Mimi und Monpti

Mimi war meine Sandkastenliebe, er war mir alles.
Im Gegensatz zu mir war er katholisch, aber das war mir egal. Ich war sechs Jahre alt und wusste einfach; den Typen könntest du einmal heiraten.

Mimi und ich entdeckten den Hüslibach, erklommen die Tentakel des Tintenfischbaums. Ich liebte Mimi so sehr. Dann zogen wir weg.

Ein Jahrzehnt später finde ich seinen Grabstein vor. Mimis Tod zu begreifen, bedeutet das Ende meiner Kindheit. Seinen Tod hab ich nie verstanden.

Ich verliebte mich in Monpti. Er war Ende dreissig, hatte wunderbare grüne Augen und dunkle Haare. Monpti hatte die schönste männliche Tenor-Stimme, die ich bis anhin gehört hatte. Mein Herz gehörte ihm. Doch das erfuhr er zeitlebens nie, da er verheiratet war. Ich flirtete nicht mal mit ihm, da es mir peinlich war. Mir blieb nur die Ehrfurcht vor seiner schönen Stimme.

Monpti war immer da, wenn man seine Hilfe brauchte. Doch als er mit dem Tod rang, war er wohl alleine. Ich fühle mich schuldig. Ich hab ihn einige Tage vor seinem Tod getroffen. Er wirkte müde. Ich hab das wohl bemerkt, aber nicht gehandelt.

Ich habe beide gerne gehabt, und es ist ein gottverdammter Verlust für jeden, dass diese beiden Männer nicht mehr da sind. Ich vermisse sie jeden Tag.

Mutters Herz

In zehn Tagen ist sie sieben Jahre tot. Mir scheint, als wäre es hundert Jahre her. Ich sehe heute jünger aus als damals. Der Gram hat mich krumm gemacht.

Wenn ich an ihrer Strasse vorbei fahre, schaue ich nicht mehr zu ihrem Fenster, ob sie dasteht und wartet. Ich weiss ja, dass sie nicht mehr ist.

Aber am Anfang war sie überall. Ihr Geruch, ihre Habseligkeiten, ihre Kleider. Alles lag in meiner Wohnung herum. Ich konnte nicht anders, als mich mit ihr zu befassen. Ich trug ihr Herz aus Gold an einer Kette, bis man sie mir stahl. Ich verfluche den Dieb noch heute.

Die kurze Zeit, die uns beschieden war, brachte mich näher zu ihr hin. Ich begann zu überlegen, warum sie zu dem geworden ist, was sie war. Ich war gezwungen, mein eigenes Leben zu sezieren, wollte ich nicht so enden wie sie.

Ich hab ihr nie erzählt, warum ich keine Kinder habe. Der Frage bin ich immer elegant ausgewichen. Sie hat nie gefragt, warum ich ein Jahr vor ihrem Tod krank war. Die Sache mit der Weiblichkeit ist ein Lug. Man kann Brüste und ein breites Becken haben und trotzdem unfähig sein, ein Kind zu kriegen.

Ich bin nicht neidisch auf die, die Kinder haben. Ich freu mich für sie. Ich will nur mein eigenes Ding. Mein Haus. Das Schreiben. Freiheit. Glück. Ich bin meine eigene Herrin.

Ich wünschte mir, sie würde noch leben und mich in meinem baldigen Haus besuchen. Wir würden uns natürlich streiten. Aber ich wäre froh um sie. Ich vermisse sie.

Herz aus Glas

Der Oktober ist verlockend golden. Die Farben leuchten. Der Nebel lässt manchmal noch auf sich warten. Ich fahre ins Toggenburg, ins Haus.

Die Grippe, die meinen Körper seit zehn Tagen plagt, scheint vorüber, doch ich fühle mich noch kraftlos. Möbel schleppen ist nicht.

Das Haus gibt mir einen Vorgeschmack auf bevorstehende Winter. Es ist bereits etwas kühl. Ich versuche nicht daran zu denken, was wir noch alles räumen müssen. Mittlerweile freue ich mich auf die Mulde und die Dinge, die ich endlich wegschmeissen kann.

Ich entscheide mich, den Geschirrschrank aufzuräumen. Daran hab ich mich bisher nur schwer gewagt. Dabei hat Omi Paula bei jedem Besuch darauf gedrängt, dass ich was mitnehme, aufräume und putze. Die Erinnerungen an Omi, Röös und Henri scheinen im Geschirr zu stecken. Alles ist arg verstaubt. Ein Durcheinander.

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Ich fülle ein Becken mit heissem Wasser aus dem Bad, denn in der Küche gibt es kein warmes Wasser. Ich beginne, Stück für Stück der Gläser abzuwaschen und schliesslich zu trocknen. Der ganze Tisch ist voll von Glas. Die einen mögen bestimmt sechzig Jahre alt sein.

Ich muss mich entscheiden, was ich nicht behalten will. Die Wahl fällt mir erstaunlich leicht. Sascha verpackt für mich die Gläser und Schüsseln, die weg sollen. Nach zwei Stunden habe ich zwei Regale geräumt, alles abgewaschen und abgestaubt. Ich bin fix und fertig.

Herbstferienbeginn

Ich bin noch immer nicht ganz gesund. Die Grippe von letzter Wochen ist mir ans Lebendige gegangen. Ich wollte heute Paula besuchen, aber ich hab Angst davor, dass ich sie anstecke und sie auch krank wird.

Wir haben jetzt Ferien. Es ist ein seltsames Gefühl, denn im Februar bin ich davon ausgegangen, dass das Haus ausgeräumt ist und wir im Toggenburg leben. Das ist (noch) nicht der Fall.

Wir sind noch zwei Formulare vom Haus entfernt, jede Menge Sperrmüll steht im Haus bereit zum Abtransport. Innerlich sitze ich auf gepackten Koffer, obwohl dies äusserlich gar nicht der Fall ist. Ich bin dankbar für jene Menschen, die mich so sehr unterstützen. Da ist Omis Beistand, der einfach da ist. Meine Eltern, die anrufen und uns bei der Gartenpflege helfen. Meine Arbeitskollegen, die Ohr und Herz haben.

In zwei Wochen ist meine Mutter sieben Jahre tot. Ich kann es kaum glauben, dass die Zeit so schnell an mir vorbei rast. Bei all dem Trubel komme ich nicht dazu, trübselig zu sein und zu trauern. Ich sollte ihr Grab neu machen. Obwohl ich nicht gläubig bin, achte ich darauf, dass es an Allerheiligen für den Winter bereit ist. Omi hat darauf immer grossen Wert gelegt.

Vor sieben Jahren um diese Zeit bekam ich einige freie Tage von meinem Vorgesetzten, damit ich mit letzter Kraft die Wohnung meiner Mutter räumen konnte. Ich war am Ende. Die Angst, dass sie jeden Tag sterben könnte, der Druck vom Sozialamt, mein Gefühl des Versagthabens, die Trauer um sie, die Angst, dass man sie einfach aus dem Spital entlassen könnte, lastete schwer auf mir. Ich weiss nicht, wie ich das damals geschafft habe.

Jetzt, bei Paula, ist es irgendwie anders. Ich habe Hoffnung. Ich lebe in dem Gefühl, dass wenn ich umgezogen bin, ich Omi Paula wieder näher bin. Dass ich dann in einem sicheren Hafen lebe. Das Haus ist mein Schutzpanzer. Seine Geschichte ist älter als meine. Ich denke daran, wie meine Vorfahren schon dort gelebt haben und es macht mich glücklich.

Herbstferien. Früher bin ich mit Paula jeweils an die Olma gefahren. Das ist schon lange vorbei. Aber ich mag den dumpfen Nebel. Den Geruch der Bratwürste und der einschlafenden Erde.

Thurgauer Herbst

Dunkles Wetter. Der Thurgauer Nebel ist da. Die Blätter verfärben sich. Ich hasse die ungeraden Jahre. Verabscheue die Dumpfheit des Nebels. Das Nieseln. Das Rasseln der Blätter. Den Geruch der Zuckerrüben.

Über mir krächzen die Krähen. Ihre Schreie scheinen mir nicht fremd. Sieben Jahre ist es her, seit ich im Nebel die Wohnung meiner Mutter geräumt habe. Frauenfeld bei Nacht ist traurig. Unter dem Dach über der Zürcherstrasse scheint die Traurigkeit noch präsenter. Mutters geblümte Bettwäsche. Die Blutflecken. Spuren von Erbrochenem. Leere Weinflaschen verstaut in schwarzen Herrensocken.

Der Kaninchenpelzmantel ist angeschrieben mit meinem Namen. Ich soll ihn kriegen. Ihre weisse Handtasche. Ihre Kochbücher. Die Fotos von mir, als ich kaum eine Woche alt war. Ich sehe darauf aus wie ein Kind.

Ich lege mich auf den Teppich. Er ist voller Zigarettenasche. Die Holzdecke ist schmutzig vom Nikotin. Ich werde sie waschen müssen. Alles riecht nach ihr. Nach frischer Leber. Ich kriege keine Luft mehr.

Sie liegt im Pflegeheim. Ganz gelb. Ihre Haut ist trocken. Sie hat Nasenbluten. Ihre dunklen Augen leuchten, als sie mich sieht.
„Du, hier?“ Sie freut sich. Wir umarmen uns. Ich möchte ihren weinroten Mund küssen, doch sie riecht nach Leber und Tod und mir wird übel. Ich drehe mich weg.

Ich steige in mein Auto. Täglich. Fahre durch den Nebel. In meine Wohnung. Öffne die Fenster.

Liebenswerk

Ich denke daran, wie sehr mich Paulas Geschichte zum Schreiben verleitet hat. Ist ihre Krankheit und meine Auseinandersetzung damit unser letztes Liebesbekenntnis?

In den letzten Wochen träume ich praktisch nur noch vom Haus. Ich renoviere es. Dazwischen träume ich von meiner Kindheit. Ich sehe meine Omi Paula vor mir, wie wir miteinander geredet haben, wie wir herumgereist sind und wie wir einfach immer zusammengehört haben.

Mich von der Einrichtung des Hauses zu trennen, ist ein schwerer Schritt. Doch es gibt so viele Möbel, die unpraktisch sind und die mir nicht gefallen. Ich werde sie entsorgen müssen. Doch im Gegenzug werde ich Bilder aufhängen. Porträts meiner Vorbewohner. Ich werde die Stoffe, die sich noch im Haus befinden, langsam aufbrauchen. Ich werde jeden einzelnen in etwas Sinnvolles vernähen. Das Holz im Keller werde ich verbrennen.

In der Stube liegen Opas und Uropas Musikinstrumente. Nie durfte ich eines lernen. Stattdessen scheint die Sprache heute mein Instrument. Doch die Geige lässt mich nicht los.

Das Haus scheint die Summe meiner Familie mütterlicherseits zu sein. Da wachsen Tulpen, Rosen und Primeln. Der Garten schreit danach, wieder belebt zu werden. Ich werde die Bäume schneiden, den Rasen mähen, die Fensterläden neu streichen.

Vor bald einem Jahr habe ich mir gewünscht, dass diese Weihnachten das Haus nicht mehr dunkel dasteht, sondern die Fenster beleuchtet sind. Ich hoffe, mein Traum wird wahr.

Meine Mutter und die grosse Demütigung

Meine Mutter ist bald sieben Jahre tot. Sie war und ist einer jener Menschen, vor denen ich trotz allem Erlebten grossen Respekt habe. Sie hat fürs Leben gerne gearbeitet. Schon mit 17 stand sie im Berufsleben. Sie hatte eine Anlehre als Verkäuferin in einer Haushaltsabteilung gemacht.

Weil sie in jungen Jahren eine wunderschöne Frau war, fand sie rasch einen Job als Serviertochter. So hat sie auch meinen Vater kennengelernt. Als sie verheiratet war, arbeitete sie als Kioskfrau. Auch diesen Job liebte sie. Sie war mit mir schwanger, als sich vor ihren Augen am Bahnhof Sirnach ein Mann vor den vorbeifahrenden Zug warf. Danach konnte sie nicht mehr dort arbeiten.

Sie wurde Hausfrau. Sie strickte und häkelte. Aber eigentlich war ihr langweilig. Nach dem Tod meines Bruders und der Geburt meiner Schwester zogen wir um und meine Eltern wurden Hauswarte einer grossen Schulanlage.

Sie arbeiteten viele Jahre gemeinsam. Diese Arbeit mag vielleicht gut bezahlt sein, aber sie fordert sehr viel Abgrenzung und eine dicke Haut, die meine Mutter bestimmt nicht besass. Meine Eltern trennten sich nach fast zwanzig Jahren Ehe. Ich habe noch heute das Gefühl, dass die beiden das früher hätten tun sollen. Meine Mutter, und auch mein Vater, blühten auf. Während mein Vater sich neu verliebte, fand meine Mutter einen Job in der Stadt.

Sie jobbte in drei Filialen von Denner. Sie sass an der Kasse, füllte Regale auf und war glücklich. Ich kriegte mit, dass man sie trotz hoher Arbeitspensen und ihrer absoluten Flexibilität, als Aushilfe entlöhnte. Das machte mich wütend. Sie hat nicht mal einen richtigen Arbeitsvertrag bekommen. Sie hat für den Rest ihres Lebens für einen verdammten Hungerlohn gearbeitet.

Irgendwann hat man sie entlassen. Sie war zu alt, zu alkoholkrank und passte nicht mehr zum neuen, Möchtegern-cleanen Denner-Image. Meine Mutter war selten krank, lief sauber herum und kam nie zu spät zur Arbeit. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen hat meine Mutter auch nie geklaut.

Dann geriet sie in die Schlaufe der staatlichen Arbeitslosenunterstützung. Sie musste, um ihren Wochenrhythmus zu wahren, im „Opdi-Werk“ antraben. Unter den Arbeitslosen, darunter viele entlassene Leute kurz vor der Rente, hiess die Institution „Bekloppti-Werk“.

Meine Mutter rief mich in jener Zeit oft an. Sie machte sich Luft. Es war für sie eine immerwährende Demütigung, Arbeiten zu verrichten, die man eigentlich an Menschen mit Behinderungen vergibt. Sie sagte: Ich verblöde hier noch. Warum kann ich nicht einfach arbeiten gehen?

Wir schrieben Bewerbungen. Aber manchmal kriegte sie bei der Absage nicht einmal mehr ihre teuer bezahlten Bewerbungsmappen zurück. Sie war verzweifelt.

Am Ende ihres Lebens geriet sie in die Sozialhilfe. Für meine Mutter, die immer sorgfältig auf ihr Geld geschaut hatte, war das schlimm. Ihre Kontoauszüge, ihre Zahlungsbelege lesen sich wie einziges Drama. Man behandelte sie auf dem Amt wie eine Aussätzige. Omi Paula steckte ihr manchmal Geld für Zigaretten zu, ermutigte sie, weiterzumachen. Paula war der unerschütterlichen Meinung, dass alles wieder gut kommt. Meine Mutter wurde schliesslich schwer krank, kam ins Spital, schliesslich ins Pflegeheim.

In jener Zeit hatte ich das Vergnügen, mit Mamis Dame vom Sozialamt zu sprechen.
Diese Sachbearbeiterin versuchte, mich wie ein Stück Dreck zu behandeln. Ich bemerkte das an ihrer Sprache. Ich habs mir nicht gefallen lassen und mich gewehrt. Das kam bei ihr nicht so gut an. Trotz allem versuchte ich für meine Mutter gut zu sorgen, musste auf Druck ihre Wohnung räumen. Die Sachbearbeiterin meinte, ob ich wirklich das Gefühl habe, dass das Amt soviel für meine Mutter bezahlen würde. Nach fast 40 Jahren Berufstätigkeit wurde meine Mutter behandelt, als wäre sie eine Betrügerin. Mir wurde übel und damals versiegte jeglicher Glaube an die staatliche Versorgung in mir.

Als meine Mutter starb, hatte die Sachbearbeiterin der Sozialhilfe Ferien. Sie rief mich dann einige Tage später gut gelaunt an und fragte mich, wie es denn so stehe in Sachen Wohnungsräumung.
Ich sagte, wie es aussieht, dass meine Mutter tot war und ich die Wohnung geräumt hatte. Alleine.
„Das hätten Sie doch nicht tun müssen“, meinte die Dame.

Für mich war diese Erfahrung eine Lehre. Sozialhilfe verdient den Namen nicht. Menschen, die auf diese Hilfe angewiesen sind, haben meistens nicht mehr viel, was ihnen geblieben ist. Da kann man mir nichts anderes erzählen.

Nachtrag:
Auf wundersame Weise gelangten damals Gläubiger meiner Mutter an meine Telephonnummer und Adresse. Ich nehme heute an, dass das Sozialamt alle Anfragen freundlicherweise an mich weitergeleitet hat. Ein Mitarbeiter der Stadt Frauenfeld hat mir bei der Todesmeldung dann sofort geraten, Mutters Erbe auszuschlagen, um nicht noch mehr Probleme zu kriegen, als mir die Damen des Sozialamts eh schon angetragen hatten.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich die Beerdigung meiner Mutter sowie Grabstein und Bepflanzung ihres Grabes selber bezahlen durfte. Wenn es nach dem Sozialamt Frauenfeld gegangen wäre, hätte ich die Asche meiner Mutter höchstens in die Thur kippen dürfen. #fail

Vom Thurgauer Herbst

Der Thurgauer Herbst fängt an und ich hab das Gefühl, dass ich ihn besonders geniessen muss. Schliesslich werde ich in einem Jahr nicht mehr in dieser Gegend wohnen.

Früher hätte ich nie gedacht, dass ich einmal bereit wäre, von meines Vaters Heimat fortzugehen. Thurgauerin bin ich von Geburt her. Zwar bin ich im Kanton St. Gallen geboren, aber gelebt habe ich fast immer nur hier. Als ich mit 16 in die Romandie fuhr, was ich selber gewählt hatte, verspürte ich schreckliches Heimweh.

Aber nun, mit 37, ist die Sehnsucht nach dem Toggenburg stärker. Ich möchte im Haus wohnen. Der Arbeitsweg ist mir egal. Ich sehne mich nach der Sonne, den Bergen, dem kühlen Wind, der fremden Sprache.

Die Thurgauer Seite meiner Familie hat sich immer etwas lustig über die Toggenburger Seite gemacht. „Sie hät halt en huere Toggäburger Grind“, hiess es. Das bedeutet, dass jemand stur ist und seinen eigenen Weg geht. Den Toggenburgern bleibt ja auch nichts anderes übrig.

Wenn man im Thurtal lebt, ist die offene Landschaft Segen und Fluch zugleich. Der zähe Thurgauer Nebel schlägt aufs Gemüt. Ab September stinkts rund um Frauenfeld nach Zuckerrüben, dass es einem Fremden fast übel wird. Wir hier aber atmen den Duft ein und wissen, bald ist es Winter.

Der Untersee ist nahe und im Sommer wähnt man sich am Meer. Im Toggenburg wohnt man am Fusse des Säntis. Die Berge prangen in der Nähe. Der Schnee ist ab November ein guter Freund. Die Verbindung zwischen Toggenburg und Thurgau ist die Thur. Die Eilende. Hier im Toggenburg oben ist sie wild und bezähmt. Im Thurgau hingegen fliesst sie brav und still vor sich hin. Nur bei Unwettern zeigt sie ihr wahres Gesicht.

Das Haus ist mein Angelpunkt. Es liegt an einem der vielen Zuflüsse der Thur. Omi Paula lebt nur zwei Dörfer weiter. Egal, was passiert, hier oben bin ich den meinen näher. Auf dem Friedhof liegen sie alle und ich möchte mehr als nur die Gräber bepflanzen und wieder in den Nebel zurückkehren. Ich will hier leben.

Fundstücke

Ich hatte mir für heute viel vorgenommen. Ich wollte das Gästezimmer aufräumen und so einrichten, dass es bewohnbar ist.

Das „Zimmerli“ ist klein aber fein. Es liegt im zweiten Stock, hat einen kleinen, nicht begehbaren Balkon und die Morgensonne erhellt den Raum. Er ist mit Holz getäfert und wurde irgendwann im letzten Jahrhundert angebaut.

Alles ist verstaubt. Einen grossen Teil der Schachteln habe ich bereits durchforstet und Müll entsorgt. Ich verschiebe die Möbel, um den verstaubten und verschmutzten Teppich wegzunehmen. Ich hänge ihn auf und lasse den Wind die Staubflocken entfernen.

Ich stelle die Möbel, die ich entsorgen werde in Flur. Eine Betttruhe, einen Tisch, Stühle, eine Kommode und das Buffet bleiben drin. Ich sauge, wische feucht auf. Plötzlich riecht der Raum nicht mehr nach Mottenkugeln, sondern nach Schmierseife.

Dann räumen wir in Omas altem Schlafzimmer, dem rosa Raum, der einmal Saschas Büro werden soll, das Bett frei.
Drei Bettduvets, zwei Bioresonanz-Matratzen, acht Leintücher, drei Kissen, eine Schaffelldecke und schliesslich den Matratzenbezug ziehen wir ab. Sascha entstaubt das Bettgestell. Es muss bestimmt siebzig Jahre alt sein!

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Nach der Räumerei lege ich ein Seitenabteil frei. In diesen Raum habe ich noch nie gesehen. Er ist über und über mit Karton ausgelegt. Einige Schachteln stehen herum. Alte, mintfarbene Küchengeräte, eine zarte Schachtel mit einem Puzzle drin und ein Plastiksack finde ich vor.

Ich schaue rein und erstarre. Eine Perücke auf einem Styroporkopf. Die Perücke ist in meiner Haarfarbe. Erschüttert lege ich das Teil zur Seite. Für heute ist genug.

 

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über die Gerechtigkeit

Manchmal frage ich mich, warum ich mir alles in meinem Leben so hart verdienen muss. Warum geht es immer schwer? Warum nicht beim ersten Mal einfach leicht?

Ich hielt mich immer für eine Optimistin. Aber im Moment bin ich das Gegenteil. Seit Monaten warte ich auf mein Haus. Seit mehreren Jahren geht meine Freizeit drauf. Ich räume, mähe, pflücke, wische. Aber nichts, was ich tue, hat einen Wert. Einen Sinn. Im Gegenteil. Es ist doch offensichtlich: als Frau darf ich für die Allgemeinheit, meine Verwandten arbeiten. Da wehrt sich niemand. Aber eine Gegenleistung einfordern kann ich nicht. Nicht mal auf den Kaufpreis des Hauses hat meine erbrachte Leistung einen Einfluss. Es ist viel eher so, dass sogar unbeteiligte Leute, wie zB. meine Schwester, plötzlich mitreden können.

Ich gebe Geld aus für Werkzeug, um die Wiesen und den Rasen mähen zu können. Zahlen dafür tut niemand, ausser ich. Meine Arbeit ist keinen Franken wert.

Ich verlange nicht einmal viel. Nur das Haus meiner Familie. Eine Perspektive.