Der andere Klang

Erst jetzt wird mir bewusst, in welchem Lärm wir vorher im Thurgau gewohnt haben. Wir lebten an der Strasse zwischen Frauenfeld und Weinfelden, der Rübenstrasse. Tagein und Tagaus fuhren Traktoren an unserer Stube vorbei. Immer wieder vibrierte das ganze Haus. Wenn wir TV schauten, verstanden wir jeweils für einige Sekunden kein Wort mehr. Dasselbe geschah, wenn vom nahegelegenen Waffenplatz Panzer bei uns vorbei donnerten. Gegenüber unserer Wohnung lag eine Garage. Es war keine Seltenheit, dass wir am Samstagabend von Gehupe und Motorengeheul geweckt wurden.

Hier im Toggenburg ist alles anders. Unser Haus liegt in einem Tobel. Es ist windstill und ruhig. Der Bach plätschert vor sich hin. Er wirkt beruhigend. Vögel pfeifen. Zum ersten Mal seit Jahren sehe ich wieder auf einen Baum vor dem Haus. Amseln klettern darauf herum. Am Samstagabend läuteten die Kirchenglocken. Ein heimeliges Gefühl, obwohl ich nicht gläubig bin. Es erinnert mich an meine Kindheit im Thurgau.

Ich genoss die Samstagabende bei Omi in den Ferien. Wir spielten den ganzen Tag und abends kochte Omi unser Lieblingsessen. Um sechs Uhr abends läuteten die Kirchenglocken. Wir schauten fern.

Während ich diese Zeilen schreibe, ist es Sonntagmorgen. Wieder haben die Glocken geläutet. Es ist ein zärtlicher Klang. Draussen fällt Schnee. Von unserem Schlafzimmer aus sehe ich auf die Dächer der Nachbarhäuser. Es ist alles ganz ruhig, nur das Tapsen der Katze rauscht durch das Haus.

Eine erste Nacht und ein erster Tag

Spätnachts bin ich ins Bett gefallen und eingeschlafen.
Die Katze liess uns im Stich. Es war ihr wohl zu kalt im Schlafzimmer. Es ist anders als im Thurgau. Das Haus braucht einige Tage, bis die Mauern warm sind. Wir müssen uns alle umgewöhnen.

Ich mummle mich in tausend Decken ein. Omi wusste schon, warum sie eine halbe Herde Schaffelle gekauft hat. Leise rauscht der Bach neben dem Haus. Wir schauen auf die anderen Häuser. Von unserem Schlafzimmer aus wirkt alles kleiner. Wir spüren hier unten nicht mal die Bise.

Sascha und ich fahren zurück in den Thurgau und fangen, das Bad zu putzen. Es ist seltsam. Die Wohnung ist fast leer. Es stehen nur noch jene Möbel hier, die wir weitergeben oder aber entsorgen lassen. Entsorgung ist ohnehin ein schreckliches Wort.

Wieder muss ich mich entscheiden: was ist mir noch wichtig? Was ist Gerümpel? Die Schränke sind bald leer geräumt. Fast nichts mehr erinnert daran, dass ich fast fünfzehn Jahre in dieser Wohnung und achtzehn Jahre im Haus gelebt habe.

Zügelfieber

Gestern sind wir nun also aus dem Thurgau ins Toggenburg gezogen. Der Tag ging vorbei wie im Fluge. Ich fühlte mich wieder kraftvoll.

Um viertel vor sieben kamen die beiden Zügelmänner an. Ich packte sofort die Katze ein, die das anfänglich gar nicht witzig fand. Fast zwei Wagenladungen voll mit unseren Kisten und den Möbeln stapelten die beiden Männer. Sie taten es aufgestellt und sehr freundlich, was in unserer Situation wohltuend war.

Sascha sorgte für die Katze und beantwortete Fragen der beiden Männer, derweil ich die Küche fertig ausräumte, mich von Geschirr trennte und anfing zu putzen. Draussen tobte ein kalter Wind. Durchzug. Abschied von den Nachbarn. Keine Tränen.

Um elf Uhr ging die Fahrt los.

Wir waren sehr dankbar, dass unsere neuen Nachbarn offenbar Saschas Flyer gelesen hatten und niemand die Einfahrt versperrte. Ich ging mit der Katze ins Haus, deponierte sie in ihrer neuen Stube und Sascha fing an, Schnee zu schippen.

Es war ein seltsames Gefühl, vor dem Haus zu stehen und sagen: jetzt bist du daheim. Das ist deins.

Das Haus war kalt. 5°C. Sascha feuert ein. Ich fange damit an, die Küche einzuräumen. Schmeisse weiter Sachen weg. Es ist ganz leicht. Was nicht passt, kommt weg. Mit einem Mal weiss ich, was wohin gehört.

Ich bemerke meine Müdigkeit. Jetzt in die Stube aufs Sofa liegen, neben die schnurrende Katze und schlafen. Das wärs. Aber das geht ja jetzt nicht. Später. Ich räume weiter aus.

Der Berg von Schachteln wird nicht kleiner. Aber immerhin ist die Küche jetzt ausgestattet und einsatzbereit. Vor lauter Auspacken vergesse ich das Essen. Das wird mir erst klar, als es mir trümmelig wird. Sascha kauft mir ein Sandwich. Ich esse. Packe weiter aus.

Die Katze darf schliesslich aus der Stube raus, als die Zügelmänner gegangen sind. Für sie ist es das erste Mal, dass sie in einem Haus mit Treppen lebt. Sie geht auf Entdeckungsreise. Sie ist neugierig. Ich erkenne sie nicht wieder. Mit einem Mal wird mein kleiner Stubentiger zu einem Raubtier. Das Estrichabteil, in dem ich Mäuse vermute, hat es ihr angetan. Kriege ich wohl bald kleine Geschenke von ihr?

Um Mitternacht falle ich ins Bett. Ich möchte lesen, aber die Nachttischlampe ist noch irgendwo im Haus. Aber ich weiss jetzt: Das Haus verliert nichts. Ich bin glücklich.

Mittwochsfreude

Zwei Tage vor Umzug stehen alle Zeichen auf Sturm. Ich bin müde, erschöpft und kann nicht mehr schlafen. Ich bin unruhig.

Wir fahren zu IKEA und kaufen Saschas Schreibtisch. Sein jetziger Arbeitstisch kommt in unsere Küche. Mit einem Mal interessiert mich die Küchenausstellung mehr als je zuvor. Schliesslich wollen wir, irgendwann, die über sechzigjährige Küche renovieren.Ich ignoriere sogar tobende Kinder, die ihre Mütter terrorisieren. Das muss die neue Gelassenheit sein.

Von St. Gallen aus düsen wir ins Toggenburg. Sascha will die Türen noch beschriften, damit die Zügelleute sich orientieren können und ich meinen Büroboden sehen. Wir waten durch tiefen Schnee. Mit einem Mal leuchtet mir unser Haus entgegen und ich muss dran denken, was ich an Weihnachten 2013 gehofft habe: im nächsten Jahr ist das Haus belebt.

Belebt war das Haus wohl: da waren wir, die wir sechzig Jahre Familienschrott entsorgten. Mein Vater und seine Frau, die uns immer wieder tatkräftig mit der Gartengestaltung unter die Arme griffen. Röteli und Simeli, die uns immer mal mit einem Besuch auf der Fensterbank erfreut haben. Ich erinnere mich auch noch an den Sektenheini, der zu Omi wollte und den ich zum Teufel gejagt habe. Und dann waren da noch die Schreiner letzte Woche, die den Boden meines Büros ersetzt haben.

Die alte Werkstatt, der versiffteste Raum im ganzen Haus, verschimmelt, vermodert, ist renoviert. Ich kanns gar nicht glauben. Ich bin nahe an den Tränen, weine aber nicht, weil ich dazu zu müde bin und später wieder in den Thurgau fahren muss. Der Raum ist wunderschön geworden. Nichts, schon gar nicht der Geruch, erinnert an die Unordnung, die wir langsam abgetragen haben. Ich weiss genau, wo welches Möbel hinkommen wird. In die Ecke der Arbeitstisch, das Schreibzeug. Dort die Regale für die Schnittmuster und Wörterbücher. Eine Sitzecke für die Katze.

Ich denke, während ich in dem Raum stehe: Das muss Omi sehen. Das glaubt sie mir nie.

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Sommer 2013

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Sommer 2014

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Weihnachten 2014

 

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Neujahr 2015

 

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Februar 2015

Züglete. Endspurt. Schlafmanko

Die Wohnung leert sich langsam. Nur noch Regale stehen herum. Einige Bilder. Die Spiegel. Die Katzenschlafplätze.
Ich bin müde. Jetzt könnte ich einfach einschlafen und erst wieder im Frühling erwachen. Wir brauchen noch einen Schreibtisch für Sascha. Und ich will den Boden meines Ateliers vor dem Einzug sehen.

Der Boden des Ateliers ist neu gemacht. Der Schreiner hat ihn in zwei Tagen neu gelegt. Es hat sogar eine Dampfsperre. Ich erlerne praktisch täglich neue Wörter.
Morgen nach meinem Feierabend fahren wir hin. Dabei wäre es gescheiter, wenn ich einfach schlafen ginge. Aber wahrscheinlich spielt das jetzt gar keine Rolle mehr. Schlafen kann ich später.

Kurz gesagt: der Thurgauer Estrich muss noch durchetikettiert werden. Ich muss mich entscheiden, was ich mitnehmen will und was nicht. Ha! Man gebe mir weitere zwölf Stunden pro Tag.

Die Katze, bald dreizehn Jahre, übrigens, geniesst den Kartonberg. Nachts besteigt sie ihn, gurrt, miaut und weckt mich. Mich nimmt ja nur wunder, wie sie das im Toggenburg noch toppen will.

Das Debrunner-Dilemma

Am Freitag ist es soweit. Wir ziehen weg von hier. Doch vorher müssen wir noch den Estrich sortieren und entscheiden, was mitkommt.

Ich weiss genau, was ich ins Haus mitnehmen will und was nicht. Mein alter Kinder-Kleiderschrank geht ins Sperrgut, ebenso das Sofa. Mein Barbie-Haus ist abbruchreif. Müll. Der Christbaumschmuck kommt mit. Meine Autöli-Sammlung auch. Die Kommode bleibt hier. Meine Spick-Sammlung verschenke ich.

Aber da ist mein pièce de résistance: Eine Kiste voller Gegenstände meiner Schwester.

Es ist nämlich so, dass ich diese Kiste damals mitgezügelt habe, als mein Vater und seine Frau aus ihrem Haus in eine Wohnung umzogen. Ich wollte die Kiste für meine Schwester retten. Doch seither ist recht viel Geschirr zwischen uns zerbrochen.

Ich habe Lust, ihre dämlichen Take-That-Kassetten, mit denen sie mich 1994 genervt hat, wenn ich in Ruhe Gedichte lesen wollte, zu zerdeppern. Ihre Schulsachen, ihren Nippes, alles aus dem Fenster schmeissen, darauf hab ich Lust.

Ich muss daran denken, dass meine Schwester den Schwanz eingezogen hat, als unsere Mutter starb. Sie hat mich im Stich gelassen, als es ums Pflegen, die Sterbebegleitung, die Auswahl des Grabes und die Bezahlung des Grabsteins ging. Das war ihr alles scheissegal. Sie hat einfach ihr Handy ausgeschaltet. Tant pis! Aber als es einige Jahre nach dem Tod der Mutter unerwarteterweise ein wenig Geld zu erben gab, da war meine Schwester plötzlich wieder da. Sie wusste meine Telefonnummer und meldete sich wieder, als wäre nie etwas passiert.

Die Wunden sind nicht verheilt. Beim Hauskauf wurden meine Narben jäh wieder aufgerissen. Plötzlich brauchte es auch von ihr Zustimmung, dass ich Omas Haus kaufen darf, beziehungsweise die Bestätigung, dass sie es nicht kaufen will. All die Jahre hat es sie nicht interessiert, wie es Omi geht. Ich finde es unfair von meiner Schwester. Vielleicht will ich deshalb ihren ganzen Kasumpel nicht im Haus haben.

Ich muss mich entscheiden: verzeihe ich und schleppe einmal mehr den Ballast eines anderen Menschen mit, der dies wohl gar nicht zu schätzen weiss, oder befreie ich mich von der Vergangenheit und werfe alles von ihr weg. Schwierige Frage.

Bin ich zu empfindlich?

Warum leide ich dann so, wenn ich diesen vernebelten Flecken Land verlasse? Der Thurgau ist ein unbekanntes Land und es war mir immer recht so. Die Schönheiten gehören den Menschen, die den Kanton ohne Vorbehalte lieben.

Da ist der See bei Berlingen. Er ist im Frühling und Sommer so klar und azurblau wie die Côte d’Azur. Der Ottenberg sticht grün aus der Ebene hervor. Seine Weine sind wunderbar. Die Thur vor Bischofszell ist wild und wütend, mehr ein grosser Bach, denn ein stiller Fluss.
Konstanz gehörte für mich immer zu Kreuzlingen und noch vor zehn Jahren konnte man einfach mal schnell hinfahren und beim besten Spanier Knoblauch mit Kaninchen essen. Heute geht das nicht mehr.
Der Fasnachtsumzug in Frauenfeld. Das leidige Schlamm-Openair. Die WEGA in Weinfelden. Der Chlausmärt. Die Menschen, die lieber über das Wetter und den Stand der Thur palavern, denn über die Politik. Sie werden mir allesamt sehr fehlen.

Die Sachen in der Wohnung verschwinden immer mehr in Kartons. Die Katze freuts. Für sie ist das alles ein grosses Abenteuer. Doch für mich ist es der Verlust meiner Heimat.

Wir Debrunners entstammen dem Weiler Debrunne. Dort haben sie vor fünfhundert Jahren ihren Namen gefunden. Debrunne bedeutet die Hirschtränke.

Unser Haus hier wurde in den 1860er Jahren gebaut. Es ist also fast dreissig Jahre jünger als „unser“ Haus im Toggenburg. Es ist solide, hat eine Heizung und trotz alledem eine lange Geschichte als altes Schulhaus.

Ich verlasse die Heimat meines Vaters nach fast vierzig Jahren zugunsten der Heimat meiner Mutter. Es ist seltsam, denn im Toggenburg kann ich meinen Wurzeln folgen. Hier im Thurgau nur mit Mühe. Warum ist dann der Abschied so schwer?

Nachtrag 20.25
Ich empfinde es als schwierig, das Grab meines Bruders zurückzulassen. Zu gerne hätte ich ein Glas seiner Erde. Dann würd ich es im Toggenburg beerdigen, wo alle anderen auch liegen.

Endspurt Teil 2

Heute haben wir die Zimmerpflanzen gezügelt. Das macht unsere Thurgauer Wohnung mit einem Mal leer und die Katze hat freie Sicht auf die Strasse.

Wir bringen eine weitere Fuhre in die Recyclinganlage: letzte Kartons, die ich im Estrich gefunden habe, Altmetall, alte Leuchtröhren, Petflaschen, den hässlichen roten Küchenteppich. Die Sammlung hässlicher Kleiderbügel. Jetzt ist der Keller leer bis auf all jene Bretter, für die wir einen Anhänger brauchen. Aber hey! Leer!! Fast zwei Jahre Arbeit fertig. Ufff!

Ein seltsames Gefühl. Da ich die nächsten Tage bis zum Umzug voll arbeite, werde ich das Haus erst wieder am Zügeltag sehen.

Im Toggenburg liegt wieder Schnee. Ich bin gespannt, wie das Wetter am 6.2. sein wird. In unserer Thurgauer Wohnung leeren sich langsam die Regale. Eine Autoladung voller Bücher, Geschirr und DVDs haben wir heute ins Brockenhaus gebracht. Die netten Leute der Heilsarmee klären mich auf, dass sie nur neue, hochwertige Bücher, alle Kochbücher und keine Videos annehmen. Das war ja wohl klar!

So leert sich auch langsam der Vorraum des Hauses. Zügeln befreit. Ich fühle mich leichter. Aber es ist noch lange kein Ende in Sicht. Am Nachmittag lege ich mich kurz hin und falle für zwei Stunden in einen tiefen, traumstarken Schlaf.

Abnützungserscheinungen oder Umziehen ist wie Sterben

In zwei Wochen ist es soweit. Wir ziehen aus. Weg aus dem Thurgau. Ich hasse Umziehen. Ich hasse Schachteln. Kisten. Taschen. Leere Räume.

Und langsam verschwindet meine Energie. Die Erkältung ist wieder da. Termine. Meine Bücher sind alle längst im Toggenburg, weit weg von mir. Ich bin einsam ohne sie. Bücher sind stille Freunde. Die besten.
Ich packe. Räume auf. Schmeisse weg.

Ich tue mich schwer mit Gehen. Da ist der Magnolienbaum im Nachbardorf, den ich so sehr liebe. Den werd ich so schnell nicht mehr sehen. Die Nachbarskatzen. Die alten Menschen im Dorf. Die unberührte Natur.

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Mir wird die Frauenfelder Mundart fehlen. Das stinkige Städtchen im Herbst. Der Geruch der Rüben. Das Hochwasser der Thur. Der blaue Himmel über dem See. Das Naturmuseum.

Ich werde mein Auto ummelden müssen. Die goldenen Löwen auf silbrig-grünen Grund machen dem Rutenbündel mit Beil auf grünen Grund Platz.

Ich weiss noch nicht mal, was ich nachher sein werde: bin ich eine Thurgauerin im Toggenburg? Oder eine Thurgo-Toggenburgerin? Und wenn ich jemals eine Tracht nähe, wird es die Thurgauer oder die Toggenburger Tracht sein?

Und wenn ich dann irgendwann sterbe, dann liege ich auf demselben Friedhof wie meine Urgrosseltern, mein Opa, meine Grosstante und meine Mutter. Nur mein Bruder, der liegt nicht da. Aber wahrscheinlich spielt das keine grosse Rolle. Omi hat mal gesagt: „Wir kommen alle zum selben Herrgott.“ Ich antwortete: „Ich glaube nicht an Gott.“ Omi schaute mich an, lächelte, kniff mich in die Wange und sagte: „Das isch ihm schissägliich.“

Elephants can remember

Nach einem anspruchsvollen Wochenenddienst am freien Tag ins Toggenburg zu fahren, kostete mich heute morgen früh etwas Überwindung.
Der Gedanke, dass wir Schlafzimmer und Saschas Büro fertig streichen, hat mich dann aber motiviert, aufzustehen. Das Wetter im Toggenburg war grandios. Blauer Himmel. Zarte Schneedecke vor dem Haus. Kein Thurgauischer Nebel. Kein Geruch von Rüben.

Der zweite Anstrich geht irgendwie leichter.
Das seltsame Minttürkis ist verschwunden. Weiss macht das alte Schlafzimmer zu einem neuen Raum, der sehr viel grösser scheint. Zum ersten Mal seit über dreissig Jahren ist er leer. Omas Kruzifix hat einen Abdruck an der Wand hinterlassen. Eine Art Schatten. Jetzt hängt das wunderschöne, traurige Kreuz im Pflegeheim über ihrem Bett.

Ich entrümple den hintersten Vorratsraum. Schachteln, zwei Strickmaschinen, weiteres uraltes, metallenes Zubehör kommt zum Vorschein. Dann zwei Liegestühle, einer davon aus den 50er oder 60ern. Ich bin begeistert. Ich kann mich nicht erinnern, jemals darin gesessen haben.

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Ich trage alles hinunter in den hintersten Keller, wo ich die Sommermöbel deponiert habe. Ich schleppe Teile des zerkleinerten Schranks nach unten. Eine Matratze. Weiteren Müll, den ich finde. Und dann ist der Vorraum vor unserem Schlafzimmer einfach leer.

Ich schiebe die Seitentüre des einen Estrichabteils zur Seite und erblicke den Elefanten aus Plüsch, auf dem ich als Kind so oft gesessen bin. Mit einem Mal fallen mir all die Fotos von mir ein, die sie von mir gemacht haben. Ich sehe zufrieden darauf aus. Ich muss knapp zweijährig gewesen sein. Meine Mutter lacht auf den Fotos und ist erkennbar schwanger. Mein Bruder. Keiner ahnt, dass Mutters Lächeln danach verschwinden wird.

Omi hat den Elefanten in eine Plastikfolie gehüllt, zugedeckt mit einer uralten, schön bestickten Decke, die voll grauem Staub ist. Omi hat nichts weggeschmissen. Nicht einmal meine Kindersachen. Dass ich jetzt hier so stehe und das sehe, berührt mich. Das Haus als Hort meiner unversehrten Kindheit? Omi nahm dies sehr ernst.

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Ich gehe zurück ins Schlafzimmer und putze die verschmutzten Fensterscheiben. Die Luft ist kühl und ich atme tief durch. Vor mir liegt die Krinau. Der Wald ist zugeschneit. Die Sonne scheint auf unser Haus.

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