Schreibe.

Als ich nach Omis Tod ihre Sachen sortieren musste, fiel mir eine Kiste in die Hände.
Darin befanden sich Briefe und Postkarten, die ich Omi in den letzten Jahren geschrieben habe.
Es hat mich sehr berührt, dass sie alles von mir aufbewahrt hat.

Meine Kinderzeichnungen. Meine ersten Versuche als Schriftstellerin.
Ich war gerade mal sechs Jahre alt und schrieb mir die Buchstaben von der Seele.
Omi hat sich immer darüber gefreut und bestärkte mich darin, weiter zu machen.

Beim Durchschauen der Briefe und Karten entdecke ich mein eigenes Leben wieder.
Auf Ferienreisen oder Tagesausflügen schrieb ich Omi einige Zeilen.
Wenn ich irgendwo eine Postkarte mit einem Appenzeller Sennenhund sah, musste ich sie kaufen und sofort an Omi schicken. Omi liebte Hunde.

Auch ich habe Omis Briefe aufbewahrt.
Sie liebte es, auf kariertes Papier zu schreiben. Ihre Schrift war zart und edel.
Sie berichtete mir jeweils, wie es Opa und dem Hund ging.
Das tat sie auch lange nach deren Tod.

Beim Aufräumen im Haus entdeckte ich vor einigen Jahren einen Brief, den sie an meine Mutter geschrieben hat. Sie verfasste ihn wenige Tage nach dem Tod meines Bruders. Sie flehte meine Mutter darin an, nicht ihr Leben wegzuwerfen. Ich weiss nicht, ob meine Mutter diesen Brief je erhalten hat.

Nach Opas Tod schickte ich Omi jeden Freitag einen Brief oder eine Karte mit A-Post, damit sie am Samstag etwas Nettes zu lesen hat.
Dank der Unzuverlässigkeit der Post, manchmal kamen die Briefe am Mittwoch an, hörten wir irgendwann mit diesem Ritual auf.

Jetzt, wo Omi ist nicht mehr da ist, fehlt mir das Schreiben von Hand noch mehr als früher.
Dass ich die Dankesbriefe an die Trauergemeinde von Hand schreiben konnte, war befreiend.

Ich weiss nicht, ob Omi in ihren letzten Lebensjahren noch lesen konnte.
Aber das war mir egal.
Schreiben ist etwas, das man nicht nur mit den Händen tut und mit den Augen sieht.
Es ist Sprechen mit dem Herzen.
Der kurze Gedanke an den lieben Menschen ist wie eine Umarmung.
Sie ist zeitlos.

Winterbach

Ich mag den blauen Himmel und die schneebedeckten Hügel des Toggenburgs.
Gestern waren wir in der Migros Wattwil einkaufen. Omi und ich waren oft dort. Sie liebte Einkaufen. Der Laden hat sich verändert, seit ich mit Omi da war. Es ist alles moderner geworden und manchmal denke: Omi, da wärst du nicht mehr klar gekommen.

Wenn ich am Joghurt-Regal vorbei laufe, lächle ich. Himbeer-Joghurts hat sie so sehr geliebt. Und Milchschnitten. Für einen Moment lang will ich danach greifen. Ich denke, das bringe ich nachher mit. Das kann sie gut beissen.

Dann fährt es mir in den Kopf: sie ist nicht mehr.

Als wir aus der Tiefgarage fahren, ist mein erster Impuls, links abzubiegen. In Ebnat-Kappel hat Omi die letzten Jahre verbracht. „Schnell bei Omi vorbei schauen“, denke ich.

Es tut weh, wenn einem bewusst wird, dass ein Kapitel des eigenen Lebens unwiderruflich abgeschlossen ist. Nie mehr Omi im Pflegeheim besuchen. Keine Umarmung mehr.

Im Alltag fehlt sie mir sehr, auch wenn wir nicht mehr so viel Zeit miteinander verbracht haben wie während meiner Kindheit. So vieles erinnert mich an sie. Der Zug. Die Läden. Die Strassen.

Der Bach neben unserem Haus friert langsam zu. Es ist ein seltsames Schauen. Ich denke: gell, Omi, es war dir einfach zu kalt. Aber irgendwann blühen wieder die Rosen und der Schnee macht dem hellen Grün der Wiese Platz.

Alles ist anders

Vor vier Jahren um diese Zeit steckten wir mitten in den Vorbereitungen für Omi Paulas Eintritt ins Pflegeheim. Es war unglaublich emotional, und mehr als einmal dachte ich, wir schaffen das nicht. Ich hatte Angst, dass ihr im Haus was passiert. Dass sie überfallen wird. Dass sie sich nicht mehr wehren kann und ich spät komme.

Mehr als einmal träumte ich, wie ich in meinem Auto zu ihr hinfahre und nicht vom Fleck komme. Wie ich an der Haustür klingle und sie nicht öffnet. Wie ich ums Haus herum renne und nicht zu ihr reinkomme. Wie ich draussen stehe und langsam verzweifle.

Omi hat immer wieder erwähnt, dass sie nicht mehr leben will. Dass sie hofft, dass der Herrgott sie zu sich holt und sie all das hier nicht mehr ertragen muss. Ich wusste darauf nichts zu entgegnen. Ihre Verzweiflung war auch meine.

Mein damaliges Gefühl glich jenem von 2007, als meine Mutter vom Spital ins Pflegeheim verschoben wurde. Meine Mutter war gerade 56 Jahre alt geworden. Kein Fall fürs Altenheim und trotzdem am Übergang zwischen Leben und Tod. Omi hingegen war lebensfroh, trotz Demenz, trotz Trauer und trotz Lebenszweifeln.

Ich kannte ja all jene Geschichten von Menschen, die ins Heim gehen und dann einfach schnell sterben. Ich wollte Omi nicht verlieren. Nicht jetzt. Nicht so. Ich wollte doch nur, dass sie zufrieden und behütet leben konnte.

Vier Jahre später ist alles anders.
Omi lebt in ihrem Pflegeheim, wird geliebt und behütet, so wie sie es sich immer erträumt hat. Sie hat mir sehr oft von ihrer Mutter, Omi Berti erzählt, die weich und zärtlich war und immer nur gute Worte hatte. In Omi Paulas jetziger Phase der Demenz wirkt sie so, als würde sie genau das dank der Pflegenden erleben, die sich so liebevoll um sie kümmern.

Die Rollen haben sich weiter gewandelt. Ich lebe im Haus und empfinde nun nach, wie es Omi all die Jahre hier ergangen ist zwischen all den Erinnerungen, alten Möbeln, Büchern und Werkzeugen. Anders als Omi habe ich die Freiheit mich von den Dingen zu trennen, die mich belasten, die mir nicht gefallen und die ich nicht mehr um mich haben will.

Alles ist anders. Alles ist gleich.

Vom Trost der Photographie

Beim Aufräumen meines Ateliers stiess ich auf einen grossen grauen Karton, der in Sütterlinschrift angeschrieben ist. Darin enthalten sind die Fotos meiner Uroma Röös und meines Urgrossvaters Henri.

Henri und Röös haben vor bald 60 Jahren dieses Haus hier, wo ich heute leben darf, gekauft. Die Fotos in der Kiste aber sind sehr viel älter. Sie zeugen von Röös bewegtem Leben. Da sind Bilder aus den 1920er, 1930er und 1940er Jahren, Fotos von Hochzeiten in Schwarz, sinnliche Portraits junger Frauen und Männer, Eindrücke aus dem Leben zwischen zwei Weltkriegen.

Röös und Henri

wp-1470128328176.jpg

Einerseits finde ich sehr viele Fotos aus dem Toggenburg, Röös‘ Familie stammte ebenfalls von hier. Ich erkenne die alten Häuser, die Landschaften und die Kleidung der Menschen von hier. Es sind Zeugnisse, wie einfach die Menschen damals lebten. Woran sie sich freuten, was sie liebten und in Erinnerung behalten wolten. So finde ich Bilder kleiner Kinder, junger Hunde, Liebespaaren, von Menschen auf dem Totenbett und von Beerdigungen.
Ich stosse auf Bilder aus Deutschland. Brandenburg. Spreewald. Und auf Margherita.

Margeritha

Margherita, Röös‘ Tochter aus erster Ehe lebte dort all die Jahre seit dem Krieg. Zwischen Mutter und Tochter bestanden tiefe Bande, getrennt durch die Mauer. Margerita sandte ihrer Mutter immer wieder Fotos, auf deren Rückseite sie bewegende kleine Gedichte schrieb. Sie drückt darin ihre Liebe und die Sehnsucht nach ihrer Mutter aus.

Zeilen der Liebe

Margherita ist gemeinsam mit Röös aus Italien in den Osten geflüchtet. Nach dem Krieg kehrte Röös ohne ihre Kinder zurück. Sie heiratete Henri, der verwitwet war. Dann kauften sie das Haus hier. Beim Durchschauen wurde mir bewusst, wie sehr sich die europäische Vergangenheit mit all den Kriegen, den Mauern, durch meine eigene Familie zieht. Ich bin dankbar, dass ich die Fotos aufbewahren darf.

Röös starb 1983. Ihre Tochter durfte wohl nicht mal zur Beerdigung ihrer eigenen Mutter kommen. Ein Brief von Margherita zeugt davon. Sie bittet darin meinen Opa Walter und Omi Paula um Bilder des Grabes. Diese haben sie ihr dann auch in die DDR geschickt.

Die zweite Mulde

Unsere diesjährigen Sommerferien standen ganz unter dem Motto: „Räumen, renovieren, raus damit!“.

Nachdem wir das chalte Zimmer geräumt und neu gestrichen hatten, den Linoleum rausgerissen hatten und uns über den schönen alten Holzboden freuten, war der Keller (erneut) an der Reihe.

Die Kellerräume waren vor über zwanzig Jahren Opi Walters Reich. Und genau so sah es auch aus: Da standen Regale mit Brettern herum, verrostetes Werkzeug, Kübel und ganz viel Angeschimmeltes. Der Boden ist nämlich felsig und feucht.

Während der ganzen letzten Woche sammelten wir alles, was wir entsorgen wollten, auf dem alten Waschplatz hinter dem Haus. Wir platzierten alte Möbel von Mami und Omi dort, Teppiche, Geschirr und Müllsäcke.

Am Donnerstagmorgen war es dann soweit. Die Mulde wurde geliefert und wir machten uns ans Reinschmeissen. Nach 40 Minuten hatten wir alles, was wir bereits gesammelt hatten, entsorgt. Nun würden die Kellerräume an die Reihe kommen.

wp-1469858947682.jpg

Ich tat mich schwer damit. Ich musste mich nämlich entscheiden, was ich von Opis Sachen behalten wollte. Mir wurde einmal mehr bewusst, wie sehr er mir fehlt. Dass ich einen Tag zuvor erfahren habe, dass ich im Januar wohl sein Grab räumen muss, machte meine Laune nicht besser.

wp-1469858969233.jpg

Aber ich machte mich mit Saschas Hilfe daran, sortierte, entschied, schmiss weg. Opa hatte eine grosse Menge von Holzbrettchen gesammelt, die wir weder verwenden noch zum Heizen brauchen konnten. Auch der zweite Keller war schnell geräumt. Wir entsorgten Metallteile, die unter dem Dach platziert waren. Und Sascha schmiss das Bett aus dem zweiten Stock.

wp-1469858934845.jpg

Nach einer kurzen Mittagspause hatten wir es schliesslich geschafft. Der Keller ist bis auf die Kartonsammlung geräumt. Ein weiteres Stück Geschichte des Hauses ist verarbeitet.

wp-1469858984916.jpg

Die Sache mit dem chalten Zimmer

Unser „chaltes“ Zimmer war unser Sorgenkind.
Als Omi noch im Haus lebte, diente dieser Raum als Wöschhänki, Plunderraum, Müllablagestelle und Museum für rostiges altes Geschirr. Im chalten Zimmer haben wir Sascha und ich damals ebenfalls all jene Dinge gelagert, die wir wegschmeissen wollten. Wir haben uns seit dem Umzug wenig darum geschert, wie der Raum aussieht, weil wir einfach zu wenig Zeit hatten.

Über diesen Raum wussten wir nur wenig. Offenbar war der ganze Hausteil irgendwann im letzten Jahrhundert einfach aus Holz ans Haus angebaut worden. Der Verwendungszweck war uns unklar. Fest stand nur eines: als Wäschetrocknungsraum ist er perfekt.

Der Raum war mit türkisfarbener, verblichener Farbe gestrichen. Die Farbe machte den Raum dunkel und ich mochte sie nicht, obwohl ich grün sehr mag.

Am Wochenende fingen wir damit an, langsam alles auszuräumen. Ich wusste, ich würde mich von neuem entscheiden müssen, was ich entsorgen will. Die Schirmsammlung von Omi wollte ich eigentlich behalten. Dank meines Vaters, der einen davon für sich aussuchen wollte, war mir dann rasch klar, dass die Schirme wirklich alle reif für den Müll sind.

Wir zerlegten einen alten Kleiderschrank, der mich schon länger genervt hat. Auf dem alten Waschplatz unten türmt sich nun langsam ein Haufen, den wir dann in die Mulde tun.

Am Montagmorgen in der Früh fingen wir an mit schleifen. Wände schleifen ist eine tolle Sache. Man schwitzt wie ein Esel und danach vibrieren einem noch länger die Hände. Die Katze mag das. Wir saugten den Raum und rieben die Wände ab.

das schreckliche Grün

mit Maske

Heute sollte die endgültige Verwandlung stattfinden: wir strichen die Wände weiss.

Während es draussen immer heisser wurde, blieb unser chaltes Zimmer verhältnismässig kühl. Es machte Spass, langsam und Schritt für Schritt den Holzwänden ein neues Antlitz zu verleihen.

Ein paar Stunden später, die Farbe war nun getrocknet, machten wir uns an den schwersten und ekligsten Teil der Arbeit: wir verschoben erst einige schwere Möbel und wollten drei Teppiche rausreissen.

die verschiedenen Lagen Linoleum

Doch als die Teppiche weg waren, kamen drei Lagen uralten Linoleums zum Vorschein, darunter einer der Firma Williamson aus Lancaster. Wir rissen auch diese Teilstücke raus, saugten Staub weg und entdeckten schliesslich den alten Holzboden, der all den Jahren getrotzt hat.

Williamsons Lancaster Cork Linoleum

wie ein Mosaik

Wir wissen nicht genau, wer all die Linoleumstücke gelegt und festgenagelt hat. Vielleicht war es mein Urgrossvater oder die Menschen, die früher hier gelebt haben. Fest steht für uns: in diesem wurde Raum gearbeitet. Anhand der Elektrifizierung gehen wir davon aus, dass hier einst zwei Strickmaschinen standen.

Als wir mit unserem Tagewerk fertig waren, war ich richtig stolz und ein wenig wehmütig, dass Opa diesen Raum nicht sehen kann. Und Omi würde ihn wohl nicht mehr erkennen.

danach

Sommerprojekt 2016: S chalte Zimmer

Wie schon im letzten Jahr planen Sascha und ich auch in diesen Sommerferien, einen weiteren Teil unseres geliebten Hauses zu renovieren. Wir haben hier schon vor einigen Jahren hart entrümpelt. Aber wir haben damals leider nicht alles geschafft.

Der angebaute Vorratsraum heisst bei uns seit Jahren „s chalte Zimmer“. Dieser Raum ist ein Wunder der Toggenburger Architektur!

Im Winter ist er sehr kühl. Denn es gibt hier keine Heizung. Der Anbau ist aus Holz. Die Wäsche trocknet rasch. Gemüse können wir hier auch im Winter lagern, Wein kühlen. Im Sommer ist der Raum noch immer kühl. Er ist schattig. Der Boden besteht aus Holzbrettern.

Das kalte Zimmer wurde immer als Vorratsraum und als Hundehütte gebraucht. Ich kann mich noch dran erinnern, dass Uropa seinen Hund hier im eigenes erstellten Teil-Zimmer schlafen liess.

Mich stören an diesem Raum vor allem die hässlich türkisfarbenen Wände. Ich möchte diese gerne abschleifen und neu streichen. Wir werden den ganzen Kasumpel, der hier herumsteht auf die Terrasse stellen, sortieren, werden Unnötiges entrümpeln und dann gemeinsam mit dem Schreiner schauen, wie der Boden aussieht.

Der Boden bereitet mir am meisten Sorge. Ich verspüre wenig Lust, noch einmal durch ein morsches Brett zu krachen…

Omi schläft

Seit Omi im Pflegeheim lebt, und das ist schon vier Jahre her, ist es schwierig, den „richtigen“ Zeitpunkt für einen Besuch zu finden.

Früher konnte ich immer bei Omi vorbeigehen. Sie war immer zuhause, wach und freute sich über meinen Besuch. Omi stand früh am Morgen auf, ging in den Garten, einkaufen, schaute fern und räumte auf.

Ein Pflegeheim gibt andere Strukturen vor: Die Bewohner des Heims werden gewaschen, falls sie es nicht mehr selber können, zu einer bestimmten Zeit, sie essen zu einer bestimmten Zeit und sie schlafen zu einer bestimmten Zeit.

Omi ist schnell müde nach dem Essen. Sie geniesst zwar alles, aber irgendwann fallen ihr einfach die Augendeckel zu. Es berührt mich, denn ich kenne Omi als unermüdlichen Menschen. Wenn ich jetzt einfach so vorbeigehe, treffe ich sie oft schlafend an. Es ist irgendwie ein schönes Gefühl, dass sich ein Mensch gegen Ende seines Lebens entspannen kann.

Aber ich weiss natürlich auch, dass diese Schläfrigkeit ein Teil des Sterbeprozesses ist. Bei meiner Mutter habe ich ihn hautnah miterlebt.
Ich hab noch nicht mal Angst davor. Aber es macht mich traurig.

Ich bin dankbar, dass ich in Omis Haus leben darf. Es gibt keinen einzigen Tag, wo ich nicht an sie denke. Wenn ich die Rosen anschaue, die Johannisbeerbüsche oder die Eidechsen beobachte. Immer wieder denke ich an diese Kindheit zurück, die dank ihrer Liebe trotz allem schön war.

Manchmal wünsche ich mir, wir könnten so wie früher miteinander beim Einkaufen herumlaufen. Mit eingehakten Armen. Lächelnd.
„No es Käfeli, Omi?“
„Aber immer, Schatz Gottes. E Schale. Und en Toascht Hawaii.“
„Gärn.“

„Noch einen kleinen Kaffee, Oma?“
„Aber immer, Schatz Gottes. Eine Schale. Und einen Toast Hawaii.“
„Gern.“

Lebe-Wesen

Seit Februar 2015 lebe ich nun hier im Haus und der zweite Frühling, der etwas verseicht daher kommt, ist nicht minder spannend als der erste.

Ich habe Pflanzen und Bäume gepflanzt. Nach einem Jahr Training mit dem alten Rasenmäher kann ich seine Röchel und Stöhner besser interpretieren. Fast immer bringe ich dieses Scheissteil zum Laufen.

Mit der Fadensense habe ich mich bisher nicht anfreunden können. Aktuell ist sie bei meinem Vater, der es absolut toll findet, mit ihr herum zu mähen (und Krach zu machen). Ich bin eher so der Handsensentyp. Abgesehen davon dass Sensenmähen reinstes Krafttraining ist, machen mir die Bewegungen Spass. Ich spüre, wie stark mein Rücken, meine Arme und meine Beine sind und das macht mich glücklich.

Was ich am Handmähen ebenfalls mag, ist die Tatsache, dass ich immer wieder auf Tiere stosse, die wohl sonst zerfetzt würden. Unser Grundstück ist nämlich feucht, steil und zeitweise etwas schattig, gleichzeitig gibt es sonnige Stellen, Steinplatten und Büsche.

Heute traf ich nach dem Rasenmähen auf eine etwas schockierte Blindschleiche. Ich hatte nie Angst vor schlangenartigen Lebewesen. Blindschleichen fand ich immer wunderbar schon als Kind. Lieber hab ich kein perfekt gepflegtes Grundstück, als dass ich auf tote Blindschleichen stosse.

Ich habe auch entdeckt, wie spannend ich Weinbergschnecken finde. Diese doch stattlichen Lebewesen habe ich in mein Herz geschlossen. Ich schaue ihnen gerne zu, wie sie sich bewegen. Ich freu auch, wenn sich die Bienen an den Wildblumen am Steilhang oder an den Rosen nähren.

Ich freue mich auch über jeden Besuch von Eidechsen, Blaumeisen und dem Eichelhäher. Ich hoffe, das Grundstück ist so gestaltet, dass es meinen tierischen Freunden gefällt.

Ein wenig bin ich melancholisch, denn vor fünf Jahren machte ich die wunderbarste Begegnung: ich lernte Fritzi, eine junge Krähe kennen. Gemeinsam haben wir als Familie die Krähe gefüttert, ohne sie von uns abhängig zu machen. Manchmal denke ich daran, wie schön es wäre, wenn sie jetzt hier auf unserem Land leben und nisten würde.

20150112_105546

Januar 2015

20150506_142850

Frühling 2015

20150505_110238

Frühling 2015

20160618_112211

Juni 2016

Was war und was ist

Beim Aufräumen bin ich auf weitere Schachteln mit Fotos gestossen. Einige wenige sind datiert. Viele kann ich nur zuordnen, weil ich sie mit Omi früher angesehen habe.

Es ist grad ein ziemlich schräges Gefühl, dass ich jetzt die einzige bin, die diese Bilder bestimmen kann. Ich komme mir ziemlich alt und auch wenig verlassen vor.

Ich sehe meine Mutter auf den Fotos. Sie ist noch ein Kind. Sie steht vor dem Haus, in dem ich jetzt lebe. Ich sehe meine Urgrosseltern, die 30 Jahre tot sind. Ich sehe Omi und Opa. Beim Durchblättern frage ich mich oft, welche Sorgen sie wohl gehabt haben. Woran sie gedacht haben.

Dann stosse ich auf Bilder von Anna, meiner Urgrossmutter, der ersten Frau von Henri. An sie kann sich niemand mehr erinnern, denn sie starb bereits 1947, fast vierzig Jahre vor Henri und seiner zweiten Frau Röös. Anna blickt ernst in die Kamera. Sie trägt immer schwarz.

Anna Aerne Mettler

Henri Anna und Walter

Anna ist geheimnisvoll. Ich weiss nur wenig von ihr. Ich würde zu gerne wissen, ob sie es war, die in den 40er Jahren Bücher über behinderte Kinder las. Ich würde gerne wissen, ob ihre Tochter Nelly eine Behinderung hatte. Ich finde ein Bild, das wohl Annas Bruder, Heinrich Aerne, zeigt. Er starb auf den Tag genau 40 Jahre vor meinem kleinen Bruder an einer Blutvergiftung.

Heinrich Arne September 1938

Ist alles im Leben ein Zufall? Sind die Wege, auf denen wir uns bewegen, vorgezeichnet? Was in uns, in mir, treibt voran?