Musik verwandelt sich in Worte

Meine Familie mütterlicherseits war immer sehr musikalisch.
Ich bin es nicht.
Ich spiele kein Instrument. Noten lesen habe ich mir irgendwann selber beigebracht.
Singen tue ich seit mehreren Jahren nicht mehr. Eine chronische Angina hat meine Alt-Stimme ins ewige Grab getrieben.

Meine Schwester lernte Flöte spielen. Da ich nach Beginn der zweiten Klasse ins Dorf H., dem untersten Teil des Rektums des Kantons Thurgau, zog, war es offenbar zu spät, noch in den Flötenkurs einzutreten.

Bitte versteht mich richtig, das werfe ich meinen Eltern nicht vor. Diese albernen Flötenabende vor den versammelten Eltern des Dorfes wären nie mein Ding gewesen. Ich wusste immer, dass ich schreiben wollte. Ich fühlte mich als Kind nur auf der Theaterbühne und in meinem Schlafzimmer wohl. Musik hatte da keinen Platz. Ich habe mein unmusikalisches Sein in der Primarschule teuer bezahlt. Ich kann bis heute nur schwer darüber sprechen.

Ich hätte furchtbar gerne Keyboard spielen gelernt. Aber mein Vater pflegte zu sagen: „Du musst in die Sekundarschule gehen. Dann hast du eh keine Zeit mehr für Musik und Musikunterricht. Du wirst die erste Debrunner sein, die je die Sek besucht hat.“

Wie hätte ich meinen Vater da enttäuschen können?

Mein Opa Walter hingegen fand es eine Verschwendung, dass ich kein Instrument spielen konnte. Er war multimusikalisch. Er spielte Saxofon, Klarinette, Geige, Zither und Querflöte. Am Ende seines Lebens schenkte Omi Paula ihm noch ein Keyboard. Ich kriegte das gleiche, nur leider keinen Unterricht dazu. Das Geld war zu knapp dafür. So wurde ich Opa keine würdige Musikpartnerin und wir liessen das Musizieren bleiben.

Als Sascha und ich begannen das Haus umzuräumen, stiessen wir auf ein Bild, geklebt auf Karton. Mein Uropa Henri ist, neben vielen anderen Männern darauf abgebildet. Er war damals, als das Bild gemacht wurde, Aktuar der Musikgesellschaft Harmonie Lichtensteig.

Ich liebe dieses Bild. Es sagt so viel aus über die Herkunft meiner Familie.

Ich erinnere mich noch immer an jenen Moment, als ein Mann auf dem Friedhof zu mir trat. Ich kniete, nahe den Tränen, am Grab meiner Mutter. Er hielt mich für die Gärtnerin. Er wollte wissen, wie eine Debrunner ins Toggenburg zu liegen kommt. Ich erklärte ihm, dass meine Mutter die Tochter meines Opas Walter und die Enkelin von Henri war. Er kannte sie alle beide.

Dann erzählte er mir die Geschichte wie in Lichtensteig der Zweite Weltkrieg ausgerufen wurde. Henri wurde mit seiner Trompete durch den Ort gekarrt. Er war damals 50 Jahre alt, mein Opa Walter 15.

Ich hielt die Geschichte lang für übertrieben. Erst jetzt, wo hier lebe, verstehe ich sie. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier an diesem Ort leben darf. Ich hätte diesem mir unbekannten Mann, der mit mir diese Geschichte geteilt hat, sehr gerne von Herzen gedankt. Leider kenne ich seinen Namen nicht.

 

 

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Ein Jahr

Gestern war unser Jahrestag. Wir leben seit einem Jahr hier im Haus.

Es ist seltsam, ich hab den Eindruck, als hätten wir nie woanders gelebt. Die Jahre im Thurgau scheinen wie hinter einem dichten Nebel verschwunden. Ich fühle mich hier im Städtli sehr zuhause. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich jemals woanders als im Thurgau beheimatet fühlen könnte.

Der Garten, die Bäume und das Haus halten uns auf Trab. Es gibt immer etwas zu tun, sei es Rasenmähen im Sommer, Laub zusammennehmen im Herbst oder die Fütterung der Vögel im Winter.

Wir haben schon sehr viel am Haus renoviert. Mein Atelier braucht nur noch einen Anstrich, dort, wo ich vorletztes Jahr aufgrund des durchbrochenen Bodens aufgehört habe. Der kleine Keller ist ebenfalls fertig. Wir lagern dort jetzt Gemüse und haben endlich einen grossen Tiefkühler. Der Hangdruck und die damit verbundene starke Feuchtigkeit bereiten uns weniger Sorgen. Seit einigen Monaten haben wir einen Entfeuchter aufgestellt. Unser „kaltes“ Zimmer ist ebenfalls zur Hälfte entrümpelt und ich freu mich darauf, dass ich bei wärmeren Temperaturen die Wände frisch streichen kann.

Auch unser Schlafzimmer wird immer schöner. Vor einem Jahr strich ich die vergilbten türkisfarbenen Wände. Jetzt sind sie weiss. Wir haben Bücherregale aufgestellt. Im Frühling und Sommer ist es sehr hell in diesem Raum. Die Katze liebt es sich dort zu räkeln.

Der Garten entwickelt sich. Ich habe ihn letztes Jahr umgestochen und angefangen zu besäen. Jetzt bin ich gespannt, was uns die Erde geben wird.

Der Thurgau scheint fern.
Mehr als je zuvor vermisse ich unsere ehemaligen Nachbarn. Mir wird bewusst, wie aussergewöhnlich unsere Freundschaft und Nachbarschaft war. Ich bin manchmal traurig, denn jetzt kann ich nicht mehr wie früher einfach die Treppe raufsteigen, „hallo“ sagen oder beim gemeinsamen Rauchen diskutieren.

Omi lebt zwei Dörfer weiter im Pflegeheim. Ich sehe sie jetzt öfter. Es ist ein sehr beruhigendes Gefühl, in der Nähe zu sein, auch wenn ich nicht immer bei ihr bin. Unsere Verbundenheit begleitet mich durch die Tage und die Momente im Haus.

Vor einem Jahr lag hier hoher Schnee und es war sehr kalt. Unser Haus gibt uns warm. Es wurde vor 176 Jahren nach dem Sonnenstand gebaut. Vielleicht ist das ein Lebensmotto, welches sich lohnt, zu beleben:

Richte dich nach dem, was dich wärmt und deiner Seele gut tut.

Opis letzte Nacht

Vor 19 Jahren um diese Zeit sass ich im Kino. Ich weiss es noch ganz genau. Ich war 19 Jahre alt und besuchte im Cinema Luna in Frauenfeld die Filmvorstellung „8 1/2“ mit Marcello Mastroianni.
Ich war unruhig.

An Neujahr 1997 hatte ich das letzte Mal mit Opa und Omi telephoniert. Opa lag im Sterben. Das Telephon war grau, hatte eine Wählscheibe und lag auf einem Telephonbuch aus dem Jahr 1984. Opa konnte kaum noch sprechen, hustete oft. Seine Stimme klang leise und müde und seltsam aufgestellt.

Omi wirkte aufgekratzt. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wusste, was sie erwartete.

Ich sass im Kino. Die Sitze waren hart. Dennoch hatte ich Mühe, mich wachzuhalten. In der Pause ging ich. Ich fuhr mit meiner Chopper zurück nach Hause. Ich wollte weinen, aber es ging nicht. Die Nacht war kalt und ich erinnere mich, dass meine Tränen fast auf meinen Wangen anfroren. Ich trug eine riesige Zahnspange.

Ich konnte fast nicht nicht einschlafen. Wälzte mich hin und her. Mitten in der Nacht schreckte ich auf. Tausend Albträume. Ich fing an zu beten. Mir fiel nichts anderes ein. Ich wünschte mir, dass Opi endlich sterben könnte. Kein weiteres Leiden. Nicht mehr diese schreckliche Angst vor dem Ersticken. Einfach Schlaf. Dann wurde ich ruhiger. Meine Wut wich.

Am nächsten Morgen fuhr ich zur Arbeit. Um Punkt acht Uhr fiel mir meine Tasse zu Boden. Ich war unkonzentriert und fahrig. Eine Viertelstunde später klingelte das Telephon. Meine Mutter.
Opa. Tot. Um Punkt acht Uhr.

Ich weinte. Aber ich konnte auch nicht verleugnen, dass ich unendlich froh war, dass er nicht mehr länger leiden musste. Verdammter Scheisskrebs.

19 Jahre später sitze ich in der Stube, in der Opa seine letzte Nacht verbracht hat. Nichts mehr erinnert daran, dass hier ein Mensch gestorben ist. Das Bett ist verschwunden. Das blinde Fenster ist ersetzt. Keine schweren Vorhänge mehr.

Mir ist seltsam zumute. Ich vermisse Opi noch immer. Er wäre 91 Jahre alt. Ich bin mir sicher, dass er sich über mich freuen würde.

Jahresrückblick 2015

Der Anfang des Jahres verlief sehr turbulent. Wir hatten mit sehr viel Schnee beim Umzug zu kämpfen. Gleichzeitig investierten wir alle freien Tage in die Renovation unserer wichtigsten Wohnräume. Das Schlafzimmer und unsere Bureaus haben wir frisch gestrichen.

Kurz vor dem Umzug renovierte unser Schreiner schliesslich mein Bureau. Da war nämlich der Boden durchgebrochen. Überglücklich konnte ich am Vorabend der grossen Zügelei mein Bureau anschauen. Wir zogen am kältesten Tag um. Es war furchtbar!

Nach fast 18 Jahren in Wellhausen am selben Ort mit meinen geliebten Nachbarn verliess ich den Thurgau. Es hat mich fast zerrissen. Ich war sehr traurig, weil nun alles werden sollte. Umziehen ist etwas, was ich nicht mehr tun will. Ich hoffe, ich sterbe als alte Frau in diesem meinem Haus.

Dann lebten wir uns langsam im Toggenburg ein. Zuerst haute es mich um. Ich wurde sehr krank, litt unter Fieber und Hustenanfällen. Die Last der vergangenen Monate zeigte sich nun. Ostern lag ich flach.

Dann wurde es langsam wärmer und meine Lebensgeister erwachten von neuem! Ich stürzte mich in die Gartenarbeiten, pflanzte und schnitt und jätete. Ich grub neue Beete. In dieser Zeit stellte ich auch das Manuskript für „Demenz für Anfänger“ fertig. Ich war sehr stolz, als ich Omi Cover und schliesslich das fertige Buch überreichen konnte.

Anfangs Juli haben wir schliesslich den Keller ausgemistet und eine ganze Mulde voll Müll entsorgen lassen. Ein erhebendes Gefühl. Einige Tage später hat „unser“ Schreiner damit angefangen, den Vorratsraum zu renovieren.

An meinem Geburtstag schliesslich konnte ich mit meinen Freunden feiern. Es war zwar sehr heiss, aber es war unvergesslich schön, all jene Menschen in meine Arme zu schliessen, die in den vergangenen Monaten Jahren zu mir gehalten hatten.

Die Sommerferien haben wir mit dem Renovieren der Fensterläden und Gartenarbeiten verbracht. Es war ein tolles Gefühl, frühmorgens aufzustehen und zu malen und um 11Uhr schweissüberströmt Pause zu machen, später ins Sommerbeizli zu gehen und einen Peperoni-Lillet trinken zu gehen.

Die Begegnungen im Städtli haben mich sehr aufgestellt. Ich fühle mich sehr wohl, besonders unter den WWL.
Glücklich hat mich auch gemacht, dass ich mit meinen Freunden #modernistcuisine in unserer alten Küche durchführen konnte.

Der lange Herbst und der milde Winter im Toggenburg haben mir gut getan. Ich geniesse die vielen Sonnenstunden und bin manchmal fast etwas traurig, wenn ich runter in den Nebel fahren muss. Trotzdem mag ich die Pendlerei, denn die Sonnenaufgänge, die Thurgauer Landschaft im Frühling und die Berge in voller Pracht machen mich bei jeder Fahrt glücklich.

Dass so viele Menschen an meinen Adventsfensterabend kamen, war für mich ebenfalls ein Highlight. Es ist ein schönes Gefühl, nicht alleine zu sein und zu wissen, dass das Haus jetzt wieder belebt ist.

Alles in allem war es ein wunderschönes Jahr 2015 und ich bin dankbar dafür, dass ich hier im Haus im Toggenburg leben darf.

Weihnachten 2015

Seit Februar 2015 lebe ich in diesem meinem Haus. Wir sind uns näher gekommen. Ich kenne seine Ecken, selbst die verborgenen. Dank den verwinkelten Räumen habe ich meine Omi und meine Urgrosseltern noch besser kennen gelernt. Ich bin dankbar für all die Grüsse aus früheren Zeiten.

Unser Sommer war geprägt von Umbau und Re-Novation und Hitze. Die Fensterläden sind frisch gestrichen. Ich bin gespannt, wie sie nach diesem Winter aussehen.

Noch vor einem Jahr wagte ich nicht daran zu glauben, dass ich einst hier leben würde. Ich bin glücklich. Ich bin glücklich, obwohl der Boilerinhalt noch nicht mal für ein Vollbad reicht. Ich bin glücklich, weil unser Garten voll von Vögeln ist. Der Bach macht mich mit seinem Getose glücklich, seine Forellen erst recht.

Ich geniesse die Sonnenstunden. Das Toggenburg ist für mich meine Sonnenstube.

Das Städtchen gefällt mir sehr. Die Menschen sind so herzlich und liebevoll. Ich geniesse jedes Fest, jede Jahreszeit, jede Begegnung. Mein Städtchen ist so sehr un-thurgauisch, dass es mir fast wehtut. Ich mag den Zungenschlag der Toggenburger, ihr Lächeln, das neckische Strahlen ihrer Augen.

Was mich mit meiner alten Heimat verbindet?
Die Thur. Sie fliesst, nur wenige Meter unter meinem Haus durch. Sie begleitet mich auf meinem Arbeitsweg und sie ist, mehr denn je, der Pulsmesser meines Lebens. Ich mag ihr Wasser, ihre Kraft. Ich liebe ihre Farben, ihre Fülle.

Vor einem Jahr, noch vor zwei Jahren habe ich mich so sehr danach gesehnt, endlich hier zu leben. Die Weihnachtszeit erschien mir schon als Kind besonders schön im Toggenburg. Hier war immer alles gut.

Adventsfensterherzen

Ich mag es, mit anderen Menschen in der kalten Jahreszeit zusammen zu sitzen.
Mir fehlt die Gesellschaft jener Menschen, die nicht mehr da sind.

Der Sommer war gesellig. Wir sassen oft in der Sommerbeiz im Städtchen.
Sascha und ich entspannten uns bei Gin Tonics nach langen Renoviertagen.
Den Herbst und den Winter verbrachten wir eher alleine.
Jetzt, im Winter, ist die Sehnsucht nach dem Sommer am grössten. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal nicht gefroren habe.

Da ich Paulas Haus nicht nur für uns alleine haben will, mache ich beim Adventsfenster-Abend mit. Ich habe vor einiger Zeit einen Entwurf gezeichnet.

 

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Am 8. Dezember nun wird unser Stubenfenster bunt leuchten und ich freue mich auf unsere Gäste und Freunde, die uns dann besuchen kommen.

Vor-Weihnachts-Gedöns

Ich tue mich innerlich schwer mit Weihnachten.

Da die Familie nicht mehr so gross ist, feiere ich keine grossen Feste. Ich schlage mir nicht den Bauch voll und ich betrinke mich auch nicht. Es gibt auch keine Familienzwiste an Weihnachten. Das ist der Vorteil an einer Familie wie meiner, die vom Aussterben bedroht ist.

Aber es schmerzt mich auch, dass ich nicht mehr so wie früher mit Omi feiern kann. Sie ist so rasch müde. Sie isst nicht mehr viel. Gesprächen kann sie oft nicht mehr folgen. Sie spricht nurmehr bruchstückhafte Sätze. Dennoch ist sie präsent mit ihrem Lächeln und ihren schalkhaften Augen. Manchmal frage ich mich wie sie als Kind war.

Früher war Weihnachten anders. Omi und ich trafen uns zum Einkaufen in Wil, diskutierten in Cafés und schenkten uns Kleinigkeiten. Wir telephonierten, um am Weihnachtsfeiertag miteinander essen zu gehen.

Ich fiel mir lange Zeit schwer, diesen Verlust von Gewohnheiten zu verdauen und neu zu beleben. Ein Anfang war, dass ich vor einigen Jahren damit begann, am dörflichen Adventsfenster mitzumachen. Ich mag es, von Menschen Besuch zu bekommen. Ich dekoriere das Haus. Ich werde dieses Jahr Omis und Uromis Christbaumkugeln hervorholen und Räume weihnächtlich einrichten.

Wir gehen jedes Jahr zu Omi ins Pflegeheim ans Weihnachtsessen. Jetzt, wo wir so nahe wohnen, können wir es noch mehr geniessen. Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, dass ich Omi nicht nach Hause nehmen kann.

Und dann denke ich daran, was einmal sein wird, wenn Omi nicht mehr da ist und wie sich mein Leben danach verändert.

Herbstblätter

Sterben ist keine einfache Sache.
Man steht als Angehörige fassungslos daneben. Die eigene Endlichkeit wird einem hemmungslos vors Gesicht gehalten. Immer wieder denke ich an ihren Tod, der mein Leben so sehr verändert hat. Traumatisiert bin ich wohl nicht. Dafür träume ich zu selten von ihr. Ich wünsche mir Träume über und mit meiner Mutter. Manchmal denke ich, so ein Traum ist der einzige Zugang, den ich noch zu ihr habe.

Sie liegt in diesem kleinen Grab, wenige hundert Meter von meinem Haus entfernt. Der Friedhof liegt über der Stadt. Man hat eine herrliche Sicht über das Tal. Damals standen hier noch hohe Bäume. Doch die sind längst gefällt.

Bald acht Jahre sind seit ihrem Tod vergangen und ich bin nicht mehr dieselbe. Ich bin nicht unglücklich darüber. Dennoch denke ich so oft an sie und an ihre Worte. Die letzten Berührungen.

Ich hätte sie so gerne dabei gehabt bei vielem, was mir unterdessen geschehen ist. Die Bücher. Das Haus. Den Mann.

Mir ist auch bewusst, dass es ohne ihren Tod wohl nicht dazu gekommen wäre. Dennoch scheint es mir nur natürlich, dass ich als Tochter sie als Mutter teilhaben lassen wollte. Ohne sie und meinen Vater wäre ich nicht am Leben.

Manchmal denke ich auch, dass ich mich glücklich schätzen kann, all das zu leben, was ihr verwehrt geblieben ist. Wenn ich nämlich ihre Texte lese, denke ich, dass auch sie eine gute Autorin war. Ihr Talent hingegen blieb unentdeckt. Sie hat ihr Leben lang hart gearbeitet. Für Literatur war da wenig Zeit und Raum.

Ich habe ihr Grab für diesen Herbst mit buntem Heidekraut bepflanzt. Sie liebte Farben über alles. Nur ja nichts schwarzes, graues oder braunes! Nun denn, so soll es sein.

Die Gärten meiner Familie

Er bestand viele Jahre, der Garten ums Haus herum. Meine Urgrossmutter hat darin Tulpen gehegt. Omi Paula liebte Bohnen, Tomaten und Erdbeeren. Sie hatte einen grünen Daumen. Unter ihren Händen wuchs alles.

Als Omi älter wurde, vermochte sie nicht mehr für den Garten zu schauen. Sie fragte mich oft, ob ich nicht helfen könnte. Doch wie sollte ich das tun? Ich lebte eine Stunde von ihr entfernt und arbeitete in einem Job mit unregelmässigen Arbeitszeiten.

Es war schwer für mich und ich hatte oft ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr hier nicht helfen konnte. Damals wars gar kein Thema, dass ich einmal ihr Haus kaufen würde. Für Omi war immer klar, sie stirbt in diesem Haus und ich muss dann halt schauen.

Nun ist es anders gekommen. Der Garten ist platt.
Ich stehe vor der Aufgabe, die Fläche neu zu bepflanzen und mir überhaupt zu überlegen, was ich tun will.

Gestern fing ich an, die Fläche am Wegrand umzugraben. Es ist harte Arbeit. Doch jetzt, wo die Hitze wieder verschwunden ist, lässt sich auch Schaufeln und Jäten an der prallen Sonne aushalten.

Es ist ein seltsames Gefühl. Ich stehe im Garten meiner Vorfahren und grabe um, wie vor vielen Jahren andere Menschen vor mir. Es macht mich klein. Ich bin 38, das Haus 176 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, wie mein Vater einst im Thurgau einen Garten mit seinen eigenen Händen umgegraben und geschaffen hat. Ich war noch ein Kind, aber ich begriff, dass ein Garten mehr als Erde und Samen ist. Ein Garten ist ein Werk desjenigen, der sich die Mühe nimmt, sich mit dem Boden auseinanderzusetzen.

Röös vor dem Haus

Röös in ihrem Garten

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Paula in ihrem Garten in Sirnach um 1970

mein erster Garten

mein erster Garten ca 1988

der garten

Der Garten meines Vaters im Thurgau ca 1999

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Omi in ihrem Garten im Toggenburg ca 1999

 

 

Die grosse Kühle

Ich habe das Haus im Wandel der Jahreszeiten schätzen gelernt. Im Winter, als wir einzogen, war es kalt. Langsam haben wir es erwärmt. Man spürt, wenn ein Haus lange menschenlos stand. Im Frühling blüht es rundherum. Die Vögel tanzen fliegend um die Mauern und verstecken sich im Gewand der Linde. Im Sommer schliesslich zeigt sich die wahre Qualität des Toggenburgerhauses und die Meisterschaft seiner Erbauer: es ist kühl drinnen. Die Wände halten die Wärme von draussen fern. Im Herbst trotzen die Mauern den Winden.

Heute habe ich die letzten Kiste im kalten Zimmer ausgepackt. Ein erhebendes Gefühl. Es geht mir alles zu langsam. Prioritäten setzen war angebracht in den letzten Monaten. Ideen entwickeln kann ich nur an aufgeräumten Plätzen.

Ich sortiere weiteres Geschirr aus. Besteck. Silberbesteck. Scheren. Viel mehr Scheren. Ich muss mich entscheiden, welche Bilder ich aufhängen will. Es fällt mir schwer, wenn ich noch nicht alle ausgepackt und hingestellt habe.

Die Ferien sind schnell vergangen. Wir haben viel gearbeitet. Der Flur ist gestrichen, das kalte Zimmer spare ich mir auf. Die Fensterläden und die Türen leuchten wieder in Wiesengrün. Das Gartentor sieht fast aus wie vor 60 Jahren. Wir haben es nicht repariert, damit all die Katzen in er Nachbarschaft unter den abgebrochenen Latten hindurch spazieren können.

Wir sind durch die Schweiz gefahren. Langsam. Wir sind dankbar, dass wir hier leben dürfen. Der Ballenberg und der Säntis waren ein Erlebnis wie immer. Langweilig wird es nicht.

Jetzt freue ich mich wieder auf die Arbeit. Ich werde wieder wochenlang hinunter in den Thurgau fahren. Es wird Herbst werden. Der Nebel kommt. Aber ich kehre zurück in mein Daheim, irgendwo da oben im Toggenburg. Ich sehe die verblichenen vanillegelben Wände und freue mich darauf, dass das Haus mich beheimatet und ich dort nicht frieren werde.