Mein Gerechtigkeitsproblem

Sascha sagt, ich hätte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Er hat nicht unrecht.Nur nenne ich das längst Gerechtigkeitsproblem.

Als vor sieben Jahren meine Mutter im Sterben lag, fühlte ich mich ganz allein. Ich war es nicht. Meine Schwester lebte ja noch. Allerdings hatte sie ein halbes Jahr vor dem Tod meiner Mutter mit ihr Streit gehabt. Ich hatte damals versucht, zwischen den beiden zu vermitteln, doch ich hatte keine Chance. Das war umso bitterer, als meine Schwester das erklärte Lieblingskind meiner Mutter war.

Meine Schwester wurde knapp zwei Jahre nach dem Tod meines Bruders geboren. Für meine Mutter war die Schwangerschaft wohl ein Wechselbad der Gefühle. Ich kann nicht ermessen, wie schwierig es war, denn der Tod meines Bruders steckte ihr noch in den Gliedern.

Als meine Schwester schliesslich geboren war, war meine Mutter überglücklich. Mehr als einmal sagte sie: „Liebe Doris, für mich bist du zwei Kinder.“ Für meine Schwester muss das nicht wirklich toll gewesen sein.

Während unserer ganzen Kindheit war es Doris*, die Mutters Schlägen und Zerstörungsanfällen entging. Schliesslich war Doris für meine Mutter zwei Kinder. Ich war nicht wütend auf meine Schwester. Bereitwillig nahm ich es auf mich, dass meine Mutter ihren Lebensfrust an mir entlud.

Meine Schwester zog mit 17 Jahren aus. Sie zog in die Romandie, wo sie noch heute lebt. Ich hingegen kehrte, nach einem Aupair-Jahr in Nyon, zurück in den Thurgau.

Als meine Mutter starb, war meine Schwester nicht mehr erreichbar. Manchmal, wenn ein Verwandter stirbt, mit dem man Streit gehabt hatte, ziehen sich Menschen zurück. Die Betreuung meiner Mutter blieb an mir hängen. Ich hatte gerade einen neuen Job begonnen, während meine Schwester arbeitslos war.

Die letzten Wochen im Pflegeheim waren die Hölle für mich. Mehr als einmal hatte ich versucht, meine Schwester zu erreichen. Ich hatte Angst, vor dem, was passieren würde, wenn meine Mutter stirbt.

Noch schrecklicher waren ihre letzten zwei Tage. Immerzu war ich voller Hoffnung, dass Doris kommt. Ich hatte Angst, dass Mutter nicht sterben könnte, wenn sie Doris nicht noch einmal sieht. Mutters Leiden an den letzten zwei Tagen werde ich nicht mehr vergessen können. Tante Hadj, Mutters Gotte, versuchte ebenfalls, meine Schwester zu überreden, dass sie zu einem letzten Besuch in den Thurgau fährt. Doch nicht einmal Hadj schaffte dies. Ihren Frust daran liess sie an mir und Paula ab.

„Was ist nur mit diesem Mädchen los? Was habt ihr ihr nur angetan, dass sie nicht mehr kommt?“

Für Hadj war klar, dass Paula schuld war. Paula als Grossmutter hätte ihrer Meinung nach in die Romandie fahren und meine Schwester an den Haaren herbei zerren sollen.

Doch Paula tat dies nicht. Sie war ja gerade im Begriff, ihre Tochter zu verlieren. Sie konzentrierte ihre ganze Energie auf meine Mutter und – auf mich.

Als meine Mutter starb, waren Paula und ich bei ihr, nicht aber Doris. Diese meldete sich nicht. Auch zur Beerdigung erschien sie nicht. Ich hatte im Stillen gehofft, dass Doris und ich gemeinsam den Sarg unserer Mutter zur letzten Stätte begleiten würden. Schliesslich hatten wir es zehn Jahre zuvor bei der Beerdigung unseres Grossvaters so gehalten.

Der Tag verging. Meine Schwester tauchte nicht auf. Ich war noch immer unter Schock. Mutters langsames Sterben hatte meine Energiereserven aufgebraucht. Überall sah ich ihr Gesicht. Ich war unsagbar müde.

Ein knappes halbes Jahr später kriegte ich Post. Wider Erwarten hatte meine Mutter noch ein wenig Geld, das meine Schwester und ich erben würden. Zwei Tage, nachdem ich den Brief gekriegt hatte, meldete sich meine Schwester.

„Wir müssen beide unterschreiben, dass wir das Geld kriegen“, sagte sie am Telephon. Von Bedauern oder Trauer war keine Spur. Sie sah auch keinen Bedarf, sich an den Beerdigungskosten zu beteiligen. Nein. Sie wollte lediglich „ihr“ Geld. Das andere wäre meine Sache. Ich hatte keine Kraft mehr, mir einen Anwalt zu nehmen.

Vielleicht bin ich deswegen so wütend, was die Langsamkeit des Hauskaufs betrifft. Ich verspüre nämlich wenig Lust, plötzlich das Haus mit jemandem zu teilen, der seine familiären Pflichten nur dann erkennt, wenn er einen Vorteil hat.

Ich wünsche mir meine Schwester zurück; die Doris, die mich 1996, als ich entstellt nach einer Kiefer-OP einkaufen ging, beschützte und Leuten erklärte, sie bräuchten nicht so zu gaffen. Die Doris, deren Hand ich hielt, als Opa beerdigt wurde und die mich getröstet hat. Die Doris aus der Kindheit, als wir Verbündete waren. Aber mir scheint, als sei dieser Mensch längst verschwunden.

* natürlich ist der Name geändert.

Mein Bruder und ich

Ich frage mich oft, was wäre, wenn mein Bruder Sven noch leben würde. Diesen September würde er 35 Jahre alt werden.

Er war noch ein Baby, als er starb. Sein nicht gelebtes Leben macht mich unsagbar traurig. Was hätte er alles erleben können? Wie hätte er ausgesehen?Hätte er rotes Haar gehabt?

Einen Bruder zu haben, der sein Leben nur kurz gelebt hat, ist eine Bürde. In jedem Mann seines Alters suche ich sein Gesicht. Welchen Beruf er wohl ergriffen hätte? Wäre er Landmaschinen-Mechaniker geworden? Jurist? Förster? Autor?

Mit 19 dachte ich oft daran, wie wir uns gestützt hätten. Er hätte mich getröstet, wenn ich unglücklich verliebt war. Ich hätte ihm Mut zugesprochen, wenn er in der Schule ein Problem gehabt hätte. Wahrscheinlich hätten wir uns auch sehr oft gestritten, denn dafür sind Geschwister schliesslich da.

Bestimmt hätte er mich an die Beerdigung unserer Mutter begleitet. Diesen letzten Weg hätten wir Kinder alle gemeinsam auf uns genommen. Da bin ich mir ganz sicher.

Doch ich kann dieses „hätte“ und „würde“ nicht mehr sehen. Ich bin nicht traurig, ich bin wütend. Wütend auf dieses Baby, das nie gelebt hat und einfach starb. Auf Babies darf niemand wütend sein. Auf das Schicksal und den lieben Gott schon.

Manchmal denke ich, dass sein Tod so vieles zerstört hat. Ohne ihn ist alles anderes. Trotzdem haben wir uns noch. Wir leben. Warum bloss reisst der Tod eines drei Tage alten Kindes eine so tiefe Schneise in unsere Familie?

Beim Räumen in Paulas Haus fand ich Svens Geburtsanzeige. Sie gleicht der meinen. Die Eltern freuen sich, die Geburt ihres ersten Sohnes bekannt zu geben. Ich weiss nicht mal, ob diese Karte jemals abgeschickt wurde. Denn der Tod trat drei Tage nach der Geburt ein. Schliesslich fand ich seine Todesanzeige. Tod des Kindes. Eltern. Schwester. Grosseltern. Alle erschüttert. Noch heute.

Auch in Paulas Erinnerung ist sein Tod tief eingegraben. Sie nennt ihn den Schutzengel, hofft, dass sie ihn, ihre Eltern und ihre Tochter irgendwann wieder sieht.

Ich bin gespalten. Ich glaube nicht an das Jenseits. Da hab ich keine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Mir steht der Sinn nach Klarheit. Ich will wissen, wie und warum er gestorben ist. Das gibt mir Frieden und nichts anderes.

Mein Herz in St. Gallen

Gestern durfte ich in St. Gallen zwei meiner Texte am Fest des Kulturmagazins Saiten vorlesen. Ich war aufgeregt.
Und wurde wehmütig. Zu gerne hätte ich meine Mutter und Omi hier gehabt. Wäre meine Mutter stolz auf mich gewesen?

Wenn ich an St. Gallen denke, kommt mir jene Stadt aus den 80ern vor mein Auge. Ich erinnere mich an jene seltsame Maestrani-Installation im Bahnhof. Wenn Omi und ich an die Olma gingen, blieb ich immer sehr lange stehen. Ich war fasziniert davon. Der Jahrmarkt. Die Riitschuel. Die vielen Gerüche. Halle 7. Es scheint mir, als wäre es gestern gewesen.

St. Gallen ist aber auch der Ort, an den meine Schwester notfallmässig eingeliefert wurde, als sie einen Fieberkrampf erlitt. Obwohl dies schon dreissig Jahre her ist, erinnere ich mich noch gut an die Angst meiner Mutter, den leblosen Körper meiner Schwester.

In St. Gallen wurde ich vor bald zwanzig Jahren am Kiefer operiert. Ich war gerade mal neunzehn Jahre alt. Ich litt Schmerzen und ich verlor meinen Geschmackssinn. Der Sommer aber war sehr heiss.

Später begleitete ich Paula zu ihrem Orthopäden nach St. Gallen. Wir marschierten keine weiten Strecken mehr. Jetzt führe ich Omi an der Hand, so wie sie mich als Kind an der Hand genommen hatte.

Vor über zwei Jahren erfuhr ich, dass Anna Aerne, meine Urgrossmutter, 1947 an ihrer Brustkrebserkrankung im Spital in St. Gallen verstorben ist. Als ich vor zwei Wochen ihre Todesanzeige fand, man stelle sich vor, ein Blatt Papier, das über 65 Jahre alt ist, wusste ich auch, dass sie in St. Gallen beerdigt wurde. Sie liegt nicht auf dem selben Friedhof wie alle anderen meiner Familie.

Ich las keinen ernsten Text in St. Gallen vor. Mir stand der Sinn nach Lebensfreude. Traurig sein kann ich auch morgen noch.

Mutterfarben

Wenn ich durch Frauenfelds Strassen fahre, denke ich an meine Mutter. Ihr liebes Gesicht fehlt mir. Ihre Stimme. In Gedanken sehe ich sie, wie sie läuft, grossgewachsen und dennoch leicht gebückt, mit kurzem Haar. In der Hand hält sie eine rote Denner-Tasche. Darin transportiere sie ihre Weinschlegel.

Immer trug sie bunte Oberteile, so als könnten nur Farben ihrem Lebensgefühl Form verleihen. Weisse Pullover mit roten Streifen. Regenbogenfarben. Nur ja kein braun, grau oder schwarz.

Meine Mutter war am Ende ihres Lebens keine schöne Frau mehr. Dennoch sehe ich auf den Photos, die mir geblieben sind, einen Menschen mit warmherzigen Augen und höre ihre Stimme. Ihr Dialekt, eine Mischung aus Thurgauer und Toggenburger Mundart, ihr Kichern werde ich nie vergessen.

Ich muss dran denken, wie ich vor sieben Jahren verzweifelt war. Ich bin es heute nicht mehr. Trotz des Leides durfte ich die Erfahrung machen, dass ich nicht alleine bin. Da waren so viele Leute. Besonders berührt hat mich die Fürsorge meines Vaters und seiner Frau.

Meine Mutter war kein Engel gewesen. Sie war nach der Scheidung wütend. Sie beschimpfte Menschen und machte aus ihren Gefühlen und ihrer Verletzung keinen Hehl.

Wenn ich an Mutters Wohnung vorbei fahre, werfe ich einen Blick hinauf zu jenen Fenstern, die heute geschlossen sind. Ich sehe ihr Gesicht, ihr Winken und winke zurück, obwohl da niemand mehr ist.

Zu früh. Doch Gottes Wille.

Diese Karte fand ich im Haus meiner Oma.
Sie hat mich entsetzt.

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Zu früh. Doch Gottes Wille.
Man könnte, wie mir jemand geraten hat, Gottes Wille durch „Schicksal“ ersetzen. Doch das steht da nicht.

Die Karte wurde versendet mit einem vermeintlichen Trost. Die Karte war an meine Oma adressiert. Den Absender kenne ich leider nicht. Grosse Wut steigt in mir hoch, wenn ich diese Worte lese.
Meine Mutter starb mit 56. Gottes Wille, dass sie in diesem Alter starb? Wohl eher nicht. Sie starb an einer Leberzirrhose, nachdem sie über Jahre hinweg versucht hat, ihren Lebenskummer mit Alkohol zu betäuben.

Ich glaube nicht an Gott.
Der Glaube kam mir abhanden, nachdem ich mitbekommen habe, wie schwer meine Eltern am Tod meines Bruders getragen haben. Gottes Wille? Dass ein Säugling stirbt? Wer bitte ist schuld daran?

Meine Mutter gab sich über Jahrzehnte lang die Schuld am Tod meines Bruders. Man hat es ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie als Mutter die Verantwortung für sein (Über-)Leben trug und versagt hat. Sie ist daran zerbrochen. Über Jahrzehnte hinweg hat sie versucht, sich an seinem Todestag das Leben zu nehmen. Sie hat geweint. Da war kein Gott und erst recht kein Mensch an ihrer Seite, der sie hätte trösten können.

Die Gottes-Keule ist ein super Mittel, trauernden Menschen so richtig eins reinzuhauen. Jemandem so, der gerade einen Menschen auf grauenvollste Art und Weise verloren hat, mit Gottes Willen zu kommen und dass alles bestimmt einen Sinn hat, ist unverschämt und pervers.

Nachtrag: Hass macht krank. Ich versuche, nur wütend zu sein. Der Song hier hilft. Danke, lieber Freund!

Leben wollen

Ich erinnere mich noch sehr gut an den 1. August 2007.
Diesen Tag verbrachte ich mit meinem damaligen Freund auf seinem Boot auf dem Zürisee. Von aussen betrachtet waren wir glücklich.

Doch in mir drin tobte ein schrecklicher Sturm. Einmal mehr war ich nicht mehr fähig, darüber zu reden, wie schlecht es mir geht. Meine Mutter lag seit einigen Tagen im Kantonsspital Frauenfeld und wir erwarteten jede Stunde ihren Tod.

Auf den Tod warten. Was für ein schreckliches Wort.
Meine Angst lässt sich nicht anders ausdrücken. Ich war gerade erst dreissig Jahre alt geworden und hatte einen tollen Job angefangen. Das Sterben meiner Mutter kam eindeutig zum falschen Zeitpunkt.

Sieben Jahre später lächle ich über mein damaliges Leben.
Ich war so naiv.
Ich hatte keinen Plan, was mich erwartete. Das war gut so.

Meine Mutter war das, was man von aussen eine lebensfrohe Frau nennt. Sie liebte Feiern, Schlagermusik, nette, bärtige Männer und Alkohol. Doch tief drinnen war sie anders: Grüblerisch. Tiefgründig. Vom Leben gezeichnet. Ich hielt sie die ganzen Jahre meiner Jugend für oberflächlich und kindisch, nicht fähig, sich auf einen anderen Menschen, mich, einzulassen.

Vielleicht ist das von allen Lektionen meines bisherigen Lebens die heftigste: nichts sieht so aus, wie es wirklich ist. Die Frau, die ich lange verabscheute und sogar hasste, war ein sensibler, verletzter Mensch. Die Frau, die über mehrere Jahre lang am Todestag meines Bruders versuchte, sich das Leben zu nehmen, hing am Ende an ihrem Leben wie niemand sonst, den ich zuvor kannte.

Ihre Worte „Du musst leben!“, „Du lebst jetzt!“, „Trauere nicht um mich!“, „Kein Schwarz mehr, Meitli!“ werden mich immer ermahnen und begleiten. Der Tod ist nicht ein Feind, er ist nur ein Weiter.

Albträume

Bald sind meine Ferien vorüber. Ich hab soviel geräumt. Das Haus und ich sind uns näher gekommen. Ich kenne nun so viele verborgene Ecken. Ich schätze seine Architektur noch mehr. Es ist, wie man sich in einen ganz besonderen Menschen verliebt. Man spürt plötzlich, wie nahe man sich ist.

Ich sehe mich im Haus, im Garten, am Arbeiten. Ich kanns spüren. Dennoch träume ich nachts von anderen Dingen. Ich verliere es. Ich habe Angst. Ich knirsche mit meinen Zähnen, bis mir der Kiefer weh tut.

Wieder eine Woche meines Lebens vorbei ohne eine Nachricht, zumindest einen Schritt weiter zu sein. Unerträglich. Ich mag nicht unfrei sein. Abhängig vom Urteil anderer Menschen.

Ich sollte einen Fachmann für Schimmel engagieren. Die Werkstatt ist befallen. Doch da nichts mir gehört, werde ich das nicht tun. Ich werde den Müll entsorgen, der mir nicht gehört, Wollknäuel und Spielsachen verschenken, die mir nicht gehören, das Klo putzen, das mir nicht gehört.

Über allem prangt die Angst, dass Omi etwas passieren könnte. Wenn sie stirbt, ist alles nochmals anders. Ich weiss nicht, was schlimmer ist.

Im Traum schleife ich Wände ab. Stundenlang. Ich schraube, ich hämmere, ich male. Wenn ich aufwache, bin ich todmüde. Ich schlafe erneut ein und arbeite weiter. Immer wieder sehe ich mich vor dem Haus. Es ist verschlossen. Ich breite die Arme aus.

Ich muss daran denken, wie ich mit Omi ums Haus herumgetollt bin, als ich noch ein Kind war. Opi stand vor seinem Keller und rauchte. Barri, der Hund hüpfte um Omi herum. Alles blüht. Alle sind glücklich.

Ich wache auf, nicht im Toggenburg, und fühle mich leer. Ich bin nicht zum faul herumliegen gemacht. Also stehe ich auf und mache weiter.

Erinnern am Ort

Es war ein seltsames Gefühl, gestern mit den Eltern durchs Haus zu gehen. Sie haben uns damals begleitet, als Omi Paula aus dem Haus auszog und bemerkten schockiert die Vermüllung des Hauses.
Gestern aber lobten sie mich, wie ich das Haus aufgeräumt und wieder hergerichtet habe. Das macht mich stolz.

Meinem Vater war das Haus immer ein Dorn im Auge. Ich habs schon als Kind gespürt. Die ganze Hütte war verpestet vom Geruch Opas Stumpen, deren Stummel er in seiner Pfeife bis zum letzten ausrauchte. Omas Zustand, ihre zunehmende Demenz, hingegen hat ihn schwer betroffen. Fast zwanzig Jahre war mein Vater mit meiner Mutter verheiratet. Viele Photos aus früheren Zeiten zeugen davon, dass auch er hier viel Zeit verbracht hat. Er kannte das Haus seit den frühen Siebzigern von Besuchen bei meinen Urgrosseltern Henri und Röös.

Dass er und seine Frau mich nun so unterstützen bei der Pflege des Grundstücks, macht mich glücklich. Ich weiss sehr wohl, dass meine eigene Mutter, das nie getan hätte. Meine Mutter konnte sich nicht um Oma kümmern. Die Gräben zwischen ihr und Oma waren zu tief. Davon zeugen viele Briefe, in denen sich beide bemühen, wieder miteinander zu reden. Schlimme Dinge sind in der Kindheit passiert. Gewalt. Harte Worte. Meine Oma gab sich oft die Schuld für Mutters Alkoholkrankheit, für ihre Gewaltexzesse gegen meine Person.

Vielleicht, so denke ich, ist es wirklich (m)eine Aufgabe, das Haus, und damit die Familie, von all dem seelischen Schutt, dem psychischem Schimmel und der traurigen Vergangenheit zu befreien. Es ist nicht einfach, sich dem zu stellen. Jede Information, die ich kriege, jedes Bild, das ich sehe, jeder Brief, den ich lese, fügt ein neues, kleines Mosaiksteinchen zum grossen Ganzen hinzu.

Manchmal ist der Schmerz unerträglich. Ich fühle nach, wie oft meine Oma und auch meine Mutter geweint haben. Dennoch ist es aushaltbar. Ich bin froh, dass ich so oft mit Oma geredet habe, als die Erinnerung noch nicht in den Hintergrund getreten war. So kann ich besser einordnen, was mir im Haus in die Hände fällt.

Ein Satz von Erich Fried begleitet mich seit einigen Wochen und er gibt mir Kraft:

Erinnern, das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual.

Bäume, zwei Bilder und Wut

Die letzte meiner insgesamt drei Ferienwochen ist angebrochen. Vor dem angekündigten grossen Unwetter wollte mein Vater noch die Wiese mähen und meine Stiefmutter zeigte mir, wie man Johannisbeerstauden zurück schneidet.

Stolz zeigte ich die aufgeräumten Räume. Zwar liegt noch immer viel Arbeit vor uns, aber zumindest kann man sich in diesem Haus nun gut bewegen. Sorgen bereitet mir die alte Werkstatt. Eine Ecke zeigt Schimmel auf und ich muss nun überlegen, was ich da tun kann und welche Hilfe ich zur Beseitigung brauche.

Nach dem Mittagessen räumte ich den Einbauschrank in der Stube. Hinter Büchern und Spielen kamen eine Bohrmaschine und eine Stichsäge zum Vorschein, alle beide liebevoll verpackt von Oma.

Oma hatte die Tendenz, alle Briefe, auch Bettelbriefe, aufzubewahren. Ich will gar nicht wissen, wie viel Geld sie irgendwelchen seltsamen katholischen Hilfswerken gespendet hat. Meine Wut auf Firmen und Organisationen, die auf alte, demenzkranke Leute losgehen und sie mit Post zumüllen, ist heute nicht kleiner geworden. Ich könnte kotzen.

Schliesslich stosse ich auf ein altes, edles Foto. Es ist das Hochzeitsbild meiner Urgrosseltern Henri und Anna. Anna trägt ein schwarzes Hochzeitskleid. Ihr ernster Blick trifft mich. Wir ähneln uns so sehr. Wenn ich sie ansehe, weiss ich endlich, von wem ich den markanten Unterkiefer geerbt habe!

In all den Briefen finde ich die Todesanzeige von Anna. Ich atme tief durch. 1947 ist sie gestorben. Mit 56 Jahren. Brustkrebs. Beerdigt in einer Urne in St. Gallen. Sie hat nie hier in diesem Haus gelebt.

Zufrieden und müde fahre ich am Nachmittag zurück nach Hause. Wieder etwas mehr geschafft!

What, if?

In unserem Haus wurde nie über den Holocaust gesprochen, zumindest nicht, als ich noch ein Kind war. Erst später hat mich mein Grossvater Walter zur Seite genommen und versucht zu erklären, was damals passiert ist. Sein Hass auf Hitler-Deutschland war riesig. Nie wieder Krieg. Das hat er gesagt.

Ich verstand wenig, ich konnte mir gar nicht vorstellen, wovon er eigentlich sprach. Nur eines wusste ich: das ist eines dieser Dinge, die die Sicht aufs Leben verändern.

Mein Grossvater war im Krieg an der Grenze. Er tat das Gleiche, wie dreissig Jahre zuvor mein Urgrossvater Henri. Es muss beide nachhaltig verändert haben.

Omi Paula war geprägt von den Kriegszeiten. Ihr Ramschen und Aufbewahren von defekten und unbrauchbaren Dingen ist nur ein Symptom jener Generation. Ich bin Paula dankbar, dass sie nichts wegwerfen konnte.

So stiess ich vor einigen Monaten beim Räumen des Hauses auf einen Prospekt von Yad Vashem aus den 70er Jahren. Es ist mir ein Rätsel, wie dieser in dieses Haus gelangte. Ich habe eine Vermutung. Röös.

Sie ist der Schlüssel. Sie ist es, die aus Berlin geflohen ist.
Ihr Mann blieb zurück. In der Schweiz hat sie schliesslich meinen Urgrossvater Henri geheiratet.

Röös reiste gerne. Unzählige Photos konnte ich erhalten, War sie auch in Israel? Warum hat sie sich so sehr für Yad Vashem interessiert? Fragen über Fragen. Und keine Antworten, weil niemand mehr lebt, der sie mir beantworten könnte.

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Röös.