Am Morgen

Ich sitze neben ihr. Sie atmet unregelmässig. Immer wieder stockt ihr Atem. Ihr Herz jedoch schlägt unermüdlich. Ich bin zu müde zum Weinen. Draussen steht mein Auto auf dem Parkplatz und ich sollte Münzen einwerfen gehen. Es erscheint mir seltsam, jetzt aufzustehen und etwas derart Sinnloses zu tun, damit ich keine Busse kriege.

Ich habe Angst, dass es an mir liegt, dass sie nicht sterben kann. Ich fühle mich unsagbar einsam. Ein paar Meter vom Pflegeheim weg liegt das Spital, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hat. Ich frage mich, ob sie bei meiner Geburt auch einsam war. Ob das einfach dazu gehört, dieses Gefühl vollständiger Verlorenheit bei endgültigen Abschieden.

Sie wird von den Pflegenden umgelagert. Ich hoffe irgendwie, dass sie aufwacht und noch etwas letztes zu mir sagt. Dabei ist alles gesagt. Ihr Weg ist nicht meiner.
Ich lege mich auf das Bett neben ihrem. Die Pflegenden haben es neben sie geschoben, damit ich ihr nahe sein kann. Das Sterbezimmer ist leider schon belegt. Die Bettwäsche ist unverschämt bunt. Die Wände des Zimmers sind hölzern. Nie hätte ich gedacht, dass es sich so anfühlt.

Draussen lichtet sich der dichte Nebel. Es wird ein schöner Tag werden, so denke ich. Die Sonne scheint zärtlich. Ich aber sitze hier drinnen. Die Luft ist schwer. Mittags kriege ich ihr Essen. Dabei habe ich keinen Hunger und keinen Durst mehr.

Ich sitze da und wünsche mir ihren Tod. Wünsche mir, dass sie weiter lebt. Dass ich nochmals Kind und sie wieder Mutter ist. Denke darüber nach, was noch kommen wird. Was sie niemals erleben wird, aber ich schon. Ich denke darüber nach, was sie erlebt hat und ich nie erfahren werde. Es gleicht sich wohl aus.

Ich werde immer müder. Schlafe ein. Schrecke auf.
Bin besoffen vor Schlaflosigkeit und Tränen.
Noch ist sie da. Noch kann sie mich hören. Ich flüstere, denn ich will sie nicht erschrecken, nicht stören. Ich verspüre den Wunsch, sie zu umarmen und schaffe es doch nur, ihre Hände zu streicheln. Ich sehe sie an und entdecke mich in ihr.
Wir gleichen uns.
Wir werden uns geglichen haben.

Endlich!

Eigentlich hatte ich am 10. Juli, dem offiziellen Erscheinungstermin geplant, Omi besuchen zu gehen und ihr „unser“ Buch zu bringen. Aber es kam alles etwas anders als geplant. Meine Hauptangst seit einem Jahr bestand darin, dass Omi das Erscheinen des Buchs schlicht und einfach nicht erlebt. Aber Omi hielt durch. Dass ich dann kurzfristig an „meinem“ Tag arbeiten gehen musste, gefiel mir gar nicht. Aber nun denn.

So ging ich heute, an meinem ersten Ferientag zu ihr.
Ich war aufgeregt. Natürlich hatte ich ihr immer wieder vom Buch erzählt, doch ich konnte nicht sicher sein, ob sie es wirklich versteht.

Und nun ging ich heute bei ihr vorbei und überreichte ihr das Buch. Omi lächelte. Sie freute sich über meinen Besuch, auch wenn sie nicht wusste, wer ich bin. Sie sagte nur: „Ihr gehört zu mir.“ Das stimmt ja auch. Omi strich über die Seiten des Buches. Das Umschlagbild gefiel ihr. Sie konnte nur mehr schwer lesen. Die falsche Brille. Das musste es sein.

Im Gemeinschaftsraum lief derweil ein Interview auf SRF. Carla del Ponte und Stephan Klapproth diskutierten miteinander. Ich bemerkte, dass Omi plötzlich Grimassen schnitt.
„Was ist denn los?“, fragte ich.
Ich drehte mich um und schaute auf den Bildschirm. Omi imitierte Carla und zwar so, dass ich einen Lachanfall bekam. Ich umarmte Omi.
Omi aber lächelte mich an und sagte: „Gell, die ist eine komische!“

Ab in die Mulde

Das Haus unserer Nachbarin wird seit Montag geräumt. Es ist nur schwer erträglich, Zeuge zu sein, wie ihr Besitz in der Mulde landet. Ein ganzes Leben hat Platz in einem Container. Es ist zudem belastend, dass die Mulde noch immer da steht, selbst wenn an ihrem Haus interessierte Leute vorbei kommen.

Es erinnert mich sehr an die Räumung der Wohnung meiner Mutter. Nur hatte ich da kein Geld für eine Mulde. Ich trug Migros-Tüte für Migros-Tüte die vielen Treppen hinunter in mein Auto.

Ich wusste genau, wenn das Sozialamt die Wohnung räumt, dann darf ich nichts behalten. Meine Mutter bat mich, ihre Sachen aufzubewahren. „Für später“, sagte sie. Welches Später meinte sie wohl? Wir wussten beide, dass sie nicht mehr lange lebt.

So schleppte ich ihren Besitz in meinen Keller. Sie starb wenige Tage, nachdem ich ihre Wohnung geräumt, geputzt und dem Vermieter übergeben hatte.

Mit Omis Sachen war es zum Glück anders. Omi vergass langsam, was sie besass. Ich brauchte ihre Kleider nicht zu entsorgen, denn sie hatte sie ja mitgenommen ins Pflegeheim.

Ich bin umgeben von ihren Dingen, ihren Fotos. Und manchmal hab ich das Gefühl, dass ich sie so nicht ganz verloren habe.

Nachtrag: So lange die Mulde da steht, kommen wir mit dem Auto nicht mehr bis zum Haus.

Die wilde 87

Paula freute sich, als sie uns sah.
„Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr“, sagte sie. Fast wie früher, nur dass sie nicht mehr weiss, wer wir sind. Sascha und ich setzen uns hin. Sie fragt, wie die Fahrt war. Und wo unsere Kinder sind.

Ich schalte schnell. Heute bin ich wohl Ursle, ihre Tochter und meine Mutter. Ich gebe ihr das Geschenk. Aber Geschenke sind nicht mehr wichtig. Viel schöner ist es für sie, dass wir da sind.
„Wie fühlst du dich?“, frage ich. „Wie 51“, antwortet Paula und strahlt mich schelmisch an. Als Paula 51 Jahre alt war, war ich gerade zwei. Wir stossen mit Mineralwasser an.

Paula redet wie ein Wasserfall. Dann gibt es Suppe. Paula weiss nicht mehr, wie sie den Löffel benutzen soll. Ich gebe ihr ein. Nur wenig. Damit sie sich nicht den Mund verbrüht. Sie redet. Dann kriegt sie Schluckauf.
Wir legen eine Pause ein. Meine Suppe ist währenddessen kalt, schmeckt aber prima. Dann gibt es Salat. Omi isst einige Bissen und amüsiert sich köstlich über mich.

Schliesslich gibt es Knöpfli, Poulet und Bohnen. Ich zerschneide es ein wenig. Dann fängt Omi selber an zu essen. Sie lässt sich Zeit. Geniesst es. Zwischendurch strahlt sie und bietet mir von ihrem Teller etwas an. Sie spiesst die zerschnittenen Bohnen auf, klaubt mit den Fingern Knöpfli und steckt sie sich genüsslich in den Mund.
Omi singt einige Kinderlieder. Dann erfindet sie noch rasch eine Strophe, die ich hier aufgrund der Ausdrücke, die sie verwendet hat, nicht wiedergeben kann.

Dann wird Omi müde. Sie lehnt sich etwas zurück und schliesst die Augen. Ich spüre, dass sie fix und fertig ist. Es gibt aber noch Dessert und Kaffee. Omi aber will schlafen gehen. Und aufs Klo.
Ich verhandle mit der Hauswirtschaftsmitarbeiterin, dass Omi ihr Stück Erdbeertorte am Abend kriegt. Wir warten auf die Pflegende, die Omi ins Bett bringen soll. Omi schaut mich an, berührt mich mein Gesicht und streichelt es.

„Du hast wirklich einen schönen Kopf. Den könnte ich immer ansehen“.

Ich lächle. Streichle ihre sehr alten Hände. Dann kommt die Pflegende, die Omi ins Zimmer bringt. Omi schläft tatsächlich immer um diese Zeit. Wir verabschieden uns.

Frühling im Toggenburg

Nach fast zehn Tagen Krankheit bin ich heute zum ersten Mal wieder zur Arbeit gefahren. Es ist schon unglaublich, was 200 Meter Höhenunterschied zwischen Toggenburg und Thurgau bewirken!

Während bei uns hier oben die Natur erst langsam erwacht, blühen im Thurgau bereits Magnolien und Löwenzähne. Hier oben leuchten die Primeln in allen Farben, so wie früher, als ich noch ein Kind war. Dieses Jahr hab ich das Gefühl, sie sind schöner als je zuvor.

Jetzt ist es schön warm und sonnig auf unserer Terrasse. Ich möchte mich hinlegen und mich sonnen. Ich fühle mich gut.

Dann ein Anruf von Omis Pflegeheim. In drei Wochen hat sie Geburtstag. Ich weiss. Ich hab ja extra Ferien genommen. Wir reden über Omis Zustand. Sie ist oft müde. Sie kann praktisch nicht mehr alleine essen.

Essen eingeben ist nicht so einfach, wie es vielleicht aussehen mag. Man muss sich auf den Essenden einstellen. Alte Menschen kauen vielleicht lange oder gar nicht. Verschlucken sich. Oder können gar nicht aufhören zu essen. Essen eingeben ist eine äusserst intime Sache. Es gehört sehr viel Vertrauen dazu.

Dann gebe ich ihr am Geburtstag also das Essen ein, wenn sie mag. Ich muss an ein Bild von mir und Omi denken. Ich war noch ganz klein. Sie hat mich mit einem Schaumkuss gefüttert und dabei gelacht.

 

zora sofa omi

 

zora isst Schokoküsse

Meine Welt, deine Welt

Gespräche mit Omi sind selten linear. Heute war ein Tag, an dem sie sehr viel sprach, mitten im Satz abbrach und eine neue Geschichte zu erzählen begann.

Sie schaut fern. Eine Tiersendung läuft. Sie liebt Tiere und redet mit ihnen. Bären in Alaska, die Zebrafinken im Käfig oder die Heimkatze, für alle hat sie ein liebes Wort. Büsibüsi, miezmiez, Biepsli und brummbrumm. Sie lächelt.

Ein Gespräch ist schwierig. Es geht ihr gut, soweit ist es klar. Sie isst kleine Fruchtstücke aus einem Tellerchen, der auf ihrem Rollator steht. Ihr Blick geht an uns vorbei auf den Fernseher.

Wir reden über Ostern.
„Ostern?“, fragt sie, „ist das auch schon wieder?“.
Ich nickte.
Sie redet über einen Chef, einen Menschen, der längst tot ist. Dann spricht sie von kleinen Kindern, wohl weil im Fernseher gerade ein kleines Kind zu sehen ist.

Nach einer Viertelstunde verabschieden wir uns. Omi ist mit sich selbst beschäftigt. Wir stehen auf und versorgen unsere Stühle wieder. Eine Mitarbeiterin des Pflegeheims sieht uns und meint: „Sie können sich im Fall schon hinsetzen.“
Ich winke ab.
„Schon gut. Heute ist kein Tag für Besuch.“
Omi zuckt die Schultern.
Die Pflegende findet es schade.
„Jetzt haben Sie extra Besuch gekriegt, Frau X.“
„Wir kommen wieder“, sage ich zu beiden, „wir wohnen ja jetzt im Nachbardorf.“
„Das ist schön, dann mussten Sie jetzt nicht extra lange fahren.“
Ich schüttle den Kopf.
„Kein Problem.“

Die Stobete

Heute habe ich endlich das gemacht, was ich mir seit langem gewünscht habe: nach Feierabend einfach so Paula besuchen.

Nach dem ganzen Zügelstress und der Grippe fand ich heute endlich Zeit, bei ihr vorbei zu schauen. Wir kamen in einem guten Moment.

Paula sass breit grinsend vor einem Milchkaffee und hörte drei Männern beim Musizieren zu. Die gemütliche Ländlermusik schien Paula und die anderen Bewohner im Esssaal sehr zu erfreuen. Die einen sassen interessiert da, einige andere schliefen friedlich. Paula jedoch lächelte und klopfte den Takt zur Musik mit.

Omi erschrickt, als ich sie begrüsse und ihren Rücken berühre. Ich vergesse für einen Moment, dass ich in ihrer Welt nicht mehr einfach so existiere. Wir küssen uns kurz. Die Begrüssungen sind nicht mehr wie früher.

Ich setze mich hin und wir reden kurz, doch Omi ruft nach der Pflegenden. Sie sagt: „là-haut!“ und zeigt mit dem gichtigen Zeigefinger nach oben. Die junge Frau nickt wissend und hilft ihr aufzustehen. Sie begleitet sie auf die Toilette im oberen Stock. Ich bin erstaunt, weil Omi nie Französisch gelernt hat.
Nach zehn Minuten kehrt Omi winkend und grinsend zurück und wirkt so, als käme sie gerade von einer Weltreise. Sie freut sich, als sie mich sieht, begrüsst mich, Sascha und auch die etwas verkniffen aussehende Tischnachbarin erneut.

Die Tischnachbarin findet die Begrüssung nicht so nett und knurrt Omi zu: „Ich bi dänn im Fall scho vorher do gsi!“*
Omi lächelt ihr freundlichstes Omi-Lächeln und meint:
„Da han ich dänk scho gwüsst. Han nu well bsunders fründlech mit dir si!“**

Die Musik spielt weiter auf. Mit einem Mal kann ich mir genau vorstellen, wie Omi Paula als junges Mädchen war. Das Klatschen fällt Omi heute schwer. Ihre gichtigen Hände sind lautlos geworden.

Ich habe Omi einen Strauss gelber Tulpen mitgebracht. Lieber hätte ich ihr rote Nelken geschenkt, denn das sind ihre Lieblingsblumen. Omi schaut zuerst auf die die Blumen, dann blickt sie mich mit ihren grauen Augen an und sagt: „Schad, dass da Mamme nöd gseh chan.“***

* „Ich war im Fall vorher schon da!“
** „Das weiss ich doch. Ich wollte nur besonders freundlich zu dir sein!“
*** „Schade, dass meine Mutter das nicht sehen kann.“

Samichlaus-Freuden

Mit dem Auto voller Bücher und meiner Stoffsammlung fuhren wir heute ins Toggenburg. Die Temperaturen sind weiter gefallen. Der erste Schnee liegt in der Luft. Mir ist kalt. Das Haus ist seltsam warm. Es ist heimelig. Die bereits entsorgten Möbel schaffen Platz.

Wir räumen die Bücher ins Gästezimmer. Die Möbel für den Sperrmüll kommen in den Keller. Opas alter Schreibtisch muss dran glauben. Ich zersäge ihn. Das alte Kinderbett bleibt stehen. Vielleicht kann ich es verschenken. Der riesige Schrank muss ebenfalls warten. Der Platz im Keller ist ausgegangen. Bald ist wieder eine Ladung Sperrmüll fällig.

In meinem zukünftigen Büro, Opas und Uropas alter Werkstatt erwartet uns ein Bild des Schreckens. Der beseitigt geglaubte Schimmel beim alten Fenster ist zurück. Es ist zum K*****.

Doch dann fahren wir ins Pflegeheim. Jetzt, wo ich weniger huste, kann ich mich hinwagen, ohne Omi Paula zu verstören.

Wir kommen gerade richtig. Omi wartet mit den anderen Bewohnern des Heims auf den Samichlaus. Wir trinken Kaffee miteinander. Omi Paula stellt mich der Pflegenden als ihre Mamme vor.

Als ich frage: „Gell, ich gleiche deiner Mamme?“, entgegnet Paula strahlend: „Ja. Das tust du. Schön, dass du wieder zugenommen hast. Das steht dir gut.“

Der nächsten Pflegenden stellt sie mich als ihre Schwester vor, der übernächsten als ihre Tochter. Es verletzt mich nicht mehr. Unsere Nähe scheint keine Bezeichnung zu brauchen. Ich sitze da und höre ihr zu. Sie sucht immer wieder nach den richtigen Worten. Ich gebe mir Mühe, ihre Sätze nicht zu vollenden.

Ich erzähle ihr, dass ich ins Haus ziehe. Sie freut sich. Riesig. Sie äussert ihre Sorge, dass ich mich überanstrengen könnte. Der Winter ist so hart. Der Stich ins Haus so steil. Nach einigen Minuten wird mir klar, dass wir nicht vom selben Haus sprechen. Sie denkt, ich ziehe in ihr Elternhaus, der alten Mühle in Wil. Wir belassen es dabei. Sie freut sich aber, wenn ich öfters zu Besuch komme.

Sie isst Kuchen von Hand. Genüsslich. Sie lebt völlig im Moment und geniesst jeden Bissen. Es ist ihr egal, dass ihr Krumen auf den Pullover fallen. Sie pickt sie elegant mit ihren Fingern wieder weg.

Als wir schliesslich wieder gehen müssen, ich will ja schliesslich die alten Menschen nicht in ihrer Samichlaus-Freude stören, lässt mich Paula fast nicht gehen. Wir begleiten sie an ihren Tisch zu den anderen, doch sie will mir nachgehen und mich nochmals umarmen. Nochmals winken.

Mit einem Mal wird mir klar, dass sich trotz Demenz rein gar nichts verändert hat. Es ist so wie früher. Ich gehe, sie winkt. Paula lächelt mich an. Ihr Blick verheisst: komm wieder und vergiss mich nicht.

Zwei Jahre

Zwei Jahre ist es jetzt her, seit Paula aus ihrem Haus im Toggenburg ins Pflegeheim gezogen ist. Die Zeit verrinnt einfach so zwischen unseren Händen.

Paula leidet nicht mehr. Es geht ihr gut. Sie wird verwöhnt und man zeigt ihr jeden Tag aufs Neue, dass man sie gern hat. Die Pflegenden sind wirklich wunderbar. Als Angehörige habe ich das beruhigende Gefühl, dass Omi Paula einen guten Heimplatz hat.

Wenn ich dran denke, wie es mir vor zwei Jahren ging, bemerke ich, dass ich mich verändert habe. Ich grenze mich heute mehr ab. Ich sage meine Meinung, auch wenn sie anderen nicht passt. Das Haus gibt mir Kraft. Ich habe ein Ziel. Ohne Ziel wäre ich unglücklich.

Was mir zu schaffen macht, ist, dass der Hauskauf so langsam vonstatten geht. Alles geht langsam und ich bemerke, dass Geduld nun wirklich nicht meine Stärke ist. Dauerhaftes Warten zermürbt mich.

Ich habe einen grossen Teil von Paulas Haus geräumt. Lange konnte ich das nicht. Es war, als müsste alles so bleiben, wie es ist. Nun sehe ich klarer. Ich weiss, wovon ich mich trennen muss und will. Ich will dem Haus neues Leben einhauchen. Der Keller, mein zukünftiges Büro ist entschimmelt. Jetzt muss ich nur noch die sperrigen Möbel wegtun.

Paula weiss davon nichts. Oder besser: es ist unwichtig geworden für sie. Sie sitzt in ihrem Fernsehsessel, schaut fern, redet mit ihrem Mitbewohnern und freut sich, wenn ich komme. Auch wenn sie oftmals nicht mehr weiss, dass ich ihre Enkelin bin, erkennt sie mich doch.

Sie wirkt zerbrechlicher, so wie sehr alte Menschen nun mal sind. Noch immer ist sie ein Mensch, der Zärtlichkeit mag und braucht. Eine Umarmung, ein Kuss, ein Festdrücken ist ein Muss.

Ihre Augen leuchten noch immer schelmisch. Auch ihren wunderbaren Humor hat sie wiedergefunden. Sie erinnert mich dabei sehr oft an Uschi, meine Mutter. Omi ist kindlich, ohne kindisch zu sein. Sie ist weise, ohne es zu wissen.

mit-sterben

Vor sieben Jahren um diese Zeit wachte ich an ihrem Bett. Am Abend zuvor hatte sie sich von mir verabschiedet. Ich mich aber nicht von ihr. Dabei hab ichs gespürt.

Wenn Menschen sterben, spüren sie offenbar, was sie noch brauchen. Meine Mutter hat ein letztes Mal Spaghetti gegessen, mit ihrer Freundin geredet und mich angerufen. Am Ende sagte sie: „Ich bin müde.“

Den 16. Oktober 2007 werd ich nicht mehr vergessen, solange ich lebe. Ich wurde von der Arbeit ins Pflegeheim gerufen. Uschi lag da. Ihr Atem ging furchtbar schwer. Manchmal, wenn ich Albträume habe, höre ich diese kochelnden Laute. Dieses Brodeln. Ich sehe ihr senfgelbes Gesicht. Wenn die Pflegenden sie umlagern, öffnet meine Mutter die Augen und sieht mich mit ihren riesigen dunklen Augen an.

Hat sie Schmerzen, frage ich. Nein. Sie kriegt Morphium. Hat sie sogar in der Patientenverfügung geschrieben. Meine Mutter. Immer einen Plan B.

Ich war nicht darauf gefasst, sie sterben zu sehen.
Es wirft alles über den Haufen.
Ich weiss nicht, wie ich es geschafft habe, bei ihr zu bleiben.
Ich konnte einfach nicht gehen.
Während sie so da lag und starb, habe ich angefangen, ihre Häkeldecke zu verstäten. Das hat sie nämlich gehasst. Also hab ich es für sie gemacht.

Wenn man so dasitzt und Fäden vernäht, wird alles leichter. Mir kamen so viele Dinge in den Sinn. Meine Kindheit. Ihre Umarmungen. Ihre sanfte Stimme, die ich nie wieder hören würde. Meine Hoffnung, dass sie noch einmal die Augen aufschlägt und was sagt.

Der Tag vergeht langsam. Immer wieder gibt es Momente, an denen sie offenbar bereit ist, loszulassen, aber es noch nicht ganz kann. Ich warte. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig.

Am Abend fahre ich kurz nach Hause. Ich bin getrieben von der Angst, dass wenn ich wieder zu ihr zurückkehre ins Heim, sie bereits gegangen ist. Meine Angst ist vergebens. Sie wartet auf mich.

Ich nehme Platz in einem unbequemen Sessel. Warte. Sie atmet. Immer wieder längere Atemaussetzer. Was wohl in ihr vorgehen mag? Lebt sie ihr Leben nochmals durch? Ab und zu glaube ich eine Träne zu sehen. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, denn meine eigenen Tränen fliessen unaufhaltsam.

Ich hätte nie gedacht, dass es derart weh tut, die Mutter zu verlieren. Omi Paula hatte mich vorgewarnt. Der Tod ihrer eigenen Mutter hat sie tief geprägt. Anders als ich konnte sie nicht an ihr Sterbebett eilen. Ihr Arbeitgeber hat sie nicht gehen lassen.

Dann wird es Abend. Ich habe keinen Hunger. Ich habe nicht einmal Durst. Mir erscheint mit einem Mal alles endlos. Meine Kräfte schwinden. Ich will nur noch, dass sie endlich stirbt, damit ich gehen kann. Die Luft im Pflegeheim ist trotz geöffneter Fenster schwer.

Ich wünsche mir an jenem Abend eine Umarmung. Wärme. Jemanden, der sich nur um mich kümmert. Der mich füttert. Mein Wunsch bleibt unerfüllt.

Ich halte ihre Hand. Ich spüre, wie ihr Hand kälter wird. Ich wage nicht, ihr Gesicht zu berühren. Habe Angst, ich könnte sie in jenem Prozess des Gehens stören. Zwischendurch schlafe ich ein. Ich denke, vielleicht schläft sie jetzt ja auch. Ich muss es nur vormachen.

Immer wieder wache, nein: schrecke ich auf. Ihr Kocheln. Sie blickt mit aufgerissenen Augen zur Decke. Dann schliesst sie sie wieder. Der Atem geht langsamer. Ich warte.