Elephants can remember

Nach einem anspruchsvollen Wochenenddienst am freien Tag ins Toggenburg zu fahren, kostete mich heute morgen früh etwas Überwindung.
Der Gedanke, dass wir Schlafzimmer und Saschas Büro fertig streichen, hat mich dann aber motiviert, aufzustehen. Das Wetter im Toggenburg war grandios. Blauer Himmel. Zarte Schneedecke vor dem Haus. Kein Thurgauischer Nebel. Kein Geruch von Rüben.

Der zweite Anstrich geht irgendwie leichter.
Das seltsame Minttürkis ist verschwunden. Weiss macht das alte Schlafzimmer zu einem neuen Raum, der sehr viel grösser scheint. Zum ersten Mal seit über dreissig Jahren ist er leer. Omas Kruzifix hat einen Abdruck an der Wand hinterlassen. Eine Art Schatten. Jetzt hängt das wunderschöne, traurige Kreuz im Pflegeheim über ihrem Bett.

Ich entrümple den hintersten Vorratsraum. Schachteln, zwei Strickmaschinen, weiteres uraltes, metallenes Zubehör kommt zum Vorschein. Dann zwei Liegestühle, einer davon aus den 50er oder 60ern. Ich bin begeistert. Ich kann mich nicht erinnern, jemals darin gesessen haben.

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Ich trage alles hinunter in den hintersten Keller, wo ich die Sommermöbel deponiert habe. Ich schleppe Teile des zerkleinerten Schranks nach unten. Eine Matratze. Weiteren Müll, den ich finde. Und dann ist der Vorraum vor unserem Schlafzimmer einfach leer.

Ich schiebe die Seitentüre des einen Estrichabteils zur Seite und erblicke den Elefanten aus Plüsch, auf dem ich als Kind so oft gesessen bin. Mit einem Mal fallen mir all die Fotos von mir ein, die sie von mir gemacht haben. Ich sehe zufrieden darauf aus. Ich muss knapp zweijährig gewesen sein. Meine Mutter lacht auf den Fotos und ist erkennbar schwanger. Mein Bruder. Keiner ahnt, dass Mutters Lächeln danach verschwinden wird.

Omi hat den Elefanten in eine Plastikfolie gehüllt, zugedeckt mit einer uralten, schön bestickten Decke, die voll grauem Staub ist. Omi hat nichts weggeschmissen. Nicht einmal meine Kindersachen. Dass ich jetzt hier so stehe und das sehe, berührt mich. Das Haus als Hort meiner unversehrten Kindheit? Omi nahm dies sehr ernst.

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Ich gehe zurück ins Schlafzimmer und putze die verschmutzten Fensterscheiben. Die Luft ist kühl und ich atme tief durch. Vor mir liegt die Krinau. Der Wald ist zugeschneit. Die Sonne scheint auf unser Haus.

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Du bist, woher du kommst und wohin du gehst.

Meine jüngere Familiengeschichte ist geprägt von zwei Weltkriegen und Männern, die einen Teil ihres (jungen) Erwachsenenlebens in der Armee und an der Grenze verbracht haben.

Mein Urgrossvater Henri und mein Grossvater Herrmann haben erst spät, mit fast 40 Jahren, ihre Familien gegründet. Was heute als hip erscheint, muss für die jeweiligen Eheleute nicht ganz einfach gewesen sein. Nach einem verheerenden Krieg, den Erlebnissen an der Grenze, endlich zu heiraten und Kinder zu kriegen, stell ich mir anspruchsvoll vor. Meine Grossmutter Ida und Urgrossmutter Anna waren ebenfalls weit über 30 Jahre alt, als ihre Kinder geboren wurden.

Sie ist tief in mir drin, diese Sehnsucht nach Familie, nach Menschen, die einem nahe stehen. Angehörige zu haben, bedeutet für mich Zugehörigkeit und Glück. Ich bin überzeugt, man lebt damit, was man seit Generationen mit auf den Weg bekommen hat.

Vielleicht hänge ich deshalb so am Haus. Es symbolisiert, wer ich bin. Das Haus ist kantig und vielschichtig. Es wurde fast zwei Jahrhunderte lang gepflegt, belebt und geliebt.

Wenn ich im Haus bin, bin ich denen nahe, die nicht mehr sind und deren Züge und Eigenheiten ich trotz alledem mehr oder weniger in mir drin trage.

Meine Verbindung zum Toggenburg, die Liebe zu den Bergen, den Menschen schlägt sich im Haus nieder. Darf ich glücklich sein, dort leben zu dürfen, wo ein Teil meiner Familie her stammt? Dort, wo die, die nicht mehr sind, begraben liegen? Oder sollte ich aus modischen Gründen sagen: es bedeutet mir alles nichts.

Dann wäre ich eine verdammte Lügnerin.

Heimat finden

Das Wetter war gelinde gesagt mies, heute im Toggenburg. Wir packten eine Wagenladung Gerümpel Kisten und fuhren zum Haus. Das Gute am Tauwetter ist ja, dass wir wieder problemlos vorfahren konnten, ganz im Gegenteil zu Anfang der Woche.

Wir wollten eigentlich den Keller von einer Ladung Müll befreien. Leider aber waren wir zu spät dran und so machte ich mich ans Auspacken der Kisten. Natürlich frage ich mich, ob es wirklich sinnvoll ist, Mutters Nippes ins Haus zu zügeln. Aber dann denke ich, dass diese schrecklichen Figurinen ihr so am Herz hingen, dass ich sie jetzt nicht einfach wegschmeissen kann.

Also stehen sie in Kisten herum. Heute nacht träumte ich davon, dass ich die Figurinen zusammenschlage und ihre Scherben neu zusammensetze, auf dass eine bunte, grosse Kugel daraus entsteht. Die stellte ich in den Garten und wartete darauf, dass Blumen daraus wuchsen.

Der erste Anstrich im Büro war mein Tagesziel. Indies, ich brauchte lange. Malen macht wirklich Spass. Mir wird bewusst, dass ich diesen uralten Raum vollends neu gestalte. Weiss über lindgrünes Türkis. Wo wird mein Tisch stehen, denke ich. Welche Lampe will ich? Blumen. Vor dem Fenster soll eine Bank stehen und darauf ein Topf mit grünen Pflanzen und Gras für die Katze. Ich stelle mir vor, wie sie im Frühling auf einem Kissen daliegt, sich sonnt und später gurrend durch mein Büro streicht.

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Ich konzentriere mich aufs Malen. Das Holz färbt sich weiss. Ich vergesse alles um mich herum, sogar die Gefahr, dass plötzlich eine grosse schwarze Spinne neben mir stehen könnte. Meditation pur.

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Nach zwei Stunden pausenlosen Malens bin ich müde. Wir kriegen Besuch. Ein junges Paar kommt ein Möbel abholen. Es regnet in Strömen. Wir transportieren Uroma Röös‘ Schrank in einen Anhänger.

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Ich bin erleichtert. Ein Schrank weniger. Menschen, die sich darüber freuen. Und dann, kullert mir im kalten Regen eine Träne herunter und ich denke: jetzt macht der alte Schrank noch eine grosse Reise in eine neue Heimat. Ich gehe zurück ins Haus.

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Jahresrückblick 2014

Dieses Jahr war wirklich eines der besten, an die mich erinnern konnte. Den ganzen Frühling über arbeitete ich wie eine Verrückte an meinem Buch „Lavinia Morgan“. Ich bestellte das Land ums Haus herum. Im Februar erhielt meine Omi einen Beistand. Das war für mich eine riesige Entlastung, denn Herr H. kümmert sich nicht nur um ihre finanziellen Angelegenheiten, sondern besucht sie auch regelmässig.

So wurde im Februar meine Kaufabsicht eingeläutet und eine lange Zeit des Wartens, der Unsicherheit für mich und des Entrümpelns begann.

Im April reisten Sascha und ich nach Paris. Diese Stadt hat uns so sehr gefallen. Wir wurden süchtig! Einige Tage später aber wurde unser beider Leben auf den Kopf gestellt. Ich erhielt eine Mail vom Grimme-Institut und erfuhr, dass ich für einen Grimme-Online-Preis nominiert war.

Ich buchte Flüge nach Köln, das Hotel und wusste nicht, wie mir geschah. Dann wurde es Mai, wir reisten von Friedrichshafen aus und ich sah zum ersten Köln.

Die Nominierungsfeier war grossartig und ich begriff zum ersten Mal, was hier gerade passierte. Ich bemerkte, in welcher Gesellschaft ich mich befand und was „Demenz für Anfänger“ ausgelöst hatte. Indies, am gleichen Abend flog ich zurück. Am selben Abend erfuhr ich, dass Omi gestürzt war und sich schwer verletzt hatte. Das grossartige Gefühl von Köln machte einer unglaublichen Angst Platz. Wenn sehr alte Menschen stürzen und sich verletzen, ist es oft keine Seltenheit, dass sie daran sterben. Das wollte ich nicht. Nicht jetzt!

Ich besuchte Omi im Spital, ärgerte mich über die medizinische Versorgung und den herzlosen Umgang mit Demenzpatienten. Ich war heilfroh, dass Omi nach einer Woche wieder in „ihr“ Pflegeheim gehen konnte. Schon nach einigen Tagen begann sie trotz ihrer schweren Verletzung wieder zu laufen.

Im Juni flog ich an die Verleihung. Ich lernte viele Menschen kennen, Blogger, Medienleute. Ich redete, bis ich heiser war. Ich war nicht traurig, dass ich keinen Grimme gewonnen hatte. Vielmehr war ich in Gedanken bei Omi, dem Haus und dem, was mich im Sommer erwartete. Ich wusste, wenn Omi jetzt stirbt, dann verlier ich sie und auch das Haus. Das belastete mich über alle Massen.

Dass ich in jener Zeit einen Buchvertrag von einem renommierten deutschen Verlag erhielt, schien mir wie die Ironie des Schicksals.

Im Juli begannen Sascha und ich mit der Entrümpelung des Hauses. Wir entsorgten ungefähr eine Tonne Müll in Kehrrichtsäcken und 300kg (bis jetzt) an Sperrmüll. Wir leerten das Haus, verschoben Möbel, begannen mit der Renovation.

In jener Zeit griffen uns mein Vater und seine Frau unter die Arme. Ohne hätten wir den Spagat wohl nicht geschafft. Mein Vater organisierte mir eine Fädelisägiss, einen Rasermäher, einen Helm, usw. Meines Vaters Frau zeigte mir, wie ich die Johannisbeerstauden und die Büsche schneiden muss. Ich machte zum ersten Mal Johannisbeerliqueur. Wir schliefen zum ersten Mal im Haus. Dank Freunden, die mir immer wieder Mut machten, stand ich diese Phase durch. Danke!

Ende Oktober erschien dann mein erstes Buch „Lavinia Morgan“. Ich durfte am Lesefest meiner Verlegerin Fatima Vidal vorlesen und zum ersten Mal Bücher signieren.

Im November dann wurde es ernst und ich ging mit Sascha und Omis Beistand aufs Grundbuchamt und unterzeichnete den Eintrag. Kurz vor Weihnachten stand dann fest: das Haus gehört mir.

Ein weiteres Highlight waren zahllose Interviews und der Besuch bei Kellerschuran in Frauenfeld. Ich bin sehr dankbar für dieses Jahr 2014 und freue mich, wenn ich anfangs 2015 mit Sascha im Toggenburg leben darf.

die 80er im Thurgau

Meine Kindheit war überschattet von der Angst meiner Eltern und Grosseltern, mich zu verlieren. Einerseits war da der Tod meines Bruders 1979, der sie alle stark verunsicherte, andererseits das rätselhafte Verschwinden unzähliger Kinder.

Da war Peter Perjesy, der 1981 im Nachbardorf Wattwil verschwand. Dann verschwand 1984 Peter Roth im Mogelsberg. Doch am nachhaltigsten erschütterte meine Familie das Verschwinden von Edith Trittenbass. Sie lebte in Wetzikon TG. Ich war gerade mal neun Jahre alt, als die Vermisstmeldung von Edith im Fernsehen lief. Meine Familie wollte in jener Zeit nach Wetzikon ziehen.

Edith war und blieb verschwunden. Albträume beherrschten unser aller Leben. Es war unerträglich. Diese Angst. Diese Unsicherheit, niemandem mehr trauen zu dürfen. Nie durfte ich auch nur eine Stunde wegbleiben, ohne zu sagen, wo ich bin. Wenn ich das nicht tat, bekamen sie Angst. Die Angst vor dem „bösen, schwarzen Mann“ war allgegenwärtig.

Ende Juli 2007 verschwand Ylenia. Meine Mutter lag im Spital und kämpfte um ihr Leben. In derselben Zeit suchte man im ganzen Thurgau nach dem Mädchen. Gleichzeitig traten Vermutungen an die Oberfläche, dass der Entführer von Ylenia auch jener von Edith sein könnte.

Ich habe mir so sehr gewünscht, dass irgendjemand Edith findet. Dass der namenlose Verlust des Mädchens endlich nach zwanzig Jahren zu Ende sein würde.
Wir schreiben 2014. Doch Edith ist noch immer unauffindbar und Ylenia ist seit sieben Jahren tot.

Die Menschen, die Edith etwas angetan haben, taten auch meiner Generation etwas an. Das Spielen draussen wurde uns vergällt. Die Mütter und Väter hatten immerzu Angst um uns. Das und das Verschwinden der Freundin, die ich nie kennenlernen durfte, verzeihe ich diesen Unmenschen nie.

Vermisste Kinder in der Schweiz

Konservierte Kindheit

Ich wollte heute eigentlich am liebsten den ganzen Tag im Bett bleiben. Mich ausruhen. Die Weihnachtseinkauferei ist eh nix für mich. Ich hielt es durch. Bis halb zehn. Dann wusste ich, wenn jetzt nicht ins Haus fahre, rege ich mich auf.

Schnell ist das Auto mit Kisten geladen. Weihnachtszeugs. Sommerkleider. Brauch ich hier alles nicht mehr. Bei strahlendem Sonnenschein fahren wir ins Toggenburg. Die Strassen sind frei. Es ist ein Gefühl wie Ferien.

Die Kisten verstaue ich im einen Estrichteil, der langsam voll wird. Heute schleife ich nicht. Zuerst muss der Boden geflickt werden. Ich wage mich an die Küche. Der rote, alte Teppich ist schmutzig. Ich will wissen, wie der Kachelboden darunter aussieht. Wir verschieben Regale. Überall stossen wir auf Holzscheite, Wäscheklammern und Karton. Es ist staubig.

Und dann seh ich den Kachelboden. Er ist wunderschön. Ich putze ihn sorgfältig. Es ist kaum zu glauben, wie gut er erhalten ist.

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die Küche im Sommer 2014

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Küche im Dezember 2014

Wir räumen den Vorratsraum. Mehrere Möbel müssen wir entsorgen. Sie sind defekt, alt und nicht mehr schön anzuschauen. In einem Schrank stosse ich auf das Kinderklavier, das ich bestimmt schon zwanzig Jahre nicht mehr gesehen habe. Ich stosse auf den Topf, den ich als Kind benutzt habe.

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Mir scheint, als hätte meine Oma meine gesamte Kindheit in diesen Mauern konserviert. Nichts, was ich als Kind benutzt oder womit ich gespielt habe, hat sie weggeworfen. Auch die Sachen meiner Mutter hat sie aufbewahrt. Ihre Bücher, ihre Schulsachen, ihre Comics. Alles ist noch hier. Es liegt nun wohl an mir zu entscheiden, womit ich meinen Weg weiter bestreiten will.

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Was wird sein?

Heute abend fand mein Adventsfenster statt. Das Fenster war nicht der Rede wert. Ich hatte keine Zeit und Lust, gross zu basteln. Ich wollte stattdessen vorlesen.

Während die Gäste in unserer Stube sitzen, wird mir bewusst, dass dies das letzte Mal sein wird, dass ich im Thurgau ein kleines Fest veranstalte. In einigen Wochen ziehen wir hier weg.

Wir reden. Normalerweise bin ich nicht so der Gesprächsmensch. Die Themen sind vielschichtig. Wir sprechen über Tod und Leben. Nichts, was man einfach so an einem oberflächlichen Ort besprechen würde. Ich bin dankbar für all die Begegnungen und die Menschen, die ich hier im Thurgau kennen lernen durfte.

Ich pendle zwischen mehreren Welten. Da ist unsere Wohnung, die sich langsam leert. Wer jahrelang am gleichen Ort lebt, hinterlässt Müll. Wir werden viele unserer Möbel weggeben. Nur den grossen Tisch, das Harmonium und unser Bett werden wir mitnehmen. Alles andere kommt weg. Ich sortiere Kleinigkeiten aus. Bücher, die ich nie mehr lesen werde.

Und dann ist da das Haus im Toggenburg. Wir renovieren. Wir freuen uns einfach nur, dass es da ist. Ich schleife die Wände meines Büros ab. Es ist ein Gefühl, das unbeschreiblich ist. Unser Haus. Unsere Zukunft.

Werkstatt-Gedanken

Heute wäre eigentlich einer jener Tage gewesen, an denen ich am liebsten mit der Decke über dem Kopf und der Katze auf dem Bauch im Bett geblieben wäre. Ich war sehr müde.

Doch heute morgen um acht Uhr war ich hellwach. Und erstaunlicherweise fit. Ich wollte ins Toggenburg. Zum Haus. Ich wusste, wenn ich da heute nicht hingehe, bin ich unglücklich.

Wir transportieren die Balkonblumen, meinen Rosmarinstrauch und einige Kisten ins Haus. Dann mache ich weiter mit Wände abschleifen. Mit der professionellen Atemmaske kann ich problemlos arbeiten. Es macht Spass, ich komme gut voran.

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Heute ist Opas 90ster Geburtstag und ich stehe hier im Haus und schleife die Farbe seiner alten Werkstatt ab. Hier in diesem Raum wird einmal mein Computer stehen. Meine Nähmaschine. Dieser Raum wird mein neues kreatives Zentrum.

Ich schleife. Nach mehreren Stunden Praxis ist die Handhabung leicht. Zwar bin ich verstaubt, aber das stört mich nicht. Ich geniesse es, die alte Farbe, abzuschleifen. Darunter ist das Holz. Es sieht verletzlich aus.

Auf dem Heimweg kommt mir in den Sinn, dass ich nicht mal auf Opas Grab war. Muss ich mich jetzt schämen?

Ich muss dran denken, dass ich Opa Walter hier in seiner Werkstatt sehr viel näher bin, als auf dem Friedhof. Nach über 17 Jahren ist wohl nicht mehr viel von ihm übrig. Im Haus hingegen lebt sein Geist weiter. Sein Werkzeug ist noch hier. Seine Notizen. Seine Instrumente. Seine Pfeife. Seine Bücher. Seine Musiknoten. Seine Briefmarkensammlung.

Ach, lieber Opa: alles Liebe zu deinem 90sten Geburtstag. Du fehlst.

 

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mein Opa, wahrscheinlich um 1944

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Hochzeitsphoto von Paula und Walter, 1951

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Opa Walter in Sirnach. Ende der 60er Jahre

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Opa Walter im Toggenburg, um 1988

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Opa Walter mit meiner Mutter, um 1991

Weihnachtsessen und Zweisamkeit

Nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag fuhr ich mit Sascha ins Toggenburg. Weihnachtsessen im Pflegeheim mit Paula.

Der Abendverkehr ist träge. Es ist kalt.
Das Toggenburg aber ist in festliches Licht getaucht. Ich muss an all die Male denken, wo ich mit meinem Vater mitgefahren bin und wie meine Schwester und ich beleuchtete Christbäume gezählt haben. Heute sind da fast keine mehr.

Das Pflegeheim ist festlich geschmückt. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind wie immer gut gelaunt und hilfsbereit. Omi Paula sitzt auf einem Stuhl im Gang und sieht grau und traurig aus. Eine Pflegende tröstet sie. Als Omi uns erblickt, strahlt sie. Sie hatte Angst, wir würden sie vergessen. Welche Ironie.

Wir nehmen Platz. Reden. Trinken. Essen. Omi hat Mühe mit dem vielen Besteck vor sich. Zwei Messer. zwei Gabeln. Ein Löffel. Eine kleine Gabel. Ein Rotweinglas. Ein Weissweinglas. Ein Wasserglas. Es verwirrt sie.

Omi hat wenig Appetit. Zum Glück, denke ich. Letztes Jahr konnte sie sich kaum bremsen. Wir reden wenig. Omi schaut fasziniert einem anderen Bewohner zu, der mit starken Spasmen in seinem Stuhl sitzt.

Dann, mit einem Mal schaut sie Sascha und mich an und lächelt uns zu.
„Gell, ihr zwei, es wär schono schö, wenn ihr beidi mol zäme chönntet si und’s schö mitenand händ.“
Verschmitzt widmet sie sich wieder ihrem Essen.

 

Übersetzung:
„Nicht wahr, ihr beiden, es wäre wunderbar, wenn ihr zusammen wärt und Sex miteinander hättet.“

Ausgeknockt.

Seit mehreren Wochen kämpfe ich mit einem Atemwegsinfekt. Ich kenne das ja seit meiner Kiefer-OP von vor achtzehn Jahren. Anfangs waren das nur Nebenhöhlenentzündungen. Jetzt habe ich Probleme mit meinem Hals und meinen Lungen. Die Husterei raubte mir den Schlaf. Sie erschöpft mich. Mein Hausarzt hat mich nun zwei Tage krank geschrieben und getestet, was der Auslöser für die Hustenanfälle ist.

Dabei bräuchte ich jetzt meine ganze Energie. Blöd herumliegen ist nicht mein Ding. Ich muss mich von meinem jetzigen Daheim trennen. Ich muss mein Leben entrümpeln. In unserem Estrich stehen noch meine Kindermöbel. Plüschtiere. Gegenstände meiner Mutter. Und meiner Schwester.

Ich habe wenig Lust, kistenweise Zeugs meiner Schwester in mein Haus mitzunehmen. Alles einfach wegzuschmeissen ist aber auch nicht mein Ding. Ich sollte wohl ihren Beistand anrufen und ihn bitten, die Dinge abzuholen.

Vor zwei Jahren habe ich säckeweise Zeugs meiner Oma mitgenommen. Sie wollte unbedingt, dass ich es bei mir aufbewahre. Und jetzt… transportiere ich wieder alles zurück. Es ist eine seltsame Sache.

Dass mein Körper jetzt reagiert, verwundert mich nicht. Seit Monaten war ich angespannt. Kann ich das Haus kaufen? Oder nicht? Legt wer Einspruch ein? Oder wird alles abgerissen?

Die Situation ist ja jetzt vollkommen positiv. Doch ich merke, dass das alles nicht an mir spurlos vorüber gegangen ist. Oftmals wünschte ich mir, ich könnte einfach Omi anrufen, ihr alles erzählen und sie würde mich trösten. Doch in diesem Fall geht das nicht mehr. Es würde sie bloss sinnlos durcheinander bringen und das wäre dann egoistisch von mir.

Das Aufräumen hat aber auch was positives. Ich sortiere aus. Ich gebe Dinge zurück und ich schmeisse genüsslich weg, was ich nicht mehr haben will. Dennoch habe ich das Gefühl, ich komme nicht vorwärts. Der lange Weg ins Toggenburg, manchmal dauert ein Weg fast eine Stunde, zerhackt den Tag.

Omi hat früher immer gesagt: „Es chunnt scho guet. Muesch nume an Herrgott glaube.“ Wenn der mir den Sperrmüll im Haus entsorgen würde, wäre ich wirklich dankbar.