Urseli ruft nie an

Heute war ich Paula im Toggenburg besuchen. Mal wieder. Aber ich hab kein schlechtes Gewissen deswegen. Die letzten vierzehn Tage haben Sascha und ich an der Grippe herumgeseucht. Nicht auszudenken, wenn wir unsere Bazillen an Oma oder einen der anderen Heimbewohner weitergegeben hätten…

Aber Omi Paula war nicht böse auf mich. Im Gegenteil. Sie hat sich gefreut, mich zu sehen. Zwar wusste sie meinen Namen nicht, stattdessen haben wir uns einfach umarmt.

Sie hat sich sehr darüber gewundert, wie ich aussehe. Mehr als einmal meinte sie: „Ich hab dich fast nicht mehr erkannt.“
Ob das ein weiterer Schritt ins Vergessen ist?

Wir sprechen darüber, dass ich nachher Urselis Grab neu bepflanze. Urseli ist nämlich meine Mutter und nächste Woche ist ihr siebter Todestag. Paula schaut mich mit grossen Augen an.
„Urseli ist tot?
„Ja“, antworte ich.
Paula räuspert sich.
„Das erklärt dann wohl auch, warum sie nie anruft.“
Ich nickte.
„Ja, Omi.“
„Ich finds etwas frech, dass sie nie angerufen hat.“
„Du hast kein Telephon mehr, Omi.“
Omi schaut mich an.
„Dann liegts da dran.“

Altersheimgespräche

Ich war einige Wochen nicht bei Paula. Meine Ferien sind vorbei. Einmal mehr muss ich daran denken, dass ich endlich in ihrer Nähe wohnen will, um sie mehr zu sehen.

Paula ist wohlauf. Sie sitzt aufgestellt in einem bequemen Sessel im Fernsehzimmer, gemeinsam mit anderen alten Menschen. Die Stimmung ist locker. Es stört sich niemand dran, dass sie uns lauthals begrüsst. Vor ihr steht ihr Rollator, darauf ein Glas Tee und ein Notrufknopf. Auf dem Sessel neben ihr nimmt rasch eine Glückskatze Platz. Paula weiss zwar meinen Namen nicht, aber das spielt keine Rolle.

„Schön, dass du deine alte Omi nicht vergessen hast!“ meint sie, mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Sie drückt mir meine Hand. Wir küssen uns.

Sie sieht zufrieden aus. Ihr Gesicht ist mit Falten überzogen, doch aus ihren Augen leuchtet der Schalk. Schnell einmal sucht sie das Gespräch mit Sascha, den sie nur Schascha nennt. Fadengrad sagt sie ihm, dass sie ihn sofort heiraten würde. Er setzt sich neben sie und sie zwinkert ihm verschwörerisch zu.

Dann wirft sie einen Blick auf mich und sagt zu mir: „Du hast zwar eine zu grosse Oberweite, aber ihr passt trotzdem besser zusammen.“ Sie lehnt sich zufrieden zurück.

Ich bin für einen kurzen Moment sprachlos, auch weil nun einige ältere Herrschaften sich grinsend umdrehen. Paulas Humor scheint hier niemandem mehr unbekannt zu sein.

Ich sage: „Du bist mir aber auch eine.“ Paula nickt.
„Noch vor zwei Jahren konnte dich kein Wässerchen trüben und seit du im Altersheim bist, reisst du solche Sprüche.“
Paula zuckt die Schultern.
„Ich weiss.“
Dann schaut sie mich an und sagt: „Weisst du, da oben“, sie zeigt auf ihren Kopf, „läufts nicht mehr so rund wie früher. Damit musst du halt leben.“

Als wir wieder gehen, umarmen wir uns. Sie wirkt zerbrechlich und dennoch unverwüstlich. Ich hab sie so gern, meine alte, liebste Omi Paula.

 

 

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Ein Tag im Toggenburg

Tage wie dieser sind nicht mein Ding. Heute ist es besser als früher. In Sommerlagern wurde mir früh morgens in den Schlafsack gesungen. Aufgedreht und mit schlechtem Atem. Heute morgen wurde ich von der Katze geweckt. Der ist es nämlich scheissegal.

So fahre ich ins Toggenburg zu meiner Oma.
Seit einigen Tagen lebt sie mit einer anderen Frau in einem anderen Zimmer. Ich muss mich kurz umgewöhnen. Es ist enger geworden. Nur noch wenige Möbel haben Platz. Omi stört sich nicht daran. Sie liegt auf dem Bett und döst.

Wir reden miteinander. Sie freut sich über mein Kommen. Es ist ein guter Tag. Wir lachen viel. Schliesslich frage ich sie:
„Weisst du, was heute für ein Tag ist?“
„Freitag! Das weiss ich seit heute mittag.“
„Omi, es ist viertel vor elf.“
„Siehst du, werde bloss nie so alt wie ich.“

Dann singt sie mit einem Mal den Refrain eines Songs aus einem meiner Lieblingsfilme. Ich bin versöhnt mit dem Tag.

Als Omi von der Pflegenden in den Essraum begleitet wird, holen Sascha und ich Möbel aus dem Estrich. Ich hatte Angst vor diesem Moment. Doch irgendwie erheitert es mich. Lieber hole ich Möbel, die nicht mehr gebraucht werden, so lange Omi noch lebt.

Wir wollen zum Haus fahren, doch die Zufahrt ist mal wieder zuparkiert. Wir tragen Stühle und Taschen zum Haus. In der Küche packt mich der Ordnungswahn. Ich räume endlich den Gang. Fülle wieder drei Müllsäcke mit Plastik und altem Zeugs. Ich entdecke einige Elektrogeräte, die so alt sind, dass man sie besser nicht in die Nähe einer Steckdose stellt. Ich räume auf. Es tut gut. Im Bad gibt es mehrere Einbauschränke. Sie sind voll abgelaufener Medis, Pflegelotions und Verbände. Die Verpackungen stammen teilweise aus den 60er Jahren. Wieder füllt sich ein Sack. Ich entsorge alte Kleider, von denen ich nicht mal weiss, wer sie einst getragen hat.

Dann, nach zwei Stunden, ist es gut. Ich bin müde. Ich friere. Ich habe Hunger.
Aber irgendwie ist es ein gutes Gefühl, das Haus zu leeren, mich von uralten Dingen zu trennen und dann, irgendwann, bald, hier einzuziehen.

Der Radius wird klein(er)

Seltsames Gefühl, in einigen Tagen Omis Möbel, die sie nicht mehr braucht, aus dem Altersheim abzuholen. Was ich schon bei meiner Mutter Sterben beobachtet habe, nämlich das Kleinerwerden des Radius, bemerke ich nun auch bei meiner Oma.

Omi Paula liebte das Reisen immer sehr. Rom. Lourdes. Berlin. Zürich. Luzern. Irgendwann schafften wir es nur noch bis St. Gallen. Frauenfeld. Wattwil. Dann wurde auch das zu weit. Das Einkaufen übernahm mit einem Mal ich. Oma schaffte es nicht einmal mehr bis zum kleinen Dorfladen.

Oma liebte ihr Haus immer so. Die vielen Zimmer hat sie mit Inbrunst geputzt und instand gehalten. In den letzten Jahren, während sie noch im Haus lebte, wurde auch dieser Radius immer geringer. Sie zog vom Dachgeschoss in Opas altes Schlafzimmer und lebte irgendwann nur noch in Küche, Bad und Schlafzimmer.

Ähnlich verhält es sich nun im Pflegeheim. Schwierig genug, mit Oma einige Möbel auszuwählen, die sie „mitnehmen“ will. Jetzt, anderthalb Jahre später braucht sie sehr viel weniger. Die Möbel und der Besitz haben ihre Wichtigkeit verloren, sie lenken sie nur ab.

Ich weiss nicht, was ich denken soll. Es ist irgendwie beruhigend, dass am Ende des Lebens Besitz von Dingen nicht mehr wichtig ist. Wie wird es wohl sein, wenn ich sterbe?

Zusammenleben im Pflegeheim

Heute wurde ich vom Pflegeheim angerufen. Ich erlebe jedes Mal einen Schreckmoment. Das Gefühl lässt sich vergleichen mit jenem vom Oktober 2007. als ich täglich damit rechnete, dass meine Mutter stirbt.

Die Pflegende klingt aber aufgestellt und das lässt mich hoffen. Zum Glück ist meine Omi Paula wohlauf. Das beruhigt mich sehr. Frau Z. erklärt mir in kurzen Worten, dass Omi mit einer anderen Bewohnerin zusammenziehen könnte. Sie schildert mir, dass die beiden gut auskommen, viel miteinander reden und die andere Bewohnerin jahrelang eine Zimmergenossin hatte. Sie fragt mich, ob ich damit einverstanden sei.

Ich stutze für einen Moment.
Aus meinem eigenen Berufsalltag weiss ich, welche Ängste bei Angehörigen entstehen, wenn ihre pflegebedürftigen Familienmitglieder mit einem fremden Menschen zusammen wohnen müssen. Nun bin ich für einmal selbst in der Situation, dazu etwas sagen zu müssen.

Für mich ist wichtig, wie Paula dazu steht. Wie soll ich entscheiden können, was für sie richtig ist?
Natürlich haben die Pflegenden das miteinander besprochen und auch mit den beiden Bewohnerinnen. Die beiden können sich das vorstellen.

Die Pflegende schildert mir, wie die beiden Frauen auch tagsüber miteinander Zeit verbringen. Offenbar ist es kein Problem, dass meine Oma phasenweise sehr viel redet.

Ich muss mit einem Mal daran denken, wie meine Schwester und ich mit Oma in der Dachkammer übernachtet haben. Wir haben uns jeweils immer Gutenachtgeschichten erzählt. Wir drei hatten verschiedenste Rollen und quasselten bis tief in die Nacht. Das war schön. Ich wünsche mir, dass meine Oma nicht alleine sein muss.

Die Beinbruch-Angst

Ich hatte die letzten Jahre, als Paula noch alleine in ihrem Haus lebte, permanent Angst, dass sie irgendwann mal stürzt. Ihr Kreislauf ist nicht mehr der beste. Das Alter macht sich in ihren Beinen bemerkbar.

Manchmal bin ich nachts aufgewacht, weil ich fürchtete, sie läge jetzt am Fusse der steilen Treppe. Total hilflos. Wenn sie das Telephon nicht entgegennahm, malte ich mir die schlimmsten Szenarien aus. Mehr als einmal wollte ich einfach abends ins Auto sitzen und nachschauen, ob ihr was passiert ist.

Natürlich hätte ich damals schon drauf pochen können, dass sie ins Heim geht. Aber da sie das ablehnte, liess ich es.

Seit sie im Pflegeheim lebt, ist diese Angst weniger präsent. Ich weiss, dass immer jemand da ist und schaut, dass sie nicht davon läuft. Dass sie nun am Mittwoch im Heim gestürzt ist, und zwar so richtig heftig, war zu erwarten. Schnell hat sie Hilfe gekriegt, wurde ins Spital gebracht. Sie musste nicht lange unter Schmerzen leiden.

Ich mache niemandem einen Vorwurf, denn schliesslich ist meine Oma ein freier Mensch. Man kann sie nicht anbinden. Sie war immer jemand, der gerne draussen war.

Viel mehr macht mir das Nachher Sorgen. Wie wird sie sich erholen? Kann sie jemals wieder laufen? Oder ist dieser Bruch ihrer Gelenkpfanne, des Beckens und noch einiger weiterer Knochen eine Art Todesurteil?

Ich muss der Realität ins Gesicht schauen. Omi Paula ist 86. Wenn sich ihre Knochen wieder erholen, wird alles gut. Aber sonst muss ich akzeptieren, dass sie nun einen weiteren Schritt von mir weggeht.

Ich bin froh, dass Paula nach wie vor zuversichtlich ist. Sie liegt in ihrem Bett und wirkt zufrieden. Ich hoffe, das bleibt die nächsten Wochen so. Schliesslich bin ich jetzt noch nicht bereit, mein Omi loszulassen.

Ostern

Seltsames Gefühl, gestern im Haus gewesen zu sein. Es ist das zweite Mal an Ostern, dass es leer steht. So ganz ohne Paula ist das Osterfest nicht so festlich und verspielt wie früher.

Es liegt Schnee. Mein Plan, für Paula einige Tulpen aus dem eigenen Garten mitzubringen, scheint damit zu missglücken. Doch dann finde ich drei grosse, schöne rote Tulpen beim Waschbärenstall, unter dem Goldregen.

Ich weiss nicht, ob Paula noch einfach so Schoggi essen kann. Geschenke findet sie zwar toll, aber sie machen sie auch traurig.

Wir treffen auf Paulas langjährige Nachbarin, eine Frau mit zwei schulpflichtigen Kindern. Paula hat sie in den letzten Jahren, als sie noch im Haus gelebt hat, wie Enkelkinder angesehen. Wir reden übers Haus und unsere Absicht, es so schnell wie möglich zu kaufen. Die Nachbarin freut sich. Sie erzählt von ihrer Band und dass sie noch einen Bassisten suchen. Sascha grinst. Er spielt Bass. Was für eine Aussicht!

Wir reden über Paula und wie es ihr geht. Die Nachbarin richtet liebe Grüsse aus, auch von den Kindern. Dann fahren wir ins Pflegeheim. Natürlich kommen wir gerade rechtzeitig aufs Mittagessen. Um Paula dabei nicht zu stören, warten wir in ihrem Zimmer.

45 Minuten später kommt Paula in ihr Zimmer, begleitet von der Pflegenden. Wir reden ein wenig. Paula ist müde, sie könnte einfach nur schlafen.

Als wir dann allerdings gehen wollen, hüpft sie auf. Trotz ihres hohen Alters und ihren nicht mehr ganz so fitten Knochen, lässt sie es sich nicht nehmen, uns nach unten zu begleiten. Auf dem Weg nach unten trifft sie zwei Mitbewohner; ein jüngerer Mann und eine ältere Frau. Paula stellt mich, stolz wie immer als ihre Tochter vor. Nach dem Namen gefragt, schweigt sie. Ich stelle mich dann selber vor. Paula zeigt auf die Frau und sagt: „Das ist eine ganz liebe. Die Frau hier legt mir jeweils die Serviette beim Essen um.“ Die andere Frau nickt stolz.

Ich denke immer mehr, dass das Leben im Pflegeheim nicht einfach trist und sinnlos sein muss. Es entstehen Beziehungen, kleine Zärtlichkeiten unter Menschen, die sonst ganz alleine wären. Natürlich gibts Streitereien. Die einen habens lieber ruhig, die anderen brauchen Action. Aber es rührt mich immer wieder, zu sehen, wie Menschen mit einander umgehen. Wie sie die Kraft haben, aufeinander zuzugehen.

Ich bin froh, dass Paula in diesem kleinen Pflegeheim lebt. Sie wird gut umsorgt, nicht nur pflegerisch, sondern auch menschlich. Die vielen Jahre, alleine im Haus, waren nicht so leicht. Ihr sozialer Umgang wurde durch den Tod ihrer besten Freundin und meines Opas, dem Ruhestand eingeschränkt.

Am 6. Mai wird Paula 86. Dann ist hoffentlich auch im Toggenburg der Frühling eingekehrt.

Krankenbesuche

Anstrengend waren während Mutters letzten drei Monaten die Besuche. Es erfüllt mich heute noch mit Wut.

Ich hatte gerade eine neue Stelle angetreten, pendelte zwischen meiner Wohnung und dem 80km entfernten Wohnort meines damaligen Freundes, kümmerte mich um Paula und nun das: es rieb mich völlig auf.

So arbeite ich zwischen vier bis sechs Tage die Woche, ging nach Feierabend im Spital vorbei. Natürlich ist es ein bisschen suboptimal, wenn man unregelmässig arbeitet. Vor dem Spätdienst vorbei konnte ich natürlich nie, weil da keine Besuchszeiten waren, nicht mal bei einem sterbenden Menschen.
Meine Mutter hatte praktisch nie Besuch. Das war vielleicht ein Segen. Ich hätte aufgestellte Menschen, die ihr Hoffnung machen, nicht ertragen.

Ich lernte das Spital, wo schon mein Bruder zur Welt kam und gestorben war, von Herzen hassen. Noch heute überkommt mich Wut, wenn ich es betrete. Meine Mutter wurde dort nicht besonders liebevoll gepflegt. Aber das wunderte ja auch keinen: Schliesslich war sie unheilbar an Leberzirrhose erkrankt. Eine sterbende, alternde Alkoholikerin.

Die Besuche laugten mich aus.
Ich hatte Angst. Wie würde meine Mutter die nächsten Tage überstehen? Was würde passieren? Meine Nächte waren grauenvoll. Ich wachte regelmässig schweissgebadet aus Albträumen auf. Wenn mich jemand berührte, begann ich zu weinen.

Den Geruch von Krankenhäusern hasse ich. Dieses saubere, klinische. Dieses „hier-wird-man-schnell-wieder-gesund-Gefühl“, das man einem vermitteln will. Nein. Ich wusste es. Hier kommt sie nicht heil raus.

Ich vermeide seither Krankenbesuche. Es ist nicht so, dass ich kranke Freunde nicht besuchen will. Aber die Emotionen, die Gerüche, die Klänge berühren mich so sehr, dass ich Mühe habe.

Umso mehr geniesse ich es, wenn ich Paula in ihrem Pflegeheim besuchen kann. Es riecht nach daheim. Nach alten Menschen, Putzmittel, Kaffee und Essen. Es ist sauber, aber heimelig.

Wenn ich nicht zuhause sterben kann, dann will ich doch lieber so gehen. Das Spital wäre für mich die Hölle.

Heute

Heute war der Tag, wo ich mich mit mehreren Leuten und Paula traf, um die weitere Zukunft zu besprechen. Es ist nämlich so, dass Paula ihre Geschäfte nur noch mit Unterstützung regeln kann. Die beiden Behördenleute, der zukünftige Beistand, Paula, Sascha und ich trafen sich im Pflegeheim.

Es war schon ein sehr seltsames Gefühl, dabei zu sein, wie Paula von Leuten der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde befragt wurde. Alles geschah sehr freundlich und wertschätzend. Ich bekam den Eindruck, dass Paula bei vielem nicht mehr folgen konnte. Trotzdem hat sie so gut als möglich mitgedacht und sich geäussert. Ich bin sehr stolz auf sie und irgendwie rührt es mich.

Ich wollte nicht ihre Beiständin werden. Das Amt verlangt viel Verantwortungsbewusstsein (neben vielem anderen) ab. Ich spüre, dass ich einfach nur als ihre Enkelin für sie da sein will. Vielleicht ist das sehr egoistisch von mir, aber irgendwie ist es gut so.

Man erklärte ihr das weitere Vorgehen. Sie stimmte zu, dass Herr X, ihr Beistand wird. Er lebt gleich in der Nachbargemeinde. Er wird später mit mir auch schauen, wenn es um den Verkauf des Hauses geht. Momentan bin ich einfach für die Bewirtschaftung verantwortlich.

Bewegend war für mich, dass Paula anfangs des Gesprächs nicht mehr wusste, wer ich war und mich für ihre (tote) Schwester Hadi hielt. Sie fragte mich nach der Mamme und wie es ihr ginge. Ich sagte, dass sie nicht mehr lebt. Da meinte sie, wir zwei seien zwei Arme.

Ich bin froh, dass es so viele Menschen, egal ob Leute von Ämtern, Pflegende, den Beistand, ehrenamtliche Mitarbeiter von Vereinen usw, die sich so engagiert um Paula kümmern.

Am Schluss meinte Paula zu mir: „Manchmal kommt’s anders, als man denkt. In meinem Alter darf man spinnen. Und danach kommt wieder was anderes.“
Wie wahr.

Ein Leben aufräumen

Ich versuchte während Wochen, Uschis Wohnung zu räumen.
Es war ein Ding der Unmöglichkeit.

Zwar war die Wohnung sauber, aber Uschis Geruch war überall. Es roch nach Zigaretten (Mary Long!) und kaltem Rotwein. Auf dem Herd stand ein Topf mit Suppe drin, der angeschimmelt war. Ihr Kühlschrank gammelte ebenfalls vor sich hin.

Ihre Bettwäsche war verblutet. Durch ihre Lebererkrankung litt sie immer wieder unter starkem Nasenbluten. Die Couch und das Couchdeckchen waren übersät von Brandflecken von Zigaretten.

Ich fing an, Regale zu räumen. Ihre Bücher, ihren Nippes, ihre persönlichen Dinge.
Ich packte Fotos ein. Sie hatte tatsächlich Fotos von mir, meiner Schwester und den Katzen behalten. Es gab Fotos von ihren Liebhabern, meinem Vater und meinen Grosseltern.

Mir fielen Briefe in die Hand, die 40 Jahre alt waren. Ich erfuhr daraus, dass sie mit 16 von einem Schulschatz vergewaltigt worden war. Sie hat nie darüber geredet. Ich fand ihren Schmuck. Ihre Kruzifixe. Den silbernen Apfel, den sie während meiner Kindheit getragen hatte. Den Ring der Nofretete.

Ich weiss nicht, wie oft ich heulend ausgestreckt auf dem schmutzigen Teppich lag.
Ihr Leben aufräumen zu müssen, während sie im Spital und später im Pflegeheim lag, brachte mich halb um den Verstand.

Am nächsten Tag besuchte ich sie im Pflegeheim. Ich sagte ihr, dass ich die Briefe mit dem lila Band gelesen hatte. Ich fragte sie nach G. Sie drückte meine Hand, sah mich aber nicht an. Dann sagte sie:

„So weisst du es.“

Das hatte ich nie wissen wollen. Doch nun war das Geheimnis meiner Mutter in meinen Händen. Ich habe dann einige Monate später Paula gefragt, was passiert war. Doch sie konnte sich nicht mehr erinnern. Meine Mutter war für meine Grossmutter zu einem geliebten Phantom geworden.