Die Schildgeschichte

Als meine Mutter im Pflegeheim lag und auf ihren Tod wartete, wollte sie immer wieder zurück in ihre Wohnung. Diese jedoch musste ich räumen.

Das Sozialamt meinte, sie zahlten nicht für zwei Wohnungen, Sterbeprozess hin oder her. Ich solle mich beeilen. Nun denn. Ich hätte mich zurücklehnen können. Dann hätte die Stadt Frauenfeld die Wohnung selber geräumt und alle Habseligkeiten meiner Mutter wären in die Mulde gewandert. Da ich wusste, wie sehr meine Mutter an ihrem Nippes hing, war es an mir, ihre kleine Wohnung zu leeren.

Sie litt sehr darunter, dass sie nun keine richtige Bleibe mehr hatte. Ich musste ihr versprechen, dass ich ihr Hab und Gut für sie aufbewahre.
„Irgendwann komme ich vorbei und hole alles wieder ab“, pflegte sie müde zu sagen. Ich nickte.

Unter all den Zwergen, putzigen Kätzchen und Pimmelfigürchen befand sich auch ein gelbes Schild. All die Jahre hatte es über ihrer Haustüre gehangen. Wenn ich sie jeweils besucht habe in ihrer verrauchten Wohnung, sind wir da gestanden und sie zeigte drauf und lachte. Ich fand es peinlich.

Während der Räumung fiel mein Blick auf ihr Schild. Ich habe es abgenommen und ihr ins Pflegeheim gebracht. Sie hat fast geweint vor Freude. Natürlich musste ich es direkt über ihrem Bett aufhängen.

Ihr Lebenspartner fand das gar nicht lustig. Er versuchte mich dazu zu bewegen, dass ich es wieder mit nach Hause nahm – oder noch besser: wegwarf. Aber das tat ich nicht. Ich sagte zu ihm mit vehementer Stimme:

Das Schild bleibt!

Nach dem Tod meiner Mutter, noch am selben Abend habe ich ihre Tasche gepackt. Den roten Minirock, den sie unbedingt ins Pflegeheim mitnehmen wollte, ihre Zigaretten, das schreckliche jodelnde Murmeltier und ihr Schild.

Als ich zuhause ankam und nach einigen Wochen ihre Tasche endlich aufräumte, fiel mir das Schild wieder in die Hand. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Dann nahm ich es und hängte über meine eigene Haustür. Und da hängt es jetzt, seit bald sieben Jahren.

 

 

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Vom Sterben auf eigene Kosten

Gibt es ein Recht auf den selbstbestimmten Tod?

Ich war schon als Kind irritiert von dem Gedanken, dass sich jemand einfach umbringt. Eine Schulfreundin von mir fand ihren Vater tot vor. Ich empfand dies als furchtbar gemein.

Jahre später brachte sich mein Kindergartenschatz um. Er wurde von einem Zug überrollt. Ich habe es nie verstanden. Es war für mich ganz und gar undenkbar, dass er, ausgerechnet er, sich so tötet.

Bis dahin empfand ich Suizid einfach als eigene Entscheidung. Niemand oder nur wenige waren in meinen Augen davon betroffen. Ich machte mir wenig Gedanken darüber.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember 2006 wurde ich Zeugin eines Suizids. Während ich an der Seite meines damaligen Freundes und seiner Tochter über den Seedamm fuhr, stürzte sich vor meinen Augen ein Unbekannter von der Brücke in den See.

Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich fühlte. Ich wurde ganz kalt. Mir war klar, dass jede Hilfe zu spät kommen würde. Wir riefen die Polizei an. Ich musste den Mann beschreiben und später nochmals an die Stelle gehen, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte.

Sie suchten mit Booten nach ihm. Das Licht der Lampen liess Fische springen. Es war ein ganz seltsames Schauspiel in jener kalten Nacht. Die Fische sprangen munter herum, während irgendwo der Leichnam eines Mannes im Wasser trieb. Der Wind peitschte mir ins Gesicht. Den Rest der Nacht konnte ich nicht mehr schlafen. Auch später konnte ich nur noch mit Mühe in jenen Teil des Zürichsees springen. Der Gedanke an die Leiche, die nirgends mehr auftauchte, liess mich nicht los.

Es machte mich wütend, dass ich, ausgerechnet ich, Zeugin wurde. Ich wollte das nicht. Es hat mich nicht traumatisiert, denn ich musste seinen Körper ja nicht aus dem Wasser ziehen und anschauen. Dennoch fand ich es ungerecht.

Als meine Mutter fast ein Jahr später starb, war ich dankbar, dass sie keine Hilfe zum Sterben beanspruchte. Der Gedanke, dass meine Mutter mithilfe eines Medis in einem Auto auf einem verlassenen Parkplatz hätte sterben wollen, wäre unerträglich gewesen. Ich war dankbar für die Art und Weise wie sie starb.

Der Tod eines guten Freundes berührte mich. Er hatte sich ebenfalls umgebracht. Ich blieb mit lauter Fragen zurück. Ich versuche zu verdrängen, dass er nicht mehr da ist, denn sonst würde es mich verrückt machen. Ich versuche an die schönen Zeiten zu denken und wie sehr ich sein Lachen und seine lieben Augen gemocht habe.

Zum Thema Sterbehilfe stehe ich nach wie vor offen. Ich finde, es ist eine Entscheidung, die jeder selber trifft und treffen muss. Dennoch wünsche ich mir Bedingungen für Menschen, seien es schmerzlindernde Medikamente am Ende eines Lebens, eine gute Betreuung im Alter und Unterstützung im Umfeld. All dies kann man nicht gesetzlich regeln. Es liegt uns allen, dass wir mit offenen Augen und Herzen durchs Leben gehen.

Geburtstag und feiern

Ich wäre furchtbar gerne an die Republica nach Berlin gereist. Als ich mir das Datum aber genauer angesehen hatte, war klar, dass ich nicht hinfahre. Paulas Geburtstag am 6. Mai ist einer der festen Grössen im Jahr. Heute wird sie 86 und ich freute mich darauf, sie zu besuchen. Schliesslich weiss ich nie, wann es ihr letzter Geburtstag ist.

Das Pflegeheim fragte vor vier Wochen nach, ob wir mit Paula das Mittagessen einnehmen wollten. Natürlich wollten wir das. Mittagessen in Restaurants gestalten sich nämlich mittlerweile schwierig, weil Paula nicht mehr so viel essen mag.

Die Menüs im Pflegeheim sind denn auch schön hergerichtet, mit frischem Gemüse und in kleinen Portionen serviert. Paula kann so ihren Teller ohne Mühe leer essen. Sie hasst es nämlich, wenn etwas übrig bleibt. Diese Angewohnheit hat sie, seit ich sie kenne und stammt wohl aus Kriegszeiten.

Sie freut sich, dass wir da sind und wir umarmen uns. Paula zeigt ihre Geschenke, Blumen, weiss allerdings nicht mehr genau, von wem sie diese geschenkt bekommen hat.

Paula wünschte sich Kartoffelstock, Bohnen und Hackbraten und zum Dessert Früchtesalat mit Vanilleglacé. Das liebevoll, extra für uns gekochte Menü schmeckt wunderbar.

Beim Kaffee schliesslich reden wir über alte Zeiten und ich bemerke sehr rasch, dass mich Paula heute mal wieder für ihre Schwester Hadj hält. Paula erzählt mir von den „kleinen Brüdern“ und wie frech sie sind. Als sie nach dem Verbleib dieser fragt, antworte ich, dass sie tot sind. Paula sieht betroffen aus. Dann will sie wissen, was mit der Mamme sei. Was soll ich Paula sagen? Ja. Es geht ihr gut?

Stattdessen antworte ich damit, dass Paulas Mamme tot ist. Paula findet, das kann sie nicht glauben, ob es denn letzthin passiert sei. Ich schüttle den Kopf und sage: „Nein, es war vor über fünfzig Jahren.“

Ich fühle mich etwas mies, denn am Geburtstag redet man ja eigentlich von den schönen Dingen im Leben. Doch dann denke ich, dass Trauer um die Mutter am eigenen Geburtstag eine normale Sache ist. Schliesslich empfinde auch ich den „Freudentag“ als emotional, weil meine Mutter eben nicht mehr lebt.

Doch schon zehn Minuten später hat Paula unser Gespräch vergessen und fragt mich erneut nach der Mamme. Wieder macht sie dasselbe, leicht erschrockene Gesicht. Als sie mich nach dem Vater fragt, muss ich ihr erneut sagen, dass auch dieser nicht mehr lebt.

Schliesslich fragt sie mich nach ihrer Schwester Bibi. Nun kann ich ihr endlich eine positive Auskunft geben. Bibi ist zwar bald 90, lebt aber noch und zwar in einem Pflegeheim ein paar Dörfer weiter. Paula ist nun nicht mehr zu bremsen. Sie findet es doof, dass Bibi nicht zu ihr zieht.

Als ich sie frage, ob sie wirklich will, dass ihre ältere Schwester immer in der Nähe ist und alles kommentieren kann, was sie tut, schüttelte sie lachend den Kopf.
„Nein!“, ruft sie, „ich hatte schon immer meinen eigenen Grind!“

Loslassen II

Ich denke oft über den Tod meiner Mutter nach. Ich bin trotz des Schmerzes dankbar, dass ich mit dabei sein durfte. Es ist ein Geschenk, anwesend sein zu dürfen, wenn jemand geht.

Nicht immer habe ich mich mit meiner Mutter gut verstanden. Als Kind fühlte ich mich oft von ihr verletzt, ungeliebt, nicht wahrgenommen. Aber trotz allem spürte ich, dass ich ihr Kind bin. Ein Teil von ihr. Das konnte ich nicht wegreden.

Als ihre letzten drei Monate gekommen waren, musste ich mich entscheiden. Wollte ich an ihrer Seite sein oder gehen? Ich konnte nicht anders. Dreissig Jahre zuvor hatte sie mich geboren, nur wenige Meter von der Geburtsklinik weg, im Pflegeheim, würde sie nun sterben.

Ich halte mich nicht für einen besonders spirituellen oder esoterisch veranlagten Menschen. Aber diese Tatsache hat mich sehr berührt. Wenn ein Mensch stirbt, so ist das eine Art rückwärtige Geburt. Der Ausdruck klingt seltsam, das ist mir bewusst, aber mir fällt kein anderer ein.

Als sie im Sterben lag, konnte ich nicht gehen. Es hielt mich an ihrer Seite. Ich fühlte mich mit einem Mal, als wäre ich eine Art Zerberus. Nichts konnte mich von ihr wegbringen.

Ich wusste sehr wohl, dass die Pflegenden fürchteten, sie könnte nicht gehen, solange ich an ihrer Seite bin. Sie schickten mich Kaffee trinken. Aber ich wollte nicht weg. Ich musste daran denken, wie lange sie auf meine Geburt gewartet hat. Sie hat oft darüber geflucht, denn der Juli 1977 war heiss. Vier Tage lang wartete sie. Ich wartete nur 36 Stunden.

So oft habe ich im Nachhinein das Gefühl, wir konnten uns wirklich nicht loslassen. Wir hatten uns eben erst gefunden. Sie, meine Mutter, lebensfroh, genusssüchtig, lustig. Ich, ihre Tochter, zu grüblerisch, oberflächlich und voller Fragen.
Jetzt konnte sie doch nicht gehen. Wir konnten endlich reden. Nichts stand mehr zwischen uns, denn die Vergangenheit hatte ihre Wichtigkeit eingebüsst.

Es war schwer für mich, sie so zu sehen. Manch einer würde gesagt haben, dass sie gelitten hat. Das glaube ich nicht. Es war natürlich eine Art Kampf. Aber das Ende war sehr friedlich, wie am Ende eines fulminanten klassischen Konzerts. Vielleicht wie Le Sacre du Printemps.

Ein Samstag mit Henri

Eigentlich wollte ich heute frühlingshafte Photos und den dazugehörigen Text veröffentlichen. Gestern beschloss ich dann aber, dass ich an meinem Photoprojekt weiter arbeiten will.

Henri, mein Urgrossvater, beschäftigt mich immer wieder mal. Seit ich seine Karten an die Ururgrosseltern und an Anna gefunden habe, sehe ich ihn ganz anders. Er arbeitete in der damals florierenden Textilbranche im Toggenburg. Das ganze Haus zeugt davon. Es gibt keinen einzigen Schrank, wo nicht Wollresten, antike Fadenspulen oder gar Maschinen herumstehen. Drei Strickmaschinen befinden sich alleine im Dachgeschoss. Ich hoffe, ich werde es schaffen, mich mit der Materie vertraut zu machen…

Henri ist 1889 geboren. Das Haus ist 60 Jahre älter. Henri diente im Ersten Weltkrieg als Soldat. Vielleicht liegt es an seinen schriftlichen Zeugnissen, dass ich einen allzu lockeren Umgang mit der Zeit um 1914 nicht toll finde.

Die Zeit hat sich in Henris Gesicht eingeprägt. Über seine Kindheit weiss ich nichts. Er heiratete spät meine Urgrossmutter Anna. Sie waren beide nicht mehr die jüngsten, als sie ihr erstes Kind zeugten, meine Grosstante Nelly. Dieses Kind verstarb früh. Dann wurde mein Grossvater Walter geboren. 1947 verstarb Anna an Krebs. Wie muss das für Henri gewesen sein, als er seine geliebte Frau verlor?

Ich wurde 1977 geboren, da war Henri bereits 88 Jahre alt. Ich erinnere mich jedoch noch gut an ihn. Seine knarrende Stimme, heiser und blechern. Seine Hände. Sein riesiger Bauch. Der immergleiche Wollpullover. Seine würdevolle Ausstrahlung. Sein Zungenschlag. Toggenburger. Ein harter Grind.

Ich würde ihn so gerne vieles fragen. Wie er den Krieg wirklich erlebt hat. Woran er an seinem Leben Freude gehabt hat. Worunter er litt. Ich würde ihn gerne noch einmal umarmen.

 

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Henri, wahrscheinlich in den späten 60er Jahren vor dem Haus.

 

 
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Henri vor seinem Waschbärengehege. Im Hintergrund ist klar zu erkennen, wie die Landschaft hier vor 50 Jahren ausgesehen hat.

 

 
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Henri und sein Hund vor dem Waschbärengehege, wahrscheinlich Ende der 60er Jahre

 

Gesellschaftlich anerkannte Todesursache

Als meine Mutter vor bald sieben Jahren im Sterben lag und ich deswegen total von der Rolle war, wurde ich natürlich von meinem Umfeld gefragt, was sie denn habe.

Für Kinder und Angehörige von Alkoholkranken ist diese Frage die ultimative Nervenprobe. Denn in diesem Moment kommt es schlussendlich aus, aus welcher familiären Situation man entstammt. Man könnte natürlich sagen: meine Mutter hat Krebs. Dann kann man sich des Mitgefühls sicher sein. Man kriegt einige nette Worte zu hören und das unbeschwerte Leben dreht sich wieder weiter um sich selbst.

In meinem Fall war es etwas anders. Ich war es müde, zu lügen. Mir stand in jener Situation, an jenem Wendepunkt meines Lebens der Sinn nach Ehrlichkeit.

Ich trug schwarz, weil ich mich schwarz vor Trauer fühlte. Ich schminkte mich nicht mehr. Ich färbte meine Haare nicht mehr. Die weisse Strähne war nicht zu übertünchen. Nicht mehr.

So begann ich auf Fragen meines Umfelds nach meinem Befinden mit „es geht mir nicht gut“, zu antworten. Natürlich nicht. Schliesslich lag meine Mutter im Sterben. Diese Antwort impliziert aber offenbar eine Respektlosigkeit gegenüber dem Umfeld. Überraschte, um nicht zu sagen, schockierte Blicke fing ich mir zuhauf ein.

Nein, über den Tod spricht man nicht, habe ich mir sagen lassen. Erst recht nicht, wenn der Sterbende sich den Tod selber beifügt. Oder so.

Ich weiss nicht mehr, wie oft mir Ärzte damals gesagt hatten, dass meiner Mutter dieses Sterben selbst zuzuschreiben war. Das machte mich wütend, denn es widersprach dem, was ich unter professioneller Pflege und Medizin verstand.

Ja,, meine liebe Mutter hat sich auf gut Deutsch gesagt die Birne weg gesoffen. Die Gründe dafür aber waren vielfältig. Schlussendlich war es ihre Entscheidung. Aber Schuld hat sie nicht.

Offen zu sagen, dass die eigene Mutter getrunken hat und nun an diesem übermässigen Alkoholkonsum langsam aber sicher und wie ein Tier eingehen würde, war und ist eine Provokation sondergleichen.

Darüber spricht man nicht. Man darf leiden. Ja. Aber nicht zu sehr, denn schliesslich ist die Sterbende selber schuld. Hätte sie mal etwas weniger gesoffen…

Die Pflege im Spital war schlecht. Schliesslich war meine Mutter ein Sozialfall und galt als sozialer Müll. Keiner wollte wissen, wie gut sie stricken und häkeln konnte, was für ein fantastisches Namensgedächtnis sie hatte, wie sehr sie Filme liebte.

Am Schluss konnte sie es nämlich nicht mehr. Die Giftstoffe, welche ihre Leber nicht mehr filtern konnte, stiegen ihr zu Kopf und töteten sie langsam. Manchmal lallte sie. Ihr Aszites schränkte sie bei der Bewegung ein und ermüdeten sie. Die Pflegenden im Spital bezeichneten sie deshalb als „nicht kooperativ“. Klar, wer stirbt, und erst recht am Alk, hat gefälligst bis zur letzten Sekunde das zu tun, was eine Pflegende erwartet. Wie pervers ist das denn?

Ihre Lungen funktionierten wunderbar, trotz des jahrelangen Rauchens. Ihr einst wunderschönes, dunkles Gesicht wurde senfgelb. Ihre Augäpfel färbten sich ebenfalls und liessen sie noch verletzlicher, noch verhärmter, aussehen. Sie roch nach frischer Leber. Den Geruch werde ich nie mehr vergessen.

Was bleibt, ist der letzte Blick auf sie. Ich hatte gedacht, ich könnte ihr Gesicht fotographieren, um mich für immer daran zu erinnern. Doch ich tat es nicht, weil es falsch war. Ihr friedliches, totes Gesicht würde ich nie vergessen. Nie.

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Krankenbesuche

Anstrengend waren während Mutters letzten drei Monaten die Besuche. Es erfüllt mich heute noch mit Wut.

Ich hatte gerade eine neue Stelle angetreten, pendelte zwischen meiner Wohnung und dem 80km entfernten Wohnort meines damaligen Freundes, kümmerte mich um Paula und nun das: es rieb mich völlig auf.

So arbeite ich zwischen vier bis sechs Tage die Woche, ging nach Feierabend im Spital vorbei. Natürlich ist es ein bisschen suboptimal, wenn man unregelmässig arbeitet. Vor dem Spätdienst vorbei konnte ich natürlich nie, weil da keine Besuchszeiten waren, nicht mal bei einem sterbenden Menschen.
Meine Mutter hatte praktisch nie Besuch. Das war vielleicht ein Segen. Ich hätte aufgestellte Menschen, die ihr Hoffnung machen, nicht ertragen.

Ich lernte das Spital, wo schon mein Bruder zur Welt kam und gestorben war, von Herzen hassen. Noch heute überkommt mich Wut, wenn ich es betrete. Meine Mutter wurde dort nicht besonders liebevoll gepflegt. Aber das wunderte ja auch keinen: Schliesslich war sie unheilbar an Leberzirrhose erkrankt. Eine sterbende, alternde Alkoholikerin.

Die Besuche laugten mich aus.
Ich hatte Angst. Wie würde meine Mutter die nächsten Tage überstehen? Was würde passieren? Meine Nächte waren grauenvoll. Ich wachte regelmässig schweissgebadet aus Albträumen auf. Wenn mich jemand berührte, begann ich zu weinen.

Den Geruch von Krankenhäusern hasse ich. Dieses saubere, klinische. Dieses „hier-wird-man-schnell-wieder-gesund-Gefühl“, das man einem vermitteln will. Nein. Ich wusste es. Hier kommt sie nicht heil raus.

Ich vermeide seither Krankenbesuche. Es ist nicht so, dass ich kranke Freunde nicht besuchen will. Aber die Emotionen, die Gerüche, die Klänge berühren mich so sehr, dass ich Mühe habe.

Umso mehr geniesse ich es, wenn ich Paula in ihrem Pflegeheim besuchen kann. Es riecht nach daheim. Nach alten Menschen, Putzmittel, Kaffee und Essen. Es ist sauber, aber heimelig.

Wenn ich nicht zuhause sterben kann, dann will ich doch lieber so gehen. Das Spital wäre für mich die Hölle.

Spiegel

Was ich an meiner Mutter am Ende so bewundert habe, war ihre unerschütterliche Hoffnung und ihren Lebenshunger. Am Anfang meines Lebens, nach dem Tod meines kleinen Bruders, war sie dem Leben nicht mehr sehr nahe.

Ich habe mich als Zwanzigjährige immer etwas über sie gewundert. Sie liebte Feste, sie trank gern. Sie liebte Volksmusik. Stundenlanges Philosophieren. Im Rückblick erscheint sie mir manchmal wie eine Kerze, die von beiden Enden her gebrannt hat.

Am Ende ihres Lebens hat sie sich ans Leben geklammert. Nicht verzweifelt, eher mit einer Art Bedauern. Ich sass an ihrem Bett, während sie kämpfte.
Ihr Atem ging schwer. Ihre Hände wurden langsam kalt. Sie wurde regelmässig umgelagert.

Wobei, kämpfen ist harter Ausdruck. Ich halte nicht viel von Esoterik, aber im Rückblick scheint es mir, als hätte sie sich zurückgekämpft.
Meine Mutter wirkte in den letzten Stunden ihres Lebens mehr denn je wie eine Schwangere, die gebärt. Ihre Körperhaltung, die Beine, ihr Seufzen. Es war für mich, 30 Jahre nach meiner Geburt, berührend zu erleben, wie sehr sie sich anstrengte, hier zu bleiben. Nicht zu gehen.

Nachdem sie diesen einen, letzten Atemzug getan hatte, war es so seltsam leer. Ohne eine Mutter zu leben, erschien mir damals unvorstellbar. Es schien mir, als wäre meine psychische Nabelschnur ein zweites Mal durchtrennt worden.

Manchmal sehe ich Frauen um die 60 mit ihren schwangeren Töchtern. Ich stelle mir vor, wie das gewesen wäre. Hätte meine Mutter mich genervt? Wäre sie eine so tolle Grossmutter geworden wie ihre eigene Mutter? (Meine Mutter hat mir damals immer gedroht, sie würde meine Kinder mal genauso furchtbar verwöhnen wie Paula mich).

Wenn dir deine Mutter stirbt, verlierst du, gerade als Frau, deinen zukünftigen Spiegel. Mein Spiegel wird bis gerade mal 56 reichen. Danach gibt es nichts mehr, was Vorbild sein könnte.
Das Leben fängt aber lange davor an.

Fasnacht 1995

Ist das wirklich schon fast 20 Jahre her?

Ich sitze bei meiner Mutter auf dem Sofa. Ihre kleine Wohnung ist gemütlich und wirkt trotzdem geräumig. Wir schauen fern. Sie kocht Teigwaren und Rindsvoressen. Ich liebe die Sauce, obwohl ich damals kein Fleisch ass. Den Geschmack dieses Mahls werde ich nie mehr vergessen.

Ich möchte später an den Fasnachtsmzug gehen. Meine Mutter will mir zuvor ihren Freund vorstellen. Was für ein seltsames Gefühl: Fast 2o Jahre lang waren meine Eltern verheiratet. Jetzt sind sie geschieden. Beide haben neue Partner. Ich bin keine 18 Jahre alt und es passt mir irgendwie gar nicht.

Natürlich war mir klar, dass meine Eltern nicht mehr zusammen leben konnten. Sie waren zu verschieden. Ich wünschte mir damals nichts sehnlicher, als dass alle beide wieder glücklich werden würden. Kinder wünschen sich wohl so was. In jener Zeit ihrer Scheidung wuchs in mir die Gewissheit heran, dass ich niemals heiraten würde. Zu tief ging der Schmerz des Streits, die Verletzung durch die gegenseitige Abneigung. Ich wusste, soviel Nähe und soviel Distanz würde ich in meinem Leben nicht wollen.

Ein Ehering ist keine Versicherung. Im Gegenteil. Manchmal erscheint es mir, als ob in den meisten Fällen das ewige Versprechen vor Gott, und was weiss ich wem alles, den Anfang des Endes bedeutet.

Paula und Walter waren 46 Jahre verheiratet. Es waren nicht ihre besten Jahre. Sie haben es gemeistert, indem sie sich immer wieder an verschiedenen Wohnorten aufgehalten haben. Am Ende begleitete Paula Walter bis in den Tod und hielt seine Hände bis zum letzten, verzweifelten Atemzug.

Ich mochte den Freund meiner Mutter anfangs nicht.
Für meine Mutter hätte ich mir einen wunderschönen, romantischen, liebevollen und tollen Mann gewünscht; einen Mann wie meinen Vater. Stattdessen traf sie auf Willy. Der war so ziemlich das Gegenteil von allem, was ich toll fand. Ich gewöhnte mich an Willy. Zwar fand ich seinen Charme jenseits und immer etwas hölzern, seine Sprüche furchtbar und ihn selbst nicht einen wirklich gut aussehenden Mann.

Am Ende des Lebens meiner Mutter war er aber da. Er hielt ihre Hand und konnte nicht glauben, dass sie, seine liebe Uschi, einfach starb. Sie war jünger als er. Es war unfair. Einige Monate nach ihrem Tod trafen wir uns wieder. Willy hatte stark abgenommen. Er war nicht glücklich darüber.
„Ihr Essen fehlt mir“, sagte er. Ich hab es ihm sofort geglaubt.

Ein Paradies für Atheisten.

Das mit dem Sterben ist so eine Sache.
Als ich meine Mutter damals in ihrem Spitalbett sah, wusste ich, dass sie jetzt stirbt. Die Tatsache, dass wir alle jeden Tag ein wenig sterben, tröstete mich da nur wenig.

Seine Mutter sterben zu sehen, ist schwierig. Es tut einem in der Seele weh, den Menschen, der einen geboren hat, leiden zu sehen. Jeden Tag verschwand sie ein klein wenig. Manchmal ging es ihr ein bisschen besser, dann wieder schlechter. Das Leben verliess ihren Körper in Raten.

Am schwierigsten war für mich ihre Hoffnung zu ertragen. Mir wäre lieber gewesen, wir hätten übers Sterben und ihre Ängste reden können. Doch stattdessen plapperte sie von der blütenweissen Wohnung mit Lift und Waschmaschine mit Tumbler. Alles war toll.

Während sie von ihrer neuen schönen Wohnung träumte, räumte ich ihre versiffte, kleine Einzimmer-Dachwohnung. Ich entsorgte Müllsäcke, leere Flaschen, den vergammelten Inhalt ihres Kühlschranks. Ich wusste, sie würde niemals mehr in diese Wohnung zurück kehren.

Sie lag im Spital. Ich räumte. Manchmal legte ich mich heulend auf den Teppichboden. Atmete die Zigarettenasche ein. Mutters Geruch. Alles haftete an den Möbeln. Den Wänden. Ihr ganzes Lebensglück und -unglück hatte die letzten Jahre in dieser Wohnung stattgefunden.

Ich begriff nicht, was sie mir sagen wollte, damals. Erst jetzt, Jahre später weiss ich es. Sie erzählte mir von ihrem ihr eigenen Paradies. Ihr Paradies bestand nun einmal aus einer tollen Wohnung mit Haushaltsgeräten. Sie wollte kochen, Freunde und uns Kinder beherbergen. Das war ihr das wichtigste am Ende ihres Lebens. Ich dumme Kuh habs nicht verstanden. Wie auch?

Eines weiss ich jetzt: wenn mir ein Sterbender von seinem Traum erzählt, höre ich lächelnd zu und nicke. Ich streichle seine Hand. Ich werde nicht berichtigen, sondern nur zuhören.

Ich bin gespannt, wie mein Paradies sich am Schluss zeigen wird.