Septemberwehen und Sven

Der September ist nicht mein Lieblingsmonat. Er war es nie, obwohl ich seine Farben mag.

Meine Mutter wurde am 2. September an einem Sonntag geboren.
Sie glaubte fest daran, dass sie ein Glückskind war.
Sie war es nicht.

Seit ich zwei Jahre alt bin, durchlebe ich den September mit sehr gemischten Gefühlen. Am 17. September ist nämlich der Geburtstag meines Bruders Sven. Am 20sten September ist sein Todestag.

Als Kind durchlebte ich mit meiner Mutter jeweils ein Tauchbad der Gefühle. Sie mochte Feiern. Sie mochte ihren Geburtstag. Aber am 17ten wurde sie still und traurig. Sie betrank sich. Als sie älter wurde, versuchte sie sich an jenen Tagen auch das Leben zu nehmen.

Ich begann den September trotz seiner starken, schönen Farben zu hassen.

Die Schwere setzte sich auch fort, als ich älter wurde. Als meine Mutter 2007 in einem Pflegeheim auf ihren Tod wartete, hoffte ich inbrünstig, dass sie nicht im September sterben würde.

Das tat sie denn auch nicht. Sie wartete damit bis Oktober.

Ich versuche noch immer zu ergründen, was damals geschehen ist. Meine Mutter wurde durch den unerwarteten Tod meines Bruders in die Tiefe gerissen. Sie hat sich nie mehr davon erholt. Ihre Trauer war schwer und jeder der sie kannte, fühlte, wie schlecht es ihr geht.

Habe ich deshalb keine Kinder, weil ich mich insgeheim davor fürchte, mein geliebtes Kind auch zu verlieren und wahnsinnig zu werden?

Auch wenn meine Mutter jetzt schon sechs Jahre tot ist, versuche ich den September bewusst zu leben, mich an seinen Farben zu erfreuen und meinen Bruder loszulassen. Ich hoffe, es gelingt mir.

Schlechtes Gewissen meets Zora die Schreckliche

Heute vormittag stieg mein Handy aus.
Nichts schlimmes, mag man denken. Doch ich war danach geschockt.

Als das Ding wieder funktioniert, staune ich nicht schlecht.
Ich habe eine Sprachnachricht des Pflegeheims von Paula drauf.
Mir zittern die Knie, als ich sie abhöre.

Eine sehr nette Stimme informiert mich, dass Paula heute nacht aus dem Bett gefallen ist und sich verletzt hat. Mit Verdacht auf eine Bruchverletzung wurde sie ins Spital eingeliefert.

Mir laufen die Tränen aus den Augen.
Mit einem Mal fühle ich mich zurück versetzt in die Zeit vor sechs Jahren,
als man mich darüber informierte, dass meine Mutter todkrank im Spital liegt.

Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Stehe unter Schock.
Will alles hinwerfen, zu ihr fahren.
Dann wird mir klar, dass das jetzt nichts bringt.
Ich rufe im Heim an und die Pflegende erzählt mir, was passiert ist.
Ich danke ihr für alles.

Ich arbeite weiter, weil es heute viel zu tun gibt.
Als ich Feierabend mache, fahre ich nach Hause. Ich halte auf der geraden Strecke an und atme durch. Wieder weine ich.
Ich denke nach.

Ich bin erleichtert, dass dieser Unfall nicht in Paulas Haus passiert ist, wo sie stundenlang liegen geblieben wäre. Mein allergrösster Alptraum seit Jahren ist wahr geworden, aber er hat seine Schrecklichkeit verloren. Paula ist in guten Händen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich seit einem Monat nicht bei ihr war, weil ich immer gearbeitet habe oder ihr Haus aufgeräumt habe. Ich fühle mich schrecklich.

Als ich am Abend wieder anrufe, ist Paula bereits wieder im Heim. Ich hoffe so sehr, dass sie da bleiben kann. Bis zum Ende ihres Lebens. Die nächsten drei Wochen werden schwierig. Sie ist schwer pflegebedürftig. Das wird meiner Paula nicht passen.

Seltsamer August. Teil 1

Der August ist ein seltsamer Monat. Als Kind mochte ich ihn ungemein, denn schliesslich fand ich den ersten August und den Schulanfang toll.

Seit sechs Jahren nehme ich den August anders war. Er hat von seinem kindlichen Glanz eingebüsst.
Sechs Jahre ist es inzwischen her, dass ich erfuhr, dass meine Mutter todkrank war und nicht mehr lange zu leben hatte. Ich war gerade 30 geworden und hatte keinen Plan, was nun werden würde.

Paula rief mich im Geschäft an. Das war das erste und einzige Mal. Sie sagte nur:
„Deine Mutter ist im Spital. Es geht ihr gar nicht gut.“
Also fuhr ich nach der Arbeit vorbei.
Ich war auf vieles vorbereitet, aber nicht auf das, was mich in ihrem Krankenzimmer erwartete.
In ihrem Bett lag nämlich ein total abgemagertes, senfgelb gefärbtes Etwas. Meine Mutter. Sterbend.

Ich war so geschockt, dass ich nichts sagen konnte. Ich ging wieder aus dem Zimmer, allerdings mit dem Gefühl, jetzt sofort und ohne jemals wieder aufhören zu können mich zu erbrechen. Die Pflegende reagierte mitleidig.
„Sie haben sie wohl schon länger nicht mehr gesehen?“

Nein. Das hatte ich nicht. Mir war jetzt nämlich auch klar, was da seit einigen Monaten zwischen mir und meiner Mutter gelaufen war. Natürlich wollte ich sie immer wieder besuchen, doch sie fand immer einen Grund, warum es genau jetzt nicht gehen würde. Mal hatte sie Besuch, mal wollte sie wen besuchen, mal war sie auf Jobsuche.

Sie wollte nicht, dass ich sie so sehe.
Ich weiss bis heute nicht, was sie sich dabei gedacht hat.
Hat sie wirklich gehofft, dass sie irgendwann tot in ihrer Wohnung herumliegen würde?

Ich wusste natürlich, dass sie einen Ikterus hatte. Ich wusste, was es bedeutete. Aber ich verstand es nicht. Es war, als wäre alles, was ich in meiner Ausbildung gelernt hatte, einfach weg. Die Ausbildung, die kam mir in dem Moment, als ich meine Mutter sah, in den Sinn.

Während jener Zeit, einige Jahre zuvor, schwor ich mir nämlich, meine Mutter niemals zu pflegen. Der blosse Gedanke daran erschütterte mich. Die Erinnerungen an meine Kindheit waren zu heftig.
Jemanden in den Tod begleiten, bedeutete Stärke und Liebe. All das traute ich mir nicht zu.

Bis zu jenem Moment, als ich sie da liegen sah. Da wusste ich es.
Ich konnte nicht weg.
Ich konnte meine Mutter nicht im Stich lassen.
Also blieb ich.

melancholischer august

der tod gehört zum leben.
das sagt man so gemeinhin.
ich akzeptiere den tod, weil er das leben erst recht lebenswert macht.

als ich noch ein kind war, schien mir die welt nicht immer gewogen.
ich hatte oft angst.
ich hatte angst, meine mutter würde sterben. ich fürchtete oma und opa würde was schlimmes passieren. ich sorgte mich um meine kleine schwester.

dann wird man älter und man verliert seine lieben wirklich.
ich frage mich oft, ob es einfacher gewesen wäre, wenn ich meine mutter später verloren hätte.
würde sie mich bei der pflege von paula unterstützt haben?

ich vermisse meine mutter unsäglich bei gesprächen über männer.
wie oft rief sie mich an und erzählte mir von ihren sorgen und problemen mit den männern, die sie liebte. sie führte buch über sie. über jeden.

als ich ihre wohnung räumen musste, fand ich ihre notizen. ich brachte sie ihr, doch sie wollte sie nicht. sie meinte nur, ich soll ihre sachen nicht wegschmeissen. das habe ich auch nicht getan.
ihre notizbücher halte ich in ehren, auch wenn ich nicht jeden ihrer gedanken nachvollziehen kann.

wenn ich ihre schrift sehe und am papier rieche, kommt sie ein wenig zurück.
ich vermisse sie furchtbar.
gerade jetzt im august.
ich würde so furchtbar gerne mit ihr ein panache trinken gehen.
pommes essen.
ingrid bergman sehen.
mit ihr über männer sprechen.
über die liebe.
über mein leben.

stattdessen pflanze ich blumen auf ihr grab.

Der Ausflug ins ferne Zürich

Als ich etwa sechs Jahre alt war, meine Grosseltern Omi Paula und Opa Walter lebten noch in einem Block in Sirnach, beschlossen die beiden, einen Ausflug mit mir in den Züri Zoo zu machen. Ich erinnere mich an ihre Wohnung: sie war sehr hell und sehr 50er Jahre. Der Nierentisch, gelbe Möbel, hässliche Puppen, alles ist mir noch präsent.

Ich übernachtete bei Paula, derweil Opa in der Stube schlafen musste.
Am nächsten Morgen ging es denn auch früh los.
Wir reisten mit dem Zug, denn weder Paula noch Opa konnten ein Auto fahren.

Wir hatten es sehr lustig. Ich erinnere mich an Paula und Walter, die lachen. Paula trägt ihr bestes Kleid, Opa seinen guten Anzug.
Der Hauptbahnhof Zürich ist in meiner Erinnerung riesig! Die blauen Trams! Die vielen Leute! Paula, die meine Hand hält, damit ich nicht verloren gehe.
Opa und Omi impfen mir ein, dass ich mir merke, wie sie heissen, damit, wenn ich verloren gehen sollte, jederzeit sagen kann, wohin ich gehöre. Sie wissen nicht, dass ich mir zu dem Zeitpunkt längst Telephonnummern merken kann und keine Angst habe.

Ich erinnere mich auch an die Fahrt mit dem Tram zum Zoo hinauf. Ein Chalet steht da. Es ist sehr hässlich. Modelleisenbahnen. Opa meint, er habe sich überlegt, dass er während unseres Zoobesuchs ins Restaurant geht. Paula nickt. Wir machen ab, dass Opa um vier Uhr nachmittags vor dem Zoo auf uns wartet.

Dann betreten Paula und ich den Zoo. Ich erinnere mich an die Schimpansen, die Fische und den Eisbären, die tollen Wegweiser in schwarz-weiss.
Als wir um vier aus dem Zoo treten, ist Opa natürlich nicht da. Er ist auch um halb fünf Uhr nicht da. Paula ist sauer.

Nun war es anfangs der 80er Jahre ja so, dass man nicht einfach sein Smartphone zücken konnte, um herauszufinden, wo der andere steckt. Das wäre aber in jener Situation sehr praktisch gewesen, zumal Paula in jenem Moment bemerkte, dass Walter den Hausschlüssel bei sich trug.

Sagen wir es so, die Retourfahrt war nicht ganz so lustig. Paulas Laune war schlecht, insgeheim hoffte sie wohl, dass Opa bereits zuhause auf uns wartete.

Das tat er natürlich nicht.
Paula und ich standen ratlos vor dem Haus. Ihre Wohnung war im ersten Stock. Als ihr Nachbar vorbeikam, der hatte sich wohl schon über uns gewundert, bat sie ihn um Hilfe. Ihr fiel ein, dass ein Fenster noch geöffnet war. So holte der Nachbar eine Leiter und ich kroch durch das Fenster in die Wohnung und machte die Tür auf. Der Abend schien gerettet.

Um elf Uhr nachts kehrte mein Opa zurück. Er war, um es anständig auszudrücken, sternhagelvoll. Wir aber waren froh, dass wir ihn wieder hatten.

Was man vermisst

Als Kind verbrachte ich meine Sommerferien immer bei Paula und Opa. Während Paula uns umsorgte, bekochte und unterhielt, wir waren ihre Augensterne, war Opa immer ein schrulliger Eigenbrötler. Den grössten Teil des Tages verbrachte er im Keller, in seiner Werkstatt, gehauen in den Fels, auf dem das Haus gebaut ist.

Ich weiss nicht genau, was er ausser Sinnieren und Holz sägen sonst noch gemacht hat. Er redete nicht viel, und wenn, dann von Politik, seinem Ärger auf entfernte, geldgierige Verwandte und dem Sonnenaufgang auf der Wasserflue.

Opa trug meistens ein königsblaues Übergwändli und rauchte in einer Pfeife einen zerschnittenen Rösslistumpen. Er schaute fürs Leben gerne den Eidechsen zu, wie sie sich an der Sonne wanden und träumten. Wenn ich ums Eck kam, zischte er und winkte, damit ich neben ihn trete und schaue.

So standen wir da, Opa und ich, und beobachteten die Eidechsen. Ihre Farben erscheinen mir heute noch schillernd und lebendig. Grün. Silbern. Walenseeblau.

Oft stand Opa am Nachmittag, wenn die Sonne auf den Bach schien, am Geländer und schaute zu, wie sich die Forellen im Wasser tummelten. Wenn ich eine sah und darauf zeigte, legte er den Finger auf den Mund, damit ich leise war. Nach ein paar Minuten tätschelte er liebevoll meinen Kopf. Ich kann seither an keinem Bach, keinem Fluss mehr vorbei gehen, ohne zu nachzusehen, ob ich eine von ihnen in den Wellen erkenne.

Am letzten Montag ging ich zum Haus, um die Johannisbeeren zu ernten. Ich werde die Bäume schneiden müssen, denn sie geben keine grossen Früchte mehr. Ich stand am Bach und schaute nach unten. Die Sonne schien.

Da erblickte ich sie. Sie schien uralt. Alleine. Aber sie ist noch da: eine grosse, wunderschöne, gesprenkelte Forelle. Minutenlang beobachtete ich sie und es schien mir, als würde mein Grossvater neben mir stehen und mir meinen Kopf tätscheln.

Der 1. August

Das Ende der Sommerferien markierte seit jeher der erste August, unser Nationalfeiertag. Für mich und meine kleine Schwester war es einer der schönsten Tage im ganzen Jahr. Seit wir klein waren, verbrachten wir den grössten Teil der Ferien bei Paula und Opa.

Wir schliefen aus. Am Vormittag hörten wir gemeinsam mit Opa Handörgelimusik auf DRS1. Oma machte Rösti oder je nach Wetter Raclette. Am Nachmittag schauten wir „Füsilier Wipf“. Später dekorierten wir den Garten mit Lampions.

Um 20h schauten wir in der Stube die Liveshow zum Nationalfeiertag. Opa fand sie jedes Mal saudoof. Sobald es eindunkelte, ging Opa nach draussen, um die Nachbarskinder zu erschrecken. Dies tat er, indem er sein altes Bajonett hervor holte und herum brüllte.
Opa machte dies nicht, weil er Kinder nicht leiden mochte, sondern weil er Angst hatte, dass eines der Kinder mit einer Rakete sein Haus anzünden könnte. Inwieweit wirklich jemand Angst bekam, kann ich nicht mehr einschätzen. Für mich und meine Schwester war er jedoch ein Held.

Später, wenn es dunkel war, zündeten wir die Kerzen in den Lampions an. Opa steckte die Vulkane an. Raketen gab es natürlich keine, da Oma und und Opa den Hund nicht plagen wollten. Am Schluss der Feier durften meine Schwester und ich bengalische Zündhölzer anstecken. Natürlich haben wir uns immer barbarisch daran die Finger verbrannt.

Darüber denke ich nach, während ich heute Johannisbeeren beim Haus abgelesen habe. Das Haus, es ist so still geworden. Noch riecht es nach Paula und nach Sommer. Ich bin traurig.

Übers Loslassen

Als ich meinen Opa Walter verlor, war ich keine 20 Jahre alt.
Keiner wusste so genau, woran er litt, denn er hielt es geheim. Einfach so.
Nur er und seine Krankenschwester wussten, wie er sterben würde.
1996, ich hatte meine Lehre beendet und hielt mich im Spital in St. Gallen auf, um meinen Kiefer zu operieren. Ich weiss nicht mehr, wie lange ich da war. Ich erinnere mich an starke Schmerzen und mein deformiertes Gesicht. Ich konnte damit nicht mehr herumlaufen. Also reiste ich nach Lichtensteig zu meinen Grosseltern Paula und Walter. Es war August.

Walter war schwach. Er lag oft im Bett. Er war müde, ass wenig.
Die Wärme des Sommers drang nicht bis in sein Krankenzimmer, ein dunkel getäfertes Zimmer.
Abends sassen wir vor dem Fernseher.
Ich konnte nicht sprechen, weil mein Ober- und Unterkiefer miteinander verdrahtet waren, damit beide Teile wieder anwuchsen. Also schwieg ich.

Das Schweigen wurde in jenen sechs Wochen zu meinem ständigen Begleiter.
Nichts sagen zu können, mag eine Strafe sein.
In meinem Fall war sie manchmal barmherzig.
Ich trat, nach Entfernung meiner Verdrahtung, meine erste Stelle an.
Ich war wesentlich abgemagert, weil ich während Wochen nur noch Flüssiges essen konnte.
Ich war blass. Das Sprechen fiel mir nach sechs Wochen Abstinenz schwer.

Walter wurde nicht wieder gesund.
Wir ahnten es alle. Er würde sterben.
Ich sah ihn an Weihnachten 1996 das letzte Mal. Seine Haut war senfgelb gefärbt.
Seine wundervollen, blauen Augen leuchteten. Doch auch seine Augäpfel waren gelb.
Nie hätte ich gedacht, dass ich diese Farbe einmal so hassen würde.

Wir redeten letzte Worte. Er segnete mich.
Er sagte mir, wie sehr er mich liebte, gab mir alles Gute mit auf den Lebensweg, ermutigte mich, dass ich das tun sollte, was ich wollte, ohne Rücksicht auf die Gesellschaft.
Am 7. Januar 1997 starb er in Paulas Armen, um Punkt acht Uhr.

Ich war froh, dass er gestorben war, denn ich konnte sein Leiden fast nicht ertragen.
Für mich war er immer jener ältere Mann, der im Keller des Hauses arbeitete und sein eigenes Ding machte. Ihn nur noch im Bett liegend zu sehen, hat mich geschockt.
Zugleich aber hat dafür für mich der Tod an Schrecken verloren.
Ich konnte plötzlich nachvollziehen, was es bedeutete, langsam zu sterben.

2007 wurde Uschi, meine Mutter, krank.
Ich hatte es seit längerer Zeit geahnt.
Aber sie in jenem Krankenbett zu sehen.
So senfgelb. Dünn. Diese riesigen gelben Augen.
Das hat mich sehr getroffen.
Das war einer jener Momente, wo man genau weiss, was passiert.
Man weiss, man wird leiden wie ein Tier.
Man wird traurig sein. Alles wird unüberbrückbar schwer.

Sie lag in diesem Bett und ich konnte absolut nichts tun.
Alles, was ich wusste, war in jenem Moment nichts mehr wert.
Mir blieb nichts anderes übrig, als mich in jenem Fluss mittreiben zu lassen.

Von Walter wusste ich ja schon, wie das abläuft.
Das ist keine gute Sache.
Leberversagen ist ein Scheissding.
Man erstickt, wenn die Leber nicht mehr richtig tut und die Lungen in Mitleidenschaft gezogen sind.

Das war bei Uschi so.
Dieses stundenlange Seufzen, dieses Ächzen, das man eigentlich nur von Ertrinkenden kennt,
ist das Allerschlimmste.
Ich werde ihre Seufzer, ihr Stöhnen und ihr erschrecktes Augenaufschlagen nie mehr vergessen.
Du sitzst daneben und kannst dem Menschen, den du liebst, und dem du dein Leben verdankst, nicht helfen. Du wirst dir deiner ganzen Machtlosigkeit bewusst.

Sie liegt da und kämpft mit dem Tod. Eigentlich möchte sie lieber leben. Sie liebt das Leben so sehr. Aber der Tod ist stärker und überwältigt sie.

Ich sitze daneben und kann es nicht fassen.
Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll, rauchen, trinken, schreien, mir die Haare ausreissen.

Alles stellt sich auf den Kopf.
Du selber lebst weiter. Das ist die Abmachung. Und die ist scheisse.

Kindsein

Meine Kindheit fand draussen statt.
Ich liebte es, mich auf Bäumen oder auf einen Hügel zurück zu ziehen.
Fürs Leben gern spielte ich am Bach oder auf der Weide, wo ich den Schafen zuschaute.

Dann zogen wir um, weil mein Vater eine neue Stelle hatte.
Er wurde Hauswart.
Die Zeit beim Schulhaus war die schlimmste meines Lebens.
Wer auf öffentlichem Grund lebt, hat kein Privatleben mehr.
Ich erinnere mich an einen Lehrer, der unbedingt wollte, dass meine Katze eingeschläfert wird, weil sie einen Frosch gejagt haben soll. Ich erinnere mich an zerstörte Spielsachen, unsere gequälten Haustiere, meine geliebten Laufenten, die vom Hund des Nachbars bei lebendigem Leibe zerrissen wurden und die ich verbuddelt in der Kugelwerfanlage fand. Ich erinnere mich an unsere Hühner, die getötet wurden, weil Menschen es nicht für nötig befanden, ihre Hunde an die Leine zu nehmen.

All das kommt mir in den Sinn, während ich diesen Zeitungsartikel lese.
Wer Kindern das Spielen verbietet, treibt sie in die Untätigkeit. Das ist meine Meinung.
Menschen, die Kinder nicht mögen, sollten sich am besten zurückziehen. Sie sollten nicht Politiker werden. Solche Menschen verachte ich.

Ich denke zurück an die glücklichste Zeit meines Lebens. Die Kindheit im Haus von Paula.
Wir durften lärmen, uns verkleiden, spielen, Hütten bauen. Wir waren frei.

Die grosse Gräber-Tournee

Dieser Winter war lang.
Was ich sonst um Ostern besorge, nämlich Uschis Grab neu zu bepflanzen, hab ich nicht auf die Reihe gekriegt. Ich hab nämlich Prioritäten gesetzt: Paula besuchen, diese Wiese um Paulas Haus mähen, Freunde treffen und Energie auftanken. Die Tage schmolzen schneller als der Schnee dieses Jahres dahin. Heute endlich habe ich sie heute geschafft: die grosse Gräber-Tournee.

Wir fahren in das Dorf, wo ich einst aufgewachsen bin. Dort auf dem Friedhof, begraben und bedeckt von einem Nadelgehölz, liegt mein kleiner Bruder. Ich muss, seltsamerweise, immer an die gleiche Begebenheit denken, wenn ich das schmiedeiserne Tor zum Friedhof öffne. Ich sehe meine Eltern, gramgebeugt, meine Oma und mich selber. Wir stehen an Svens Grab. Es ist so furchtbar klein. Ich denke, das kann ja gar nicht sein. Mit zwei Jahren erinnert man sich nicht an so was.

Ich stehe mit Sascha vor Svens Grab. Ich wünschte mir, Sven wäre so gross wie der Baum, den mein Vater gepflanzt hat. Ich berühre seine feinen Äste und bin froh, dass es wenigstens ihn noch gibt. Ich habe manchmal Angst, dass Svens Grab einfach weg ist, wenn ich komme, so als hätte es diesen kleinen Menschen, den meine Mutter geboren hat, nie gegeben.

Ich stehe vor dem Grab. Ich bin bald 36. Als meine Eltern ihn verloren, waren sie wesentlich jünger als ich. Der Betonengel, den ich hier vor vier Jahren abgelegt habe, ist brüchig geworden. Svens Grabstein wirkt mit einem Mal so zerbrechlich.

Dann fahren wir, mit einem Kofferraum voller Pflanzen weiter ins Toggenburg, wo meine Mutter und mein Opa, früher auch Anna, meine Urgrosseltern und bestimmt auch Nelly, begraben liegen.

Ich packe die Pflanzen aus und bemerke, wie die Friedhofsleitung wieder einige Grabreihen aufgelöst hat. Opas Grab wird als nächstes dran sein. Er ist jetzt über 15 Jahre tot. Ich schliesse die Augen, bemerke, dass ich durchaus nicht die letzte bin, die für die Gräberbepflanzung besorgt ist. Einige ältere Herrschaften, mit und ohne Pudel, gramgebeugt oder aufrecht, machen sich auf, die Grabstätten ihrer Lieben zu verschönern. Bei kurzem Hinblicken wird mir klar, dass sie alle die Gräber ihrer Eltern, seltener die ihrer Geschwister und praktisch nie die ihrer Kinder bepflanzen. Ich fühle mich stumm geborgen in dieser Gesellschaft der Menschen, die Mutter und/oder Vater verloren haben.

Das Grab meiner Mutter sieht nicht so furchtbar aus, wie ich es erwartet habe. Die Tulpenzwiebeln, die ich vor einigen Jahren in einem Anfall von Übermut und Experimentierfreude gesetzt habe, sind auch diesen Frühling offensichtlich gespriesst. Ich entnehme alles, was verblüht ist, setze neue Erde auf und pflanze Tagetes und zwei Tabakpflanzen.

Sie hat immer so gerne geraucht. Vielleicht, so denke ich, macht ihr etwas das Freude. Ich platziere einige Figuren. Nippes hat sie immer so sehr geliebt.

Ich denke dran, dass sie nie ein Grab gewollt hat und wohl nie, dass ich es pflegen muss. Ich tue es trotzdem gerne. Es lenkt mich ab und lässt mich innehalten. Ich höre den Vögeln zu und dem Schluchzen all jener, denen es gleich ging wie mir, den Trauernden. Ich weiss, dass auch ich bald wieder trauern werde. Es macht mir nichts aus, es zu wissen. Es ist das Leben. Jetzt ist Sommer. Ich werde ihn geniessen und lieben mit all meinen Sinnen.

 

 

sven grab