Begegnungen

Wir waren uns lange nicht nahe, meine Mutter und ich.
Als Kind war sie mein Ein und Alles. Sie war die schönste Frau der Welt. Sie besass langes, dunkelbraunes Haar. Ich hätte mir nie vorstellen können, sie einfach zu verlieren.

Dabei verlor ich meine Mutter im September 1979. Ich war gerade zwei Jahre alt. Ich erinnere mich an ihre Schwangerschaft. Wie sie meinen Bruder in sich trug, wie sie mich immer wieder fröhlich dazu aufforderte, meinen Kopf an ihren prallen Bauch zu legen. Seltsam. Ich erinnere mich noch heute an die Tritte in ihrem Bauch. Es war für mich einziges Wunder. In meiner Mutter lebte ein Mensch. Irgendwann würde er ausserhalb ihres Bauches und mein Geschwisterchen sein.

Als er zur Welt kam, wurde ich von Omi gehütet. Die Stimmung war feierlich. Sie freute sich und ich vermute mal, sie wäre am liebsten selbst bei seiner Geburt dabei gewesen.

Die Geburt meines Bruders löste aber auch Angst in mir aus. Meine Mutter war einfach weg. Ich sehe noch heute die Wohnung vor mir. Ohne Mutter war sie leer.

Und dann war mein Bruder plötzlich tot.

Mit einem Mal war Omi wieder da. Sie lachte nicht mehr. Doch sie gab sich alle Mühe, mich nicht zu spüren zu lassen, dass für alle in der Familie eine Welt zusammen gebrochen war. Omi wurde mein Anker. Solange sie da war, brauchte ich keine Angst zu haben.

Ich sehe meine Mutter heute noch vor mir, wie sie in jenem dunkelgrün gekachelten Bad auf dem WC sitzt und heult. Ich kenne dieses Heulen. Es ging mir gleich, als sie starb.

Meine Mutter war damals 28 Jahre alt. Mein Bruder starb einige Tage nach ihrem Geburtstag. In diesem Jahr bin ich zehn Jahre älter als meine Mutter damals. Im Gegensatz zu ihr habe ich keine Kinder geboren. Aber mit schmerzlichem Verlust kenne ich mich bestens aus.

Meine Mutter zu verlieren, ihrem Sterben zuschauen zu müssen, hat mich geprägt. Mir schien 2007, als würden mindestens sieben Zwiebelhäute meiner Seele abgerissen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Omi jedoch war an meiner Seite. Wir hielten uns an den Händen, als ihre Tochter starb.

Doch ich denke vorwärts. Irgendwann geht Omi auch. Dann ist mein Fels gänzlich verschwunden.

Einer von tausend Toden

Ich wache am Bett. Am Abend zuvor hatte sie sich von mir verabschiedet. Wenn Menschen sterben, spüren sie, was sie noch brauchen. Meine Mutter hatte Spaghetti gegessen, mit ihrer Freundin geredet und mich angerufen. Am Ende sagte sie: Ich bin müde.

Ich werde ins Pflegeheim gerufen. Uschi liegt da. Ihr Atem geht schwer. Diese kochelnden Laute. Ich sehe ihr senfgelbes Gesicht. Wenn die Pflegenden sie umlagern, öffnet sie ihre riesigen, dunklen Augen und sieht mich an.

Hat sie Schmerzen, frage ich. Nein. Sie kriegt Morphium. Patientenverfügung. Meine Mutter. Immer einen Plan B.
Ich bin nicht darauf gefasst, sie sterben zu sehen.
Ich weiss nicht, wie ich bei ihr bleiben könnte.
Ich kann nicht gehen.

Während sie daliegt und stirbt, verstäte ich ihre Häkeldecke. Das hat sie immer gehasst. Also mache ich es für sie.
Wenn man dasitzt und Fäden vernäht, wird alles leichter. Mir kommen viele Dinge in den Sinn. Meine Kindheit. Ihre Umarmungen. Ihre Stimme, die ich nie wieder hören würde. Meine Hoffnung, dass sie noch einmal die Augen aufschlägt, etwas sagt. Der Tag vergeht langsam. Immer wieder gibt es Momente, an denen sie bereit scheint, loszulassen, es aber noch nicht kann. Ich warte.

Am Abend fahre ich nach Hause. Ich bin getrieben von Angst. Dass, wenn ich wieder zu ihr zurückkehre, meine Mutter bereits gegangen ist. Aber sie wartet auf mich. Ich nehme Platz in dem unbequemen Sessel. Warte. Sie atmet. Immer wieder Aussetzer. Ab und zu glaube ich eine Träne zu sehen. Vielleicht bilde ich es mir ein, denn meine eigenen Tränen fliessen unaufhörlich.

Dann wird es Abend. Ich habe keinen Hunger. Keinen Durst. Mir erscheint mit einem Mal alles endlos. Ich will nur noch, dass sie endlich stirbt, damit ich gehen kann. Die Luft im Pflegeheim ist trotz geöffneter Fenster schwer. Ich halte ihre Hand. Ich spüre, wie sie kälter wird. Wage nicht, ihr Gesicht zu berühren. Habe Angst, ich könnte sie beim Gehen stören. Zwischendurch nicke ich ein. Denke, vielleicht schläft sie dann auch. Ich muss es nur vormachen.

Immer wieder wache, schrecke ich auf. Ihr Kocheln. Sie blickt mit aufgerissenen Augen zur Decke. Dann schliessen sie sich. Der Atem geht langsamer.

Um fünf Uhr schrecke ich auf. Nachdem ich rund zwanzig Minuten am Stück geschlafen habe, wache ich von der Stille auf. Mutters Atem hat ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelt sie. Dann atmet sie weiter. Ich sitze fassungslos da. Schwitze. Weine. Krieche auf das Bett neben ihrem. Ich lege mich hin und halte ihre Hand. Dann werde ich müde. Sobald ich die Augen schliesse, habe ich Angst, einzuschlafen und sie loszulassen.

Da alle Sterbezimmer belegt sind, muss meine Mutter in einem Vierbettzimmer liegen. Wir hören Musik. Immer wieder setzt Mutters Atem aus. Es klingt für mich, als würde sie immer tiefer eintauchen, und das Auftauchen wäre eine Qual.
Ihre Hände werden kälter. Ich weiss, bald ist es soweit. Um viertel nach vier tut sie ihren letzten Atemzug. Aus ihren Augen treten gelbe Tränen. Ich öffne das Fenster. Draussen scheint die Sonne. Der Nebel ist verflogen.

Dieser Text ist im Ebook „Tausend Tode schreiben“ im Frohmann Verlag erschienen.

Ich habs getan!

Unsere Wohnung im Thurgau ist fast leer. Nur noch jene Möbel, die das Brockenhaus abholen wird und Geschirr stehen da.

Es hat mir wenig ausgemacht, mich von Dingen zu trennen, die ich nicht mehr brauche. Schwieriger sahs aus bei Gegenständen meiner Mutter, die ich aus Pflichtgefühl in der Wohnung herumstehen hatte.

Dazu muss ich folgendes sagen: ich hasse Clowns. Ich kann weiss geschminkte Gesichter nicht ausstehen. Meine Mutter aber liebte sie. Sie besass mehrere Clownpuppen, eine hässlicher als die andere.

Als sie starb, packte ich sie alle ein. Ich brachte es nicht übers Herz, sie wegzuschmeissen oder wegzugeben. Einige der Puppen habe ich Paula gebracht, aber auch sie konnte wenig damit anfangen und so kamen die Puppen wieder in meinen Besitz. Ich hab lange darüber nachgedacht, warum ich sie nicht wegschmeissen konnte.

Als meine Mutter starb, war ich im Schock. Ich wollte alles behalten, was mich an sie erinnerte. Am liebsten hätte ich ihren Geruch konserviert. Ihre Stimme aufgenommen. Fotos von ihrem Gesicht gemacht.

Stattdessen versuchte ich in Ehren zu halten, was sie mochte und verleugnete damit mich selber.

Gestern ging ich zum letzten Mal in meinen Estrich. Dort steht mein Kinderschrank. Er ist wackelig und fällt fast auseinander. Puppen und Clownfiguren habe ich dort aufbewahrt, damit ich sie in der Wohnung nicht mehr anschauen muss.

In einem Akt von Abschiednehmen vom Haus habe ich alles in einen Müllsack getan: die Puppen, Mutters Pullover, meine alte Servierschürze, eine Weste, die mir seit fünfzehn Jahren nicht mehr gefällt. Weg damit, dachte ich. In meinem neuen Leben ist kein Platz mehr dafür. Und damit meine ich nicht die Erinnerung an meine Mutter.

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Die Kindheit, Erich Kästner und ich

Mit acht Jahren erhielt ich von Opa Walter das Buch „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner geschenkt. Es hatte einen rot-goldenen Einband mit Zeichnungen drauf. Ich las es in einem Schnurz durch und habe doch gar nichts verstanden.

Doch dann sahen wir gemeinsam in der Toggenburger Stube Ruedi Walter in der Rolle des Millionärs. Ich war mit einem Mal sehr dankbar für das Buch.
Ich las „Das doppelte Lottchen“, „Das fliegende Klassenzimmer“ und schliesslich das mich prägende Buch „Als ich ein kleiner Junge war“.

Kästners Schreibweise hat mich angesprochen. Sein Spruch „Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr.“ hat mich sehr geprägt.

Meine Kindheit mag ich nicht vergessen. Aber ich mag sie in Ruhe verdauen. Die Samstagnachmittage mit meiner Mutter vor dem Fernseher werd ich nicht mehr los.

Elephants can remember

Nach einem anspruchsvollen Wochenenddienst am freien Tag ins Toggenburg zu fahren, kostete mich heute morgen früh etwas Überwindung.
Der Gedanke, dass wir Schlafzimmer und Saschas Büro fertig streichen, hat mich dann aber motiviert, aufzustehen. Das Wetter im Toggenburg war grandios. Blauer Himmel. Zarte Schneedecke vor dem Haus. Kein Thurgauischer Nebel. Kein Geruch von Rüben.

Der zweite Anstrich geht irgendwie leichter.
Das seltsame Minttürkis ist verschwunden. Weiss macht das alte Schlafzimmer zu einem neuen Raum, der sehr viel grösser scheint. Zum ersten Mal seit über dreissig Jahren ist er leer. Omas Kruzifix hat einen Abdruck an der Wand hinterlassen. Eine Art Schatten. Jetzt hängt das wunderschöne, traurige Kreuz im Pflegeheim über ihrem Bett.

Ich entrümple den hintersten Vorratsraum. Schachteln, zwei Strickmaschinen, weiteres uraltes, metallenes Zubehör kommt zum Vorschein. Dann zwei Liegestühle, einer davon aus den 50er oder 60ern. Ich bin begeistert. Ich kann mich nicht erinnern, jemals darin gesessen haben.

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Ich trage alles hinunter in den hintersten Keller, wo ich die Sommermöbel deponiert habe. Ich schleppe Teile des zerkleinerten Schranks nach unten. Eine Matratze. Weiteren Müll, den ich finde. Und dann ist der Vorraum vor unserem Schlafzimmer einfach leer.

Ich schiebe die Seitentüre des einen Estrichabteils zur Seite und erblicke den Elefanten aus Plüsch, auf dem ich als Kind so oft gesessen bin. Mit einem Mal fallen mir all die Fotos von mir ein, die sie von mir gemacht haben. Ich sehe zufrieden darauf aus. Ich muss knapp zweijährig gewesen sein. Meine Mutter lacht auf den Fotos und ist erkennbar schwanger. Mein Bruder. Keiner ahnt, dass Mutters Lächeln danach verschwinden wird.

Omi hat den Elefanten in eine Plastikfolie gehüllt, zugedeckt mit einer uralten, schön bestickten Decke, die voll grauem Staub ist. Omi hat nichts weggeschmissen. Nicht einmal meine Kindersachen. Dass ich jetzt hier so stehe und das sehe, berührt mich. Das Haus als Hort meiner unversehrten Kindheit? Omi nahm dies sehr ernst.

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Ich gehe zurück ins Schlafzimmer und putze die verschmutzten Fensterscheiben. Die Luft ist kühl und ich atme tief durch. Vor mir liegt die Krinau. Der Wald ist zugeschneit. Die Sonne scheint auf unser Haus.

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Weihnachten mit Omi Paula

Weihnachtszeit. Bis vor wenigen Jahren habe ich mich mit Omi in Wil, Frauenfeld oder Wattwil verabredet, um Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Omi Paula und ich konnten stundenlang durch den Manor, die EPA oder den ABM laufen.

Omi und ich besahen uns Haushaltsartikel, Kleider, Schmuck, Pflegeprodukte und Mercerie. Während wir shoppten, besprachen wir alle Probleme des Lebens. Omi bestand jeweils drauf, mir etwas zu schenken. Manchmal waren es Waschlappen in schönen Farben, Wollknäuel, eine CD. Ich schenkte Omi Blumen. Oder ein herziges Plüschtier. Dann redeten wir über Opa, meine Mutter, das Weltgeschehen und Omis Hausarzt.

Vielleicht ist deshalb seit Omis Demenzerkrankung Weihnachten nicht mehr das gleiche. Sie fehlt, obwohl sie da ist. Ohne ihr helles Lachen, ihren Gang in den schwarzen Hosen mit dem zu weiten grünen Mantel und ihrer Dauerwelle ist nichts mehr wie vorher. Omi ist ein anderer Mensch als früher. Ich kann nicht mehr einfach mit ihr herum tollen. Sie wird älter. Zwar ist sie noch immer neugierig wie ein kleines Kind, doch ich hätte Angst, mit ihr in einen grossen Laden zu gehen. Omi ist so zerbrechlich geworden.

Als meine Mutter starb, rückten Omi und ich näher zusammen. Nie wollte sie, dass ich sie verlasse. Ich ahnte nicht, dass das Vergessen sie heimsuchte. Dass alles langsam verschwand. Ich weiss nicht mal, wie sehr sie Angst hatte, alleine in dem Haus.

Ich habe dieses Jahr wenig Lust auf Weihnachtsdekoration. Vielleicht wird das nächstes Jahr im Toggenburg anders.

 

Einkaufen mit Omi

Unterwegs mit Omi 2011

Omi Berta in meinen Augen

Seit einigen Monaten spricht mich Omi Paula immer wieder als ihre Mamme an. Es ist seltsam, aber dieser Vergleich tut mir nicht weh. Das muss dran liegen, dass Paula und ihre Mamme Berta eine sehr enge Beziehung hatten.

Omi Berta habe ich leider nie kennenlernen dürfen. Sie starb einige Jahre vor meiner Geburt, ja sogar lange vor der Hochzeit meiner Eltern.

Sie muss eine besonders starke Frau gewesen sein. Sie hatte meinen Urgrossvater geheiratet, der als Verdingkind ennet des Ricken aufwuchs. Berta und ihr Mann hatten fünf Kinder: Bibi, Hadi, meine Oma Paula, Sepp und Hans. Sie waren eine sehr arme Familie und lebten am Rande der Stadt Wil in der alten Mühle.

Meine beiden Grosstanten und Omi Paula erzählten nur gutes von Berta. Anders als in jener Zeit üblich hat sie ihre Kinder nie geschlagen. Sie umsorgte die Familie, erst recht als mein Urgrossvater einen schweren Unfall hatte. Danach muss er schwer körperbehindert und Epileptiker gewesen sein.

Auch die Hirnhautentzündung meiner Oma Paula muss die Familie in arge Nöte gebracht haben. Berta muss grosse Ängste um ihre jüngste Tochter gelitten haben.

Berta war eine Frau mit einer rundlichen Figur und einem sehr lieben Gesicht. Auf allen Bildern strahlt sie. Sie hat freundliche Augen und und einen breiten Mund.

Auch für meine Mutter war sie jahrelang die wichtigste Bezugsperson, so wie Paula für mich. Die Trennung von Berta aufgrund des Umzugs von Wil nach Ebnat-Kappel hat meine Mutter in eine tiefe Krise gestürzt.

Dann wurde Omi Berta krank. Sie lag im Pflegeheim und wartete auf den Tod. Das war Ende der 60er Jahre kein schönes Sterben. Paula durfte schlussendlich nicht mal die letzten Momente an Bertas Bett verbringen. Das hat sie nie verwunden, solange sie sich daran erinnert hat. Sie hat sich immer für mich gefreut, dass es mir gelungen ist, bei meiner Mutter bis am Schluss zu bleiben. Sie sagte: „Das ist ein Geschenk, Kind.“

Vielleicht macht es mich darum glücklich, dass, wenn Paula in mein Gesicht blickt, ihre Mutter sieht und keine Angst und keine Trauer mehr verspürt.

Mutters bunte Bluse

Meine Mutter mochte meinen Kleiderstil nie.
Als ich noch ein Kind war, fand sie ihn zu jungenhaft. Androgyn war damals ein Ausdruck, den niemand im hintersten Thurgau gekannt hätte. Dann wurde ich zwanzig und ich trug schwarz. Rotes Haar. Raspelkurz. Sie mochte es nicht. Als ich einundzwanzig wurde, meinte sie lapidar, ich solle ihr ruhig meine Freundin vorstellen. Damit hätte sie kein Problem.

Die nächsten zehn Jahre schrammten wir modisch aneinander vorbei. Sie hat meinen Kleiderstil nicht gross mitbekommen. Die Tuniken nicht. Meinen Pagenschnitt. Die gefärbten Haare. Die T-Shirts in schwarz, grau und beige. Die schrecklichen Knickerbocker. Die Strümpfe.

Als meine Mutter 56 war und ich gerade mal dreissig, lebte ich meine erdfarbene Phase aus. Ich trug fürs Leben gerne braun und ocker und schwarz. Meine Mutter meinte nur: „ich bin noch nicht tot.“

Meine Mutter war ein bunter Mensch. Sie liebte Farben über alles. Rot. Blau. Türkis. Alles war ihres.

Mein Zugang zur Buntheit kam schleichend. Ich begann mit Ohrringen. Ich lieb sie noch heute. Klein. Unauffällig. Einfach.

Inzwischen bin auch ich bunter geworden. Ich trage Rot. Blau. Eidottergelb.

Heute räumte ich meinen Kleiderschrank. Mutters Bluse hing darin. Ich werd sie nie tragen können. Sie sieht bunt aus, etwa so, wie man sich ein Hemd von Magnum vorstellt, nur dass meine Mutter in ihrer weiblichen Figur darin Platz hatte.

Sieben Jahre habe ich die Bluse aufbewahrt.
Heute fragte ich mich: willst du die Bluse wirklich mit in dein Haus nehmen?
Zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr: Wo ist meine Mutter?

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Vor sieben Jahren um diese Zeit wachte ich an ihrem Bett. Am Abend zuvor hatte sie sich von mir verabschiedet. Ich mich aber nicht von ihr. Dabei hab ichs gespürt.

Wenn Menschen sterben, spüren sie offenbar, was sie noch brauchen. Meine Mutter hat ein letztes Mal Spaghetti gegessen, mit ihrer Freundin geredet und mich angerufen. Am Ende sagte sie: „Ich bin müde.“

Den 16. Oktober 2007 werd ich nicht mehr vergessen, solange ich lebe. Ich wurde von der Arbeit ins Pflegeheim gerufen. Uschi lag da. Ihr Atem ging furchtbar schwer. Manchmal, wenn ich Albträume habe, höre ich diese kochelnden Laute. Dieses Brodeln. Ich sehe ihr senfgelbes Gesicht. Wenn die Pflegenden sie umlagern, öffnet meine Mutter die Augen und sieht mich mit ihren riesigen dunklen Augen an.

Hat sie Schmerzen, frage ich. Nein. Sie kriegt Morphium. Hat sie sogar in der Patientenverfügung geschrieben. Meine Mutter. Immer einen Plan B.

Ich war nicht darauf gefasst, sie sterben zu sehen.
Es wirft alles über den Haufen.
Ich weiss nicht, wie ich es geschafft habe, bei ihr zu bleiben.
Ich konnte einfach nicht gehen.
Während sie so da lag und starb, habe ich angefangen, ihre Häkeldecke zu verstäten. Das hat sie nämlich gehasst. Also hab ich es für sie gemacht.

Wenn man so dasitzt und Fäden vernäht, wird alles leichter. Mir kamen so viele Dinge in den Sinn. Meine Kindheit. Ihre Umarmungen. Ihre sanfte Stimme, die ich nie wieder hören würde. Meine Hoffnung, dass sie noch einmal die Augen aufschlägt und was sagt.

Der Tag vergeht langsam. Immer wieder gibt es Momente, an denen sie offenbar bereit ist, loszulassen, aber es noch nicht ganz kann. Ich warte. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig.

Am Abend fahre ich kurz nach Hause. Ich bin getrieben von der Angst, dass wenn ich wieder zu ihr zurückkehre ins Heim, sie bereits gegangen ist. Meine Angst ist vergebens. Sie wartet auf mich.

Ich nehme Platz in einem unbequemen Sessel. Warte. Sie atmet. Immer wieder längere Atemaussetzer. Was wohl in ihr vorgehen mag? Lebt sie ihr Leben nochmals durch? Ab und zu glaube ich eine Träne zu sehen. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, denn meine eigenen Tränen fliessen unaufhaltsam.

Ich hätte nie gedacht, dass es derart weh tut, die Mutter zu verlieren. Omi Paula hatte mich vorgewarnt. Der Tod ihrer eigenen Mutter hat sie tief geprägt. Anders als ich konnte sie nicht an ihr Sterbebett eilen. Ihr Arbeitgeber hat sie nicht gehen lassen.

Dann wird es Abend. Ich habe keinen Hunger. Ich habe nicht einmal Durst. Mir erscheint mit einem Mal alles endlos. Meine Kräfte schwinden. Ich will nur noch, dass sie endlich stirbt, damit ich gehen kann. Die Luft im Pflegeheim ist trotz geöffneter Fenster schwer.

Ich wünsche mir an jenem Abend eine Umarmung. Wärme. Jemanden, der sich nur um mich kümmert. Der mich füttert. Mein Wunsch bleibt unerfüllt.

Ich halte ihre Hand. Ich spüre, wie ihr Hand kälter wird. Ich wage nicht, ihr Gesicht zu berühren. Habe Angst, ich könnte sie in jenem Prozess des Gehens stören. Zwischendurch schlafe ich ein. Ich denke, vielleicht schläft sie jetzt ja auch. Ich muss es nur vormachen.

Immer wieder wache, nein: schrecke ich auf. Ihr Kocheln. Sie blickt mit aufgerissenen Augen zur Decke. Dann schliesst sie sie wieder. Der Atem geht langsamer. Ich warte.

Mutters Herz

In zehn Tagen ist sie sieben Jahre tot. Mir scheint, als wäre es hundert Jahre her. Ich sehe heute jünger aus als damals. Der Gram hat mich krumm gemacht.

Wenn ich an ihrer Strasse vorbei fahre, schaue ich nicht mehr zu ihrem Fenster, ob sie dasteht und wartet. Ich weiss ja, dass sie nicht mehr ist.

Aber am Anfang war sie überall. Ihr Geruch, ihre Habseligkeiten, ihre Kleider. Alles lag in meiner Wohnung herum. Ich konnte nicht anders, als mich mit ihr zu befassen. Ich trug ihr Herz aus Gold an einer Kette, bis man sie mir stahl. Ich verfluche den Dieb noch heute.

Die kurze Zeit, die uns beschieden war, brachte mich näher zu ihr hin. Ich begann zu überlegen, warum sie zu dem geworden ist, was sie war. Ich war gezwungen, mein eigenes Leben zu sezieren, wollte ich nicht so enden wie sie.

Ich hab ihr nie erzählt, warum ich keine Kinder habe. Der Frage bin ich immer elegant ausgewichen. Sie hat nie gefragt, warum ich ein Jahr vor ihrem Tod krank war. Die Sache mit der Weiblichkeit ist ein Lug. Man kann Brüste und ein breites Becken haben und trotzdem unfähig sein, ein Kind zu kriegen.

Ich bin nicht neidisch auf die, die Kinder haben. Ich freu mich für sie. Ich will nur mein eigenes Ding. Mein Haus. Das Schreiben. Freiheit. Glück. Ich bin meine eigene Herrin.

Ich wünschte mir, sie würde noch leben und mich in meinem baldigen Haus besuchen. Wir würden uns natürlich streiten. Aber ich wäre froh um sie. Ich vermisse sie.