Unruhe und Wut

Heute ging ich das Grab meiner Mutter bepflanzen. Es ist eigentlich eine sinnlose Sache, denn sie hat sich nie eines gewünscht. Ihre Asche hätte ich irgendwo auskippen sollen, Ich habs nicht gemacht.

Sie mochte Farben über alles. Je bunter, je wilder, desto besser. Ihr Grab soll auch so aussehen. Lebensfroh. Keine Traurigkeit, dass sie nicht mehr da ist. Dankbarkeit, dass sie mich geboren hat und da war.

Das fällt mir schwer.
Auf dem Friedhof steht ein Verkaufsregal. Rosen. Herzen. Muttertag. Ja, mein Gott. Was soll ich denn jetzt noch so was für sie kaufen? Sie sieht es ja nicht.

Ich räume das Grab ab. Dabei fallen mir drei rote Rosen aus Plastik auf. Die waren im Herbst noch nicht da. Ich dachte, ich wäre die Einzige, die noch ihr Grab aufsucht. Oma kann schon lange nicht mehr hingehen und sie wüsste nicht einmal mehr, wer unter dem Stein begraben liegt.

Da der Friedhof nur zwei Minuten vom Haus weg ist, beschliesse ich, noch vorbei zu fahren. Von der Hauptstrasse aus kann man das Haus kurz sehen. Das Gartentor steht offen. Also halte ich an und gehe den Weg herunter.

Der Weg ist verwachsen. Die Wiese blüht. Das Gras steht hoch. Ich laufe um das Haus herum. Mit einem Mal stehe ich kurz vor einem Tränenausbruch.

Ich sollte jetzt hier leben. Ich sollte jetzt die Wiese mähen, den Garten bepflanzen. Alles spriesst. Unter dem Dach haben sich Spatzen eingenistet. Ich kann ihre Brut hören. Mir scheint, als zieht schon wieder alles an mir vorüber. Die Warterei zehrt an meinen Nerven. Ich hatte so sehr gehofft, dass ich bereits im Mai den Kaufvertrag unterschreiben kann. Doch wieder muss ich warten. Es wird nicht vor dem Herbst der Fall sein.

Im Herbst das Haus zu räumen, ist Irrsinn. Es wird zu kalt sein. Wir werden es nicht schaffen, die Küche zu renovieren vor dem Winter. Ohne anständige Küche werden wir erst im nächsten Frühling einziehen können. Ich bin wütend.

Das Haus lassen meine Tränen kalt. 175 Jahre lang steht es schon hier. Ein Jahr mehr oder weniger leer leben, macht ihm wohl nichts aus. Mir schon. Ich habe Träume. Wünsche. Ich will endlich dort leben.

In einem Anfall von Wut jäte ich den verwachsenen Weg. Dann geht es mir wieder besser.

Weiher, Wurzeln und Grosseltern

Meine Oma Paula wuchs am Wiler Weiher auf. Sie lebte bis Jahre nach ihrer Heirat mit meinem Opa bei ihren Eltern. Paula brachte meine Mutter im eigenen Elternhaus zur Welt. Das war 1951.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, gingen wir oft gemeinsam an den Weiher. Wir fütterten die Enten und die Goldfische und Oma gab mir fein geschnittenes trockenes Brot in die Hand. Immer hatte sie Angst, dass ich ins Wasser fallen und ertrinken könnte. Immer fürchtete sie, jemand könnte etwas sagen, weil so viel trockenes Brot wegschmiss.

Ich liebte es, die Vögel zu füttern. Meine Oma Paula erzählte mir beim Gang um den Weiher, wie meine Mutter hochschwanger mit mir im Bauch drin ebenfalls darum herum gelaufen ist. Ein schönes Gefühl und vor meinem geistigen Auge konnte ich es sogar sehen.

Oma beschrieb mir, wie sie mit ihren Eltern in dem alten Haus, dem Bädli, gelebt hatten. Sie zeigte mir Bilder, wo meine Uroma Berta auf einer Bank vor dem Haus sitzt, freundlich lächelt und strickt.

Für meine Mutter war die Zeit bei den Urgrosseltern wohl die schönste ihres Lebens. Auch sie liebte ihre Oma so sehr, wie ich die meine. Da meine Oma voll berufstätig war, ebenso wie mein Opa, denn damals konnte man sich gar nichts anderes leisten, wuchs meine Mutter bei Berta und Johann auf.

Auch meine Urgrosseltern grossmütterlicherseits hatten erst spät Kinder gekriegt. Meine Uroma muss gegen die 45 gewesen sein, als sie ihre jüngsten Söhne geboren hatte. Als meine Mutter zur Welt kam, waren beide schon gegen die 70 Jahre alt. Ich hingegen hatte eine 49jährige Oma, als ich geboren wurde. Ein wahrer Luxus!

Meine Grosseltern mussten schliesslich ausziehen, weil mein Opa Walter eine neue Stelle im Toggenburg antrat. Pendeln kam wohl nicht in Frage. Paula erzählte mir, dass es ihr das Herz zerrissen hat, als sie ihre Mutter verlassen musste. Auch für meine Mutter war es einzige Katastrophe, denn sie verlor so die Nähe derjenigen Menschen, die sie bedingungslos geliebt hatten.

Auch in meiner Geschichte gab es einen ähnlichen Bruch. Als ich acht Jahre alt war, zogen meine Eltern in ein Dorf im hintersten Thurgau. Die Verkehrsverbindungen waren sehr schlecht und ich sah meine Oma nur noch alle 14 Tage. Noch viel schlimmer war es für mich, alle meine Freunde zu verlieren, in einem Alter, in dem man Freunde so dringend braucht. Am neuen Wohnort gewöhnte ich mich nur schwer ein. Mir fehlten unser altes Haus, meine Schaukel, die nur mir gehörte, und mein Bach mit dem Tintenfischbaum.

Als ich als erwachsene Frau aus jenem Dorfe weg zog, war ich nicht traurig. Im Gegenteil. Ich fühlte mich wie ein Vogel, dem die gestutzten Federn nachgewachsen sind.

Vom Vermissen

Der Mittwoch war Paulas und mein Tag. Seit frühester Kindheit hat sie mich an jenem Tag besucht. Für mich war es der schönste Tag der Woche. Wenn sie einmal nicht vorbeikam, sei es, weil sie arbeiten musste oder mit meiner Mutter Streit hatte, war ich traurig.

Mindestens einmal in der Woche hab ich mit Paula telephoniert. Wir konnten stundenlang reden. Sie wusste immer noch mehr zu erzählen und wenn wir uns nichts aktuelles mehr zu sagen hatten, sprachen wir eben über die Vergangenheit. Mehr als einmal hat mir Paula so die Geschichte ihres ersten Treffens mit Walter erzählt. Gewisse Geschichten werden besser und schöner, je öfter man sie sich erzählt.

Jetzt, wo Paula im Pflegeheim ist, telephonieren wir nicht mehr. Es fehlt mir, denn ich habe früher so gerne mit ihr geredet. Aber ich habe so grosse Mühe, ihr zuzuhören. Ich habe Angst, dass sie beim Gang zum Telephon stürzen könnte, dass sie überfordert ist, wenn es klingelt und sie nicht mehr weiss, wie bedienen. Ihre Scham ist zu meiner geworden.

Meine Mutter hat fürs Leben gerne erzählt, wie ich nackt im Bädli herumgeschwommen bin. Das tat sie aber nur, wenn von mir hochverehrte Männer in der Nähe waren. Ich schämte mich in Grund und Boden. Heute denke ich oft daran und wie sehr mir diese kleine Geschichte fehlt. Was gäbe ich darum, wenn meine Mutter jetzt dasässe vor einem Glas Merlot und sie mir erzählte?

Am schlimmsten waren am Anfang der Trauerzeit die Tage, an denen meine Mutter mich früher angerufen hatte. Terra X ist eine meiner liebsten Sendungen. Sie läuft seit meiner Kindheit um 19.30 auf ZDF. Meine Mutter hat mich just immer dann angerufen, um mir von ihrer Beziehung, ihren Sorgen und ihren kleinen Freuden zu erzählen. Mehr als einmal sass ich augenrollend auf dem Sofa meines damaligen Freundes und hoffte, das Telephonat wäre bald zu Ende.

Kurze Zeit danach war es zu Ende. Ich bereue es zutiefst, nicht mehr mit ihr geredet zu haben, kein schriftliches Zeugnis ihrer Gedanken zu haben, nicht zu wissen, wie man das beste Voressen der Welt macht. a

Vom Loslassen Teil 256

Manchmal muss man eben loslassen können, das sagte schon meine Mutter. Sie hielt sich selten dran. Meinen Bruder hat sie nicht los gelassen und er sie irgendwie auch nicht. Die gescheiterte Ehe mit meinem Vater hat sie lange verfolgt. Von meinem Tochter-Boot aus konnte ich das damals nicht verstehen. Heute ist mir das schon klarer.

Auch das Leben wollte sie nicht loslassen. Sie liebte es. Meine Schwester und mich liess sie gehen. Als Teenager fühlte ich mich sogar gezwungen, aus ihrem Leben zu treten. Das tat weh. Ich bin heute noch neidisch auf Töchter, die es gut mit ihren Müttern haben. Ich wollte, ich wäre eine davon.

Meine Mutter hat in Sachen Haare immer kurzen Prozess gemacht. An ihrer Hochzeit trug sie ihr langes, gerades, starkes Haar bis weit unter die Schultern. Sie war eine wunderschöne, junge Frau.

Nach meiner Geburt hat sie ihre Haare geschnitten. Sie wurden danach immer kürzer. Später färbte sie sie dann auch. Sie trug sie in allen möglichen Farben. Sie legte grossen Wert, trotz aller Geldprobleme gegen Ende ihres Lebens, dass sie eine „anständige“ Frisur trug. Voller Stolz zeigte sie mir jeweils ihre jeweiligen Kurzhaarfrisuren.

Als sie meine Schwester geboren hatte, war sie 30 Jahre alt. Als meine Mutter starb, war sie 56; 20 Jahre älter als ich jetzt.

Heute habe ich meine Haare geschnitten. Es ist das erste Mal seit sechseinhalb Jahren, seit Mamis Tod, dass sie so kurz sind. Reichten sie vorher bis unter die Schultern, sind sie nun nur noch kinnlang. Sie sind ungefärbt, obwohl ich natürlich weiss, dass eine Frau meines Alters die weisse Strähne verdecken sollte.

Ich muss daran denken, dass ich an Mutters Sterbebett gesessen bin und gewartet habe. Da sah ich zum ersten Mal, dass sie weisses Haar hatte. In all den Jahren habe ich das nicht bemerkt. Ich beschloss, mein Haar auch nicht mehr zu färben. Am liebsten hätte ich es mir abgeschnitten. Kahl. Der Gedanke kommt mir immer, wenn ich etwas loslassen muss. Ich denke an den Frühling. Der Wind bläst mir um die Ohren. Der Dutt ist ab. Vielleicht sind es die Sorgen und die Trauer auch bald.

Loslassen II

Ich denke oft über den Tod meiner Mutter nach. Ich bin trotz des Schmerzes dankbar, dass ich mit dabei sein durfte. Es ist ein Geschenk, anwesend sein zu dürfen, wenn jemand geht.

Nicht immer habe ich mich mit meiner Mutter gut verstanden. Als Kind fühlte ich mich oft von ihr verletzt, ungeliebt, nicht wahrgenommen. Aber trotz allem spürte ich, dass ich ihr Kind bin. Ein Teil von ihr. Das konnte ich nicht wegreden.

Als ihre letzten drei Monate gekommen waren, musste ich mich entscheiden. Wollte ich an ihrer Seite sein oder gehen? Ich konnte nicht anders. Dreissig Jahre zuvor hatte sie mich geboren, nur wenige Meter von der Geburtsklinik weg, im Pflegeheim, würde sie nun sterben.

Ich halte mich nicht für einen besonders spirituellen oder esoterisch veranlagten Menschen. Aber diese Tatsache hat mich sehr berührt. Wenn ein Mensch stirbt, so ist das eine Art rückwärtige Geburt. Der Ausdruck klingt seltsam, das ist mir bewusst, aber mir fällt kein anderer ein.

Als sie im Sterben lag, konnte ich nicht gehen. Es hielt mich an ihrer Seite. Ich fühlte mich mit einem Mal, als wäre ich eine Art Zerberus. Nichts konnte mich von ihr wegbringen.

Ich wusste sehr wohl, dass die Pflegenden fürchteten, sie könnte nicht gehen, solange ich an ihrer Seite bin. Sie schickten mich Kaffee trinken. Aber ich wollte nicht weg. Ich musste daran denken, wie lange sie auf meine Geburt gewartet hat. Sie hat oft darüber geflucht, denn der Juli 1977 war heiss. Vier Tage lang wartete sie. Ich wartete nur 36 Stunden.

So oft habe ich im Nachhinein das Gefühl, wir konnten uns wirklich nicht loslassen. Wir hatten uns eben erst gefunden. Sie, meine Mutter, lebensfroh, genusssüchtig, lustig. Ich, ihre Tochter, zu grüblerisch, oberflächlich und voller Fragen.
Jetzt konnte sie doch nicht gehen. Wir konnten endlich reden. Nichts stand mehr zwischen uns, denn die Vergangenheit hatte ihre Wichtigkeit eingebüsst.

Es war schwer für mich, sie so zu sehen. Manch einer würde gesagt haben, dass sie gelitten hat. Das glaube ich nicht. Es war natürlich eine Art Kampf. Aber das Ende war sehr friedlich, wie am Ende eines fulminanten klassischen Konzerts. Vielleicht wie Le Sacre du Printemps.

Geschichten erzählen

Was ich wirklich schlimm finde an Paulas Demenz ist ihr Erinnerungsvermögen, das langsam verloren geht. Als ich noch ein Kind und später ein Teenager war, konnte ich ihr stundenlang zuhören, wenn sie von meiner Kindheit und meinen Streiche erzählte. Es hat was unglaublich liebevolles, wenn man über sich Geschichten hört. Ich wusste früh, dass meine Oma mich über alles liebt. Ich liebte sie auch.

Meine Schwester und ich verbrachten alle Ferien bei ihr und Walter. Wir spielten von morgens bis abends, tollten ums Haus herum, gingen ins Schwimmbad und bauten uns aus Tüchern Hütten. Wir liebten es, mit Barri, dem Hund zu spielen. Er war ein wirklich guter Freund. Er war ein Erbstück von Henri und Rosa.

Als ich in die Lehre ging, stellte meine Oma mit Bedauern fest, dass meine Besuche bei ihr seltener wurden. Ich hatte viel weniger Ferien und wenig Zeit. Das Hüttenbauen und halbnackte Herumhüpfen ums Haus hatte ein Ende gefunden. Dann starb Barri. Er war ja auch schon ein alter Hund. Sein Tod war traurig.

Als nächstes starb mein Opa.

Wir erinnerten uns oft an seine Spässe während wir in der Küche sassen. Wie er uns Kinder liebevoll geärgert hat. Oma sprach sehr nachdenklich über ihn. Oft erzählte sie mir, wie sie über ihn nachgedacht hatte und wie sehr sie sich gewünscht hätte, friedlich mit ihm zusammen zu leben.

In jener Zeit sagte sie mir schon sehr oft den falschen Namen. Urseli. Der Name meiner Mutter. Sie entschuldigte sich immer sofort, wenn sie das getan hatte. Am Anfang ärgerte es mich, denn ich wollte nicht, dass ich sie an meine Mutter erinnere.

Dann starb meine Mutter.

Paula und ich trauerten gemeinsam, telephonierten stundenlang und redeten über unsere Gefühle. In jener Phase erzählte mir Paula sehr viel aus Uschis Kindheit. Es schien mit einem Mal alles präsent. Ich profitierte und lernte so meine verstorbene Mutter ganz anders kennen, was den Verlust noch schlimmer machte.

Einige Monate nach dem Tod meiner Mutter trennte ich mich von meinem damaligen Freund. Kurze Zeit später begann eine nächste Phase von Paulas Demenz. Sie brauchte Hilfe bei Medi einnehmen. Sie konnte nicht mehr alleine einkaufen gehen. Mich kannte sie noch. Ich war mit einem Male wieder ich selber.

In der Zeit vor dem Eintritt ins Pflegeheim wurde Paulas Kindheit unglaublich präsent. Sie wusste nicht mehr, dass sie ein Kind geboren hatte und verheiratet war. Sie wusste nicht einmal mehr, dass sie Mann und Tochter verloren hatte. Stattdessen lebte sie gefühlsmässig im Krieg. Sie hatte Angst. Sie verstand nicht mehr, was um sie herum passierte. Nachrichten hörte sie wenig. Der Radio war oft an. Dass gerade in der Zeit die Musikwelle abgestellt und der Sender nur noch via DAB empfangbar war, machte die Betreuung meiner Oma nicht einfacher. Einem über 80jährigen Menschen zu erklären, wie man ein Gerät mit Digitalanzeige und zu vielen Knöpfen bedient, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn ich heute bei Paula vorbei gehe, bin ich wohl einfach ein nettes Gesicht, das sie an irgendwen erinnert. Meine Geschichte weiss sie nicht mehr. Sie kann noch immer sprechen, an guten Tagen reden wir fast wie früher. Doch es ist anders. Die kindliche Unbekümmertheit ist verflogen. Bald weiss nur noch ich, was war.

Gesellschaftlich anerkannte Todesursache

Als meine Mutter vor bald sieben Jahren im Sterben lag und ich deswegen total von der Rolle war, wurde ich natürlich von meinem Umfeld gefragt, was sie denn habe.

Für Kinder und Angehörige von Alkoholkranken ist diese Frage die ultimative Nervenprobe. Denn in diesem Moment kommt es schlussendlich aus, aus welcher familiären Situation man entstammt. Man könnte natürlich sagen: meine Mutter hat Krebs. Dann kann man sich des Mitgefühls sicher sein. Man kriegt einige nette Worte zu hören und das unbeschwerte Leben dreht sich wieder weiter um sich selbst.

In meinem Fall war es etwas anders. Ich war es müde, zu lügen. Mir stand in jener Situation, an jenem Wendepunkt meines Lebens der Sinn nach Ehrlichkeit.

Ich trug schwarz, weil ich mich schwarz vor Trauer fühlte. Ich schminkte mich nicht mehr. Ich färbte meine Haare nicht mehr. Die weisse Strähne war nicht zu übertünchen. Nicht mehr.

So begann ich auf Fragen meines Umfelds nach meinem Befinden mit „es geht mir nicht gut“, zu antworten. Natürlich nicht. Schliesslich lag meine Mutter im Sterben. Diese Antwort impliziert aber offenbar eine Respektlosigkeit gegenüber dem Umfeld. Überraschte, um nicht zu sagen, schockierte Blicke fing ich mir zuhauf ein.

Nein, über den Tod spricht man nicht, habe ich mir sagen lassen. Erst recht nicht, wenn der Sterbende sich den Tod selber beifügt. Oder so.

Ich weiss nicht mehr, wie oft mir Ärzte damals gesagt hatten, dass meiner Mutter dieses Sterben selbst zuzuschreiben war. Das machte mich wütend, denn es widersprach dem, was ich unter professioneller Pflege und Medizin verstand.

Ja,, meine liebe Mutter hat sich auf gut Deutsch gesagt die Birne weg gesoffen. Die Gründe dafür aber waren vielfältig. Schlussendlich war es ihre Entscheidung. Aber Schuld hat sie nicht.

Offen zu sagen, dass die eigene Mutter getrunken hat und nun an diesem übermässigen Alkoholkonsum langsam aber sicher und wie ein Tier eingehen würde, war und ist eine Provokation sondergleichen.

Darüber spricht man nicht. Man darf leiden. Ja. Aber nicht zu sehr, denn schliesslich ist die Sterbende selber schuld. Hätte sie mal etwas weniger gesoffen…

Die Pflege im Spital war schlecht. Schliesslich war meine Mutter ein Sozialfall und galt als sozialer Müll. Keiner wollte wissen, wie gut sie stricken und häkeln konnte, was für ein fantastisches Namensgedächtnis sie hatte, wie sehr sie Filme liebte.

Am Schluss konnte sie es nämlich nicht mehr. Die Giftstoffe, welche ihre Leber nicht mehr filtern konnte, stiegen ihr zu Kopf und töteten sie langsam. Manchmal lallte sie. Ihr Aszites schränkte sie bei der Bewegung ein und ermüdeten sie. Die Pflegenden im Spital bezeichneten sie deshalb als „nicht kooperativ“. Klar, wer stirbt, und erst recht am Alk, hat gefälligst bis zur letzten Sekunde das zu tun, was eine Pflegende erwartet. Wie pervers ist das denn?

Ihre Lungen funktionierten wunderbar, trotz des jahrelangen Rauchens. Ihr einst wunderschönes, dunkles Gesicht wurde senfgelb. Ihre Augäpfel färbten sich ebenfalls und liessen sie noch verletzlicher, noch verhärmter, aussehen. Sie roch nach frischer Leber. Den Geruch werde ich nie mehr vergessen.

Was bleibt, ist der letzte Blick auf sie. Ich hatte gedacht, ich könnte ihr Gesicht fotographieren, um mich für immer daran zu erinnern. Doch ich tat es nicht, weil es falsch war. Ihr friedliches, totes Gesicht würde ich nie vergessen. Nie.

DSC00115

20130501_111922

Traumraum

Die Küche war in Paulas Haus immer der Mittelpunkt allen Geschehens. Zwar war es nicht der schönste Raum, aber der wärmste von allen in diesem Haus ohne moderne Heizung. Ich erinnere mich an die Weihnachtsfeste, wenn ich mit meinen Eltern, meiner Schwester, Walter und Paula am Tisch sass. Wir assen Raclette und Kartoffeln oder aber Omis wunderbares Voressen, das ich so sehr vermisse.
Wir Kinder tranken Rimuss, Opa seinen Rosé, die Eltern Rotwein und Oma ein Spezli.

Da es im Winter so schrecklich kalt im Haus war, spielten wir Kinder immer in der Küche oder aber, wenn es geheizt war, in der Stube. Wir durften Platten hören, Postkarten sortieren, die Puppenstube vom Estrich holen. Manchmal schauten wir zu, wie Opa den Ofen anfeuerte. Das tat er stets im Blaumann mit Pfeife im Mund. In der Pfeife kokelte ein ausgelutschtes Stumpenstück.

Einmal, daran erinnere ich mich noch sehr gut, weil danach ein schlimmer Streit zwischen Paula und Walter entstand, fiel Opa aus Versehen der Fuchsschwanz in den brennend heissen Ofen. Das wäre nicht gar so schlimm gewesen, wenn Opa nicht ganz furchtbar geflucht hätte. Paula fand das gar nicht lustig, denn schliesslich wollte sie nicht, dass meine Eltern dachten, sie und Walter würde einen schlechten Einfluss auf uns ausüben. Die nachfolgende Fluchattacke Paulas hingegen war dermassen heftig, dass ich sie hier aus Rücksicht auf sensible Gemüter nicht wiedergeben kann.

Im Sommer stand Paula meist um vier Uhr auf. Wenn ich um sieben aufstand und nach unten kam, sass sie meistens über der Zeitung und machte ihr Blick-Bingo. Sobald sie mich sah, stand sie auf und umarmte mich ganz fest, nannte mich ihren „Schatz Gottes“.

Als Paula älter wurde und Opa Walter längst tot war, wurde die Küche zum Diskussionsort Nummer eins. Hier haben wir sehr oft über die Zukunft gesprochen. Paula redete davon, dass sie gerne im Haus sterben würde. Einfach so am Morgen nicht mehr erwachen. Natürlich verwies sie dabei auf den Herrgott, der das dann schon in die Hand nehmen würde.

Wir sassen auch in der Küche einige Tage nach dem Tod meiner Mutter. Mein Vater, der längst von meiner Mutter geschieden war, begleitete mich auf dem Gang mit der Urne ins Städtchen. In der Küche von Paula sind wir dagestanden. Plötzlich umarmten wir drei uns und weinten. Hier hatte das Leben stattgefunden. Nun herrschte die Trauer.

Am Ende ihres Wohnens im Haus, lebte Paula praktisch nur noch in der Küche. Holz lag am Boden, damit sie nicht weit zu tragen hatte. Der Kaffeekrug stand wie immer auf dem Buffet. Ihre Sachen fürs Pflegeheim hatte sie gepackt. Nun sassen wir da. Tränen überströmt. Sie zutiefst traurig, ich von einem Gefühl des Verlustes gepackt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Küche jemals wieder Leben beherbergt.

Die letzten anderthalb Jahre haben Sascha und ich aufgeräumt. Alles, was zu entsorgen ist, steht im Speicher. Die Küche ist fast leer. Der Tisch ist jetzt bei Paula im Pflegeheim, ebenso die Stühle und ihre Pflanzenmöbel. Der rote Kachelboden ist an die Oberfläche gekommen, unter all den alten Teppichen. Ich freu mich, wenn ich ihn hoffentlich bald reinigen kann. Ich will weiter entrümpeln, die Küche streichen und neues Leben einhauchen. Ich hoffe, dass ich bald einmal am Herd stehen und kochen kann. Freunde einladen. Das Feuer anmachen. Am Tisch sitzen. Glücklich und dankbar sein, dafür, dass mir die Küche dieses Hauses immer eine Heimat war.

 

heinrich_rosa (785x578)

mit Henri und Rosa ca. 1979

omi lacht (800x719)

Paula lacht 2000

anita lichtensteig

ca. 2000

20140111_092323 (800x426)

Küche 2014

Spiegel

Was ich an meiner Mutter am Ende so bewundert habe, war ihre unerschütterliche Hoffnung und ihren Lebenshunger. Am Anfang meines Lebens, nach dem Tod meines kleinen Bruders, war sie dem Leben nicht mehr sehr nahe.

Ich habe mich als Zwanzigjährige immer etwas über sie gewundert. Sie liebte Feste, sie trank gern. Sie liebte Volksmusik. Stundenlanges Philosophieren. Im Rückblick erscheint sie mir manchmal wie eine Kerze, die von beiden Enden her gebrannt hat.

Am Ende ihres Lebens hat sie sich ans Leben geklammert. Nicht verzweifelt, eher mit einer Art Bedauern. Ich sass an ihrem Bett, während sie kämpfte.
Ihr Atem ging schwer. Ihre Hände wurden langsam kalt. Sie wurde regelmässig umgelagert.

Wobei, kämpfen ist harter Ausdruck. Ich halte nicht viel von Esoterik, aber im Rückblick scheint es mir, als hätte sie sich zurückgekämpft.
Meine Mutter wirkte in den letzten Stunden ihres Lebens mehr denn je wie eine Schwangere, die gebärt. Ihre Körperhaltung, die Beine, ihr Seufzen. Es war für mich, 30 Jahre nach meiner Geburt, berührend zu erleben, wie sehr sie sich anstrengte, hier zu bleiben. Nicht zu gehen.

Nachdem sie diesen einen, letzten Atemzug getan hatte, war es so seltsam leer. Ohne eine Mutter zu leben, erschien mir damals unvorstellbar. Es schien mir, als wäre meine psychische Nabelschnur ein zweites Mal durchtrennt worden.

Manchmal sehe ich Frauen um die 60 mit ihren schwangeren Töchtern. Ich stelle mir vor, wie das gewesen wäre. Hätte meine Mutter mich genervt? Wäre sie eine so tolle Grossmutter geworden wie ihre eigene Mutter? (Meine Mutter hat mir damals immer gedroht, sie würde meine Kinder mal genauso furchtbar verwöhnen wie Paula mich).

Wenn dir deine Mutter stirbt, verlierst du, gerade als Frau, deinen zukünftigen Spiegel. Mein Spiegel wird bis gerade mal 56 reichen. Danach gibt es nichts mehr, was Vorbild sein könnte.
Das Leben fängt aber lange davor an.

Sterben

Der Tod ist kein Freund für mich.
Er ist eine Art dunkler Schatten über meiner Familie. Als Kind verstand ich ihn nicht. Ich wusste, er bringt meine Mutter zum Weinen. Ich ahnte, dass er was mit dem Nichtnachhausekommen meines Bruders zu tun hatte.

Als meine Urgrosseltern starben, wusste ich, dass das daran lag, dass sie sehr, sehr alt waren. Mein Uropa Henri war 95 Jahre alt, als er im Schlaf starb.

Opa Walter hatte Leberkrebs. Er wusste, dass sein Tod nicht friedvoll sein würde. Es muss ihn bei der Diagnose, vier Monate vor seinem Tod, erschüttert haben. Er schwieg. Aber Paula erfuhr von der Spitexfrau, wie er sterben würde. Und: dass er es wusste.

Es erscheint mir heute noch grauenvoll, dass er geschwiegen hat. Hatte er grosse Angst? Paula erzählte mir, dass er langsam erstickte, ja beinahe ertrank.

Ursulas Sterben verlief ähnlich. Ihre Leber gab ebenfalls auf. Ihre Lungen liefen voll Wasser. Ihr Nach-Luft-Holen im Sterbeprozess hör ich heute noch in Albträumen.

Ich denke oft über den Tod nach, allerdings nicht in der Weise von „ich will nicht sterben!“. Ich mache mir sehr wohl Gedanken, was ich mir wünsche und was nicht. Ein Unfall wäre schrecklich. Ich mag nicht einfach mit einem Knall weg sein.

Ich kriege mit, dass Menschen sagen: „Also, mit Demenz leben würd ich nicht wollen. Das wäre ein Grund, mit allem Schluss zu machen“.

Wenn ich mir Paula ansehe, so fühle ich ihre Lebensfreude. Sie ist unbeschwerter als noch vor zwei Jahren. Sie lebt im Jetzt.