Lebensader

Da gibt es Menschen in meinem Umfeld, die schwer krank sind und an ihrem Leben hängen. Jeder Gedanke, jede Faser ist aufs Leben konzentriert. Und trotzdem vergeht ihr Leben langsam wie Sand in einer Sanduhr. Der geliebte Mensch nimmt rasch ab, die Haut färbt sich langsam durchsichtig, dann gelb. Der Krebs kriecht durch diesen Menschen und man hofft, er möge aufhören zu wachsen und sich nicht länger am Körper dieses Menschen zu laben.

Es gibt Menschen, die sehr alt geworden sind und in ihrer Demenz zwischen Leben und Leben und Tod und Tod schweben. Sie werden immer dünner, kleiner und zerbrechlicher und man kriegt das Gefühl, sie verschwinden langsam, aber sie sind noch da. Sie wirken wie uralte Schmetterlinge aus Seidenpapier.

Es gibt Menschen, deren Leben noch kaum begonnen hat, die als kleine Kinder sterben und man steht daneben und hat wenig Worte und erst recht keinen Trost.

Dann gibt es da Menschen, denen das Leben zu schwer geworden ist. Keine Hoffnung. Kein Sonnenaufgang, kein Lachen und kein Kuss, auf den sie sich noch freuen könnten. Und als Mensch in ihrem Umfeld beginnst du Bahngleise, Fenster im dritten Stock, Äste mit Seilen dran, Schlaftableten oder Armeewaffen zu fürchten.

Du kannst dich den Menschen öffnen und hoffen, dass sie dein Herz sehen. Trauer macht den Menschen verbittert, so sagt man. Ich denke, Trauer macht einen Menschen fassungslos und verletzlich. Der Verlust eines Menschen kehrt alles. Nichts mehr ist wie vorher. Du bleibst zurück mit deinen Erinnerungen, die du nun nicht mehr mit ihm teilen kannst.

Du hast die Wahl zu leben, sagt man. Du hast die Wahl, wie du dein Leben gestalten willst. Du kannst einen Garten bepflanzen und dich an den Rosen, den Schmetterlingen und den vielen Vögeln freuen.

Oder aber du wählst die Planierraupe, fährst alles platt und machst einen Parkplatz draus.
Du hast die Wahl.

Lebe-Wesen

Seit Februar 2015 lebe ich nun hier im Haus und der zweite Frühling, der etwas verseicht daher kommt, ist nicht minder spannend als der erste.

Ich habe Pflanzen und Bäume gepflanzt. Nach einem Jahr Training mit dem alten Rasenmäher kann ich seine Röchel und Stöhner besser interpretieren. Fast immer bringe ich dieses Scheissteil zum Laufen.

Mit der Fadensense habe ich mich bisher nicht anfreunden können. Aktuell ist sie bei meinem Vater, der es absolut toll findet, mit ihr herum zu mähen (und Krach zu machen). Ich bin eher so der Handsensentyp. Abgesehen davon dass Sensenmähen reinstes Krafttraining ist, machen mir die Bewegungen Spass. Ich spüre, wie stark mein Rücken, meine Arme und meine Beine sind und das macht mich glücklich.

Was ich am Handmähen ebenfalls mag, ist die Tatsache, dass ich immer wieder auf Tiere stosse, die wohl sonst zerfetzt würden. Unser Grundstück ist nämlich feucht, steil und zeitweise etwas schattig, gleichzeitig gibt es sonnige Stellen, Steinplatten und Büsche.

Heute traf ich nach dem Rasenmähen auf eine etwas schockierte Blindschleiche. Ich hatte nie Angst vor schlangenartigen Lebewesen. Blindschleichen fand ich immer wunderbar schon als Kind. Lieber hab ich kein perfekt gepflegtes Grundstück, als dass ich auf tote Blindschleichen stosse.

Ich habe auch entdeckt, wie spannend ich Weinbergschnecken finde. Diese doch stattlichen Lebewesen habe ich in mein Herz geschlossen. Ich schaue ihnen gerne zu, wie sie sich bewegen. Ich freu auch, wenn sich die Bienen an den Wildblumen am Steilhang oder an den Rosen nähren.

Ich freue mich auch über jeden Besuch von Eidechsen, Blaumeisen und dem Eichelhäher. Ich hoffe, das Grundstück ist so gestaltet, dass es meinen tierischen Freunden gefällt.

Ein wenig bin ich melancholisch, denn vor fünf Jahren machte ich die wunderbarste Begegnung: ich lernte Fritzi, eine junge Krähe kennen. Gemeinsam haben wir als Familie die Krähe gefüttert, ohne sie von uns abhängig zu machen. Manchmal denke ich daran, wie schön es wäre, wenn sie jetzt hier auf unserem Land leben und nisten würde.

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Januar 2015

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Frühling 2015

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Frühling 2015

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Juni 2016

Lehrjahre

Ich war gerade 17 Jahre alt geworden, als ich in Frauenfeld, in einem kleinen Familienbetrieb, meine Lehre als Confiserie-Verkäuferin begann. Meine Eltern hatten sich kurz zuvor getrennt und ich steckte in der tiefsten und wirrsten Pubertät, die man sich vorstellen kann. Und Akne sowie eine fette Spange im Mund hatte ich auch.

Ich liebte meine Lehre, mein Lehrgeschäft und meine Lehrmeisterin war ein grosses Vorbild für mich. Sie war direkt, freundlich, kreativ und konnte wunderbar Geschichten erzählen. Ich ging immer gerne arbeiten und freute mich über all das, was ich dort lernen durfte. Doch all das bedeutete noch mehr für mich: ich fand in meiner Lehrmeisterin und ihrem Mann zwei Menschen, die ein offenes Ohr für mich hatten und denen es scheissegal war, woher ich kam. Nur meine Leistung, meine Noten und mein Wesen zählten.

Ich habe mich recht geschämt, wenn meine Mutter in mein Lehrgeschäft kam, um einzukaufen. Ich hatte Angst, man würde bemerken, wenn sie betrunken war. Für meine Lehrmeisterin war das kein Thema. Nachdem ich ihr das erzählt hatte, war das ok. Ich lernte dank ihr, dass Dinge ansprechen eine gute Sache ist. Ich musste mich nicht wegen meiner Mutter schämen. Das sagte sie mir sehr klar und genau das musste ich damals hören.

Die zwei Jahre Lehre gingen viel zu schnell vorbei. Ich schloss erfolgreich ab und verliess das Geschäft. Nicht immer hatte ich das Glück, so tolle Chefs zu haben. Manchmal war es wirklich schwierig für mich. Sehr oft dachte ich an die Menschen, die in der Confiserie arbeiteten. Für mich waren sie wie eine Familie geworden. Wann immer ich kann, besuche ich schöne alte Confiserien, denn der Geruch von dunkler Schokolade, das Geräusch knisternden Papiers und Regale voller Geschenkspackungen fehlen mir zu meinem Glück.

Meine Arbeitshaltung, meine Werte und mein Umgang mit Lernenden sind sehr von dieser ersten Erfahrung mit meiner Lehrmeisterin geprägt. Gerade an Weihnachten, wenn auch in der Pflege alles drunter und drüber geht, denke ich jeweils an meine Lehrmeisterin und daran, wie sehr sie den Betrieb an Weihnachten, den „Stress“ und die viele Arbeit geliebt hat. Dann muss ich lächeln.

Mein Lehrgeschäft existiert seit vielen Jahren nicht mehr. Die schöne Inneneinrichtung des Ladens ist verschwunden und hat einem Restaurant Platz gemacht. Und seit ein paar Tagen lebt nun auch meine Lehrmeisterin nicht mehr. Ich denke fest an sie und bin unglaublich dankbar, dass sie mir damals die Chance gab, bei ihr in die Lehre zu gehen.

Alles Liebe und gute Reise Ihnen. ❤

Narbenhaut

Letzthin fragte mich jemand, im Hinblick auf diesen Blog: „Du hast soviel erlebt. Wie überlebst du das nur?“

Ich habe mir diese Frage ehrlich gesagt nie so gestellt. Oftmals war ich verwundert, dass ich gesund bin. Arbeiten kann. Liebesfähig bin.

Als Kind war das für mich anders. Ich fragte mich oft, warum mich meine Mutter nicht liebt. Nicht so liebt, wie ich es bei anderen Kindern und ihren Müttern erlebte. Mütter sind für mich eine grosse Wundertüte.

Meine Mutter war keine Bilderbuchmutter. Sie war launisch, cholerisch und oft gewalttätig gegen mich. Sie fiel oftmals in wahre Verprügelungsorgien. Es war, als müsste sie all das, was sie plagt, verjagen und schlagen. Und das war dann ich.

Es gab einen Moment in meiner Kindheit, da wollte ich nicht mehr. Ich war vielleicht zehn Jahre alt. Sie rastete aus irgendeinem Grund aus. Sie schrie, fluchte, schlug zu. Sie trat zu. Mit Vorliebe trat sie in meinen Rücken und schlug gegen den Hinterkopf – nie in mein Gesicht, so als sollte es keine offensichtlichen Spuren hinterlassen. So auch an diesem Tag.

Ich wusste, selbst als Kind, dass sie mich damit töten oder zumindest halbtot schlagen könnte. Es gab natürlich immer Gründe für sie, das zu tun. Aber ich verstand nur den Hass. Ich kauerte mich zusammen, auf dem Boden, weil ich hoffte, ihre Schläge würden mich nicht all zu sehr verletzen. Das Weinen hatte ich mir irgendwann abgewöhnt. Es schützte mich nicht vor ihren Schlägen.

Nach den Prügeln machte sie sich an mein Zimmer. Sie schlug es kurz und klein. Sie zerstörte meine Spielsachen, schmiss meine Bücher, meine Kleider und meine Plüschtiere herum. Es sah aus, als wenn eine Bombe in mein kleines Zimmer eingeschlagen hätte. Dann ging sie, mit einem Blick der Verachtung.

Ich versuchte mir an jenem Abend einen grossen Nagel ins Handgelenk zu schlagen, weil ich hoffte, ich würde vom Schmerz in meinem Herzen erlöst werden. Mir fiel in jenem Moment ein, dass ich in den Ferien zu Omi gehen wollte. Omi würde mich erwarten. Sie würde es nicht überstehen, wenn ich einfach nicht mehr da wäre. Ich entschied mich fürs Leben.

Ich zog den Nagel wieder raus und war froh, dass nichts schlimmeres passiert war. Ich wusste, ich wollte leben. Übrig blieb von diesem Gedanken bloss meine Narbenhaut.

Haut, die verletzt ist, vernarbt. Es gibt dicke und dünnere Narben. Die einen sind tief, die anderen fast unsichtbar.

Im Laufe der letzten Jahre erlebte ich immer wieder, dass sich (männliche) Freunde und Bekannte das Leben genommen haben. Meine Gefühle waren immer ambivalent. Einerseits war da die Trauer, Menschen verloren zu haben, die ich gerne hatte und deren Gesellschaft ich nun vermisste. Andererseits aber kann ich es nachvollziehen, wenn ein Mensch so verzweifelt ist und so starke innere Schmerzen erleidet, dass nur noch das Ende des Lebens Linderung verspricht. Jemand, der niemals an diesem einen, schwarzen Grat angekommen ist, hat keine Ahnung. Das Verurteilen eines Suizids ist grausam und lächerlich.

Was war und was ist

Beim Aufräumen bin ich auf weitere Schachteln mit Fotos gestossen. Einige wenige sind datiert. Viele kann ich nur zuordnen, weil ich sie mit Omi früher angesehen habe.

Es ist grad ein ziemlich schräges Gefühl, dass ich jetzt die einzige bin, die diese Bilder bestimmen kann. Ich komme mir ziemlich alt und auch wenig verlassen vor.

Ich sehe meine Mutter auf den Fotos. Sie ist noch ein Kind. Sie steht vor dem Haus, in dem ich jetzt lebe. Ich sehe meine Urgrosseltern, die 30 Jahre tot sind. Ich sehe Omi und Opa. Beim Durchblättern frage ich mich oft, welche Sorgen sie wohl gehabt haben. Woran sie gedacht haben.

Dann stosse ich auf Bilder von Anna, meiner Urgrossmutter, der ersten Frau von Henri. An sie kann sich niemand mehr erinnern, denn sie starb bereits 1947, fast vierzig Jahre vor Henri und seiner zweiten Frau Röös. Anna blickt ernst in die Kamera. Sie trägt immer schwarz.

Anna Aerne Mettler

Henri Anna und Walter

Anna ist geheimnisvoll. Ich weiss nur wenig von ihr. Ich würde zu gerne wissen, ob sie es war, die in den 40er Jahren Bücher über behinderte Kinder las. Ich würde gerne wissen, ob ihre Tochter Nelly eine Behinderung hatte. Ich finde ein Bild, das wohl Annas Bruder, Heinrich Aerne, zeigt. Er starb auf den Tag genau 40 Jahre vor meinem kleinen Bruder an einer Blutvergiftung.

Heinrich Arne September 1938

Ist alles im Leben ein Zufall? Sind die Wege, auf denen wir uns bewegen, vorgezeichnet? Was in uns, in mir, treibt voran?

Zwei Erinnerungen auf Fotofilm

Es gibt zwei Erinnerungen an Omi, bei denen ich immer auch bei schlechtester Laune sofort lächeln muss, sobald ich die jeweiligen Fotografien ansehe.

In der ersten Erinnerung sitze ich auf Omis Knien. Sie trägt ein gutes Kleid und füttert mich mit Süssigkeiten. Sie tut es mit den Händen. Lächelt mich glücklich an. Ich fühle mich offenbar wohl. Ich spiele gerne an den Knöpfen ihres Kleids herum, versuchte wohl, alle in die gleiche Richtung zu drehen. Wenn ich Fotos von damals ansehe, dann habe ich das Gefühl, dass wir wie Mutter und Kind sind. Ich besitze kein einziges Bild, das mich so mit meiner eigenen Mutter in dieser Innigkeit zeigt.

 

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In der zweiten Erinnerung bin ich schon grösser. Wann immer ich zu Omi kam, ganz egal, ob es in den 80ern, den 90ern oder bis vor wenigen Jahren war: Omi war immer dabei, Wäsche aufzuhängen. Ich glaube, dass diese Tätigkeit ihr Sicherheit gab. Ich weiss gar nicht, ob sie auch saubere Wäsche gewaschen hat. Sie mochte es einfach. Sie konnte die Stücke so perfekt befestigen, dass sie sie nachher nicht einmal mehr bügeln musste. Denn das hat sie nämlich gehasst.

Der Geruch von Comfort ist noch immer in meiner Nase. Der Wind weht zwischen den Leintüchern, der Unterwäsche und den Strümpfen hindurch.

Heute habe ich Wäsche auf unserer Terrasse aufgehängt. Wir haben sie „Acapulco“ getauft, weil es hier im Sommer sehr heiß ist. Ich hab den Eindruck, als Omi jeden Moment um die Ecke kommen könnte. Bemerkenswert ist hierbei, wie oft Omi beim Wäsche aufhängen fotografiert wurde.

 

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Über Paradiese

Meine Mutter verschwand beinahe in der grell weissen Bettwäsche des Spitals. Ihr Gesicht leuchtete senfgelb. Sie war total abgemagert, doch ihr Bauch stach wie bei einer Hochschwangeren hervor. Es war schlimmer als alles, was ich erwartet habe und schlimmer als alles, was noch kommen würde. Ich wusste, sie liegt jetzt im Sterben und ich kann nichts dagegen tun.

Sie starb dann aber nicht sofort. Sie liess sich drei Monate Zeit mit Weggehen. Das war nicht für alle ganz einfach. Die Dame des Sozialamts sagte mir denn auch rasch, dass ich jetzt die Wohnung räumen sollte und überhaupt, ob ich das Gefühl habe, sie zahlen doppelt für meine Mutter?

Meine Mutter überlebte das Spital und zog in ein Altersheim. Mit ihren 56 Jahren war sie bei weitem die jüngste Heimbewohnerin. Insgeheim dachte ich: jetzt bist du hier wirklich der letzte Hippie, Mami.

Weil das Sozialamt natürlich nicht für Pflegeheim und eine versiffte Ein-Zimmer-Wohnung in Frauenfeld bezahlte, war es nun an mir, meine Mutter zur Kündigung ihrer Wohnung zu bewegen. Das war sehr entwürdigend, denn meine Mutter hatte ja Hoffnung, sie würde diesen ganzen Scheiss hier überleben und wieder zurückkehren. Ich wusste es besser. Schliesslich willigte sie ein, denn sie erwähnte eine wunderschöne Wohnung mit weissen Wänden, einem Lift, Tumbler und Waschmaschine, wo sie sich einmieten würde. Einen Balkon hätte es da auch, damit sie draussen rauchen gehen könnte. Für meine Mutter schien die Vorstellung mit einem Mal so klar, dass sie in jenem Moment die vorbereitete Kündigung der Wohnung unterschrieb.

Einige Tage später aber erinnerte sie sich, was sie getan hatte und beschimpfte mich übel.

Sie beruhigte sich wieder. Aber mein schlechtes Gefühl blieb. Es ging mir gottverdammt schlecht. Ich fing an, ihre Wohnung zu räumen, immer ihren Geruch in der Nase. Mir fielen ihre Briefe, ihre Fotos, ihre Bücher in die Hände. Ich musste entscheiden, was ich mitnehme und was nicht. Manchmal legte ich mich dann einfach auf den versifften Teppichboden und weinte. Das half mir ein wenig, wenn ich nicht mehr wusste, wie weiter. Ich hab die Entsorgung ihres Mülls selber bezahlt. Zum Dank gab das Sozialamt dann meine Adresse an ihre Gläubiger weiter.

Einige Tage vor ihrem Tod erzählte mir meine Mutter wieder von ihrer neuen Wohnung. Sie freute sich auf den Umzug. „Irgendwann kommst du mich dann besuchen und dann hören wir Musik. Wir schauen „Die Herberge zur 6. Glückseligkeit“ mit Ingrid Bergman und Curd Jürgens. Wir werden gemeinsam Kaffee trinken und du musst mir versprechen, dass du dann nicht in schwarzen Kleidern herumhockst und einen Lätsch ziehst.“

Und so laufe ich heute nur noch selten in schwarzen Kleidern herum, nämlich dann, wenn es gar nicht mehr anders geht und ich traurig bin. Die Trauer verfliegt langsam, aber im Herzen drin bleibt eine schwarze, immer eiternde Wunde.

Auf der Suche nach meiner Mutter

Die Entdeckung der Talente meiner Mutter führt übers Kochen.
Meine Mutter war eine wunderbare Köchin, und obwohl sie aus dem Toggenburg stammt und vierzig Jahre im Thurgau gelebt hat, liebte sie das Essen aus fremden Ländern.

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Sie war nie in Asien oder Spanien. Sie kochte Paella und versuchte sich an allem, was der Thurgauer sonst nicht frisst. Als ich ihre Wohnung zwangsweise räumen musste, brachte ich es nicht übers Herz, mich von ihren Kochbüchern zu trennen.

Sie besass jene wundersame rote Kiste mit Kochrezepten, die ich fürs Leben gerne schon als Kind sortiert habe. Sie fand das wunderlich. „Machs nicht kaputt!“ war ihr Standardsatz.

Kochrezepte

Meine Mutter liebte Tiere. Als ich noch ein Kind war, zog sie eine Ente auf. Das Tappen der kleinen Füsschen kann ich heute noch hören, wenn ich die Augen schliesse. Meine Mutter lag im Herbst 2007 im Sterben. Ich durfte meine Katze mit ins Pflegeheim nehmen. Meine Katze schnupperte an meiner Mutter und diese streichelte sie. Ich wagte es nicht, das Gesicht meiner Mutter zu fotografieren.

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Im Haus hier treffe ich auf Mutter Schallplatten, ihre Bücher und ihre Briefe. Immer wieder denke: wie konnte das alles nur so kommen?

Meine Mutter war so voller Leben, so voller Freude. Doch etwas in ihr verschwand, als mein Bruder starb. Ist es dieses Gefühl, ein neugeborenes Kind zu verlieren, einfach so? Die Angst, immer zu versagen?

Ich wusste immer, dass ich nicht wie sie leben würde. Ich würde keine Kinder haben. Der Gedanke, ein Kind zu verlieren, ist für mich das Schrecklichste, weil ich Angst hätte, dass auch ich mich verlieren würde. Den unerträglichen Schmerz zu betäuben hat sie nur mit Alkohol geschafft.

Auch ich fühle den Schmerz. Ich hab ihn mit der Muttermilch aufgenommen. Doch im Gegensatz zu ihr habe ich das Schreiben.

Muttertag

2007 war das letzte Jahr meiner Mutter. Ich habe den Tag nicht gefeiert, weil ich unendlich wütend auf sie war. Sie hatte es geschafft, mit einem einzigen Telefonat meine psychisch labile Schwester in einen Zustand von grosser Verzweiflung zu versetzen.

Meine Schwester lebte damals in einer psychiatrischen Klinik, weil sie Monate zuvor einen Suizidversuch gemacht hatte. Sie arbeitete mit Hilfe von Fachleuten ihre eigene Kindheit auf. Für meine Schwester war so vieles schwierig. Sie erklärte mir damals, sie hätte niemals Grenzen erfahren, immer nur grosse Liebe. Das mag toll klingen, für sie aber war es furchtbar. Meine Mutter litt so sehr unter dem Tod meines Bruders, dass sie bei allem, was meine Schwester anstellte, meinte: „Du bist für mich zwei Kinder.“

Meine Schwester konnte machen, was sie wollte. Es hatte nie Konsequenzen. Vor knapp zehn Jahren erlitt sie schliesslich einen völligen Zusammenbruch. Meine Mutter machte sich Sorgen um sie. Sie rief sie an. Sie redeten. Das letzte Mal.

Meine Schwester rief mich nach jenem Telefonat verzweifelt an. Sie sagte: „Mami hat mir gesagt, sie hätte damals überlegt, mich abzutreiben. Das kriege ich nicht auf die Reihe.“

Ich war sowas von sauer. Ich hab meine Mutter angerufen und sie angeschrien, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat. Sie weinte. Ich weinte. Das Muttertagsgeschenk verrottete in meinem Kofferraum. Ich konnte nicht mehr.

Im Juli 2007 kam meine Mutter ins Spital. Drei Monate später starb sie. Ich war dabei. Meine Schwester nicht. Ich war verzweifelt und wütend und alleine. Ich habs meiner Schwester nicht vergeben, obwohl ich weiss, wie schlecht es ihr ging.

Ich kann wenig anfangen mit der Verherrlichung des Mutterseins. Das hat bestimmt mit meiner Vergangenheit zu tun. Ich weiss nicht, was die Mutterschaft für meine Mutter bedeutete. Aber ich lernte früh, dass nicht jede Mutter für ihre Kinder aufgeht. Dass sie nicht jedes Kind automatisch lieben muss. Ihr Leben wurde nicht durch Rosen aus der Fleischerei versüsst.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Ich würde sehr gerne vieles klären.
Aber das geht ja nicht. Also kläre ich mit mir selber.

 

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Gartenkraft

Vor zwei Jahren um diese Zeit war ich verzweifelt. Ich hatte Angst, dass ich das Haus, das mir nicht gehörte, verlieren würde. Diese Angst hat mich fast krank gemacht.

Heute ist alles anders. Ich lebe hier seit über einem Jahr und manchmal kommt es mir vor, als läge alles andere weit weg. Wenn ich jeweils morgens zur Arbeit fahre, laufe ich unter dem Friedhof vorbei, wo meine Mutter seit bald zehn Jahren liegt. Ich sende ihr einen stillen Gruss und bedauere es, dass sie nicht hier ist.

Wenn ich im Garten arbeite, den Rasen mähe oder jäte, ist mir Omi Paula sehr nahe. Sie hat hier jahrzehntelang den Laden geschmissen. Sie gärtnerte immer sehr gerne. Was immer Omi anfasste, blühte auf. Als ihre Demenz schlimmer wurde, verschwanden der Garten und auch ihre Zimmerpflanzen.

Dieses Jahr habe ich angefangen, Gartenbeete zu stechen. Das ist harte Arbeit, lohnt sich aber. Ich weiss noch immer, wo Omi bestimmte Dinge ausgesät hat. Die Mauer beim Waschbärenstall beherbergte jahrelang Tomatenstauden. Ich liebe Tomaten.

Die Johannisbeerbüsche sind ausgelichtet. Ich bin gespannt, wieviele Beeren es dieses Jahr gibt. Die Vögel haben Nester gebaut und zwitschern zur Freude unserer Katze ums Haus herum.

Da unser Grundstück nicht eben ist, hinter dem Haus ist es sogar richtig steil, kann ich nicht alle Wiesen mit dem Rasenmäher mähen. Es bleibt mir also nichts anderes, als mit der Sense von Hand zu mähen. Ich besitze zwar eine Fädelisägiss, aber die ist im Moment bei meinem Vater im Thurgau. (Er liebt dieses Teil!) Ich hingegen ziehe die Sense vor.

Ich denke darüber nach, dass wir Hühner anschaffen. Ich liebe diese Tiere so sehr. Am liebsten hätte ich Bartzwerge. Oder Seidenhühner. Moderne Englische Zwerg-Kämpfer find ich auch toll. Solange ich mich nicht entscheiden kann, lass ich es halt. Ein Hühnerhaus steht hier ja schon. Ich müsste nur noch eine schöne Volière bauen.

Ich bin mir bewusst, in welchem Paradies ich hier lebe, trotz fehlender Zentralheizung. Es ist einfach nur schön. Ich bin Omi sehr dankbar.