss ich leider nicht. Sie hat nie darüber gesprochen. Ich weiss aber, dass mein Vater alle Hände voll damit zu tun hatte, damit Paula, meine Oma, mich nicht heimlich katholisch taufen liess. Dies spielte offenbar in den späten 70er Jahren in der Ostschweiz noch eine riesige Rolle.

Mein Vater arbeitete auf dem Bau. Er war Baggerfahrer, hat mitgeholfen, die N1 zu bauen. Die Geburt seiner Tochter war für ihn ein Grund zum Feiern. Nachdem ich am 11. Juli 1977 um halb drei Uhr morgens auf die Welt gekommen war, ging er trotzdem zur Arbeit. Am Nachmittag lud er seine Arbeitskollegen zu einem Bier ein.

Sein Chef, Herr Z., ein Patron alter Schule, kam zufälligerweise an der Baustelle vorbei. Es entging ihm nicht, dass die Arbeiter nicht mehr an ihrem Platz waren und so marschierte er in den nächsten Spunten. Dort sassen mein Vater und seine Kollegen bei einem Bier und feierten meine Geburt.

Herr Z. wollte wissen, warum sie am helllichten Tage nicht mehr arbeiten, sondern trinken. Nachdem mein Vater erklärt hatte: „Ich bin seit heute morgen früh der Vater einer Tochter!“, lächelte Herr Z. Er bestand darauf, diese Runde zu zahlen.

Einige wenige Jahre später starb Herr Z. unverhofft. Die Trauer meines Vater war riesig. Es schien mir, als hätten wir alle einen Vater verloren. Mein Vater kündigte seine Stelle und wir zogen weiter.

Vom Lieben

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bekam ich sehr wohl mit, dass meine Mutter und meine Oma Paula sich regelmässig stritten, Wie viele Mütter ertrug es auch meine Mutter nicht, dass Oma ihr dreinquatschte. Dies führte zu regelmässig stattfindenden Streitgesprächen und danach folgenden Besuchsverboten.

Streitthema Nummer eins war das Essen. Als Kind war ich sehr mager. Ich hasste Fleisch und wollte es einfach nicht essen. Auch Bohnen und gewisse Gemüsesorten konnte ich auf den Tod nicht aufstehen. Meine Mutter hatte da aber ganz eigene Erziehungsmethoden. Wenn ich nicht aufass, dann musste ich so lange sitzen bleiben, wie sie es wollte oder aber, bis ich das Essen gegessen hatte. Mehr als einmal schob sie mir das Essen in den Mund und drückte ihn zu. Noch heute kann ich gewisse Nahrungsmittel nicht essen.

Meine Oma sah diesem Treiben zu und hinterfragte es. Das konnte meine Mutter nicht ausstehen. Da Oma auffiel, dass ich zeitweise gar nichts mehr ass, schenkte sie mir Süssigkeiten, die wir in meinem Zimmer versteckten. Das machte meine Mutter sehr wütend. Verwüstungen meines Zimmers waren die Folge.

Paula hat auch immer wieder kritisiert, wenn meine Mutter mich geschlagen hat. Einmal ging sie sogar zwischen uns und hielt mich fest, damit meine Mutter sie trifft und nicht mich.

Meine Mutter war enttäuscht von meiner Oma, denn eigentlich übte sie nur dieselbe Art von Erziehung aus, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte. Meine Oma versuchte mehr als einmal zu erklären, dass dies falsch gewesen sei. Sie bedauerte zutiefst, dass auch sie als junge Mutter ihr Kind geschlagen habe. Oma fand klare Worte für ihre eigene Gewalt: ich war müde von der Arbeit, überfordert und unglücklich und wollte nur meine Ruhe. Aber geliebt habe ich dich immer.

Für meine Mutter waren das denkbar schlechte Argumente. Sie sah sich betrogen. Wenn ich mit ihr Streit hatte und sie mich schlug, rief sie mehr als einmal: „Deine Oma, die du so liebst, hat es genau gleich gemacht.“ Das nützte mir nicht viel. Wie eine Gläubige klammerte ich mich an meine Oma, die mir Schutz versprach.

Die Ferien bei Paula verbot uns unsere Mutter nicht. Sie sah wohl ein, dass sie so zumindest für einige Wochen von mir und meiner Schwestern befreit würde. Dieses Angebot nahm sie gerne an.

Als ich schliesslich älter wurde und meine Mutter auszog, war es mit ihren ambivalenten Gefühlen gegenüber meiner Oma nicht zu Ende. Ich erinnere mich noch gut, dass sie ein Jahr vor ihrem Tod sagte: „Irgendwann wirst du noch bereuen, dass du sie mehr geliebt hast als mich. Dann kannst du für sie schauen.“

Ich bereue es nicht, dass meine Oma und ich uns so nahe stehen. Meine Oma ist meine Oma und meine Mutter ist meine Mutter. Die Liebe, die ich für beide Frauen empfinde, ist nicht vergleichbar. Dass ich jetzt für Oma sorge, ist keine Strafe, es scheint mir nur die logische Folge unserer Beziehung seit Kindheit an.

Vom Schönheitswahn und Reissverschlüssen

Als ich so zwölf Jahre alt war und in die Pubertät kam, war ich gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen, dass ich nicht begehrenswert war. Die hübschen Mädchen waren blond, hatten ebenmässige Zähne und eine grazile Gestalt. Ich entsprach dem nicht ganz.

Ich war ein grosses, damals noch dünnes Mädchen mit raspelkurzen Haaren, einer dicken Brille und krummen Zähnen. Nur gerade meine Brüste verrieten, dass ich kein Junge war.
Das alles hat mich aber nicht gestört.

Erst in der Badi wurde mir bewusst, dass ich anders war als die anderen. Nur gerade drei Jahre war es her, seit meine Hüften operiert worden waren. Hüftdysplasie von Geburt an. Aufgrund meiner schlechten Wundheilung blieben an beiden Beinen grosse, wulstige Narben zurück.

Es fing damit an, dass besonders ältere Menschen mich deswegen anpöbelten. Sätze wie: „Gopf, ist das hässlich. Wie kann man dieses Kind nur so herumlaufen lassen“, waren keine Seltenheit. Nie hat meiner gefragt, wies passiert ist. Nein. Ich sollte es nur zudecken. Blicke auf meine Beine fand ich irgendwann so schlimm, dass ich nicht mehr schwimmen ging.

Meiner Oma fiel natürlich auf, dass ich mich so schämte. Sie wollte das nicht akzeptieren. Paula sagte zu mir, ich müsste eben etwas Träfes entgegnen. Wir übten miteinander.

„Was hast du denn da für komische Schnitte an den Beinen?“, fragte mich Paula gespielt höhnisch. „Das ist ein Reissverschluss, um die Knochen zu wechseln, wenn ich alt werde, so wie du.“

Paula umarmte mich.
„Du machst das gut. Und jetzt gehst du wieder zum Schwimmen.“

Liebe Anna

Liebe Anna Aerne

heute, wir schreiben den 30. April 2014, wärest du 123 Jahre alt geworden. Du bist meine Urgrossmutter. Deinen Geburtstag kenne ich nur aus Deiner Hochzeitsbibel und Deiner Todesanzeige.

Trotzdem bist du eine Person, die sehr wohl lebendig erscheint, für mich als auch für meine Oma. Dein Leben war nicht einfach. Henri, meinen Uropa, hast du bestimmt um 1914 schon gekannt, denn ihr hattet euch geschrieben. Deine Briefe sind leider unauffindbar. Henri, dein zukünftiger Mann, hat dich sehr geliebt. Er war kein Mann, der seine Gefühle offen auf der Zunge trug. Aber du warst in seinen berührendsten Briefen seine Adressatin.

Liebe Anna, du hast all die Kriegsjahre ohne ihn ausgehalten. Nelly kam 1917 zur Welt und starb 1922. Wie muss das für dich gewesen sein?
Meinen Opa Walter hast du Ende des Jahres 1924 geboren, als du schon 33 Jahre alt warst, nur wenig jünger als ich jetzt.

Liebe Anna, dein Gesicht ist allgegenwärtig. Du warst wohl eine starke Frau mit Willen und Kraft. Trotzdem hat dich im Jahre 1947, nur wenige Jahre nach Ende des Krieges der Krebs hinweg geraffft, für Walter, meinen Opa, war das eine furchtbare Sache.

Das Haus, in welchem du mit Henri gelebt hast, steht in der Nachbarschaft des Hauses der Familie. Ich denke oft daran, wie du dort gelebt haben magst. Deinen Grabstein habe ich nie gesehen. Aber heute denke ich ganz fest an dich und umarme dich in Gedanken.

 

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Anna ist in der mittleren Reihe die zweite von rechts, Henri steht direkt hinter ihr.

In der Stube

Die Stube in Paulas Haus war immer der zweitwärmste Ort neben der Küche. Hier, in diesem mit Holz ausgekleideten Raum, spielten sich die Feierabende meiner Grosseltern ab. An der Wand neben dem Kachelofen stand das alte Radio, darauf das Telephon. Lange besassen Paula und Walter eines mit Wählscheibe. Das Telephon stand auf einem Deckchen, darunter das Telephonbuch von 1984. Ich glaube, es war ein hellblaues, vergilbt vom Rauch.

Opa stand oft am grünen Kachelofen und wärmte sich dort seine Hände. Er liebte es, Pfeife zu rauchen und die Tagesschau zu sehen. Dann mussten wir Kinder ganz ruhig sein. Opa kommentierte alles. Das Weltgeschehen liess ihn nicht kalt. Seine Verwünschungen und wüsten Flüche bleiben mir unvergessen.

Wir Kinder sassen am Tisch, spielten, schrieben. Mehr als einmal holte Walter seine grosse Enzyklopädie hervor, damit ich sie abschreiben konnte. Wissen war für ihn keine Bedrohung und meine kindliche Art, mir Wissen zu verschaffen, hat ihn immer erheitert.

Ich erinnere mich, dass er mir die Physik näher bringen wollte. Paula untersagte ihm dies. Sie traute der Sache nicht.

Paula stand oft in der Küche und trank Kaffee, während wir Kinder in der Stube spielten. Aber manchmal setzte sie sich dazu, kraulte Barri, den Sennenhund-Mischling und schaute uns einfach zu. Es ist dieses Gefühl des bedingungslosen Geliebtwerdens, das ich jetzt so oft vermisse.

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Barri frass sehr gerne Hundeknochen. Dies tat er mit Vorliebe unter dem Stubentisch. Ich erinnere mich, dass er oftmals nicht alles frass und ich auf dieses furchtbar glibberige Zeugs draufstand und schrie.

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mit Paula und Barri ca. 1988

Der Boden war nicht der sauberste. Aber das hat mich als Kind nie gestört.

Wenn ich heute in die Stube trete, dann sind die Sessel voll von Kisten gefüllt mit Leintüchern, Büchern und Nippes. Es scheint mir, als wäre Paula und alle Altvorderen ausgezogen.

Ich möchte die Fensterläden öffnen, lüften, den Boden saugen, mich hinsetzen. Die Katze an meiner Seite. Die Augen schliessen. Mich am Ofen wärmen. Eine neue Lampe aufhängen. Das Kruzifix meiner Urgrossmutter hängen lassen. Es hängt schon, seit ich denken kann da.

Ich schaue an die andere Wand. Dort stand einst Opas Bett, auf dem er 1997 gestorben ist. Der Raum sollte mir Angst machen, aber er tut es nicht. Das Leben wird wieder in diese Räume einkehren. Das weiss ich ganz genau.