Was sich in diesem einen Jahr geändert hat

Vor zweieinhalb Jahren ist Omi gestorben und es wird nun der dritte Geburtstag ohne sie werden. Omi und ich haben Geburtstage immer gemeinsam zelebriert und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, ohne sie zu feiern. Auch wenn sie die letzten Jahre nicht mehr wusste, wie ich heisse, war sie im Herzen mit dabei.

Ich sorge mich um meinen Vater. Er war mir immer der Anker in meiner Welt. Zu erleben, wie er älter wird und wie er oftmals darunter leidet, schmerzt mich. Ich würde gerne mehr tun mit ihm und für ihn. Und doch leben wir unsere eigenen Leben.

Meine Auseinandersetzung mit der Jagd, den Tieren, den Bäumen und all den anderen Lebewesen gibt mir Kraft. Ich entdecke meine Liebe zu Bäumen wieder. Ich will noch mehr wissen über all das, was um mich herum lebt. Der Geruch des Waldes, einer Wiese, eines Baches macht mich glücklich.

Wir leben in unserem Haus. Es ist mein Kraftort und wenn ich im Garten bin, bin ich glücklich. Immer mehr erkenne ich, was nicht mehr ins Haus gehört und was ich ent-sorgen will. Ich hänge weniger an Dingen. Ich liebe meine Rosen. Sie blühen jedes Jahr aufs Neue. Bei den alten Pflanzen muss ich dran denken, dass sie schon bei meinen Urgrosseltern im Garten standen und blühten.

Ich lese viel. Seit ich in meinem Bulletjournal Buch führe, was ich lese, wird mir bewusst, wie sehr ich Sprache und Wörter brauche. Wenn ich schreibe, dann bin ich. Ich hänge weniger an der Vergangenheit als früher. Gewisse Wunden haben sich – endlich – geschlossen.

Ich arbeite seit über 20 Jahren im gleichen Beruf in der gleichen Firma. Meine Aufgabe als Betreuerin macht mich noch immer glücklich, auch wenn sie mir oftmals viel abverlangt. Ich staune immer wieder darüber, was ich Neues entdecke, welche Wege sich auftun und was alles möglich ist.

An Tagen wie diesem wünschte ich mir, ich könnte mit meinen Urgrosseltern und Omi und Opi, meiner Mutter und meinem Bruder auf unserer Terrasse sitzen, Rotwein oder Kirsch trinken, rauchen und über all das reden, was in den letzten Jahren, seit sie nicht mehr da sind, geschehen ist. Sie fehlen und vielleicht ist dies das einzige bittere Fazit, das ich aktuell ziehen muss.

Rauchen im Toggenburg

Im Toggenburger Zweig meiner Familie waren alle, bis auf Omi Paula, starke Raucher. Das Rauchen und Paffen wird in dieser Familie seit mindestens 100 Jahren gepflegt.

Uropa Henri traf ich immer nur mit Pfeife oder Stumpen an. Er liebte es, da zu sitzen und zu rauchen. Manchmal redete er auch ein wenig, aber ehrlich gesagt – daran erinnere ich mich nicht mehr. Auch seine Frau Rosa rauchte. Sie mochte Zigaretten und ich finde, sie sieht auf Fotos immer ein wenig verwegen aus. Beide starben im hohen Alter.

Opa Walter hingegen rauchte querbeet alles, worauf er gerade Lust hatte. Er rauchte Zigaretten, Rösslistumpen und die Stummel der Stumpen stopfte er dann noch in seine Pfeife. Es gibt praktisch kein Bild von ihm, wo er nicht eine Zigi in der Hand oder im Mund hat. Opa war Musiker und Fabrikarbeiter und ich denke, das Rauchen war Zeitvertreib, Lebensstil und Psychohygiene gleichzeitig. Er starb an Leberkrebs.

Omi Paula rauchte gar nicht. Aber, als Kioskverkäuferin wusste sie natürlich alles übers Rauchen. Sie kannte alle Marken, wusste von jedem Stammkunden, welche Zigi er kaufen wollte. noch bevor er danach fragen musste. Im Haus fand ich viele Werbeartikel von den verschiedensten Produkten. Ich liebte es, mit ihr im Kiosk zu stehen und Waren zu verkaufen und ich bedauere es, dass es jenes eine Geschäft am Obertor nicht mehr gibt. Aber dafür gibt es noch immer Iversens Tabakladen und das mag ich sehr!

Meine Mutter war Kettenraucherin. Sie rauchte nur eine Marke und das bestimmt 40 Jahre lang: Mary Long. Seltsamerweise kann ich mir meine Mutter nicht ohne Zigi im Mund oder in der Hand vorstellen. Als sie im Pflegeheim lag und ich erfuhr, dass sie an jenem einen Tag nicht mehr geraucht hatte, wusste ich, jetzt ist es zu Ende. Witzig fand ich, und man möge mir diesen Ausdruck in dieser Situation verzeihen, dass ihre Lungen bis fast am Schluss super funktionierten. Vielleicht dauerte deshalb ihr Sterbeprozess auch so lange. Als meine Mutter 2007 ihren letzten Atemzug getan hatte, schauten Omi und ich uns an und öffneten das Fenster. “Jetzt will Uschi bestimmt eins rauchen”, entfuhr es Omi und mir und wir umarmten uns, lachend und weinend.

Spielkindheit

Vor einigen Wochen hatte ich ein interessantes Gespräch mit meinem Vater. Ich erfuhr dabei, dass er es damals gar nicht so toll gefunden hatte, dass wir Kinder die ganzen Ferien bei Omi und Opa verbrachten.

Er beschrieb mir, wie sehr er es jeweils genossen hatte, mit uns Kindern etwas zu unternehmen, uns an Anlässe mitzunehmen, zu wandern oder Velo fahren zu gehen.
Meine Mutter hat ihn gar nie gross gefragt, ob er damit einverstanden war, dass wir zu Omi gingen. Es war einfach abgemachte Sache zwischen Omi und ihr, wobei er dazu meinte, dass meine Mutter wohl auch einfach froh war, uns mal nicht an der Backe zu haben.

Das hat mich irgendwie sehr gerührt, denn ich hatte als Kind nie das Gefühl, den Vater zuwenig zu haben. Er war beruflich zwar sehr eingespannt, aber auch immer präsent.
Vater und Mutter waren definitiv keine „Helikoptereltern“. Sie hatten den Anspruch an uns, an mich, dass wir uns selbständig beschäftigen. Sie fuhren uns nie an irgendwelche Kurse oder Anlässe, weil wir da gar nicht erst teilnahmen. Vermisst habe ich nichts. Im Gegenteil.

Als Kind verbrachte ich sehr viel draussen auf den Wiesen, unterwegs mit unseren beiden Katzen. Ich liebte es, an der Sonne zu liegen, Käfer, Schmetterlinge und Blumen zu erkunden und mir wunderbare Abenteuer auszudenken. Ich fühlte mich eins mit der Natur, als kleiner Teil, und das war wunderbar.

In den Ferien bei den Grosseltern habe ich jeweils an der Wöschhänki Zelte gebaut. Es war paradiesisch, denn es gab nur wenig Grenzen: Wir durften nichts kaputt machen. Wir sollten anständig sein. Wir durften uns nicht in Gefahr bringen. Aber sonst… Freiheit pur.

Als ich heute morgen aufwachte und zum Fenster hinaus schaute, musste ich an Omi denken, die uns Kindern soviel schöne Erlebnisse ermöglichte. Sie fehlt mir. In meinem Herzen ist noch immer jene kleine Stelle Erinnerung, wo ich auf der Schaukel sitze und sie mich anstösst.

Die vier Schwestern

Die Linde, die auf unserem Grundstück steht, nenne ich seit Jahren „Die vier Schwestern“. Ich möchte euch gerne erzählen, wie sie zu diesem Namen gekommen ist.

Unsere Linde besteht aus vier einzelnen Stämmen. Sie erinnert mich an die vier prägendsten Frauen meiner Familie: Da ist meine Mutter Uschi. Sie wurde 1951 als erste aller Enkelinnen meiner Urgrossmutter Bertha geboren und starb 2007. Sie wuchs als jüngste Enkelin quasi als vierte Schwester auf. Sie ist die Tochter meiner Omi Paula. Ich durfte mit Omi ihre letzten Stunden begleiten. Meine Mutter fehlt mir sehr. Ihre Lebensfreude und ihre Tierliebe fehlen mir.

Tante Hadj wurde 1926 geboren und starb 2013. Sie war eine elegante, wunderschöne und stilvolle Frau. Auch sie hat mich mit guten Gedanken und Ratschlägen unterstützt. Sie war in Sachen Stil ein grosses Vorbild für mich.

Dann ist da Tante Bibi. Sie wurde 1924 geboren, sie hatte am gleichen Tag Geburtstag wie mein Bruder Sven, und starb 2016 am Geburtstag meiner Mutter Uschi. Bibi hat mich nach dem Tod meiner Mutter und während der Demenz meiner Omi liebevoll unterstützt. Ich werde diese arbeitsame, starke und tolle Frau nie vergessen.

Omi Paula war die jüngste der Hüppi-Schwestern und hat alle anderen überlebt. Sie wurde 1928 geboren, überlebte eine schwere Hirnhautentzündung und war mir eine wunderbare Grossmutter. Sie fehlt mir im Alltag an allen Ecken und Enden. Ich habe ihre Telefonnummer nicht gelöscht. So oft möchte ich mit ihr reden, mich austauschen und ihr meine Sorgen und Freuden berichten. Sie hatte immer ein Ohr dafür. Ihr Tod kam nicht unerwartet und hat mich doch sehr getroffen.

Die Linde steht unverrückbar da. Sie tut es seit vielen Jahren. Wann immer ich sie ansehe, werde ich an die vier Schwestern erinnert: Uschi, Hadj, Bibi und Paula.

Omis Satz

Beim Aufräumen stosse ich auf ein orangefarbenes, grosses Couvert.
Ich öffne es. Fotos, Zeitungsartikel und einige Quittungen fallen heraus.
Ich lese alles durch. Ich weiss nicht, was sich Omi dabei gedacht hat.
Dann drehe ich das Couvert um.
Der Papierstreifen über dem Klebestreifen ist beschriftet.

„Ich liebe Dich sehr! 18.2.2011!“

Sechs Jahre vor ihrem Tod verpackt Omi wichtige Dinge in dieses Couvert und versteckt es in einer der vielen Schubladen dieses Hauses.
Wie benommen sitze ich da und streichle über diesen Satz, den sie vor vielen Jahren an mich geschrieben an.
Ich klebe den Streifen an meinen PC-Bildschirm, neben ihr Foto.

Frühling

Ich mag diese Tage vor Ausbrechen des wahrhaften Frühlings, wenn fast alles noch schläft, aber der Schnee bereits geschmolzen ist. Ich mag die erwachenden Bäume, liebe die ersten Blumen, die ihre Köpfe farbenfroh in die Sonne recken.

Das Licht. Die Wiese. Das erste Mal barfuss laufen. Den Muschelplättchen zuhören, wie sie im Wind klimpern. Draussen rauchen. Den ersten Schnittlauch ernten. Die Forsythie, die im Sturm fiel, betrauern. Nie mehr ihre gelben Blüten sehen.

Der Frühling fühlt sich immer wieder wie eine erste Liebe an. Der Frühling ist zaghaft, vorsichtig und gleichzeitig voller Leidenschaft. Er verspricht so vieles, was im Laufe des Jahres passieren wird.

Auf meinem Tisch krabbelt ein seltsamer, grosser brauner Käfer. Er sieht aus, als wäre er viele tausend Jahre alt. Er steht da und und lässt sich den Wind über den Panzer wehen. Er bewegt sich langsam fort, als wäre er ein seltsames, aus der Zeit gekommenes Schlachtschiff.

Langsam geht die Sonne unter und es wird kühler. Ich geniesse jeden Sonnenstrahl, die Wärme und möchte am liebsten nur noch draussen sein. Der Wind bläst durch den Garten und erinnert daran, dass noch nicht Frühling ist. Aber bald.

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20 Jahre

Gestern vor 20 Jahren habe ich als Praktikantin in einer sozialen Institution im Kanton Thurgau angefangen. Es kommt mir nicht so lange vor. Und doch ist so vieles passiert.

1998 hatte ich bereits 2 Jahre in einem Verkaufsgeschäft gearbeitet. Ich liebte diese Tätigkeit, die Beratung von Kunden, das Auffüllen von Regalen, Vitrinen schön einzurichten. Eine Freundin meinte schliesslich zu mir: „Und das willst du jetzt bis zur Pension machen?“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Freundin sagte: „Begleite mich mal zu meiner Arbeit und mach dir selber ein Bild.“ Sie war Sozialpädagogin in Ausbildung und so ging ich mit.

Ich hatte bis dahin wenig Kontaktmomente mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Ich kannte zwar einige Leute vom Sehen, doch tiefer gingen diese Begegnungen nicht. Meine Freundin motivierte mich, mich als Praktikantin zu bewerben. „Du wirst schnell sehen, ob es dir gefällt oder nicht. Zurück kannst du immer wieder.“

Und so bewarb ich mich in drei Institutionen. Die ersten zwei Bewerbungsgespräche waren desaströs und ich bin heute noch froh, dass ich in jenen zwei Institutionen nie gearbeitet habe. Das dritte hingegen war schön. Ich durfte eine Wohngruppe für Erwachsene besuchen und fühlte mich sofort wohl. Vier Monate später würde ich meinen Dienst als Praktikantin aufnehmen.

An meinem Arbeitsplatz, einem Lebensmittelgeschäft, sorgte mein Entscheid zu kündigen und „mit Verrückten zu arbeiten“ für einigen Aufruhr. Meine Chefin beschied mir, dass dies eine vollends blöde Idee wäre und ich würde schon sehen, wie es mir dort erginge. Der Chef hingegen verabschiedete mich an meinem letzten Arbeitstag mit einem Blumenstrauss, einem Händedruck und seinem Respekt für meine Entscheidung. Das hat mich sehr gerührt.

Und so startete ich am 1. Februar 1999 in einem mir bis dahin völlig fremden Arbeitsbereich. Ich lernte Menschen zu pflegen, ihnen beim Essen behilflich zu sein, medizinische Hilfe zu leisten, sie in Krisen und Freuden zu begleiten, sie in ihrer Freizeitgestaltung zu unterstützen und vieles mehr.

Ich habe nicht gezählt, wie viele Menschen ich in den 20 Jahren kennenlernen durfte. Es waren nicht wenige. Zu Herzen gingen mir jene Beziehungen, die anfangs nicht leicht waren, wo sich Menschen weiter entwickelten oder ich den letzten Weg begleiten durfte.

Vieles hat sich in meiner Arbeit geändert. Heute, im Gegensatz zu vor 20 Jahren, schreiben wir Berichte und Tageseinträge am PC und nicht mehr von Hand. Doch etwas ist gleich geblieben: Im Zentrum unserer Arbeit steht der Mensch mit seinen Wünschen, Bedürfnissen und Zielen.

Gestern mittag dachte ich schliesslich: Du hast dich vor 20 Jahren richtig entschieden, dass du hier in dieser Institution angefangen hast zu arbeiten.

Als ich vor einigen Jahren mit Omi die Schränke und Bücherregale im Haus durchsah, fiel mir ein Buch meiner Uromi Anna in die Hand. Es war ein Buch über die Pflege von behinderten Kindern. Damals wusste ich noch nicht, dass Anna vor meinem Opa schon ein Kind gehabt hatte, Nelly. Nelly starb noch vor Opas Geburt und keiner weiss heute mehr, wer sie war.

Vielleicht hat Anna das Buch gekauft, weil Nelly mit einer Behinderung auf die Welt gekommen war. Einmal mehr fühlte ich mich meiner Uromi Anna, die 30 Jahre vor meiner Geburt an Brustkrebs verstarb, nahe. Man lebt immer nur das eigene Leben. Aber manchmal fliessen Lebenslinien von früher ins eigene Dasein, damit man sich weiter entwickelt und das zu Ende bringt, was einem anderen vielleicht nicht vergönnt war.

Viel Schnee und rote Rosen

Vor über zwei Jahren, es lag sehr viel Schnee, war Omis Beerdigung. Wir stapften über den Friedhof, versenkten Omis Urne und waren umgeben von Kälte und roten Rosen.
Omis letzter Weg auf dem Friedhof von Lichtensteig kommt mir unglaublich weit entfernt von meinen jetzigen Gedanken vor. Ihr Sterben ist mir präsent, als wäre es heute morgen gewesen.

Ich denke sehr oft an Omi, sei es, wenn ich im Winter durch den kalten Flur gehe und mich frage, wie sie das all die Jahre geschafft hat, hier im Haus zu leben. Tagtäglich fahre ich in Wil an ihrem Geburtshaus vorbei und denke an sie, meinen Opa und meine Mutter. Es ist ein seltsamer Weg, weil ich mich oftmals frage, was sie heute von mir denken würden.

Wären sie d‘accord mit meinen Entscheidungen? Würden sie mich kritisieren oder noch schlimmer: Ratschläge geben? Nichts würde ich mir sehnlicher wünschen als noch einmal ein tiefes Gespräch bei Milchkaffee und dem scheusslichen Stampfkuchen aus der Migros namens „Monte Generoso“, den ich seit Omis Tod nie wieder gegessen habe und wohl auch nie wieder essen werde.

„generoso“ bedeutet Grosszügigkeit, und das ist eine jener Charaktereigenschaften, die ich immer sehr an Omi bewundert habe. Wer es geschafft hatte, in ihr starkes Herz vorzudringen, wurde von ihr verwöhnt, geliebt und beschenkt.

Dann ist da aber auch mein aktuelles Leben. Die Begegnungen mit Menschen, die meine Omi Paula kannten. Eine liebe Freundin erzählte mir, dass sie hochschwanger an Omis Türe geklopft habe, weil sie so dringend auf die Toilette habe gehen müssen. Omi öffnete (natürlich) ihre Türe und liess sie ein.

Was von einem übrig bleibt, sind die Geschichten. Gerade hier in diesem wunderbaren Städtchen, wo die Verstorbenen weiterleben, in dem man sich erzählt, wie sie gelebt und geliebt haben.

Dann denke ich: Was verschwende ich Gedanken ans Sterben? Das Leben und das Lieben ist der Kern unseres Daseins. Carpe diem!

Der Herd, der Backofen, meine Familie und ich.

Am nächsten Dienstag wird unser neuer Herd geliefert. Ich bin ein bisschen wehmütig, denn wieder wird nun ein Teil meiner Urgrosseltern und Omi aus dem Haus verschwinden.

Omi hat auf diesem Herd täglich mehrere Liter heisses Wasser für ihren Incarom-Kaffee gekocht. In der Küche hat sie oft für uns Kinder und auch für Opi gekocht: Rösti mit Spinat und Spiegeleiern, gebratenen Fleischkäse für Opi, Gulasch und Teigwaren, Champignon-Plätzli und Buchstabensuppe. Im Ofen buk Omi ihre Frischbackzöpfe und Croissants für uns auf. Sie liebte Gerichte, die sie einfach in den Ofen stecken konnte.

Die Küche war immer das Zentrum des Lebens in diesem Haus. Hier wurden Gespräche geführt, gemeinsam getrauert, getrunken und gegessen. Der Herd war und ist eines der wichtigsten Küchengeräte. Hier kochen wir. In seinem Bauch, dem Backofen, backen wir seit Jahren Brot.

Doch in den letzten zwei Jahren wurde uns auch klar, dass das der Herd es wohl nicht mehr lange macht. Er hat drei Platten, eine geht gar nicht mehr, die eine nur so halb. Der Backofen ist nicht schlecht, hat aber seine besten Tage auch gesehen. Und so heisst es nun Abschied nehmen. Danke, lieber Herd, lieber Backofen für all das, was ihr all die vielen Jahre geleistet habt…

Sascha buk heute seinen letzten Zopf.

Herbstferien

Herbstferien bedeuten für mich Ausruhen, das schöne Wetter im Toggenburg geniessen, den Garten winterfest zu machen und die Gräber von Mami und Omi neu zu machen.

Etwas Gutes hat der schöne Sommer ja: Die Blumen blühen und die beiden Gräber brauchen noch gar keinen Allerheiligenflor, obwohl es in zwei Wochen schon soweit ist. Normalerweise habe ich um diese Zeit Mamis Grab neu gemacht. Es ist nur noch knapp eine Woche bis zu ihrem 11. Todestag.

Vor einigen Wochen ist unsere uralte Forsythie im Sturm umgefallen. Der Baum war bestimmt 50 Jahre alt. Er stand all die Jahre in jenem Blumenbeet neben dem Waschbärenstall. Alles hat seine Zeit und man kann sich fragen, wann die eigene abgelaufen ist.

Ich mag diese Zeit der bunten Farben, wenn die Blätter von den Bäumen fallen. Ich räume den Garten auf und verstaue alles, was wir den Winter über nicht mehr brauchen im Keller. Ich pflanze Tulpen und Narzissen und freue mich auf den Frühling, wenn sie ihre Köpfe aus dem kalten Boden recken. Die alten Rosen blühen noch immer und ich freue mich über jede Blüte wie ein Geschenk.

Vor sechs Jahren um diese Zeit bangte ich um Omi, die ins Altersheim ziehen würde. All das scheint mir elend weit weg und wenn ich nicht soviel darüber geschrieben hätte, wüsste ich es wohl nicht mehr.

Als meine Mutter im Sterben lag, telefonierten Omi und ich praktisch täglich. Wir waren beide durch den Wind und sehr traurig. Omi war der einzige Mensch, dem ich nichts vormachen musste. Wir wussten beide: Das ist nun das Ende. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass sie und ich Mami in den Tod begleitet haben. Omi und ich erlebten die Wochen vor Mamis Todestag jeweils sehr intensiv.

Das hat auch unsere restlichen gemeinsamen Jahre geprägt – bis Omi sich nicht mehr an meine Mutter erinnern konnte. Das war sehr schmerzhaft, denn es zeigte mir auf, dass menschliche Identität sich an den gemeinsamen Erinnerungen festmacht. Es tat mir weh, nicht mehr mit meiner Erinnerungsgefährtin reden zu können.

Doch all das hat auch etwas Gutes. Omis Demenz hat mich dazu gebracht, schreibend weiter zu denken, mich zu erinnern – und loszulassen. Das ist ein grosses Geschenk, trotz allem.