Drei Frauen

Die Beziehung zwischen meiner Mutter und Omi war immer schwierig. Ich habe mich als Kind oft gefragt, warum dem so war, denn ich konnte es nicht verstehen. Meine Omi war mir immer der liebste Mensch. Warum meine Mutter sich mit ihr so stritt, fand ich unfair.

Als ich älter wurde, die Pubertät ist die Hölle auf Erden, verstand ich meine Mutter besser. Ich begann meine Mutter so zu hassen und mit ihr zu streiten, wie sie mit ihrer Mutter stritt. Ich gab meiner Mutter für alles, was in meinem Leben nicht so lief, wie ich es wollte, die Schuld. Das war ein gutes Gefühl.

Dann wurde ich älter. Meine Mutter und ich sprachen längere Zeit nicht mehr miteinander. Ich litt darunter, denn eigentlich wollte ich mit ihr auskommen, wollte, dass sie mich gerne hat und stolz auf mich ist. Ich vergass, dass es auch wichtig gewesen wäre, dass ich meinen Stolz auf sie zeigte. Das fiel mir schwer. Ich hielt sie für zu passiv. Zu wenig gebildet. Ich war überheblich, denn ich war der Meinung, wenn man sich auch nur ein klein wenig anstrengt, man alles im Leben erreichen kann.

Das stimmte ja auch, in meinem Fall. Als sie krank wurde, bemerkte ich, wie verworren alles war. Wie unglücklich meine Mutter war. Nichts war einfach. Im Angesicht des Sterbens schämte ich mich. Wenn jemand stirbt, dann spielt vieles keine Rolle mehr. Man lebt sein Leben plötzlich anders. So war es auch bei mir.

Ich sah, wie meine Mutter und meine Oma miteinander umgingen. Mir schien, als sei alles gesagt. Omi hat meiner Mutter alle Wut verziehen und meine Mutter begab sich in Omas Arme. Es war ein Geschenk und eine grosse Verantwortung, dass Omi und ich am Ende bei meiner Mutter sein durften.

Jahre später fand ich Briefe, die meine Omi an meine Mutter geschickt hat. Omi versuchte Worte für den Tod meines Bruders zu finden. Ich bemerkte, dass meine Oma sich unglaubliche Sorgen um meine Mutter gemacht hatte. Sie hatte erkannt, in welcher Krise meine Mutter steckte. Sie hatte Angst, dass sie sich umbringt. Die klaren Worte aber haben meine Mutter wütend gemacht. Sie mochte es nicht, wenn jemand in ihr Leben reinredete.

Meine Mutter hat mir kurz vor ihrer Trennung Briefe ins Welschland geschrieben. Sie beschrieb ihren Alltag an der Seite meines Vaters. Wenn ich diese Zeilen heute lese, steigen mir die Tränen ins Gesicht. In meiner Mutter steckte soviel literarisches Talent. Sie besass Witz, Klarheit, einen romantischen Geist. Sie hat nie ein Buch geschrieben. Ihre Tagebücher sind unvollständig. Vieles von dem, was sie wirklich bewegt hat, behielt sich für sich. Das ist unsagbar traurig.

 

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Pensionsalter

In einigen Tagen, am 2. September, würde meine Mutter 64 Jahre alt. Jetzt käme sie ins Pensionsalter. Ich weiss nicht genau, warum mich das seit Tagen so sehr beschäftigt.

Wir haben, als ich noch ein Kind war, oft darüber gesprochen, dass sie als Grossmutter meine Kinder sehr verwöhnen würde. Das hat sie nämlich Omi Paula immer vorgeworfen: „Du verwöhnst das Kind zu sehr.“ Ich hielt diesen Ausdruck lange Zeit für etwas Negatives. Omi verwöhnte mich nicht. Sie hatte mich einfach gern und zeigte mir das auch. Ich konnte mir nie vorstellen, dass meine Mutter mal ein Omi werden würde. Dafür schien sie mir einfach immer zu jung.

Meine Mutter hat einige Tage vor ihrem Tod 2007 dann den Wunsch geäussert, Grossmutter zu werden. Es hat alles in mir aufgewühlt. Ich fragte mich, was für eine Frau ich nun werden würde. Ich wusste, ich würde nie Mutter werden. Ich musste mich entscheiden, was ich wirklich wollte. Und so entschied ich mich. Fürs Schreiben. Für mich.

Vor acht Jahren starb meine Mutter. Ich wusste, wenn ihr Grab wieder ausgehoben wird, bin ich so alt wie sie, als sie starb. Was für eine Perspektive!

Wir haben manchmal darüber geredet, wie sehr sie sich aufs Nichtstun freut. Aber ich denke, sie meinte das nicht ernst. Sie hat gerne gewerkt. Sie hat gerne gestrickt und gehäkelt. Sie sass eigentlich nur still herum, wenn sie getrunken hatte.

Sie fehlt mir.
So sehr.

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kadett und mami

 

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Lebensfreude und Sterben

Ich habe mich oft gefragt, was sein wird, wenn mein Omi mal nicht mehr lebt. Als Kind war mir diese Vorstellung ein Gräuel und ich habe oft vor Angst geweint. Sie zu verlieren, schien mir etwas vom Schlimmsten. Mit dem Tod meines Bruders starb auch ein Teil meiner Mutter. Diesen Verlust habe ich hautnah zu spüren gekriegt. Das Resultat ist wohl, dass ich sehr an Menschen hänge, die ich gerne habe. Ich bin nicht gut im Abschied nehmen. Es scheint mir manchmal so, als ob ein Teil von mir sich weigert, sich zu verabschieden, ganz egal ob es um eine Trennung, einen Umzug oder aber den Tod eines nahen Menschen geht.

Heute ist mir der Tod weniger fremd als früher. Einige meiner Freunde leben nicht mehr. Einige Arbeitskolleginnen leben nicht mehr. Irgendwann holt es dich ein und du kommst um einen Abschied nicht herum.

Auf Mutters Tod war ich trotz allem nicht vorbereitet. Ich habs vor mich her geschoben und in aller Konsequenz verdrängt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Mit Omi ist alles anders. Wir haben oft geredet. Für sie war immer klar, dass sie als erste geht. Für sie schien alles logisch. Die Wünsche sind deponiert. Es sind nur wenige, aber ich hab sie in mein Herz geschrieben.

Die Demenz hat uns entfremdet. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, lernt sie mich von neuem kennen, während in mir die Erinnerung an meine Kindheit und an Omi, wie sie früher war, schwelt.
Die Demenz hat sie mir näher gebracht: Omis kindliche Seite, ihre Lebensfreude, die durch nichts zu zerstören ist.
Wer bin ich, denke ich, dass ich zweifle?

Omis grösster Wunsch ist, dass ich sie nicht vergesse. Nichts wäre ferner als dies, zu sehr hat sie mein Leben mitgeprägt und mir geholfen, meine Kindheit gesund zu überstehen. Sie hat mich mit ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Güte erzogen und mir immer das Gefühl gegeben, etwas besonderes zu sein. Mein Wunsch, dass sie mich nicht vergisst, ist nicht in Erfüllung gegangen. Aber vielleicht ist er auch zu hoch gegriffen. Liebe macht sich nicht in einem Namen oder der Erinnerung fest.

Ich bin froh, dass mein Omi trotz Demenz gesund ist. Dass sie sich an ihrem Leben erfreut. Dass sie keine Schmerzen hat. Aber ich weiss genau, wenn der letzte Weg ansteht, dann bin ich da bei ihr. Das ist unsere Abmachung. Und die halte ich ein.

Senfgelber Abschied auf Raten

Der erste bewusste Abschied in meinem Leben war wohl jener von meinem Bruder Sven. Ich erinnere mich an Szenen auf dem Friedhof und meine trauernden Eltern, Omi Paula, die mich weinend umarmt und tröstet. Ich verstand nichts. Ich war erst zwei. Der erste Abschied in meinem Leben war keiner, denn ich hatte Sven nie gesehen, nie in Händen gehalten und nicht begriffen, dass es ihn überhaupt gegeben hatte.

Ich hasse Abschiede. Ich mag mich nicht von Menschen trennen und wenn ich es tue, dann schnell mit einem glatten Schnitt.

Als mein Opa Walter starb, war ich nicht dabei. Die letzten Tage seines Lebens waren nur Omi Paula und eine Schwester der Spitex an seiner Seite. „Ich will nicht, dass du mich so siehst“, sagte er mir leise am Telephon. „So“ bedeutete sterbend. Senfgelb. Abgemagert. Dem Tode sehr nahe.
Ich habe Opa seit Weihnachten 1996 nicht mehr gesehen. Als er anfangs 1997 starb, war er meinen Augen fern, nicht aber meinem Herzen.

Den Abschied von meiner Mutter hätte ich beinahe verpasst.
Sie ist mir nämlich nach einem Streit gezielt aus dem Weg gegangen. Fast ein Jahr haben wir uns nicht gesehen, immer nur telephoniert. Immer gab es einen Grund, warum sie ein Treffen absagte oder gerade nicht zuhause war, wenn ich sie hätte besuchen können. Als ich sie auf der medizinischen Abteilung des Spitals besuchte, wo sie notfallmässig eingeliefert worden war, begriff ich auch warum. Sie war todkrank. Ihr Körper war senfgelb, ihr Bauch riesig, ihr ganzer Körper abgemagert.

Senfgelb ist für mich die Farbe des Todes. Ich hasse Senf und ich verabscheue den Geruch von frischer Leber.

Omi Paula und ich hatten immer gerne telephoniert. Wir hatten stundenlang Gesprächsstoff. Der Abschied fiel uns beiden jedes Mal schwer. Schliesslich kam ich auf die Idee, dass wir einen festen Ablauf für den Abschluss eines Gesprächs einführen sollten. Ich war damals acht Jahre alt, Omi 57.
„Wenn wir fertig sind, dann sagen wir einfach 1… 2… 3… Tschüüüüschüüüss und schicken Küsse durch das Telephon“, schlug ich ihr vor. Und so machten wir das. Fast 30 Jahre lang.

Irgendwann vergass Omi meinen Namen, dann meine Nummer und wie das Telephon funktioniert. Ich hasse diesen Abschied, der keiner ist.

Loslassen. Das Wort des Moments.

Omi wird in einigen Tagen 87 Jahre alt. Was für eine Zahl! Nie hätte ich gedacht, dass sie so alt wird. Niemand hätte wohl darauf gewettet, nachdem sie als Kind so schwer an einer Hirnhautentzündung erkrankte.

Ich sitze in meinem Atelier mit Blick auf den Garten, wo die Primeln blühen. Schaffe ich es, dass Omi noch einmal den Garten sieht? Ich habe Angst davor, dass sie nichts mehr erkennt, denn mich kennt sie ja auch nicht mehr.

Omi sprach, solange sie noch im Haus lebte, oft vom Sterben. Der Sehnsucht nach Ruhe. Schmerzlosigkeit. Das nicht Vorhandensein von Trauer und Verlust. Für sie ist diese Phase des Lebens, diese immensen Emotionen, wohl schon vorbei. Sie fühlt sich wohl und sitzt da, als warte sie auf den Bus, der sie bald abholen wird.

Ich sitze da und beende das Manuskript für das Buch über sie. Ich schreibe unsere Geschichte, weil nur noch ich diese Geschichten weiss. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie es ist, wenn ich ihr im Juli das Buch zeige. Was wird sie dazu sagen?
Durch Omis Demenz und mein Schreiben darüber hat sich mein Leben komplett verändert. Alles scheint klar. Doch in meinem Innern ist das nicht so: Was wird sein, wenn Omi einmal nicht mehr ist?

Als meine Mutter starb, da war Omi für mich da. Wir haben gemeinsam getrauert. Omi war immer voller Hoffnung. Sie sagte: „Sei nicht traurig, es geht Urseli gut. Nie mehr Sorgen. Nie mehr Trauer.“

Doch dann sagte sie: „Das Schlimmste ist, wenn die Mutter stirbt. Das weiss ich genau.“

Kurze Zeit später zeigte sich ihre Demenz immer stärker. Manchmal denke ich, dass nur das Sterben meiner Mutter sie vom Vergessen abgehalten hat. Es schien mir, als müsste meine Omi mit 79 diese letzte Aufgabe ihres Lebens, nämlich den Menschen, den sie 1951 geboren hat, bis zum Tod begleiten und wieder hergeben.

Ich stand daneben. Ihre Aufgabe war erfüllt. Doch was ist meine Aufgabe? Kinder kriegen ist es jedenfalls nicht.

Einer von tausend Toden

Ich wache am Bett. Am Abend zuvor hatte sie sich von mir verabschiedet. Wenn Menschen sterben, spüren sie, was sie noch brauchen. Meine Mutter hatte Spaghetti gegessen, mit ihrer Freundin geredet und mich angerufen. Am Ende sagte sie: Ich bin müde.

Ich werde ins Pflegeheim gerufen. Uschi liegt da. Ihr Atem geht schwer. Diese kochelnden Laute. Ich sehe ihr senfgelbes Gesicht. Wenn die Pflegenden sie umlagern, öffnet sie ihre riesigen, dunklen Augen und sieht mich an.

Hat sie Schmerzen, frage ich. Nein. Sie kriegt Morphium. Patientenverfügung. Meine Mutter. Immer einen Plan B.
Ich bin nicht darauf gefasst, sie sterben zu sehen.
Ich weiss nicht, wie ich bei ihr bleiben könnte.
Ich kann nicht gehen.

Während sie daliegt und stirbt, verstäte ich ihre Häkeldecke. Das hat sie immer gehasst. Also mache ich es für sie.
Wenn man dasitzt und Fäden vernäht, wird alles leichter. Mir kommen viele Dinge in den Sinn. Meine Kindheit. Ihre Umarmungen. Ihre Stimme, die ich nie wieder hören würde. Meine Hoffnung, dass sie noch einmal die Augen aufschlägt, etwas sagt. Der Tag vergeht langsam. Immer wieder gibt es Momente, an denen sie bereit scheint, loszulassen, es aber noch nicht kann. Ich warte.

Am Abend fahre ich nach Hause. Ich bin getrieben von Angst. Dass, wenn ich wieder zu ihr zurückkehre, meine Mutter bereits gegangen ist. Aber sie wartet auf mich. Ich nehme Platz in dem unbequemen Sessel. Warte. Sie atmet. Immer wieder Aussetzer. Ab und zu glaube ich eine Träne zu sehen. Vielleicht bilde ich es mir ein, denn meine eigenen Tränen fliessen unaufhörlich.

Dann wird es Abend. Ich habe keinen Hunger. Keinen Durst. Mir erscheint mit einem Mal alles endlos. Ich will nur noch, dass sie endlich stirbt, damit ich gehen kann. Die Luft im Pflegeheim ist trotz geöffneter Fenster schwer. Ich halte ihre Hand. Ich spüre, wie sie kälter wird. Wage nicht, ihr Gesicht zu berühren. Habe Angst, ich könnte sie beim Gehen stören. Zwischendurch nicke ich ein. Denke, vielleicht schläft sie dann auch. Ich muss es nur vormachen.

Immer wieder wache, schrecke ich auf. Ihr Kocheln. Sie blickt mit aufgerissenen Augen zur Decke. Dann schliessen sie sich. Der Atem geht langsamer.

Um fünf Uhr schrecke ich auf. Nachdem ich rund zwanzig Minuten am Stück geschlafen habe, wache ich von der Stille auf. Mutters Atem hat ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelt sie. Dann atmet sie weiter. Ich sitze fassungslos da. Schwitze. Weine. Krieche auf das Bett neben ihrem. Ich lege mich hin und halte ihre Hand. Dann werde ich müde. Sobald ich die Augen schliesse, habe ich Angst, einzuschlafen und sie loszulassen.

Da alle Sterbezimmer belegt sind, muss meine Mutter in einem Vierbettzimmer liegen. Wir hören Musik. Immer wieder setzt Mutters Atem aus. Es klingt für mich, als würde sie immer tiefer eintauchen, und das Auftauchen wäre eine Qual.
Ihre Hände werden kälter. Ich weiss, bald ist es soweit. Um viertel nach vier tut sie ihren letzten Atemzug. Aus ihren Augen treten gelbe Tränen. Ich öffne das Fenster. Draussen scheint die Sonne. Der Nebel ist verflogen.

Dieser Text ist im Ebook „Tausend Tode schreiben“ im Frohmann Verlag erschienen.

Abnützungserscheinungen oder Umziehen ist wie Sterben

In zwei Wochen ist es soweit. Wir ziehen aus. Weg aus dem Thurgau. Ich hasse Umziehen. Ich hasse Schachteln. Kisten. Taschen. Leere Räume.

Und langsam verschwindet meine Energie. Die Erkältung ist wieder da. Termine. Meine Bücher sind alle längst im Toggenburg, weit weg von mir. Ich bin einsam ohne sie. Bücher sind stille Freunde. Die besten.
Ich packe. Räume auf. Schmeisse weg.

Ich tue mich schwer mit Gehen. Da ist der Magnolienbaum im Nachbardorf, den ich so sehr liebe. Den werd ich so schnell nicht mehr sehen. Die Nachbarskatzen. Die alten Menschen im Dorf. Die unberührte Natur.

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Mir wird die Frauenfelder Mundart fehlen. Das stinkige Städtchen im Herbst. Der Geruch der Rüben. Das Hochwasser der Thur. Der blaue Himmel über dem See. Das Naturmuseum.

Ich werde mein Auto ummelden müssen. Die goldenen Löwen auf silbrig-grünen Grund machen dem Rutenbündel mit Beil auf grünen Grund Platz.

Ich weiss noch nicht mal, was ich nachher sein werde: bin ich eine Thurgauerin im Toggenburg? Oder eine Thurgo-Toggenburgerin? Und wenn ich jemals eine Tracht nähe, wird es die Thurgauer oder die Toggenburger Tracht sein?

Und wenn ich dann irgendwann sterbe, dann liege ich auf demselben Friedhof wie meine Urgrosseltern, mein Opa, meine Grosstante und meine Mutter. Nur mein Bruder, der liegt nicht da. Aber wahrscheinlich spielt das keine grosse Rolle. Omi hat mal gesagt: „Wir kommen alle zum selben Herrgott.“ Ich antwortete: „Ich glaube nicht an Gott.“ Omi schaute mich an, lächelte, kniff mich in die Wange und sagte: „Das isch ihm schissägliich.“

Der nächste Tag

Um fünf Uhr in der Früh schreckte ich auf. Nachdem ich vielleicht zwanzig Minuten am Stück geschlafen hatte, wachte ich von der Stille auf. Mutters Atem hatte ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelte sie. Dann atmete sie weiter.

Ich sass fassungslos da. Ich schwitzte. Weinte. Ich kroch auf das Bett neben ihrem. Es war leer. Ich legte mich hin und hielt ihre Hand. Dann schlief ich wieder ein. Aber mein Schlaf war oberflächlich. Sobald ich die Augen schloss, hatte ich Angst, einzuschlafen und sie loszulassen.

Um sieben Uhr morgens kam eine Pflegende. Da alle Sterbezimmer belegt waren, musste meine Mutter mit mir in diesem Vierbettzimmer liegen. Auf der anderen Seite lag eine hochbetagte demenzkranke Frau. Während sie die andere Frau aufnahm, ging ich unter die Dusche. Ich nahm etwas vom Duschmittel meiner Mutter und seifte mich ein. Mir schien, als könnte ich nur so den Geruch des Sterbens abwaschen und gleichzeitig mir etwas von ihr aufbewahren.

Ich ging frisch gewaschen wieder zu ihr.
Man bot mir etwas zu essen an. Aber ich hatte keinen Hunger.
Ich legte mich wieder neben sie und hielt ihre Hand.

Und dann kam endlich meine Oma Paula. Sie stand in der Türe und ich eilte zu ihr, umarmte sie. Sie wirkte wie ein Fels in der Brandung. Atmete schwer, als sie meine Mutter sah.

Was muss in Paula vorgegangen sein, als sie ihr Kind sterben sah? Omi Paula hat nie darüber geredet. Sie zog ihren dunkelgrünen Mantel aus, stellte ihre Tasche hin und setzte sich auf einen Stuhl.

Ich fühlte mich mit einem Mal nicht mehr alleine. Wir redeten miteinander, mit meiner Mutter. Mit Urseli. Es war wie immer. Nur dass meine Mutter keine Antwort mehr geben konnte.

Die Zeit verging. Paula und ich sassen da und warteten gemeinsam mit der Sterbenden.

Es macht mir zu schaffen, dass ich mit Omi Paula nicht mehr darüber reden kann. Meine Mutter ist für sie verschwunden. Vergessen sind unsere gemeinsamen Erlebnisse, jener 17. Oktober 2007. Ich bin für Omi glücklich, aber ich hasse es.

Wir hörten leise Musik. Immer wieder setzte Mutters Atem aus. Immer länger wurden die Pausen. Es klang für mich, als würde sie immer tiefer eintauchen und das Auftauchen wäre eine Qual.

Ihre Hände wurden immer kälter. Ich wusste, bald ist soweit. Dann, um kurz nach vier, wurde meine Mutter nochmals umgelagert. Sie öffnete nochmals die Augen. Im Radio erklang „Schacher Seppli“ von Ruedi Rymann. Meine Mutter hat es immer sehr geliebt. Um Punkt viertel nach vier tat sie ihren letzten Atemzug. Das Lied war zu Ende. Aus ihren Augen traten gelbe Tränen.

Omi und ich sassen da, hatten uns an den Händen gefasst. Sie stellten Mutters Tod fest. Ich öffnete das Fenster. Draussen schien die Sonne. Der Nebel war verflogen. Ich hörte eine Krähe. Ich sagte: „Jetzt muss Uschi bestimmt eins rauchen, nach all der Anstrengung.“ Omi und ich sahen uns an, dann lachten wir, umarmten uns. Dann liefen uns die Tränen herunter. Wir verabschiedeten uns von Uschi, die Paulas Tochter und meine Mutter gewesen war.

Totengedenken

Seit Oktober 2007 fuhr ich jeweils zu Paula, um mit ihr den Tod meiner Mutter Ursula zu betrauern. Zuerst wöchentlich. Dann einmal im Monat. Im ersten Jahr lagen wir uns in den Armen um jene Zeit, in der meine Mutter und ihre Tochter den letzten Atemzug getan hatte. Wir tranken in der Toggenburger Küche Kaffee gesalzen mit unseren Tränen, schauten Röteli zu und genossen die letzten warmen Sonnenstrahlen. Wir erzählten uns ihre letzten Momente und es schien mir, als wäre ich mit einem Mal nicht mehr einsam, weil Paula das selbe wie ich gesehen und erlebt hatte.

Es tat gut, Omi Paula zu umarmen. Ich fühlte mich geborgen, denn schliesslich war sie die Mutter meiner Mutter. Ein unsichtbares Band verbindet uns. Jede Geschichte meines Lebens wusste sie mir zu erzählen.

Doch dann schwand ihre Erinnerung an mich. Sie verwechselte mich immer öfters mit Ursle. Am Anfang wusste sie meinen richtigen Namen noch. Mit der Zeit verschwand er und ich gewöhnte mich, wie meine Mutter genannt zu werden.

Seit etwa 2010 suchte ich Omi Paula am 17. Oktober nicht mehr auf. Ich zog mich zurück. Warum sollte ich sie mit etwas behelligen, das nur noch meins ist und nicht mehr ihres? Warum sollte ich ihr immer wieder von neuem weh tun, indem ich eine Erinnerung erweckte, die doch im Begriff war zu verschwinden?

Seit Paula im Pflegeheim ist, arbeite ich an diesem Tag. Doch ich bin nicht glücklich damit. Es erscheint mir einfach nicht ehrlich.

Meine Mutter hat gerne gefeiert. Ich möchte es ihr so gerne gleich tun. Es ist Oktober. Es gibt keinen Grund mehr, Trübsal zu blasen.

Thurgauer Herbst

Dunkles Wetter. Der Thurgauer Nebel ist da. Die Blätter verfärben sich. Ich hasse die ungeraden Jahre. Verabscheue die Dumpfheit des Nebels. Das Nieseln. Das Rasseln der Blätter. Den Geruch der Zuckerrüben.

Über mir krächzen die Krähen. Ihre Schreie scheinen mir nicht fremd. Sieben Jahre ist es her, seit ich im Nebel die Wohnung meiner Mutter geräumt habe. Frauenfeld bei Nacht ist traurig. Unter dem Dach über der Zürcherstrasse scheint die Traurigkeit noch präsenter. Mutters geblümte Bettwäsche. Die Blutflecken. Spuren von Erbrochenem. Leere Weinflaschen verstaut in schwarzen Herrensocken.

Der Kaninchenpelzmantel ist angeschrieben mit meinem Namen. Ich soll ihn kriegen. Ihre weisse Handtasche. Ihre Kochbücher. Die Fotos von mir, als ich kaum eine Woche alt war. Ich sehe darauf aus wie ein Kind.

Ich lege mich auf den Teppich. Er ist voller Zigarettenasche. Die Holzdecke ist schmutzig vom Nikotin. Ich werde sie waschen müssen. Alles riecht nach ihr. Nach frischer Leber. Ich kriege keine Luft mehr.

Sie liegt im Pflegeheim. Ganz gelb. Ihre Haut ist trocken. Sie hat Nasenbluten. Ihre dunklen Augen leuchten, als sie mich sieht.
„Du, hier?“ Sie freut sich. Wir umarmen uns. Ich möchte ihren weinroten Mund küssen, doch sie riecht nach Leber und Tod und mir wird übel. Ich drehe mich weg.

Ich steige in mein Auto. Täglich. Fahre durch den Nebel. In meine Wohnung. Öffne die Fenster.