Der Bahnhofstraum

Ich schlief seit gestern abend acht Uhr bis heute halb sechs einfach durch. Ich war erschöpft von der Woche, die sehr turbulent gewesen war.

Ich träumte wild.
Mit einem Mal trug ich wieder ein schwarzes Kleid und eine weisse Schürze, wie damals in der Lehre. Ich servierte in einem Café in einem grossen Bahnhof. Viele Leute kamen vorbei. Ich sah Freunde, die längst nicht mehr leben und die ich schmerzlich vermisse. Ich erkannte Freunde, mit denen ich keinen Kontakt habe und die mir furchtbar fehlen.

Dann trat Paula in mein Café ein. Sie trug ihren dunklen Mantel, ein hübsches Kleid und hatte die Haare elegant frisiert. In ihren Händen hielt sie einen Koffer und eine Reisetasche. Sie setzte sich und bestellte freundlich wie immer einen Milchkaffee. Ich war erstaunt und machte mir Sorgen, dass sie sich verlaufen haben könnte. Doch sie winkte ab. Sie sagte meinen Namen und erklärte mir, dass sie hier auf Tante Hadj wartet.

Ich schüttelte den Kopf, sagte ihr, dass Tante Hadj seit über einem Jahr nicht mehr lebt. Paula lächelte mich milde an.
„Tumms Züüg“, sagte sie.
Ich brachte Paula den Milchkaffee und ein Erdbeertörtchen, weil sie diese so gerne mag. Dann ging die Türe auf und meine Grosstante Hadj, Paulas Schwester trat ein.

Sie trug wie früher ihre Cat Eyes Brille, das dunkelblonde Haar offen und ohne ein graues Haar. Sie trug eine kleine Handtasche bei sich. Auch sie begrüsste mich freundlich, so als wenn nichts geschehen wäre. Sie setzte sich zu Paula und die beiden vertieften sich in ein angeregtes Gespräch.

Sie bestellten Früchtewähe und Käsetoast, denn das hatten sie auch immer im Café Abderhalden gegessen. Ich brachte es ihnen.
Nach einer Weile blickte Tante Hadj auf ihre goldene Damenuhr.
„Wir müssen, Paula“, sagte sie.
Paula nickte und dann stritten sich die beiden, wer jetzt Essen und Kaffee bezahlen dürfte. Das haben sie nämlich immer getan. Ich schaute ihnen zu und sagte:
„Das geht aufs Haus.“

Die beiden blickten mich überrascht an.
„Du bist mir aber eine“, sagte Paula.
Zum Abschied umarmten mich beide und bedeckten mich mit ihren feuchten Grossmütterküssen. Dann verliessen Paula und Hadj gemeinsam mein Café.

Paula und die unbekannte Frau

Meine Oma Paula war immer ein aussergewöhnlicher Mensch. Mit ihr herumzureisen machte mir immer sehr Spass. Als Kind und später als Teenager war ich immer besonders stolz auf meine junge und liebe Omi.

Bei meiner Geburt war sie 49 Jahre alt. Sie befand sich im besten Alter, um ihrer Ansicht nach alle Fehler, die sie an meiner Mutter begangen hatte, wiedergutzumachen. Ich lüge nicht, wenn ich sage: kein Mensch hat mich jemals so gern gehabt wie sie. Ich war ihr grösster Schatz und sie meiner.

Aber ich bemerkte auch Schattenseiten. Omi konnte nie das Haus verlassen, ohne auf halbem Weg noch einmal zurück zu gehen. Sie eilte zur Haustüre und schaute nach, ob sie sie auch wirklich geschlossen hatte. Als Opi Walter noch lebte, kehrte sie zurück, um zu schauen, ob sie den Strom abgestellt und den Schlüssel mitgenommen hatte. Manchmal geschah dies mehrmals und es dauerte nur schon eine halbe Stunde, bis wir das Haus verlassen hatten.

Für uns Kinder war dieser Spleen einfach nur nervig.

Als Paula älter wurde und nur noch ich da war, versuchte ich, sie zu unterstützen. Geduld musste ich langsam lernen. Nichts ging mehr schnell. Ein kurzer Wocheneinkauf dauerte einen Tag. Ich bemerkte, wie ich jeweils wütend wurde, wenn sie wieder etwas suchte. Die Knöpfe in ihren Taschentüchern. Der heilige Christopherus. Alle sollten helfen, dass sie sich erinnert.

Aber wir wussten es wohl beide besser. Die Erinnerung kam nur noch so, wie sie es wollte. Das Portemonnaie finden? Keine Chance. Stattdessen lebte Oma in der Zeit, in der ihre Eltern noch lebten.

Ich verschwand langsam. Nach dem Tod meiner Mutter bleichte mein Name aus. Ich hiess nun Ursle wie meine Mutter in jungen Jahren. Den Namen der Toten zu hören, tat weh. Mehr als einmal bin ich weinend nach Hause gefahren.

Omi Paulas Erinnerung verschwand und mit ihr auch ich, Zora, aus ihrem Leben. Doch irgendwie machte etwas anderes Platz. Wir waren mit einem Mal Paula und ich ihr Gegenüber. Ich, die Frau ohne Namen, mit tausend Namen, ich auf der Suche nach mir selber. Danke, Paula.

 

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Omi und ich ca. 1978

Die dunkle Sache

Als ich noch ein kleines Mädchen war, vielleicht so elf oder zwölf Jahre alt, spielte ich fürs Leben gerne mit den nicht ins Album eingeklebten Familienphotos. In dieser einen Kiste lagen nicht nur unscharfe oder überbelichtete Bilder, sondern auch Zettel, alte wertlose Geldscheine und – ein Brief.

Ich war neugierig. Ich las ihn.
Nach einigen Minuten wurde mir schlecht.
Ich hatte das Gefühl, etwas ganz Verbotenes gelesen zu haben. So legte ich den Brief zurück in die Kiste. Doch noch am selben Abend, meine Mutter stand in der Küche und kochte, musste ich ihn einfach wieder hervor holen. Ich kroch auf allen Vieren durch die Stube und holte ihn aus dem untersten Schrank unserer dunklen Wohnwand.

Ich las ihn nochmals durch.
Natürlich kann ich nach bald dreissig Jahren den Inhalt nicht mehr genau wiedergeben. Doch soviel bleibt mir in Erinnerung: Ein junger Mann, nennen wir ihn Angelo, schrieb meiner Mutter einen Brief, in dem er sich mehrere Male entschuldigt, ihr weh getan zu haben.
Ich war verwirrt. Der Brief war mit einem Datum versehen: 1968. Da war meine Mutter gerade mal 17 Jahre alt.

Ich legte den Brief erneut zurück. Dann ging ich in die Küche. Ich fragte meine Mutter, so unbefangen wie möglich, nach Angelo. Meine Mutter drehte sich um und schaute mich wütend an.

„Was hast du gemacht? Du hast den Brief gelesen!“, schrie sie mich an.
Ich schreckte zusammen und nickte.
Meine Mutter rannte wie eine Furie an mir vorbei in die Stube.
„Dieser Schrank ist für dich tabu!“
Sie war wirklich sehr wütend.
Dann schickte sie mich in mein Zimmer.

Einige Tage später, meine Mutter war an der Arbeit, ging ich erneut zum Schrank und öffnete ihn. Der Brief war weg.

Als meine Mutter 2007 im Sterben lag, fand ich in ihrer Wohnung ihre an Angelo gerichteten Liebesbriefe. Sie war wirklich sehr verliebt in ihn gewesen. Sie beschrieb ihr Leben bei meinen Grosseltern, ihren Ärger, ihren Drang nach Freiheit. Während meine Mutter in ihrem Pflegebett auf den letzten Tag wartete, las ich erneut ihre Briefe durch. Ich konnte nicht anders. Beim nächsten Besuch im Pflegeheim fragte ich sie nach Angelo. Meine Mutter schüttelte müde den Kopf.
„Du hast meine Briefe gelesen.“
Ich nickte.
Dieses Mal wurde sie nicht mehr wütend.
Doch sie erzählte mir nichts von dieser einen Liebe. Sie schwieg.

Ein paar Wochen später war meine Mutter tot. Meine Oma Paula und ich trauerten. Paula besass noch ihre ganze Erinnerung. Wir sassen oft beisammen und sprachen über früher. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und fragte sie nach Angelo.

Oma Paula blickte mich nachdenklich an.
Dann sagte sie:
„Es ist eine schlimme Sache passiert. Deine Mutter war verliebt.“
Ich verstand kein Wort.
„Deine Mutter ist einfach weg gegangen. Und dann kam sie wieder. Mit blutverschmierten Kleidern. Stumm.“
Ich verstand.

Ist es eine Schande, über ein Unrecht zu reden oder zu schreiben?
Ich bin die Einzige, die noch davon weiss, was passiert ist.
Meine Oma hats vergessen und meine Mutter ist tot.
Dennoch betrifft es mich.

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ca 1970

 

Der Biebsli

Als meine Grosseltern und meine Mutter in den 60er Jahren in ihrer kleinen Wohnung in Sirnach lebten, hatten sie ein viertes Familienmitglied an ihrer Seite: den Biebsli

Der Biebsli war ein Wellensittich. Meine Mutter liebte ihn über alles. Sogar in späteren Jahren hat sie über ihn gesprochen. Der Biebsli war nämlich zahm und konnte sprechen.

„Wiä heissisch du?“ fragte meine Mutter.

„Biebsli!!“

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie der Biebsli mit meinen Grosseltern Walter und Paula, sowie mit meiner Mutter, einem rebellischen Teenager vor dem Fernseher sass und das um 1968.

Meine Mutter hat ihn gehegt und gepflegt. Wie oft er ihr wohl zugehört hat, wenn sie traurig war?

Der Biebsli durfte auch aus dem Käfig raus. Oft ist er auf der Lampe oben sitzen geblieben und schaute frech herunter. Aber immer ist er wieder zurück gekehrt in seinen kleinen Käfig.

Bis zu jenem Tag, wo er einfach aus dem Fenster wegflog. Paula und meine Mutter haben verzweifelt versucht, den Biebsli wieder zurück zu holen. Ohne Erfolg. Er verschwand. Nur das Photo aus dem Album erinnert daran, dass es ihn mal gegeben hat.

 

 

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Der Biebsli. Aufnahme unbestimmt.

Erwartet werden.

Darf ich glücklich sein, ich meine: so richtig, richtig glücklich? Würde es mir nicht besser anzustehen, mit gesenktem Kopf und traurigem Gesicht herum zu laufen?

Heute ist so einer dieser Tage, wo ich sehr glücklich bin. Ich reise. Ich fliege. Ich begebe mich in eine mir gänzlich unbekannte Stadt. Alles ist neu.

Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Mit einem Mal bin ich mutig. Alles ist gut, sage ich mir. Du darfst dich freuen.

Zu gerne würde ich heute abend Paula und meine Mutter anrufen. Ganz aufgeregt. Ich würde sagen: ich bin gut angekommen. Die Reise war toll.

Ich habe Wolken gesehen. Den Bodensee von oben. Es war aufregend. Die Häuser sahen sp klein aus vom Flugzeug. Ich denke daran, wann ich zum ersten Mal geflogen bin. Wien. Es ist so lange her.

Als ich die Wohnung meiner Mutter räumte, fand ich eine Glückwunschkarte. An ihrem 50sten Geburtstag flog sie mit der Crossair. Der Pilot und die ganze Crew hatten auf der Karte mit silbernem Stift unterschrieben. Sie durfte sogar ins Cockpit gehen. Noch Jahre später hat sie davon erzählt. Das war am 2.9.2001. Kurze Zeit später war die Welt eine andere.

Ich erinnere mich daran, wie ich am Boden lag und die Karte beschnupperte. Sie roch nach meiner Mutter. Nach Rauch.

Ich denke daran, wie glücklich sie damals war und sie nicht ahnte, dass sie nur schon sechs Jahre später sterben würde. So eine Verdammte Scheisse.

Ich werfe einen Blick auf mein Telefon.

Die Nummern meiner Mutter und meiner Oma sind alle beide nicht mehr gültig und trotzdem kenne ich beide noch auswendig. Nur kann ich dort nie mehr anrufen.

Tochterglück

Ich war gespannt auf die heutige Mähsession um Paulas Haus im Toggenburg. Mein Vater wollte vorbei kommen und mir erklären, wie eine Schnürli-Sägiss funktioniert.

Das tat er dann auch. Während mein Vater anfing zu mähen, räumten wir anderen, Papis Frau, Sascha und ich, das Gras weg.
Natürlich war ich furchtbar ungeduldig, weil ich mich so sehr aufs Mähen gefreut hatte und jetzt die Maschine nicht bedienen durfte. Nach dem Mittagessen, als wir nur noch ein kleines Stück mähen mussten, war schliesslich der feierliche Moment:

Mein Vater übergab mir den Helm mit Sichtschutz und schulterte mir den Rucksackmotor auf. Dann endlich konnte es los gehen…

Mähen mit dieser Sägiss sieht einfacher aus, als es ist. Ich brauchte viel Kraft. Meine Arme waren zwar stark genug, um den Stiel zu halten und mähen. Aber mein Rücken fing an zu schmerzen, weil ich in gebückter Haltung im abschüssigen Gelände stehen musste.

Aber das Gefühl, mit einem solchen Gerät eine Wiese gemäht zu haben, ist unvergleichlich. Ich fühlte mich richtig gut.

Ebenso schön war es, mit meinem Vater und seiner Frau durchs Haus zu laufen und alle Räume anzusehen. Ich bin froh, dass sie uns beistehen. Besonders glücklich war ich über das Angebot, dass mein Vater mir helfen will bei den Umgebungsarbeiten. Das ist das krasse Gegenteil von dem, was er die letzten Jahre über Paulas Haus gesagt hat.

Er hat jede Menge Ideen, was man alles machen muss, um das Haus instand zu halten. Ich bemerke, wie wenig ich weiss, aber dass ich unglaublich Lust habe, endlich loszulegen.

So endet dieser Tag mit einer glücklichen Tochter, die dankbar ist, den wunderbarsten, liebsten und tüchtigsten Vater der Welt zu haben.

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Das Haus, mein Vater und ich. Teil2

Es ist ein seltsames Gefühl, heute zum Haus zu fahren, einmal mehr. Seit ich mich entschieden habe, es zu kaufen, warte ich nur auf den Moment, wo es endlich soweit ist. Noch muss ich warten. Schliesslich ist es das Haus meiner Oma und der Verkauf muss mit rechten Dingen, sprich abgesegnet von den Behörden werden.

Eigentlich dachte ich vor einigen Monaten, dass ich um diese Zeit bereits räumen könnte. Jetzt wäre der richtige Moment. Es ist nicht zu warm und nicht zu kalt. Doch stattdessen werde ich heute die Wiese mähen.

Ich liebe diese Arbeit, aber noch mehr Spass würde es mir machen, wenn es „meine“ Wiese wäre. Denn dann würde ich nach der Mäherei nicht alles wieder versorgen und nach Hause fahren, sondern mich auf die Gartenbank setzen und genüsslich ein kühles Bierchen trinken.

Mein Vater wird mir helfen. Das ist ein seltsames Gefühl, denn eigentlich mag er das Haus ja nicht. Dass er mich jetzt quasi bei den Umgebungsarbeiten coacht, ist für mich unschätzbar wertvoll und rührt mich zutiefst.

Er will mir heute zeigen, wie ich die Abhänge mit der Schnürlisägiss bearbeiten kann. Dann kann ich mir überlegen, ob ich ein solches Gerät anschaffen will.

Das seltsame Gefühl verfolgt mich. Andere Menschen in meinem Alter sind mit ihren Eltern durch ihre eigenen Kinder verbunden. Ich habe keine Kinder. Mein Vater wird zumindest durch mich nie Grossvater werden. Aber ich spüre, dass das Haus so eine Art Kind für mich ist. Natürlich will ich, dass er es mag. Ich wünsch mir, dass er dabei ist, wenn ich dem alten Haus am Bach neues Leben einhauche.

Ich bin gespannt auf heute.

Freitagabend

Ich erinnere mich gut an jenen Sommer Ende der 80er Jahre. Meine Schwester und ich spielten oft an der Sonne, bauten uns Hütten und tollten mit dem Hund herum.

An jenem einen Freitagabend aber war alles anders. Opa Walter wollte in den Ausgang gehen. Das bedeutete, dass er lange im Badezimmer stand, sich rasierte, parfümierte und seinen Blaumann gegen einen seiner guten Anzüge austauschte. Er sackte etwas Geld ein, Zigaretten und ging seiner Wege.

Normalerweise warteten Oma Paula und ich, bis Opa wieder da war. Schliesslich musste die Haustür verriegelt werden. Aber als er nachts um elf noch immer nicht da war, beschloss Oma, dass wir alle schlafen gehen.

Ich glaube, es war nachts um zwei Uhr, als ich wach wurde von seinem Geschrei. Mein Opa war immer ein eher leiser Mann. Umso ungewohnter war sein Gefluche in der nächtlichen Stille.

Immer wieder schrie er „Päul! Päul!!! Mach auf!!!“ Paula, das war meine Oma, aber wagte sich nicht nach unten.
„Er spinnt“, sagte sie beschwichtigend zu mir.
„Ja, aber der friert doch“, sagte ich.
„Soll er. Merkt er eh nicht. Der hat eh höch.“
Ich wusste sehr wohl, was das bedeutete. Mein Opa war nicht wie sonst leicht angeheitert, sondern sturzbetrunken.

Sein Gefluche wurde nicht leiser. Er hatte zwar offenbar einen Schlüssel, begriff aber nicht, dass die Türe längst offen war.
Oma öffnete das Dachfenster und rief:
„Halt mal die Schnorre. Die Nachbarn schlafen.“
Meinen Opa hielt das von weiteren Schimpftiraden nicht ab. Er fluchte nicht über meine Oma und natürlich nicht über uns, sondern über den lieben Gott, jeden, der ihn jemals verarscht hatte, seine ehemaligen Arbeitgeber und so weiter und so fort.

Schliesslich wurde seine Stimme leiser und ich dachte schon, Opa wäre jetzt ruhig. Aber das war ein Irrtum. Offenbar war er ums Haus herum gelaufen und hatte sich aus dem Schuppen eine Axt geholt. Und mit der hieb er jetzt in eine der Holzwände am oberen Eingang ein. Das Geräusch war grauenvoll.

Oma fluchte. Meine Schwester weinte und ich war verwirrt. Warum sollte Opa sein geliebtes Haus abbrechen wollen?

Nach einigen Minuten wurde es wirklich ruhig. Meine Oma ging still nach unten und öffnete die Türe. Sie half meinem Opa stumm in sein Schlafzimmer und versteckte die Axt. Dann kam sie wieder nach oben und befand, ich sollte jetzt endlich schlafen.
Mein Opa hatte am nächsten Tag einen fürchterlichen Kater. Er redete wenig. Oma Paula meinte nur, wir sollten unseren Eltern nichts davon erzählen. Das taten wir auch nie. Schliesslich kannten wir ähnliche Szenarien bereits von unserer Mutter. Aber das wusste Oma Paula ja nicht.

lebendig trauern.

Als ich anfing, den Paulablog zu schreiben, war ich verzweifelt. Das bin ich heute nicht mehr. Ich fand damals keinen Ausdruck für meine Trauer. Wie kann ich denn um einen Menschen trauern, den ich gerade verliere, aber der noch lebt?

Meine Oma ist mir der liebste Mensch. Sie hat mich geprägt, mich immer geliebt und unterstützt. Ich dachte, es wäre kein Problem für mich, auch immer für sie da zu sein. Das war ein Trugschluss.

Wenn ein Mensch demenzkrank wird, so lebt er zwar noch. Aber ganz viele Anteile seiner Persönlichkeit verändern sich. Meine Oma konnte beispielsweise immer wunderbare Geschichten erzählen. Das kann sie heute nicht mehr, oder zumindest anders.

Als meine Oma noch in ihrem Haus lebte, befand sie sich tatsächlich in ihrer eigenen Welt. Ich hatte zwar Zutritt, aber ich verstand vieles nicht. Nichtsdestotrotz akzeptierte ich ihre Entscheidung und ihren Wunsch, so lange als möglich in ihrem Haus zu leben.

Mehr als einmal hatte ich Angst, dass ihr was passiert. Dass sie stürzt, überfallen oder ausgeraubt wird. Es gibt nämlich derart kranke Arschlöcher, die Menschen wie meine Oma bestehlen, belügen und manchmal sogar verletzen. Ich schlief selten gut. Aber hätte ich sie deswegen zwingen sollen, dass sie aus ihrem geliebten Haus auszieht?

Das Zeitgefühl ging ihr ebenfalls flöten. Manchmal wusste sie nicht mehr, dass ich sie am Tag zuvor angerufen hatte und wurde wütend auf mich, weil ich mich nicht dann gemeldet hatte, wenn sie es erwartete.

Die dauernde Herausforderung und Belastungsprobe, was die Liebe betrifft, hat mich schlussendlich fast zerfleischt. Von dem Menschen, dem man sehr nahe steht in dieser Phase dauernd zu hören: „du hast mich nicht mehr gern. Dir wäre lieber, ich wäre tot“, zerstört einen unaufhaltsam.

Ich bin sehr froh, dass diese Phase vorbei ist. Jetzt bin ich nicht mehr die treulose Enkelin, sondern die freundliche Frau, die vielleicht Tante Hadj sein könnte. Ich habe kein Gesicht mehr, nur noch eine Stimme und meine Hände.

Vom „schweren Schicksal“

Wenn ich in meinem Bekanntenkreis erwähne, dass meine Oma demenzkrank ist, herrscht zuerst einmal tiefes Schweigen. Dann folgen Sätze wie: „Es ist halt schon schwierig.“ oder „Man weiss halt nicht, wie man alt wird.“

Was es wirklich bedeutet, wenn man Angehöriger eines Demenzkranken ist, wissen nur die Betroffenen.

Man arrangiert sich mit der Schusseligkeit und der Vergesslichkeit seines Angehörigen. So hört man sich hundert verschiedene Rechtfertigungen an, warum die Fernbedienung im Kühlschrank, das Portemonnaie im Müll und das Katzenfutter in der Pfanne gelandet ist. Man macht sich selber was vor.

Ich hab schon als Kind bemerkt, wie pedantisch und wie korrekt meine Oma ist. Es ist mir nicht aufgefallen, dass sie im Alter noch korrekter wurde. Nicht bemerkt habe ich, dass sie keinerlei Sinn mehr darin erkannte. Ich hatte mich daran gewöhnt.

Ich behaupte mal einfach so, dass das Vergessen das Schlimmste ist. Wenn ich als Enkelin nicht mehr als solche erkannt werde, sondern vielleicht mit der längst toten Tante Hadj verwechselt werde, dann tut sich auch was in meiner Identität.

So kann ich mir nie sicher sein, ob meine Oma Paula mich als Enkelin, Tochter, Schwester oder gar Mutter ansieht. Ich bin dankbar, dass ich von Paula so viele Familiengeschichten kenne. So finde ich mich zurecht. Aber der Schmerz bleibt.

Als sie mich das erste Mal nicht mehr als Enkelin Zora erkannte, habe ich auf dem Heimweg geweint. Es tat so furchtbar weh. Denn schliesslich ist meine Oma diejenige, die ich mich seit Geburt immer nahe und liebend begleitet hat.