Gang in die Vergangenheit

Das Haus liess mir die letzten Tage keine Ruhe.
Ich schlafe schlecht. Träume immer wieder davon.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich meinen Ängsten zu stellen. Letzte Nacht kam mir endlich die rettende Idee.

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Ich fuhr also zum Haus mitsamt einer Schachtel von Photos meiner Urgrosseltern. Ich positionierte mich mit meiner Kamera an jenen Orten, wo sie voneinander Photos gemacht haben. Ich wurde schnell ruhig und zufrieden. Irgendwie bin ich gerade sehr dankbar.

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Nachher bin ich mit Sascha durchs Haus gelaufen. Wir haben uns jeden Raum angesehen und phantasiert, wie er mal aussehen wird, wenn wir hier wohnen.

Da ist mein Büro. Dort wird Saschas Schreibtisch stehen. Unser Schlafzimmer. Unter dem Dach. Im rosa Zimmer wird unsere Bibliothek sein. Im Keller wird unser Seminarraum entstehen mit Blick auf den Bach. Dort wo jetzt alles überwachsen ist, werden Gartenmöbel stehen.

Ich weiss, dass ich Photos aufhängen werde. Ich werde Collagen anfertigen mit Bildern der Menschen, die hier gelebt haben.
Alles wird so sein, wie es gut ist.

 

 

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Alles über Anna

Anna lässt mich nicht los.
Immer wieder hoffe ich, im Haus Spuren von ihr zu finden. Wir haben Ähnlichkeiten. Sie war eine herbe Frau. Sie hat gearbeitet wie ein Tier. Sie liebte Briefe schreiben. Wie meine Mutter auch hat sie ein Kind verloren. Im ersten Weltkrieg liebte sie meinen Urgrossvater Henri. Seine Postkarten hat sie alle schön behalten. Ihre Briefe sind verschwunden.

Anna tauchte einfach auf. Sie war Serviertochter in Herisau, in einem Restaurant, das es wahrscheinlich schon längst nicht mehr gibt.

Ich möchte wissen, wie sie geschrieben hat. Ich möchte erforschen, wo sie gelebt hat. Manchmal träume ich nachts von ihr. Paula, ihre Schwiegertochter, hat Anna nie getroffen. Anna war schon einige Jahre tot, als Walter und Paula sich verliebten. Vielleicht kein Zufall, dass sich Walter nach Annas Tod in Paula verliebte.

Paula erzählte mir, dass sie manchmal davon träumte, dass Anna sie holen kommt, wenn sie stirbt. Sie sagte: ich sah eine sehr dünne, zerbrechliche Frau in einem Leiterwagen. Sie trug ein schwarzes Kleid.

Vom schwarzen Kleid hab ich auch schon geträumt. Vielleicht liegt es irgendwo in einer Kiste im Haus und wartet auf mich.

Krankenbesuche

Anstrengend waren während Mutters letzten drei Monaten die Besuche. Es erfüllt mich heute noch mit Wut.

Ich hatte gerade eine neue Stelle angetreten, pendelte zwischen meiner Wohnung und dem 80km entfernten Wohnort meines damaligen Freundes, kümmerte mich um Paula und nun das: es rieb mich völlig auf.

So arbeite ich zwischen vier bis sechs Tage die Woche, ging nach Feierabend im Spital vorbei. Natürlich ist es ein bisschen suboptimal, wenn man unregelmässig arbeitet. Vor dem Spätdienst vorbei konnte ich natürlich nie, weil da keine Besuchszeiten waren, nicht mal bei einem sterbenden Menschen.
Meine Mutter hatte praktisch nie Besuch. Das war vielleicht ein Segen. Ich hätte aufgestellte Menschen, die ihr Hoffnung machen, nicht ertragen.

Ich lernte das Spital, wo schon mein Bruder zur Welt kam und gestorben war, von Herzen hassen. Noch heute überkommt mich Wut, wenn ich es betrete. Meine Mutter wurde dort nicht besonders liebevoll gepflegt. Aber das wunderte ja auch keinen: Schliesslich war sie unheilbar an Leberzirrhose erkrankt. Eine sterbende, alternde Alkoholikerin.

Die Besuche laugten mich aus.
Ich hatte Angst. Wie würde meine Mutter die nächsten Tage überstehen? Was würde passieren? Meine Nächte waren grauenvoll. Ich wachte regelmässig schweissgebadet aus Albträumen auf. Wenn mich jemand berührte, begann ich zu weinen.

Den Geruch von Krankenhäusern hasse ich. Dieses saubere, klinische. Dieses „hier-wird-man-schnell-wieder-gesund-Gefühl“, das man einem vermitteln will. Nein. Ich wusste es. Hier kommt sie nicht heil raus.

Ich vermeide seither Krankenbesuche. Es ist nicht so, dass ich kranke Freunde nicht besuchen will. Aber die Emotionen, die Gerüche, die Klänge berühren mich so sehr, dass ich Mühe habe.

Umso mehr geniesse ich es, wenn ich Paula in ihrem Pflegeheim besuchen kann. Es riecht nach daheim. Nach alten Menschen, Putzmittel, Kaffee und Essen. Es ist sauber, aber heimelig.

Wenn ich nicht zuhause sterben kann, dann will ich doch lieber so gehen. Das Spital wäre für mich die Hölle.

Spiegel

Was ich an meiner Mutter am Ende so bewundert habe, war ihre unerschütterliche Hoffnung und ihren Lebenshunger. Am Anfang meines Lebens, nach dem Tod meines kleinen Bruders, war sie dem Leben nicht mehr sehr nahe.

Ich habe mich als Zwanzigjährige immer etwas über sie gewundert. Sie liebte Feste, sie trank gern. Sie liebte Volksmusik. Stundenlanges Philosophieren. Im Rückblick erscheint sie mir manchmal wie eine Kerze, die von beiden Enden her gebrannt hat.

Am Ende ihres Lebens hat sie sich ans Leben geklammert. Nicht verzweifelt, eher mit einer Art Bedauern. Ich sass an ihrem Bett, während sie kämpfte.
Ihr Atem ging schwer. Ihre Hände wurden langsam kalt. Sie wurde regelmässig umgelagert.

Wobei, kämpfen ist harter Ausdruck. Ich halte nicht viel von Esoterik, aber im Rückblick scheint es mir, als hätte sie sich zurückgekämpft.
Meine Mutter wirkte in den letzten Stunden ihres Lebens mehr denn je wie eine Schwangere, die gebärt. Ihre Körperhaltung, die Beine, ihr Seufzen. Es war für mich, 30 Jahre nach meiner Geburt, berührend zu erleben, wie sehr sie sich anstrengte, hier zu bleiben. Nicht zu gehen.

Nachdem sie diesen einen, letzten Atemzug getan hatte, war es so seltsam leer. Ohne eine Mutter zu leben, erschien mir damals unvorstellbar. Es schien mir, als wäre meine psychische Nabelschnur ein zweites Mal durchtrennt worden.

Manchmal sehe ich Frauen um die 60 mit ihren schwangeren Töchtern. Ich stelle mir vor, wie das gewesen wäre. Hätte meine Mutter mich genervt? Wäre sie eine so tolle Grossmutter geworden wie ihre eigene Mutter? (Meine Mutter hat mir damals immer gedroht, sie würde meine Kinder mal genauso furchtbar verwöhnen wie Paula mich).

Wenn dir deine Mutter stirbt, verlierst du, gerade als Frau, deinen zukünftigen Spiegel. Mein Spiegel wird bis gerade mal 56 reichen. Danach gibt es nichts mehr, was Vorbild sein könnte.
Das Leben fängt aber lange davor an.

Sterben

Der Tod ist kein Freund für mich.
Er ist eine Art dunkler Schatten über meiner Familie. Als Kind verstand ich ihn nicht. Ich wusste, er bringt meine Mutter zum Weinen. Ich ahnte, dass er was mit dem Nichtnachhausekommen meines Bruders zu tun hatte.

Als meine Urgrosseltern starben, wusste ich, dass das daran lag, dass sie sehr, sehr alt waren. Mein Uropa Henri war 95 Jahre alt, als er im Schlaf starb.

Opa Walter hatte Leberkrebs. Er wusste, dass sein Tod nicht friedvoll sein würde. Es muss ihn bei der Diagnose, vier Monate vor seinem Tod, erschüttert haben. Er schwieg. Aber Paula erfuhr von der Spitexfrau, wie er sterben würde. Und: dass er es wusste.

Es erscheint mir heute noch grauenvoll, dass er geschwiegen hat. Hatte er grosse Angst? Paula erzählte mir, dass er langsam erstickte, ja beinahe ertrank.

Ursulas Sterben verlief ähnlich. Ihre Leber gab ebenfalls auf. Ihre Lungen liefen voll Wasser. Ihr Nach-Luft-Holen im Sterbeprozess hör ich heute noch in Albträumen.

Ich denke oft über den Tod nach, allerdings nicht in der Weise von „ich will nicht sterben!“. Ich mache mir sehr wohl Gedanken, was ich mir wünsche und was nicht. Ein Unfall wäre schrecklich. Ich mag nicht einfach mit einem Knall weg sein.

Ich kriege mit, dass Menschen sagen: „Also, mit Demenz leben würd ich nicht wollen. Das wäre ein Grund, mit allem Schluss zu machen“.

Wenn ich mir Paula ansehe, so fühle ich ihre Lebensfreude. Sie ist unbeschwerter als noch vor zwei Jahren. Sie lebt im Jetzt.

Das erste Mal

Ich glaube, die wirklich schlimme Sache an der Demenz meiner Oma war das erste Mal, als sie mich nicht mehr erkannt hat. Ich wusste damals nicht, warum mich das so sehr verletzte, dass ich weinen musste.

Mit dem Abstand von fast zwei Jahren sehe ich klarer:
Als Mensch lebe ich verschiedene Rollen aus. Bei Paula und mir war es klar. Sie ist die Oma, ich die Enkelin. Ich weiss genau, wie sehr sie mich geliebt und beinahe auf Händen getragen hat. Auch sie war für mich die wichtigste Bezugsperson meines Heranwachsens.

Die Demenz nahm uns das alles. Es kam der Tag, an dem sie meinen Namen nicht mehr wusste, wo sie mich nicht mehr erkannte. Schon als sie viele Leute nicht mehr erkannt hat, so wusste sie mich doch immer einzuordnen. Das war mit einem Mal nicht mehr der Fall. Ich wurde wütend, aufs Schicksal. Auf alles.

Ich sehe es heute gelassener.
Als Angehörige meiner demenzkranken Oma bin ich mit einem Mal auf mich selbst gestellt. Meine Rollendefinition muss ich neu formulieren. Das ist schmerzhaft und stellt mein Sein als solches in Frage. Doch ist es notwendig, um zu trauern.

Etwas neues macht der angestammten Rolle Platz.
Mit einem Mal erkannte ich meine neue Funktion in Paulas Leben. Ich bin noch immer ihr Fleisch und Blut. Sie ist noch immer meine Oma. Ich bin in ihrem Vergessen nicht verschwunden. Ich habe nur Platz gemacht. Heute sieht sie in mir ihre Mamme, ihre grosse Schwester, ihre Tochter Uschi und manchmal sogar Zora, ihre Enkelin, also mich.

Das sind dann die Momente, die ich geniesse. Wir sind ganz im Jetzt.
Carpe diem.

Gartenarbeiten

Ein Blick in meine Agenda genügt. Ich werde wenig Zeit in den nächsten Wochen haben. Das Haus und der Garten rufen aber. Die Bäume und Büsche wollen geschnitten werden. Besonders der uralte Goldregen hats nötig.

So stehe ich im eisigen Nieselregen da und schneide. Ein seltsames Gefühl. Das Haus wirkt einsam, der Winter hat seine Spuren hinterlassen. Doch zum ersten Mal seit Paulas Heimeintritt empfinde ich grosse Freude, wenn ich zu ihrem Haus gehe.

Ich möchte es kaufen und vor meinem geistigen Auge sehe ich den Gemüsegarten, die Johannisbeerplantage, die Terrasse im Sommer. Ich hole die Säge aus dem Kellerabteil, wo mein Büro entstehen soll. Dann schneide ich den Goldregen zu.

Meine Gedanken wandern zu meinem Urgrossvater, der hier Waschbären gezüchtet hat. Was würde er wohl sagen, wenn er mich sähe? Der Goldregen steht neben dem kleinen Stall. Inzwischen ist das Beet überwachsen. Hier lagen einst grosse Steine, auf denen im Hochsommer die Eidechsen ihr Sonnenbad genossen.

Ich schaue auf die Kellertür. Mein Grossvater verbrachte einen grossen Teil seiner letzten Jahre in diesem Keller. Hier hörte er Radio, trank seinen Rosé, rauchte und sägte Holz.

Mir wird mit einem Mal bewusst, wie sehr ich mit dem Haus und seinen ehemaligen Bewohnern verstrickt bin. Ich schaue auf den Bach, der am Haus vorbei fliesst. Wenn es jeweils stark regnet, schwillt er an. mehr als einmal trat er über die Kanalmauern. Aber den Keller meiner Grosseltern hat er offenbar nie überschwemmt.

Hier an diesem Ort verbrachte ich meine Schulferien. Es ist der Ort, wo ich immer glücklich war. Ich liebe dieses Haus, seine Bäume, die Wiese und den Bach so sehr. Vielleicht gehört es im Sommer schon mir. Dann wäre ich eine sehr glückliche Frau.

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Das Haus von hinten.

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Das alte Tor ist zerfallen. Die Katzen streichen gerne dort herum.

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Paula liebte es, Steine auf Schächten zu deponieren.

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Die Kellertüre.

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Mitten im Gelände steht dieser Baum.

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Der Waschbärenstall.

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Das Haus.

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Der alte Goldregen

Schuldgefühle und Dankbarkeit.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, fühlte ich mich schuldig, weil ich meinen Bruder überlebt hatte. Mehr als einmal, besonders bei wüsten Streitereien, fuhr es mir durch den Kopf: eigentlich hätten sie lieber deinen Bruder als dich gehabt.

Einen toten Bruder zu haben, ist eine Hypothek von gewisser Schwere. Ich hab mir oft überlegt, wie glücklich sie wirklich waren, ein Kind wie mich aufzuziehen und ihn verloren zu haben. Ein totes Geschwister ist immer perfekt. Es streitet nie. Es wird nie erwachsen.

Im Gegensatz zu meinem Bruder kam ich mit deformierten Hüften zur Welt. Mit neun Jahren wurde ich zum ersten Mal operiert. Der Rollstuhl schien mir damals sicher. Für meine Mutter war der Gedanke, dass ich mit vernarbten Beinen würde leben müssen, ein Gräuel. Bei einem Gespräch mit dem Chirurgen ist sie total ausgeflippt.

Ich wusste früh, dass ich nicht das Kind war, das sich Eltern wünschen. Ich war grüblerisch, las lieber Bücher, war dünn und unsportlich. Meine Freizeit verbrachte ich am liebsten im Bett oder in Gesellschaft von Tieren. Ich war nie ein hübsches kleines Mädchen.

Natürlich wäre ich lieber eine Schönheit gewesen. Die Blicke in der Badi auf meine vernarbten Beine brachten mich damals aus der Ruhe. Beleidigungen und Witzeleien waren nicht selten. Ich war hässlich, das wusste ich. Ich bemerkte nicht, dass meine Beine lang und wohlgeformt waren. Die Narben überdeckten alles.

Paula pflegte mich jeweils nach meinen Spitalaufenthalten. Sie verwöhnte mich, trug mich die steile Holztreppe in die Schlafräume rauf und tröstete mich, wenn ich Schmerzen hatte. Alles würde gut werden.

Die offenen Wunden von 1986 sind längst zu wulstigen, dicken Narben verheilt. Die Schuldgefühle aus der Kindheit sind der Dankbarkeit gewichen. Ich bin dankbar für meine Eltern.

Fasnacht 1995

Ist das wirklich schon fast 20 Jahre her?

Ich sitze bei meiner Mutter auf dem Sofa. Ihre kleine Wohnung ist gemütlich und wirkt trotzdem geräumig. Wir schauen fern. Sie kocht Teigwaren und Rindsvoressen. Ich liebe die Sauce, obwohl ich damals kein Fleisch ass. Den Geschmack dieses Mahls werde ich nie mehr vergessen.

Ich möchte später an den Fasnachtsmzug gehen. Meine Mutter will mir zuvor ihren Freund vorstellen. Was für ein seltsames Gefühl: Fast 2o Jahre lang waren meine Eltern verheiratet. Jetzt sind sie geschieden. Beide haben neue Partner. Ich bin keine 18 Jahre alt und es passt mir irgendwie gar nicht.

Natürlich war mir klar, dass meine Eltern nicht mehr zusammen leben konnten. Sie waren zu verschieden. Ich wünschte mir damals nichts sehnlicher, als dass alle beide wieder glücklich werden würden. Kinder wünschen sich wohl so was. In jener Zeit ihrer Scheidung wuchs in mir die Gewissheit heran, dass ich niemals heiraten würde. Zu tief ging der Schmerz des Streits, die Verletzung durch die gegenseitige Abneigung. Ich wusste, soviel Nähe und soviel Distanz würde ich in meinem Leben nicht wollen.

Ein Ehering ist keine Versicherung. Im Gegenteil. Manchmal erscheint es mir, als ob in den meisten Fällen das ewige Versprechen vor Gott, und was weiss ich wem alles, den Anfang des Endes bedeutet.

Paula und Walter waren 46 Jahre verheiratet. Es waren nicht ihre besten Jahre. Sie haben es gemeistert, indem sie sich immer wieder an verschiedenen Wohnorten aufgehalten haben. Am Ende begleitete Paula Walter bis in den Tod und hielt seine Hände bis zum letzten, verzweifelten Atemzug.

Ich mochte den Freund meiner Mutter anfangs nicht.
Für meine Mutter hätte ich mir einen wunderschönen, romantischen, liebevollen und tollen Mann gewünscht; einen Mann wie meinen Vater. Stattdessen traf sie auf Willy. Der war so ziemlich das Gegenteil von allem, was ich toll fand. Ich gewöhnte mich an Willy. Zwar fand ich seinen Charme jenseits und immer etwas hölzern, seine Sprüche furchtbar und ihn selbst nicht einen wirklich gut aussehenden Mann.

Am Ende des Lebens meiner Mutter war er aber da. Er hielt ihre Hand und konnte nicht glauben, dass sie, seine liebe Uschi, einfach starb. Sie war jünger als er. Es war unfair. Einige Monate nach ihrem Tod trafen wir uns wieder. Willy hatte stark abgenommen. Er war nicht glücklich darüber.
„Ihr Essen fehlt mir“, sagte er. Ich hab es ihm sofort geglaubt.

Ein Paradies für Atheisten.

Das mit dem Sterben ist so eine Sache.
Als ich meine Mutter damals in ihrem Spitalbett sah, wusste ich, dass sie jetzt stirbt. Die Tatsache, dass wir alle jeden Tag ein wenig sterben, tröstete mich da nur wenig.

Seine Mutter sterben zu sehen, ist schwierig. Es tut einem in der Seele weh, den Menschen, der einen geboren hat, leiden zu sehen. Jeden Tag verschwand sie ein klein wenig. Manchmal ging es ihr ein bisschen besser, dann wieder schlechter. Das Leben verliess ihren Körper in Raten.

Am schwierigsten war für mich ihre Hoffnung zu ertragen. Mir wäre lieber gewesen, wir hätten übers Sterben und ihre Ängste reden können. Doch stattdessen plapperte sie von der blütenweissen Wohnung mit Lift und Waschmaschine mit Tumbler. Alles war toll.

Während sie von ihrer neuen schönen Wohnung träumte, räumte ich ihre versiffte, kleine Einzimmer-Dachwohnung. Ich entsorgte Müllsäcke, leere Flaschen, den vergammelten Inhalt ihres Kühlschranks. Ich wusste, sie würde niemals mehr in diese Wohnung zurück kehren.

Sie lag im Spital. Ich räumte. Manchmal legte ich mich heulend auf den Teppichboden. Atmete die Zigarettenasche ein. Mutters Geruch. Alles haftete an den Möbeln. Den Wänden. Ihr ganzes Lebensglück und -unglück hatte die letzten Jahre in dieser Wohnung stattgefunden.

Ich begriff nicht, was sie mir sagen wollte, damals. Erst jetzt, Jahre später weiss ich es. Sie erzählte mir von ihrem ihr eigenen Paradies. Ihr Paradies bestand nun einmal aus einer tollen Wohnung mit Haushaltsgeräten. Sie wollte kochen, Freunde und uns Kinder beherbergen. Das war ihr das wichtigste am Ende ihres Lebens. Ich dumme Kuh habs nicht verstanden. Wie auch?

Eines weiss ich jetzt: wenn mir ein Sterbender von seinem Traum erzählt, höre ich lächelnd zu und nicke. Ich streichle seine Hand. Ich werde nicht berichtigen, sondern nur zuhören.

Ich bin gespannt, wie mein Paradies sich am Schluss zeigen wird.