Tröstendes Weinen

Ich lese momentan ein Buch, von dem ich erst nicht mal wusste, warum ich es gekauft habe. Es hat mich einfach so aus dem Regal angelacht: „Die sieben Tröstungen“ von Anselm Grün. Beim Überfliegen in der Buchhandlung stach mir das Thema „Tränen“ ins Auge.

Wie schon beim Buch „Ich sehe deine Tränen“ von Jorgos Canacakis, welches ich im Sommer 2008 in den Ferien heulend unter einer grossen Sonnenbrille an der Adria gelesen habe, handelt auch dieses Buch von Anselm Grün von Trauer und dem Umgang damit.

Weinen ist eine Sache, die in meiner Familie nicht negativ behaftet ist. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit meiner Mutter Filme schauen konnte und wir beide hemmungslos weinten. Im Weinen waren wir uns nahe.

Eine Freundin meiner Eltern hatte mir an einer Geburtstagsfeier erzählt, dass sie noch nie einen Mann so hatte weinen sehen wie meinen Vater nach dem Tod meines Bruders. Sie machte sich grosse Sorgen.

Einer der frühesten Erinnerungen an meine Mutter ist jene, in der sie in Wängi in unserem alten Haus auf der Toilette sass, es war jene mit den dunkelgrünen Kacheln, und furchtbar weinte. Sie hatte die Türe angelehnt, doch ich kroch trotzdem den Absatz hoch. Ich war wahrscheinlich so zweieinhalb, fast drei Jahre alt. Es muss mich sehr erschreckt haben, sie so zu sehen, denn sie erzählte noch Jahre später, ich hätte gesagt: „Hör uf rägne, Mami.“ Dann soll ich ihr einen Putzlumpen hingehalten haben.

Auch als mein Opa Walter starb, erinnere ich mich gut an die vielen Tränen, die ich mit meiner kleinen Schwester an der Beerdigung weinte. Die Vorstellung, dass unser geliebter Grossvater nun in dieser schlichten Holzkiste liegt, öffnete alle Schleusen. Meine Schwester und ich hielten uns an den Händen und verabschiedeten uns so.

Als meine Mutter starb, hatte ich zwischendurch schon oft geweint. Manchmal lag ich heulend auf dem von Asche verschmutzten Teppich in ihrer Wohnung und schaute zur Decke hinauf. Auch nach jedem Besuch bei ihr kamen mir die Tränen. Die Beerdigung war schlimm. Zwar war ich nicht alleine da, Paula, mein Ex, ein Mitarbeiter meines Vaters und eine liebe Nachbarin meiner Mutter waren ebenfalls gekommen. Doch meine Schwester fehlte mir. Ich dachte mir, es muss doch so sein, dass wir zusammen trauern. Deshalb hat man doch Geschwister.

Nach der Beerdigung erholte ich mich langsam. Nach drei Monaten sagte ich mir: Fertig. Schluss. Die Trauer ist hiermit beendet. Vielleicht sagte ich auch was anderes, ziemlich dummes zu mir.

Jedenfalls staute sich in mir etwas an. Wenn mich jemand berührte, fühlte ich mich unwohl. Es schien mir, als sei ich um Jahre gealtert. Meine Gelenke schmerzten, manchmal sogar die Haare. Eines Abends, ich hatte gearbeitet und wollte eigentlich schlafen gehen, da überkam es mich. Zuerst wehrte ich mich dagegen. Ich hatte einen Kloss im Hals, der furchtbar weh tat. Irgendwann schloss ich die Augen.

All die Tränen, von denen ich gedacht hatte, sie wären geweint, kamen auf einmal. Ich lag auf meinem Flur und weinte gottserbärmlich. Ich hab geheult. Es tat verdammt gut, einfach loszulassen. Denn in jenem Moment, als ich dachte, ich verliere mich, weil ich weine, da passierte das Gegenteil.

Ich hatte das Gefühl, dass es mich zwar erschöpft, aber auch reinigt. Ich dachte mir, die Trauer ist jede Träne wert. Der Mensch, den man verloren hat, ist jede Träne wert, und auch den Schmerz. Aber noch viel mehr halte ich mich für wert, dass ich weinen kann. Wenn ich mir nicht mehr erlaube, zu weinen, werde ich krank. Dann verstopfe ich meine Lebensadern.

über meine Wut.

Zum ersten Mal weiss ich nicht, ob ich das, was ich hier schreibe, wirklich schreiben darf.

Ich habe mit meinem geliebten Vater geredet, bzw. er mit mir. Er sprach endlich über meinen Bruder, der anno 1979 drei Tage nach seiner Geburt starb.

Wir sprachen über seinen Ärger auf den Dorfpfarrer, der nach dem Tode meines Bruders nicht mal bereit war, in unser Haus zu kommen. Nein. Meine Eltern mussten ins Pfarrhaus gehen. Wie schwierig war es für meine Eltern, diesen Gang zu tätigen? Wie viel Abgebrühtheit gehört dazu, eine schwer traumatisierte Frau zu sich zu bestellen? Wie schwer muss es für meinen Vater gewesen sein, ein solches Gespräch zu führen?

Ich bin wütend.

Mein Vater beschrieb mir, wie unglaublich beleidigend und beschämend die Pflege anno 1979 im Kantonsspital Frauenfeld war. Meine Mutter hatte eben erst ihren Sohn verloren, wurde nicht begleitet. Mein Vater fand sie in ihrem Nachthemd auf dem Parkplatz auf, verwirrt, weinend. Niemand hat sich um sie gekümmert. Im Gegenteil. Sie sollte schnell verschwinden, denn man wollte eine Panik unter den Müttern der Abteilung vermeiden. Ihr Schicksal hat niemanden bekümmert. Mein Bruder wurde meinem Vater so übergeben, als wäre er ein Gegenstand in einer Schuhschachtel. Mein Bruder wurde obduziert.

Was ist da geschehen?

Ich will es wissen.
Ich werde es herausfinden.

(to be continued)

Wie es ist.

Heute war zum ersten Mal seit vielen Jahren ein guter Tag für mich.
Den 20.9. verbrachte ich bisher jeweils gedämpft und traurig.
Ich trug meistens schwarz und redete wenig.
Ich trauerte um meinen Bruder.

Das war heute anders.
Ich entschloss mich, den Herbst einzulassen und zu meinen grauen Kleidern rostrote Strümpfe zu tragen. Ich will nicht länger traurig sein.

Ich verbrachte heute den ganzen Tag am Frauenseminar in Romanshorn und habe mich im Rahmen meiner Ausbildung zur Biographie-Schreibpädagogin mit der Heilkraft der Laute, umgeben von lieben Kolleginnen, beschäftigt. Nur wenig dachte ich an meinen Bruder. Es war mir, als würde das Herbstlicht mich ermuntern, Sonne in mein Herz lassen. Ich wünschte mir mit einem Mal, er könnte auch in meinem Leben langsam verblassen.

Ich habe es heute so stark gespürt, dass er weg ist und ich offenbar noch die einzige bin, die sich seiner erinnert. Er ist nicht mein Kind, sondern das meiner Mutter. Trotzdem bin ich traurig, dass er nicht mehr lebt.

Diese Trauer, dieses Erinnern ist mir geblieben. Wie oft habe ich mit Paula über ihn geredet?
Auch sie weiss nicht mehr, dass es ihn mal gegeben hat. Ihre Erinnerung an das Leben vor über 30 Jahren ist verschwunden.

Ich wollte nie Kinder haben. Oft habe ich mich gefragt, warum das so ist. Es gibt viele Gründe. Einer davon ist sicherlich, dass ich Angst hatte, ein Kind zu gebären und so zu verlieren, wie es meiner Mutter passiert ist. Andererseits denke ich heute, dass es vielleicht, in jüngeren Jahren, das Risiko wert gewesen wäre.

Die Natur, Gott, was auch immer, hat mir jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich werde nie Kinder kriegen.

Allerdings ist da noch das Schreiben, was mich beflügelt und glücklich macht.
Etwas zu schreiben ist wie Gebären: Man ist inspiriert, verliebt, leidet, wartet und ist glücklich und erleichtert, wenn es endlich da ist. Das Wort. Der Satz. Die Geschichte.

So wie diese hier.

Kann ich mich wirklich daran erinnern?

Der 20ste September. Das war der Tag, an dem mein Bruder starb.
Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter nicht da war. Sie lag im Spital.
Mein Vater kam an dem Tag zuhause an.
Ich denke an lichtdurchflutete Räume.
Unser Esszimmer im Schatten der grossen Weide.
Unsere getigerten Katzen.

Irgendwann verschwand mein Vater.
Damit sein Lächeln.
Ich habe ihn seither nie mehr glücklich gesehen.
Plötzlich war meine Paula da.
Sie sass neben meinem Bett und umarmte mich.
Sie weinte.

Etwas schlimmes war passiert.
Sie konnte, wollte es mir nicht sagen.
Ich spürte jedoch:
alles würde anders werden.

Meine Mutter kehrte nach Hause zurück.
Sie lachte nicht mehr.
Sie weinte nur noch.
Und auch mein Vater wirkte in sich gekehrt.

Mein Bruder war tot.
Warum ändert der Tod eines Menschen alles?

Paula, meine Paula, ist der Schlüssel.
Sie erzählte mir alles.
Sie sagte viel.
Paula war die Antenne in meine Kindheit.
Sie hat verstanden, was mich damals umtrieb.
Durch ihr Altern, ihr Vergessen
bin ich nun alleine auf mich gestellt.

Hoffnung ist ein fremdes Wort.
Es existiert nur für Menschen
die gläubig sind.
Ich bin es nicht.

Lieber Sven

Lieber Sven

in ein paar Minuten würdest du 34 Jahre alt werden.
Ich höre mir Danyel Gerard an. Freddie Mercury
Zarah Leander. Die Rökk.
Nie hast du Gene Kelly gehört. Oder Caterina Valente

Oder Louis Armstrong

All diese Leute hast du nie singen gehört.
Deine Mutter und ich liebten sie.
Keinen meiner Freunde hast du kennengelernt.

Nicht mal mich.

Du fehlst.
Weisst du das?
Zu gerne würde ich wissen, wie deine Stimme klingt.
Ich vermisse dich.
Mein lieber Bruder.

Wie das so war.

Ich erinnere mich an den Bauch meiner Mutter, als sie meinen Bruder drinne hatte. Ich weiss noch genau, wie ich den Kopf hinhielt und seine Fusstritte spürte. Das war für mich ein wahres Wunder.
Ich freute mich so sehr, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das bedeutete.

Den Tod meines Bruders bekam ich nur dunkel mit. Ich erinnere mich daran, dass von einem Moment auf den anderen Paula da stand und mich umarmte und weinte. Es war Nacht.
Das nächste, was ich wirklich klar vor meinen Augen sehe, ist meine Mutter, die in einem dunkelgrün gekachelten Badezimmer auf dem Klo sitzt und weint.

Meine Mutter erzählte mir danach, dass ich mit einem Bodenputzlumpen zu ihr hin marschiert sei und ihn ihr hingehalten habe mit den Worten: „Hör bitte auf zu regnen, Mami.“

Irgendwann wurde meine Mutter wieder schwanger.
Sie gebar meine kleine Schwester und ich begriff, dass sie ein Schatz war.
Für meine Eltern war sie ein Geschenk des Himmels, vom lieben Gott oder wem auch immer.
Für mich war sie ein seltsames, blondes blauäugiges Wesen.

Ich war vier Jahre älter als meine Schwester. Vier Jahre sind sehr viel.
Für mich war Sven immer präsent, aber sie hat ihn nie erlebt.
Trotzdem musste meine Schwester die Erinnerungen an ihn ertragen.

Meine Mutter hat mehr als einmal zu meiner Schwester gesagt:
„Für mich bist du zwei Kinder!“
Nur meine Schwester allein kann ermessen, was das für ihr Leben bedeutete.

Ich schreibe dies im Gedanken an meine Schwester, die ich sehr vermisse, weil ich sie viel zu selten sehe. Aber: sie lebt. Und das ist das wichtigste von allem.

Mein Bruder Sven und ich.

Als ich noch ein Kind war, wurde der Friedhof meines Dorfes zu einem meiner liebsten Plätze. Schliesslich lag dort mein Bruder begraben.

Ich fand es ganz normal, nach dem Kindergarten, der gleich neben der Kirche lag, auf dem Friedhof vorbei zu gehen. Schliesslich spielten auch alle anderen Schulfreunde nach der Schule mit ihren Geschwistern. Bei meinem Bruder und mir allerdings lag der Fall, aus Gründen, etwas anders.

Ich habe mich meistens neben seinem Grab hingehockt und ihm erzählt, was ich in der Schule gemacht habe. Ich fand es schrecklich, dass er nicht in den Kindergarten oder die Schule gehen konnte. Zwar hatte ich begriffen, dass der Tod eine endgültige Sache war, doch irgendwie hatte ich doch die Hoffnung, dass er irgendwann doch zurückkehren würde.

Meine Gespräche mit meinem Bruder dauerten lange. Als wir 1985 fort zogen, konnte ich nicht verstehen, warum wir ihn (und sein Grab) nicht mitnahmen. Ich war wütend auf meine Eltern.

Am neuen Ort, wo mich niemand kannte und auch niemand um meinen Bruder wusste, stiess ich auf Widerstand. Ich erinnere mich an eine Lehrerin, die uns Zweitlklässler aufforderte, ein Stammblatt auszufüllen. Als ich darauf meinen Bruder als eines meiner Geschwister erwähnte und hinter seinem Namen ein Kreuz machte, wurde die Lehrerin ungehalten. Sie fand, ich dürfte ihn nicht aufzählen, weil er tot sei. Ich hielt dagegen, dass er immerhin drei Tage gelebt habe. Sie fand das nicht lustig.
Meine erste Strafarbeit erhielt ich dafür, meinen toten Bruder erwähnt zu haben.

Diese Haltung verstärkte sich in all den Jahren. Ich erwähne ihn immer.
Er ist mein Bruder. Ein Teil meiner Familie hat gelebt und ist nun tot.
Ihn zu verschweigen wäre wie eine Lüge über meine Familie.

Ich staune immer wieder über die Reaktionen des Umfelds.
Ein totes Kind darf man nicht erwähnen.
Bringt es Unglück?
Ist es wirklich so, dass ich zulange an Dingen festhalte, die es nicht zu festzuhalten gilt?

Wäre ich eine glücklichere Frau, wenn ich meinen Bruder verschwieg?
Ich behaupte nein.

Mir wäre lieber, er würde leben.
Mir wäre lieber, ich könnte ihn jetzt, gerade in dieser Minute anrufen.
Ich würde ihm erzählen, wie es mir geht, ob ich glücklich bin und ihn um Rat in allen Belangen fragen.

Doch stattdessen fahre ich in mein altes Dorf, jedes Mal hoffend, dass der Grabstein mit der in den Himmel fliegenden Taube noch da steht. 34 Jahre ist es bald her. Was wird sein?

Septemberwehen und Sven

Der September ist nicht mein Lieblingsmonat. Er war es nie, obwohl ich seine Farben mag.

Meine Mutter wurde am 2. September an einem Sonntag geboren.
Sie glaubte fest daran, dass sie ein Glückskind war.
Sie war es nicht.

Seit ich zwei Jahre alt bin, durchlebe ich den September mit sehr gemischten Gefühlen. Am 17. September ist nämlich der Geburtstag meines Bruders Sven. Am 20sten September ist sein Todestag.

Als Kind durchlebte ich mit meiner Mutter jeweils ein Tauchbad der Gefühle. Sie mochte Feiern. Sie mochte ihren Geburtstag. Aber am 17ten wurde sie still und traurig. Sie betrank sich. Als sie älter wurde, versuchte sie sich an jenen Tagen auch das Leben zu nehmen.

Ich begann den September trotz seiner starken, schönen Farben zu hassen.

Die Schwere setzte sich auch fort, als ich älter wurde. Als meine Mutter 2007 in einem Pflegeheim auf ihren Tod wartete, hoffte ich inbrünstig, dass sie nicht im September sterben würde.

Das tat sie denn auch nicht. Sie wartete damit bis Oktober.

Ich versuche noch immer zu ergründen, was damals geschehen ist. Meine Mutter wurde durch den unerwarteten Tod meines Bruders in die Tiefe gerissen. Sie hat sich nie mehr davon erholt. Ihre Trauer war schwer und jeder der sie kannte, fühlte, wie schlecht es ihr geht.

Habe ich deshalb keine Kinder, weil ich mich insgeheim davor fürchte, mein geliebtes Kind auch zu verlieren und wahnsinnig zu werden?

Auch wenn meine Mutter jetzt schon sechs Jahre tot ist, versuche ich den September bewusst zu leben, mich an seinen Farben zu erfreuen und meinen Bruder loszulassen. Ich hoffe, es gelingt mir.

Die grosse Gräber-Tournee

Dieser Winter war lang.
Was ich sonst um Ostern besorge, nämlich Uschis Grab neu zu bepflanzen, hab ich nicht auf die Reihe gekriegt. Ich hab nämlich Prioritäten gesetzt: Paula besuchen, diese Wiese um Paulas Haus mähen, Freunde treffen und Energie auftanken. Die Tage schmolzen schneller als der Schnee dieses Jahres dahin. Heute endlich habe ich sie heute geschafft: die grosse Gräber-Tournee.

Wir fahren in das Dorf, wo ich einst aufgewachsen bin. Dort auf dem Friedhof, begraben und bedeckt von einem Nadelgehölz, liegt mein kleiner Bruder. Ich muss, seltsamerweise, immer an die gleiche Begebenheit denken, wenn ich das schmiedeiserne Tor zum Friedhof öffne. Ich sehe meine Eltern, gramgebeugt, meine Oma und mich selber. Wir stehen an Svens Grab. Es ist so furchtbar klein. Ich denke, das kann ja gar nicht sein. Mit zwei Jahren erinnert man sich nicht an so was.

Ich stehe mit Sascha vor Svens Grab. Ich wünschte mir, Sven wäre so gross wie der Baum, den mein Vater gepflanzt hat. Ich berühre seine feinen Äste und bin froh, dass es wenigstens ihn noch gibt. Ich habe manchmal Angst, dass Svens Grab einfach weg ist, wenn ich komme, so als hätte es diesen kleinen Menschen, den meine Mutter geboren hat, nie gegeben.

Ich stehe vor dem Grab. Ich bin bald 36. Als meine Eltern ihn verloren, waren sie wesentlich jünger als ich. Der Betonengel, den ich hier vor vier Jahren abgelegt habe, ist brüchig geworden. Svens Grabstein wirkt mit einem Mal so zerbrechlich.

Dann fahren wir, mit einem Kofferraum voller Pflanzen weiter ins Toggenburg, wo meine Mutter und mein Opa, früher auch Anna, meine Urgrosseltern und bestimmt auch Nelly, begraben liegen.

Ich packe die Pflanzen aus und bemerke, wie die Friedhofsleitung wieder einige Grabreihen aufgelöst hat. Opas Grab wird als nächstes dran sein. Er ist jetzt über 15 Jahre tot. Ich schliesse die Augen, bemerke, dass ich durchaus nicht die letzte bin, die für die Gräberbepflanzung besorgt ist. Einige ältere Herrschaften, mit und ohne Pudel, gramgebeugt oder aufrecht, machen sich auf, die Grabstätten ihrer Lieben zu verschönern. Bei kurzem Hinblicken wird mir klar, dass sie alle die Gräber ihrer Eltern, seltener die ihrer Geschwister und praktisch nie die ihrer Kinder bepflanzen. Ich fühle mich stumm geborgen in dieser Gesellschaft der Menschen, die Mutter und/oder Vater verloren haben.

Das Grab meiner Mutter sieht nicht so furchtbar aus, wie ich es erwartet habe. Die Tulpenzwiebeln, die ich vor einigen Jahren in einem Anfall von Übermut und Experimentierfreude gesetzt habe, sind auch diesen Frühling offensichtlich gespriesst. Ich entnehme alles, was verblüht ist, setze neue Erde auf und pflanze Tagetes und zwei Tabakpflanzen.

Sie hat immer so gerne geraucht. Vielleicht, so denke ich, macht ihr etwas das Freude. Ich platziere einige Figuren. Nippes hat sie immer so sehr geliebt.

Ich denke dran, dass sie nie ein Grab gewollt hat und wohl nie, dass ich es pflegen muss. Ich tue es trotzdem gerne. Es lenkt mich ab und lässt mich innehalten. Ich höre den Vögeln zu und dem Schluchzen all jener, denen es gleich ging wie mir, den Trauernden. Ich weiss, dass auch ich bald wieder trauern werde. Es macht mir nichts aus, es zu wissen. Es ist das Leben. Jetzt ist Sommer. Ich werde ihn geniessen und lieben mit all meinen Sinnen.

 

 

sven grab