Der Brief

Als mich vor einigen Tagen ein Brief von Omis Pflegeheim erreicht, denke ich für einen Moment: „Scheisse, jetzt kommt nach neun Monaten noch eine Rechnung.“

Ich öffnete den Umschlag und entnahm ihm eine Einladung.
Das Pflegeheim lud mich und andere Familienmitglieder ein, um an einem Gedenkanlass für Omi und all die anderen Bewohner und Bewohnerinnen, die in den letzten 12 Monaten verstorben sind, teilzunehmen. Mir stiegen die Tränen ins Gesicht.

Omi ist neun Monate tot. Neun Monate ohne ihr Lächeln, ihre Stimme, ohne eine Berührung ihrer Hände. Fast ein ganzes Jahr ist vergangen, und es scheint mir, als wäre es erst gestern passiert. Als wäre erst gestern Schnee gelegen und ich verzweifelt. Aber ich bemerke auch, dass die tiefe Trauer etwas neuem Platz gemacht hat. Mein Herz ist nicht länger verkohlt. Es tut zwar manchmal weh, aber ich spüre auch, dass es weiterlebt.

Wir leben hier in einer katholisch geprägten Region. Das Trauern in Abschnitten wird hier von einigen noch sehr hoch gehalten. Da ich reformiert erzogen bin, verstehe ich nur wenig davon. Den Gedenkanlass des Pflegeheims finde ich grossartig. So haben wir Familienmitglieder, aber auch die Bewohnerinnen und Bewohner und die Pflegenden, eine Möglichkeit, den Toten dieses Jahres zu gedenken und uns zu verabschieden. Auf dass die Wunden heilen und neues wachsen kann!

10 Jahre sind alles und nichts

Meine Mutter verstarb am 17. Oktober 2007 um 16.15 im Pflegeheim Wil.
Ich glaube, das Heim heisst heute anders.
Vor zehn Jahren war ich dreissig Jahre alt und färbte mein Haar nur aus Lust.
Nach dem Tod meiner Mutter zog sich eine breite weisse Strähne durch mein Haar.

Ihr Sterbezimmer war sonnendurchflutet.
Ich fühlte mich für alles zu jung und zu unwissend.
Ich hielt jene eine Nacht an ihrem Bett Wache,
so wie sie bei meiner Geburt nicht mehr zum Schlafe kam.

Ich hielt sie im Arm, weil ich dachte, ihr Tod sei das Schlimmste,
was mir mit 30 passieren konnte.
Ihr Atem, ihr ausgezehrter Körper in einer letzten Nacht.
Meine Angst.

Dann wachte ich auf. Nach kurzem Schlaf.
Ich ging unter die Dusche und wusch
mir die Angst vor dem Tod vom Körper.
Danach ging ich zurück an ihr Bett.

Als sie starb, war ich nicht alleine.
Wir standen da vor ihr.
Ein letzter Blick auf sie.
Im Wissen, dass das nicht alles war.

ten years ago

„heute geht es mir etwas besser als gestern. ich bin recht müde. die durchwachte nacht vom dienstag auf den mittwoch hat mich recht viel kraft gekostet. Meine eltern und freunde kümmern sich um mich.

ich habe am montag, so ab 15.00, am dienstagnachmittag und am mittwoch den ganzen tag zeit. ich muss allerdings noch für den mittwoch mit der friedhofverwaltung einen termin abmachen, weil ich dann mamis urne abholen muss.

die beerdigungsfeier und das drumherum habe ich organisiert. ich muss jetzt nur noch ihren lebenslauf schreiben und dem pfarrer per mail schicken. dann hab ichs für den moment.

zuhause halte ich es momentan fast nicht aus, weil die ganze wohnung voll von mamis sachen ist. ich habe bemerkt, dass ich fast keine schönen fotos von ihr habe. ich habe nur wenige, wo wir zusammen drauf sind.

ihr sterben mitanzusehen war die intensivste erfahrung meines bisherigen lebens. ich stelle mir im nachhinein vor, dass sterben vergleich mit gebären ist. am ende wirkte meine mutter eher wieder wie ein säugling, sehr in sich zurückgezogen, sehr friedlich. ihr körper war noch nach einer stunde nach dem tode warm. ich habe sie bis zum ende gestreichelt und geküsst. 

und ich habe am ende ihre liebe gespürt, ihr unvermögen, gefühle auszudrücken. sie konnte es einfach nicht und ich merkte, dass es falsch war zu denken, sie hätte mich nicht geliebt. ich habe für sie geweint, weil sies nicht konnte.

ich war furchtbar froh, dass sie in wil gestorben ist. die schwestern waren so liebevoll mit ihr, dass ich zwischendurch einfach weinen musste. sie kamen manchmal ins zimmer und haben sie einfach nur gestreichelt. sie haben ihr ade gesagt. das war wirklich sehr sehr schön.“

Dieser Text entstand wenige Tage nach dem Tod meiner Mutter Ursula.
Ich schrieb ihn an Inge, die vor einigen Jahren bei einem Unfall verstorben ist.

Zehn Jahre sind ein Tag

Vor zehn Jahren um diese Zeit verabschiedete ich mich Tag für Tag, Stunde für Stunde, von meiner Mutter.
Ich wusste genau: Sie stirbt jetzt. Es gibt keine Hoffnung. Nicht in diesem Leben. Ich muss das Endliche akzeptieren.

Der September und der Oktober sind nicht meine Lieblingsmonate.

Ich mag zwar den Nebel und die Kühle des Herbstes, aber der Geruch der Luft lässt mich noch immer erschauern. Denn es riecht nicht nur nach Kälte und Zuckerrüben, sondern auch nach frischer Leber.

Die Bilder von damals sind mir noch immer präsent.
Meine Mutter, wie sie mit 56 im Pflegeheim unter jenen 90jährigen lebt, die sich selbst und die Welt vergessen haben. Sie aber fühlt sich wie 16 und sieht nur alte Menschen und mich, die Tochter, die sie nicht mehr kennt.

Die Pflegenden, die sich über das Hiersein meiner Mutter freuen.
Nagellack von Chanel. Der Farbton gleicht Galle. Lotion, die die sterbende Haut wieder zum Leben zurückholen soll. Taschentücher, die immer bereit sind für fallende Tränen in dummen Momenten.

Meine Tränen.
Meine Verzweiflung.
Die Trauer, die aus meinem Körper herausdrängt wie Kotze nach einer durchzechten Nacht.
Meine Mutter, wie sie sich über den Besuch meiner Katze freut.
Meine Oma, die so tapfer ist, wenn sie meine Mutter, ihre Tochter von damals, besucht. Ein Fels in der Brandung. Mit schwarz-grauem Haar und grün-braunen Augen, die sich im Hier und Jetzt und an Urseli festhalten. Das baldige Vergessen im Rücken.

Jemanden bis zum Ende des Lebens zu begleiten, ist ein Geschenk.
Die Angst vor dem Tod verfliegt und man gewinnt das Leben noch lieber.
Zu erleben, wie ein geliebter Mensch stirbt, ist immer ein grosser Schmerz.
Zuzuschauen, wie jemand seinen allerletzten Atemzug macht, ist nicht schön.
Es macht dich ganz klein und unwichtig und erinnert dich daran, was dir noch bevorsteht.

Dabeisein bis am Ende ist ein Geschenk.
Aber es gibt auch eine Verantwortung, die man übernimmt, wenn man da ist für seinen Menschen:

Man vergisst ihn nicht.
Man erinnert sich an all die schwierigen und traurigen und auch schönen Momente.
Man wird zum in die Haut geätzten Tagebuch.
Zehn Jahre sind ein Tag.

Kieselstein

Dass Opis Körper just in diesen Tagen der Erde entnommen wird, ist ja auch nur eine Ironie des Schicksals. Er ist nun, wie alle anderen meiner verstorbenen Familie, endgültig weg.

Es ist sehr seltsam, denn vorgestern träumte ich von ihm. Er sass vor mir in unserer Küche, mit graublondem Haar, leuchtenden blauen Augen und rauchte Pfeife. Keiner in meiner Familie hat blaue Augen. Opi glich immer ein wenig Peter O’Toole in „Lawrence of Arabia“, später dann Richard Harris. Opi sass einfach da und zwinkerte mir zu, so als wolle er mich ermutigen, weiter an alledem zu arbeiten, wo ich mittendrin stecke. Ich war glücklich, ihn zu sehen, denn ich habe fast zwanzig Jahre nicht mehr bewusst von ihm geträumt.

Als Opi im gläsernen Sarg lag, durfte ich ihn nicht mehr besuchen. Ich war 19 Jahre alt, trug eine mächtige Spange und verstand nichts. Meine Mutter verbot es mir, ihn noch einmal zu sehen. Sie sagte: „Opi sieht nicht mehr schön aus.“ Ich dachte: Opi sah nie schön aus. Opi war Opi.
Das meiner Mutter zu erklären schaffte ich nicht.

Erst als sie starb, vor zehn Jahren, verstand ich ein wenig, was sie damit meinte.
Menschen, die schwerkrank sind, sehen nicht „schön“ aus.

Ich musste in den letzten Tagen daran denken, dass ich auch meinen Bruder Swen nie gesehen habe, weder lebendig noch tot. Auch sein Grab ist verschwunden und mich treibt die Frage um, was mit den Knochen von Menschen passiert, die fast 40 Jahre tot sind. Früher gab es Gebeinshäuser und heute werden sie wohl einfach in die Verbrennungsanlage „entsorgt“.

Omi wollte eingeäschert auf dem Friedhof begraben werden. Ich hätte mir gewünscht, ein klein wenig von ihrer Asche unter den Rosenstock zu leeren. Aber ich wusste auch, dass dies nicht in ihrem Sinne gewesen wäre. „Irgendwo auskippen“ fand sie furchtbar und sie verbat es vehement, auch nur darüber nachzudenken, dass es andere Bestattungsorte als den Friedhof (für sie) geben könnte.

Jetzt, wo Opis Grab aufgehoben wird, geht die Bildhauerin ans Werk und wird Omis Grabstein erschaffen. Ein klein wenig von Opis Stein ist darin enthalten. Aber ich fühle auch, dass Omi, genauso wie alle anderen weg ist und so ein Grabstein ein kleiner Kiesel auf dem Lebensweg ist.

 

 

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Opa war immer für einen Spass zu haben. Ich vermisse ihn.

Wie es ist.

Vor 38 Jahren wurden mein Vater und meine Mutter zum zweiten Mal Eltern.
Ich kann mich heute noch an den Bauch meiner Mutter erinnern und das Glück in ihren Augen. Ich war knapp zwei Jahre alt. Ich schmiegte mich an ihren Körper und durfte die Bewegungen meines Bruders in ihrem Bauch an meinem Ohr fühlen.

Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet, ein Geschwisterchen zu kriegen. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber ich kann mich heute noch an meine Schritte in der Wohnung in Wängi erinnern. An die Möbel, das Licht, die Vorhänge und den Geruch. An meine Spielsachen. An die Tigerkatze, die sich an meine Beine schmiegte.

Heute, mit 40 fühle ich mehr denn je mit meinen Eltern mit, die damals ein Kind bekamen und wenige Tage nach der Geburt verloren. Meine Eltern waren bei seinem Tod am 20. September 1979 um die 30 Jahre alt. Mit seinem Tod zerbrachen Hoffnungen und Träume. Jahre der Trauer, der Verzweiflung und der Schuldgefühle sollten folgen.

Meine Omi hat immer gesagt: Alles ist für etwas gut.

An Swens Tod kann ich, noch immer, keinen Sinn erkennen, ausser dass ich es heute einfach akzeptiere, wie es ist.

Endstation Trauer?

Dieses Wochenende würde mein Bruder Sven 38 Jahre alt werden.
Mein Vater hat mir erzählt, dass Svens Grab seit einigen Monaten geräumt ist. Es gibt also nichts mehr, was noch daran erinnert, dass Sven mal gelebt hat.

Ich hatte Angst vor diesem Moment. Warum? Weiss ich nicht genau.
Sven war ja nicht mein Kind, sondern mein Bruder.
Trotzdem hat sein Dasein und sein Tod mein Leben in den letzten Jahren bewegt. Ich habe sehr oft um ihn und um unsere Familie geweint.

Vielleicht ist es so, dass mit dem Verschwinden seines Grabes, Omis Tod im Januar und Mamis 10. Todestag im Oktober Ruhe eingekehrt ist. Vielleicht habe ich auch darum das Gefühl, dass es jetzt gut ist. Dass ich loslassen kann und mein eigenes Leben führe.

Vielleicht ist es auch so, dass das vertiefte Schreiben und Nachdenken über unsere familiären Traumata bewirkt hat, dass meine Trauer ein Ende fand.

Septembersonne

Es ist September geworden und seit langem alles anders als sonst. Ich trauere nicht mehr so stark wie noch vor einem Jahr. Oder fünf. Mutters Geburtstag ist morgen. Der 66ste. Seit zehn Jahren ist sie nicht mehr da.

Vielleicht liegt es daran, dass Omi jetzt auch nicht mehr lebt. Oder dass Svens Grab endgültig geräumt ist und somit alles, was war und schmerzte, verschwunden ist.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Trauer irgendwann ein Ende hat.

mami und ich

Auf dem Friedhofshügel

Letzte Woche ging es mir nicht besonders gut. Ich hatte zu wenig geschlafen, war müde und die Hitze machte mir zu schaffen. Ich musste daran denken, was ich noch vor wenigen Jahren in einer solchen Situation getan hätte: Omi anrufen, vorbeigehen, reden.

All das schien mir in den letzten Monaten seit Omis Tod recht sinnlos. Ich hatte Mühe, auf ihr Grab zu gehen. Ich hatte den Eindruck, dass Omi wirklich weg ist und ich kam mir blöd vor, an ihrem Grab zu stehen. Als ich am Montagnachmittag nach Hause kam, zog es mich auf den Friedhofshügel. Ich marschierte vorbei an jenem Baum, wo ich vor bald 20 Jahren Omi und Mami fotografiert hatte.

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Omis letzte Ruhestätte ist sehr klein. Sie wünschte sich ein Urnengrab. Die meisten alten Menschen tun das hier oben, denn in der Erde zerfallen die Körper nur schwer. Ich jätete das Grab, schnitt die Rosen. Dann machte ich das Gleiche bei Mamis Grab. Sie liegt hier bald 10 Jahre.

Während ich die beiden Gräber pflegte, redete ich leise mit Omi. Nach einigen Minuten schon spürte ich, wie mein Herz leichter wurde. Mit einem Mal wusste ich, was ich zu tun hatte: Ich stieg ins Auto, fuhr in die Landi und kaufte neue Pflanzen für das Herbstgrab.

Als ich schliesslich den Friedhofshügel erneut verliess, war ich ruhig und zufrieden. Ein wenig noch habe ich Omis Stimme von früher im Ohr: „Nimm es nicht so schwer. Es kommt schon alles gut. Du wirst schon sehen. Ich habe dich sehr gern.“

Wil SG. 10 Jahre später

Vor 10 Jahren um diese Zeit sind Omi und ich oft bei Mami im Pflegeheim gewesen. Ich frage mich, wie sich Omi im Angesicht des Sterbens ihrer einzigen Tochter gefühlt haben mag. Omi war zwar traurig, aber auch gefasst. Sie war mir wie ein Fels, ein klein wenig wie der Christopherus, den sie immer so sehr gemocht hatte und dessen Holzstatue nun in der Altstadt steht.

Durch Wil zu spazieren, ist für mich heute noch immer seltsam. Ich bin, wie Omi und Mami in dieser Stadt geboren und irgendwie fühlt es sich erdig und behütet an. Als Kind und Jugendliche bin sehr oft mit Omi durch die Einkaufsstrasse flaniert. Noch immer muss ich lächeln, wenn ich in den Coop City trete, der früher einmal EPA und noch viel früher Oscar Weber hiess, und mir vorstelle, wie Omi in diesen Räumen gearbeitet hat. Da ist die Zärtlichkeit ihrer Hände, wenn sie Haushaltsartikel berührte. Ihr Lächeln beim Anblick schöner Pfannen und Geschirrtücher.

Wenn ich in der Altstadt in einem Café sitze, denke ich an Omi, die am Stadtweiher unten aufwuchs und bestimmt hier oben als kleines Mädchen durch die Gassen gerannt ist. Ich versuche mir vorzustellen, wie es hier in den 30er Jahren ausgesehen hat.
Ach Omi, du fehlst.

Einkaufen mit Omi
2010

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2017