Seltsamkeiten

Es gibt seltsame Dinge im Leben.
Schreiben ist eine Sache. Die Auseinandersetzung mit meiner Herkunft, meinen Familien, eine andere. Seit neun Monaten lebe ich jetzt im Haus. Wir sind verschmolzen. Ich staube ab, entdecke und erschaffe neues.

Doch da sind noch immer Menschen von früher. Überall im Haus haben sie ihre Spuren hinterlassen. Röös ist die geheimnisvollste unter ihnen. Sie ist meine Stiefurgrossmutter und stammte aus dieser Gegend hier. Ich weiss wenig über sie.

Vor einigen Tagen schrieb mich P. an. Er ist Röös‘ Urenkel und ebenfalls auf der Suche nach ihrer Geschichte. Ich musste das erst setzen lassen. Es war emotional, zu bemerken, dass ein anderer Mensch meiner Generation sich die gleichen Fragen stellt wie ich.

Wir tauschen nun Photos aus. Und dank P. komme ich zu neuen Photos von Omi Paula, die ich bisher nicht kannte. Ich bin furchtbar gespannt, was wir über unsere Urgrossmutter herausfinden werden. Ich will all die Geschichten hören, die mir noch nicht erzählt wurden. Ich hoffe, dass ich P. und seine Familie, seine Mutter ist Röös‘ Enkelin, bald kennenlernen werde.

Sie.

Als meine Schwester 1981 zur Welt kam, war ich vier Jahre alt und hatte bereits einen Bruder verloren. Die Lücke, die er trotz drei Tage Lebens auf dieser Welt hinterliess, war riesig.
Meine Mutter erlitt grosse Ängste um meine Schwester. Sie hatte Angst, dass auch sie einfach so sterben würde wie mein Bruder.

Ich erinnere mich daran, wie sehr sich meine Eltern über ihre Geburt gefreut haben. Nach der dunklen Wolke, dem Tod meines Bruders, haben sie endlich wieder Freude empfunden. Es regnete an Pfingsten 1981. Die Heuernte war am Arsch, aber das war uns allen egal. Als meine Schwester wenige Monate später einen Fieberkrampf erlitt, fast starb, war das für uns alle eine Katastrophe. Einen Menschen, ein Kind, fast sterben zu sehen, ist eine furchtbare Sache.

Vier Jahre Altersunterschied sind sehr viel.
Ich empfand mich immer als die Erwachsenere von uns beiden.
Dabei war ich das hässliche Entchen. Sie war die hübsche, strahlende.
Als ich 86/87 im Krankenhaus lag und nicht mehr laufen konnte, ist sie gerannt.
Sie hatte alle Möglichkeiten.

1986 verschwand im Thurgau ein Kind. In jener Zeit habe ich mich mehr als alles andere um meine kleine Schwester gesorgt. Einmal verschwand sie für mehrere Stunden. Ich habe jeden Fluch, jeden Streit, bereut. Die Angst, sie zu verlieren, hat mich damals total paralysiert. Als sie wieder kam, sie hatte stundenlang mit ihrer Kindergartenfreundin gespielt, habe ich geheult.

1996, vor bald 20 Jahren, wurde ich am Kiefer operiert. Ich konnte für mehrere Wochen nichts mehr essen, nicht mehr sprechen und war im Gesicht entstellt. Meine Schwester hatte damit kein Problem. Wenn wir einkaufen gingen, ging sie voraus und hat der Verkäuferin gesagt: „Meine Schwester kann aktuell nicht reden.“

Diese Sorge um mich hat mich sehr gerührt.
Später haben wir uns auseinander gelebt. Ihr Leben war und ist ein anderes als meines.
Ich habe Mühe, ihr das Verhalten beim Tod unserer Mutter zu verzeihen.
Ich habe mich schrecklich alleine gefühlt, bei der Beerdigung und bei allen anderen Angelegenheiten.

Nächstes Jahr wird meine Schwester 35 und ich habe sie bestimmt seit bald 10 Jahren nicht mehr gesehen. Ich weiss nicht, wo sie lebt. Ich weiss nur, dass sie lebt. Wahrscheinlich ist das das einzige, was zählt.

Toggenburger Terrasse oder meine kleine Weltbühne

Die Terrasse bei unserem Haus ist bestimmt schon über vierzig Jahre alt. Als ich noch ein kleines Mädchen war, habe ich dort fürs Leben gerne gespielt.

Die Terrasse war nicht nur der Platz der Wöschhänki, wo Omi Paula ihre frisch gewaschenen, duftenden Laken aufhängte. Nein, sie war auch die erste Bühne, wo meine Schwester und ich auftraten und tanzten. Meistens übten wir in den Sommerferien ein Theaterstück ein, das ich geschrieben hatte. Während meine Schwester immer die weibliche Hauptrolle spielte, übernahm ich alle anderen Rollen. Wir sangen Songs von Caterina Valente und träumten, wir wären Showstars. Barri, unser Sennenhund, spielte auch natürlich auch mit. Opa setzte sich auf die Gartenbank und rauchte seine Pfeife, während Omi in der Küche stand und mitsang.

Nun war es aber so, dass ich zu jener Zeit von meiner Hüft-OP genas. Und ich kann Ihnen sagen: mit Krücken ist so ein Showauftritt einigermassen anspruchsvoll.

Für meine Urgrosseltern Henri und Röös war die Terrasse ein Entspannungsort. Hier sassen sie in der Sonne, ruhten sich aus und genossen ihren Lebensabend. Es gibt viele Photos von den beiden, wie sie einfach nur zufrieden da sitzen. Sie empfingen ihre Kinder, ihre Freunde und tranken Kaffee.

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Die grüne Gartenbank ist leider verrottet und verrostet. Fünfzig Jahre sind an ihr nicht schadlos vorbei gegangen. Zum Glück habe ich ihm Haus Liegestühle und Gartenmöbel gefunden. Jetzt brauche ich nur noch auf die Sonne zu warten.

Beine

Wut vor Trauer

ich habe gestern Abend die Reportage „Engelskinder – Sterben am Lebensanfang“ auf SRF1 gesehen. Mich überkam die kalte Wut. In dem Film sitzen Paare, die ihre Kinder verloren haben. Sie erzählen, wie es ihnen nach dem Tod ihres Kindes nach der Geburt erging. Ich aber sehe nur meine Eltern.

1979, als mein Bruder drei Tage nach der Geburt starb, wurden den Müttern ihre toten Kinder nicht hingelegt. Niemand konnte sich von meinem Bruder verabschieden. Das war wohl nicht nur im Kantonsspital Frauenfeld so. Man deponierte ihn in einer Abstellkammer. Wie ein Stück Müll.

Aber damit nicht genug. Ein Arzt gab meiner Mutter die Schuld an seinem Tod. Wie absolut unmenschlich ist das denn?

Wenn ich die Folgen dieses Todes meines Bruders ansehe, überkommt mich das kalte Grausen: Meine Mutter hat sich nie mehr davon erholt. Sie ist quasi mit meinem Bruder gestorben. Sie hat an seinem Todestag jeweils versucht, sich zu töten. Das Familiengefühl bei uns ist brüchig. Es fehlt immer jemand. Es ist, als ob seine Seele noch immer in der Luft ist. Das kommt wohl daher, dass keiner von uns sich jemals von ihm verabschieden konnte.

Der Tod ist nicht besser begreifbar, nur weil die Trauergemeinde ein Baby in einem schuhschachtelähnlichen Sarg begräbt. Es gehört vorher noch was dazu. In früheren Zeiten wurden die Toten nicht sofort weggekarrt. Im späten 19. Jahrhundert und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in unserer Gegend eine andere Kultur des Abschieds.

Menschen wurden tot, aber würdig fotografiert. Ein Abschied war so besser möglich. Anders hätten die Menschen in jenen Zeiten, wo so viele Menschen früh starben, diese Todesfälle, den Verlust, nicht verarbeiten können.

Das einzige Foto, das ich von meinem Bruder habe, ist sein Geburtsbild. Meine Eltern sind drauf, er in der Mitte. Auf der Karte ist ebenfalls ein Abdruck seines kleinen Fusses. Aber sonst gibt es nichts, was darauf schliessen lässt, dass es ihn einmal gegeben hat.

Ich bin wütend, weil meine Eltern keine Hilfe bekamen. Sie sitzen heute nicht nebeneinander vor einer Kamera und sinnieren darüber, wie sie den Verlust bewältigen. Meine Mutter ist tot. Einzig mein Vater redet phasenweise wenig über meinen Bruder. Klarheit, was passiert ist, wird es wohl nie geben. Zu lange ist es her. Aber die Wut muss raus, damit die Trauer Einzug halten kann.

Du bist, woher du kommst und wohin du gehst.

Meine jüngere Familiengeschichte ist geprägt von zwei Weltkriegen und Männern, die einen Teil ihres (jungen) Erwachsenenlebens in der Armee und an der Grenze verbracht haben.

Mein Urgrossvater Henri und mein Grossvater Herrmann haben erst spät, mit fast 40 Jahren, ihre Familien gegründet. Was heute als hip erscheint, muss für die jeweiligen Eheleute nicht ganz einfach gewesen sein. Nach einem verheerenden Krieg, den Erlebnissen an der Grenze, endlich zu heiraten und Kinder zu kriegen, stell ich mir anspruchsvoll vor. Meine Grossmutter Ida und Urgrossmutter Anna waren ebenfalls weit über 30 Jahre alt, als ihre Kinder geboren wurden.

Sie ist tief in mir drin, diese Sehnsucht nach Familie, nach Menschen, die einem nahe stehen. Angehörige zu haben, bedeutet für mich Zugehörigkeit und Glück. Ich bin überzeugt, man lebt damit, was man seit Generationen mit auf den Weg bekommen hat.

Vielleicht hänge ich deshalb so am Haus. Es symbolisiert, wer ich bin. Das Haus ist kantig und vielschichtig. Es wurde fast zwei Jahrhunderte lang gepflegt, belebt und geliebt.

Wenn ich im Haus bin, bin ich denen nahe, die nicht mehr sind und deren Züge und Eigenheiten ich trotz alledem mehr oder weniger in mir drin trage.

Meine Verbindung zum Toggenburg, die Liebe zu den Bergen, den Menschen schlägt sich im Haus nieder. Darf ich glücklich sein, dort leben zu dürfen, wo ein Teil meiner Familie her stammt? Dort, wo die, die nicht mehr sind, begraben liegen? Oder sollte ich aus modischen Gründen sagen: es bedeutet mir alles nichts.

Dann wäre ich eine verdammte Lügnerin.

Weihnachten 2014

Ich war am 25. Dezember mit Sascha bei meinen Eltern eingeladen. Das war wunderschön. Du wirst dich jetzt, als regelmässiger Leser des Blogs fragen: Eltern? Wie das? Die Mutter ist doch tot.

Mein Vater hat nach der Scheidung von meiner Mutter seine Liebe geheiratet. Er hat nach all den nicht ganz leichten Jahren mit meiner Mutter Uschi ein neues Glück gefunden. Ich bin glücklich, dass ich so wieder eine vollständige Familie habe.

Seine Frau Helene ist für mich auch eine Mutter. Sie hat mich zwar nicht geboren, aber seit vielen Jahren begleiten mich ihre guten Worte durchs Leben. Sie ist mit ihrer Art ein Vorbild für mich. Sie kann wunderbar kochen, dekorieren, liebt Handarbeiten, hat ein Händchen für Tiere und den Garten. Aber noch wichtiger ist, dass sie eine unzerstörbare positive Lebenseinstellung hat. Die fehlt meinem Vater (und mir) manchmal.

Mir wurde am Weihnachtsabend bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann. Unsere Familie ist klein. Wir haben keinen Streit. Als ich noch jünger war, habe ich all jene beneidet, die eine grosse Familie hatten. Ich konnte nicht verstehen, dass Kollegen sagten: „Ich hab heute einen Familienschlauch“. Ich fand das abschätzig.

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass man es in der Gesellschaft von vielen Tanten, Onkeln und Cousinen nicht schön haben kann.

Es ist wichtig, dass man in seinem Leben Menschen hat, die zu einem halten und die auch stolz auf einen sind. Das sind Menschen, die dich auch dann stützen, wenn dir eine steife Brise im Leben entgegen weht.
Ich wünsche jedem, dass auch er oder sie solche Menschen im Leben hat oder ihnen begegnet.

Mein Vater und ich

Natürlich war mir meine Mutter immer der erste Mensch. Doch zweite Mensch in meinem Leben war mein Vater.
Es hat mich immer gerührt, wenn er erzählt hat, wie meine Geburt verlaufen ist. Er hat gespürt, dass etwas mit meinen Beinen nicht stimmt. Stolz erzählt er noch heute, dass er meine Nabelschnur durchgeschnitten hat, mich wusch, kaum war ich aus dem Leib meiner Mutter entsprungen.

Ich erinnere mich an mein erstes Velo. Es war bunt und ich konnte stehend darauf laufen. Irgendwann nahm ich Platz in einem Kindersitz. Er war weiss und in der Mitte war eine Weltkugel aufgedruckt. Mein Vater nahm mich mit auf seinem Militärvelo.

Er erzählte mir mehr als einmal, wie wir zusammen gefahren sind. Wie ich am Fusse des Sonnenbergs rief, dass er schneller fahren soll. Und er es tat. Ich spür es noch heute.

Mein Vater hat auch die nötige Kühle bewahrt, als ich mit neun Jahren zum ersten Mal die Beine operieren lassen musste. Ich vermag nicht zu ermessen, wie sehr es ihn geschmerzt haben muss, dass ich, die Ältere, nie mehr mit unversehrten Beinen herum laufen würde.

Die tiefe Trauer meiner Mutter um meinen Bruder hat er ertragen. Ich weiss nur von einer Freundin, dass auch er trauern konnte. Er hat sich nie treiben lassen. Er empfand sich wohl immer als Fels in der Brandung.

Als sich meine Eltern scheiden liessen, war für ihn klar, dass er uns Kinder weiter aufziehen würde. Meine Mutter wollte frei sein. Er wünschte sich die Familie. Welcher Mann macht das heute einfach so? In den 90er Jahren war er jedenfalls die Ausnahme.

Mein Vatervor einigen Jahren erkrankte an Krebs. Er hat wenig darüber geredet. Ich hab nur einmal, als wir Fotoalben angeschaut haben, gespürt, dass er zurückschaut. Mein Bruder, meine Mutter, seine toten Freunde. Sie waren in seinem Leben alle präsent.

Ich bin sicher, dass der Mut meines Vaters mich sehr geprägt hat. Er hat auch mein Männerbild bestimmt. Niemals würde ich an der Seite eines Mannes verharren, der eine Frau nicht respektiert und der keinen Sinn für Familie hat.

 

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Schuld vs. Vergebung

Mein Vater hatte es mit den M’s, meiner Familie mütterlicherseits, nicht einfach. Meine Oma Paula, durch und durch Katholikin, war kritisch ihm gegenüber, der reformierter Thurgauer war. Schliesslich hatten mein Vater und meine Mutter protestantisch geheiratet.

Noch schlimmer drauf war mein Opa Walter, und das, obwohl er Protestant war. Er und meine Mutter Uschi standen sich nahe. Meine Mutter fühlte sich ihm sehr verbunden. Wenn ich seine Lebensgeschichte anschaue, scheint mir das nicht mehr als verständlich.

Meine Mutter und Opi Walter haben sich immer als Einzelkinder verstanden. Heute, fast neunzig Jahre nach Opas Geburtstag weiss ich mehr. Opa war kein Einzelkind. Er hatte eine Schwester, Nelly, die vor seiner Geburt starb.

Meine Mutter hat ebenfalls ein Kind, meinen Bruder Sven, geboren, der kurz nach der Geburt starb. Opi und Mami haben vor mir nie „darüber“ gesprochen. Doch meine Mutter war ihm so wichtig, dass er ihren Lebenspartner W. gebeten hat, immer für sie zu sorgen.

Mein Vater hat einen Widerwillen gegen das Haus. Ich verstehe ihn nur zu gut, denn ich habe damals miterlebt, wie Opa Walter meinen Vater verstossen hat. Die Trennung und Scheidung von meiner Mutter hat meinen Opa wütend gemacht. Er hat meinen Vater angeschrien und gemeint: „Verschwind von hier für immer.“

Nur zwei Jahre nach diesen Worten wurde Opa schwer krank. Er wusste genau, dass er sterben würde. Er hat sich diesem Sterben tapfer gestellt. Am 25. Dezember 1996 feierte ich mein letztes Weihnachten mit ihm. Er lag in der Stube neben dem Kachelofen auf einem Bett. Jeden hat er zu sich gerufen. Mir hat er gesagt, ich würde meinen Weg schon machen. Doch viel wichtiger schien ihm, dass mein Vater erfahren sollte, dass Opa sich beim ihm entschuldigte. Er flehte mich an, seine Botschaft zu überbringen und ihm kundzutun, ob mein Vater ihm vergeben hatte.

Natürlich hat mein Vater gesagt: „Schon gut.“
Noch am selben Abend habe ich Opi angerufen und ihm Papis Antwort mitgeteilt.
Das hat mich sehr beeindruckt. Ich war gerade mal 19 Jahre alt.

Mein Vater hat sich nicht dran gehalten, das Grundstück nicht mehr zu betreten. Zum Glück. Denn ohne ihn und seine Hilfe, besonders nach dem Tod meiner Mutter, hätte ich es nicht geschafft, zu Omi zu gehen. Wenn Papis Frau nicht dagewesen wäre, wäre auch Omis Umzug ins Pflegeheim nicht so gut von statten gegangen.

Ich habe mir überlegt, dass das Haus frei von diesen Gedanken der Schuldzuweisung sein soll. Alles ist so friedlich. Das soll so bleiben.

Mein Tag 1 als Hauseigentümerin

Meine letzte Nacht war unruhig. Von halb drei bis vier Uhr lag ich wach, unfähig, irgendwie das Tor zum Schlaf zu finden. Ich hasse solche Nächte, denn ich weiss genau, dass ich um fünf Uhr todmüde bin und nur noch schlafen will.

Dabei war heute der grosse Tag. Endlich.
Wir fahren ins Toggenburg. Zum Haus. Unserem baldigen.
Wir treffen Omas Beistand, lesen im Haus den Stromzähler ab.
Dann der Gang ins Gemeindehaus.

Ein sehr seltsames Gefühl befällt mich. Oma kann nicht hier sitzen, um mir das Haus zu verkaufen. Denn für sie spielt es wohl keine Rolle mehr. Sie lebt im Hier und Jetzt. Der Beistand vertritt Oma.
Mir ist nicht unwohl, doch mir wird die Bedeutsamkeit des Moments sehr bewusst. Ich stehe an diesem einen Ort, wo schon mein Urgrossvater vor sechzig Jahren den Kauf des Hauses absegnen liess. Das Haus ist seit 1955 in meiner Familie Besitz geblieben und wurde weiter vererbt.

Ich sehe die Glasscheiben mit den Kantonswappen.
Hat mein Uropa Henri hier die Geburt meiner Grosstante und meines Grossvaters gemeldet? Ist hier im Haus der Tod meiner Urgrossmutter verbucht?
Ich denke plötzlich an meine Mutter, die auf dem Friedhof des Städtchens liegt. Würde sie sich freuen?

Ich fühle mich noch seltsamer. Wir treten in einen Saal. Es wird feierlich. Ich habe Mühe, meine Tränen herunterzuschlucken.
Ich muss dran denken, dass ich seit neun Monaten auf diesen einen Moment gewartet habe. Dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich jemals im Haus würde wohnen können. Mir fallen meine Albträume ein. Das Haus. Abgerissen. Verlassen. Traurig.

Doch nun ist der 11.11.14 gekommen. Ich werde willkommen geheissen. Zum ersten Mal in meinem Leben begrüsst mich jemand in einer Gemeinde und sagt: „Wir freuen uns auf Sie“.
Ich sitze da um 9.15 und unterschreibe den Vertrag. Nothing to add.

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Geburt.

Gestern ging das Zahlungsversprechen unserer Bank ans Grundbuchamt. Am Dienstagmorgen haben wir den Termin auf dem Grundbuchamt für die Grundstückverschreibung. Was trocken und nichtssagend klingt, bedeutet für Sascha und mich, dass wir nach bald neun Monaten (endlich!) unser Haus haben.

Es ist ein wirklich seltsames Gefühl für mich. Ich hänge nicht an Besitz. Aber ein Haus zu haben, bedeutet, dass in einem Buch mein Name eingetragen ist. Es berührt mich sehr, dass ich das Haus von Oma kaufen konnte, fast sechzig Jahre, nachdem meine Urgrosseltern es erworben haben.

Ich bin aber auch seltsam leer. Die neun Monate Warten haben mich zermürbt. Mehr als einmal war ich am Ende. Tausend dunkle Gedanken, warum ich das Haus nicht kaufen kann, schwirrten mir durch den Kopf. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Sorgen um den Schlaf bringen. Wenn ich im Haus war, habe ich jeweils zum Abschied gesagt: „bitte warte auf uns“. Ich strich über seine Wände, den Verputz. Fast jeden Zentimeter kenne ich mittlerweile. Ich sehe die verblassten Farben. Die Holzböden. Die Werkstatt, die einmal mein Büro werden soll.

Gestern abend, als ich nach Hause kam, schaute ich mir das Familienfoto an, das ca. 1979 entstand. Meine Mutter war wohl mit meinem Bruder schwanger. Ich entnehme das ihrem strahlenden Gesicht. Omi Paula muss gerademal fünfzig Jahre alt gewesen sein, Henri war achtzig, meine Eltern Ende zwanzig. Ich schaue das Bild an und stelle mir vor, was sie dazu sagen, dass ich jetzt bald da wohnen werde. Henri und Röös, mein Opa Walter. Sie alle haben in dem Haus gelebt und sind darin gestorben.

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Ich freue mich so darauf, dass ich das Haus wandeln darf. Dass meine Bücher dort in Regalen stehen werden, meine Katze durchs Haus läuft und nach dem Rechten sieht. Dass Sascha ein Büro mit Blick auf die Strasse bezieht und trotzdem das Rauschen des Baches hört. Der Garten. Die Bäume. Singvögel. Ich freu mich darauf, dass ich im Frühling die Tulpen wachsen sehe. Die Krokusse. Im Sommer die Rosen. Dass ich Johannisbeerlikör machen werde. Grillieren auf der Terrasse. Eine neue Gartenbank vors Haus. Ich werde unser Haus öffnen. Das Haus ist nicht gemacht zur Einsamkeit.