Über Beziehungen, die Ehe und das Gernhaben

Ich frage mich oft, was meine Grosseltern Paula und Walter über ihre Ehe dachten. Waren sie wirklich glücklich?

Meine Grosseltern haben nach der Geburt meiner Mutter praktisch nichts miteinander unternommen. Sie hatten keine gemeinsamen Hobbies. Mein Opa war ein Eigenbrötler, während meine Oma ein eher geselliger Mensch war damals.

Wenn ich das so mit meiner eigenen Beziehung vergleiche, überkommt mich Traurigkeit. Ich verbringe einen Grossteil meiner freien Zeit mit meinem Freund. Wir arbeiten daheim zusammen. Wenn wir mal getrennt sind, überkommt uns ein seltsames Gefühl von Verlorenheit.

Meine Oma ging, als sie in den frühen 40ern war und ich noch nicht geboren war, gerne mit ihren Arbeitskolleginnen auf Reisen. Sie flog nach Rom, reiste mit dem Zug nach Lourdes. Von meinem Opa ist nichts dergleichen bekannt. Seine einzigen Freunde waren jene Männer, mit denen er im Krieg war, später andere Musiker.

Als ich geboren wurde, war ich offensichtlich der Lebensmittelpunkt meiner Grosseltern. Oma und Opa hatten einfach immer Zeit, wenn wir was brauchten. Unsere Telefonate dauerten, zum Leidwesen meiner Eltern, jeweils sehr lange.

1996 litt mein Grossvater unter Müdigkeit und Entkräftung. Es wird ihn wohl sehr an die Zeit um 1944 erinnert haben. In seinem Dienstbüchlein steht, dass er ein eher schwächlicher, unterernährter Mann, aber dennoch diensttauglich war.

Was wie eine Grippe anfing, mauserte sich zu einer Diagnose, die todbringender nicht sein könnte: Leberkrebs. Opa wusste wohl ganz genau, was ihn erwarten würde. Aber, wie immer, wenn es ihm nicht gut ging, redete er wenig bis gar nicht mehr. (Irgendwie kommt mir das sehr bekannt vor…)

Erst als Opa immer schwächer wurde, fanden Oma und Opa wieder zusammen. Sie haben in jenen schlaflosen Nächten viele Gespräche geführt. Und, viel wichtiger: sie haben einander wieder umarmt und geküsst.

Diese Sache rührt mich auch nach über 17 Jahren noch immer. Wie muss das gewesen sein: fast 50 Jahre mit einem Mann verheiratet sein, mit dem man einfach ein gemeinsames Kind hat, dessen Namen man trägt, aber mit dem man sonst nichts gemeinsam hatte.

Umso wichtiger erscheint es mir heute, wann immer meine Oma Paula danach verlangt, sie zu umarmen. Ich traue mich nicht immer, denn Oma wirkt zerbrechlich. Aber wenn sie einen dann mit ihren lieben grünbraungrauen Augen anschaut und verschmitzt lächelt, muss ich sie einfach knuddeln und ihr zeigen, wie gerne ich sie habe und wie wichtig sie mir ist.

Auch mein Freund Sascha hat in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Ihn will sie immer umarmen. Sie will auch immer ein Küsschen von ihm. Natürlich fragt sie mich immer zuerst:
„Sag mal, würde der Schascha der Oma Paula bitte noch ein Küssli geben?“

Natürlich macht Sascha das. Dann drückte Paula ihn fest an sich und strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

 

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März oder Mai 1951. Meine Oma ist bereits schwanger.

Köln by night

Der gestrige Abend war ein Highlight durch und durch.
Wir wurden von einer Limousine im Hotel abgeholt und durch Köln zum dock.one chauffiert. Dort angekommen gabs ein Foto auf dem roten Teppich.

In der Vorhalle wurden jede Menge Getränke serviert. Es gab ein tolles Buffet. Dann trudelten die Menschen ein. Viele Menschen. Für meinen Geschmack fast zu viele. Ich mags nicht so, wenn man mich anrempelt.

Dann ging die Feier los. Ich sass da und war aufgeregt. Ich glaube in jenem Moment wurde mir bewusst, wie wertvoll die Nominierung und das Drumherum ist.

Da waren Teams von fünf, acht, ja sogar vierzig Leuten nominiert. Ich hingegen mach mein Ding alleine. Besonders gefreut habe ich mich, als Norbert Molitor für seinen Blog „Neviges“ mit einem Preis ausgezeichnet worden ist. Mit seiner Art des Schreibens und des Fotografierens hat er ein ganz eigenes, schönes Juwel geschaffen. Ich war sehr berührt, als er seinen Preis entgegen nehmen durfte, denn es war spüren, mit welcher Leidenschaft dieser Mann bloggt.

Den Rest des Abends habe ich schliesslich in sehr angenehmer Gesellschaft verbracht. Ich fragte Joe Bausch, ob Sascha von uns ein Foto machen dürfte. Ich lernte einige sehr nette, interessierte Leute kennen. Ich hab gequatscht, bis ich heiser war.

Um zwei Uhr nachts schliesslich kehrten wir zurück ins Hotel. Müde, aber sehr glücklich. Voll von Eindrücken Zufrieden. Dankbar.

Was mir übrigens bewusst wurde, ist, wie viele Leute den Paulablog lesen und mögen. Das ist so wertvoll und gibt mir Energie zum Weitermachen. Ich möchte drum sehr gerne Danke sagen an alle, die mich so unterstützt haben in den letzten Wochen, sei es mit Tweets, PN’s, Mails, Kommentaren oder einfach Umarmungen im Alltag.

Aufgeregt

Seltsame Sache.
Ich sitze hier in meinem Hotelzimmer.
Schminke mich.
Ziehe ein schwarzes Kleid an.
Die grüne Kette.
Muss daran denken, dass der einzige Grund,
warum ich überhaupt hier in Köln bin,
meine Oma ist.

Mich hat jemand heute gefragt, ob ich in Feierlaune wäre.
Ich habe keine Ahnung, was ich bin.
Aufgeregt bin ich.
Soviel steht fest
und alles andere
nehme ich, wie es kommt.

wegfliegen

Morgen früh fliegen wir ab nach Köln. Ich bin seltsam aufgeregt. Die Woche war turbulent. Die Zeit zieht rasch an mir vorbei. Schon Ende Juni? So schnell? Dabei war doch erst grad noch Ostern.

Köln. Die Stadt ist so furchtbar weit weg von daheim. Ich muss daran denken, dass ich doch eigentlich gar nicht gern für länger wegfahre. Vier Tage müssen aber drin liegen, sage ich mir beim Einschlafen.

Seltsamerweise denke ich die ganze Zeit ans Haus im Toggenburg. Irgendwie scheint es zu meinem Anker geworden zu sein. Es ist, als hätte das Haus eine Funktion in meinem Leben eingenommen, die sonst immer Oma innehatte.

Der Hafen. Der Ort der Geborgenheit.
Ich muss dran denken, wie gerne ich als Kind ins Haus ging. Auch wenn alle Räume, bis auf Omas Schlafzimmer, nach Opas Pfeifentabak stanken, liebte ich es. Das Holz der getäferten Wände. Der Geruch des feuchten Steins. Das Alter des Hauses. Die gelben Hauswände. Die dunkelroten Holzbalken. Das Haus ist wie eine Schulter zum Anlehnen.

Ich freu mich auf den Flughafen Zürich. Ich mag es, mit der Bahn anzukommen und die Rollstreppen hinaufzufahren. Das Design der Bahnhofshalle ist noch immer das gleiche wie damals, als ich mit Oma Zug fuhr.

Alles ist modern und aus Stahl. Ich denk zurück ans Haus, den Garten und stell mir vor, wie Omi auf dem Weglein steht und mir zuwinkt.

„Komm bald wieder, Meitli und vergiss mich nicht!“ rief sie jeweils. Sie stand aufrecht wie eine Birke. Ihr Haar war schwarz mit weissen Fäden drin. Oma bleibt stehen und winkt, bis ich sie nicht mehr sehen kann.

Ich freu mich auf Köln

Nervosität hoch zwei

Mein Nervositätspegel steigt unaufhörlich. Bereits am Donnerstagmorgen fliege ich nach Köln. Das ist das mittlerweile vierte Mal in meinem Leben, dass ich fliege und das dritte Mal innerhalb weniger Wochen. Ich war noch nie in meinem ganzen Leben an einem Anlass wie der Preisverleihung des Grimme Online Awards. Natürlich nicht. Denn eigentlich ist mein Leben ein anderes.

Wirklich schön sind die guten Worte jener Menschen, die mich gerne haben und mir Glück wünschen. Da ist meine Kosmetikerin, die mich seit Jahren toll berät. Meine Nachbarinnen, die für mich wie Schwestern sind, meine ArbeitskollegInnen und Freunde und Freundinnen, die mir feste die Daumen drücken und mich im Alltag so stützen.

Doch neben all der Euphorie sind meine Gedanken bei Paula. Wie es ihr wohl ergeht, während ich nicht da bin? Vermisst sie mich? Was ist, wenn…?

Ich schiebe die Gedanken weg. Ich informiere Omis Beistand, dass ich vier Tage lang im Ausland bin. Für alle Fälle.
Zu gerne würde ich Omi anrufen und ihr davon erzählen. In früheren Zeiten hätte sie Dinge gesagt wie: „Ach, mein Schatz. Du machst das schon. Ich bin so oder so stolz auf dich. Ich hab dich lieb. Vergiss mich nicht!“

Natürlich vergesse ich sie nicht. Denn der Grund, warum ich überhaupt in diese ferne Stadt Köln fahren darf, ist meine Oma. Und ausgerechnet ihr kann ich es nicht erzählen.

Ich muss auch gerade jetzt im Moment an meine Mutter denken. Als 2006 die Uraufführung eines Theaterstücks stattfand, an dessen Buch ich mitgeschrieben hatte, war sie sehr gerührt und sehr stolz. Damals hätte ich nicht gedacht, dass sie bereits ein Jahr später nicht mehr an meiner Seite ist.

Stattdessen werde ich meinen Vater und seine Frau anrufen. Denn sie sind noch da.

Sommertraum

Vor einem Vierteljahr bin ich davon ausgegangen, dass das Haus im Juli mir gehören würde. Ich hab mich getäuscht. Noch heisst es warten.

Manchmal hab ich das Gefühl, die Zeit rinnt zwischen meinen Händen davon und ich stehe da und kann gar nichts tun. Ich bin jetzt im besten Alter, um den Garten zu bestellen und mein Haus zu renovieren. Abhängig zu sein von anderen widerstrebt mir aufs Tiefste.

Mitte Juli habe ich Ferien. Eigentlich hatte ich vorgehabt, dann das Haus zu räumen. Solange es mir nicht gehört, sind mir die Hände (und das Herz) gebunden.

Mein Vater hat mir heute gesagt, wie grosse Mühe er hat, dass ich ein renovierungsbedürftiges Haus kaufe. Ich wurde wütend. Wäre ich ein Mann und hätte ich Frau und Kinder, wäre wohl alles anders.

Ich bin eine Frau, die anpackt. Kein Huscheli. Ich will endlich mein Haus, um dort zu leben, den Garten bepflanzen und Omi Paula öfters sehen.

 

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Der weitervererbte Gesichtsausdruck

Als ich noch ein kleines Mädchen war, fand der Zahnarzt heraus, dass ich unter einer Fehlentwicklung meines Kiefers litt. Auf alten Bildern meines Uropas Henri kann ich gut erkennen, dass er mir seine Kieferform einfach „weitervererbt“ hat.

„Leiden“ ist ein Ausdruck, den ich nicht mag. Aber in dem Fall traf er zu. Aber das wusste ich als Kind noch nicht. Ich wurde älter und mein Unterkiefer schob sich immer mehr hervor.

Oft wurde ich angesprochen, warum ich so bös drein schaue und nicht lache. Nun ja, damit fällt einem das Lachen schwer. Und noch schlimmer: auch das Essen wird zur Qual.

Je älter ich wurde, desto mehr kriegte ich Schmerzen in den Kiefergelenken. Doch aus Sicht des Kieferorthopäden war klar, dass man meinen Kiefer erst nach Ende meiner körperlichen Entwicklung operieren würde.

Mit 17 kriegte ich eine Spange, um meine krummen Zähne in Reih und Glied zu pressen. Mit 17 knutscht man normalerweise rum. Doch ich trug stolz meine metallene Verdrahtung herum. Ich wusste, es lohnt sich. Irgendwann würde ich besser aussehen.

Als ich 19 Jahre alt war, trat ich ins Spital ein. Vorher hatte ich meinen Besitz geregelt. Ich war überzeugt, ich würde bei der OP sterben. Man hatte mich über alles aufgeklärt. Aber das war mir egal. Ich hatte schrecklichen Liebeskummer und ich war bereit, zu gehen.

Ich erwachte wieder. Natürlich. Denn sonst könnte ich ja das hier nicht schreiben. Ich war eine andere. Nach einer OP im Gesicht ist man zuerst einmal entstellt. Mein Gesicht war geschwollen. Ich konnte nicht mehr reden. Die Schmerzen waren unerträglich. Dazu kam, dass mein Ober- mit dem Unterkiefer verdrahtet war. Ich konnte den Mund nicht mehr öffnen, nicht mehr essen, nur noch trinken.

Sechs Wochen lang lief ich so herum und fühlte mich wie der Eisenbeisser. Dann klangen die Post-Op-Symptome ab und ich sah zum ersten Mal mein Gesicht, wie es ohne den hervorstehenden Kiefer aussah.
Ich erkannte mich nicht wieder. Mit einem Mal war ich schön, nicht mehr mit einem bösartigen Ausdruck gesegnet.

Eine der Nebenwirkungen der OP ist die Ageusie. Ich wusste, dass es mich treffen könnte. Nicht mehr schmecken zu können, ist eine seltsame Sache, Erdbeeren nicht von Basilikum auseinander halten, eine andere. Kochen kann ich nur, wenn ich mich streng an Rezepte halte. Salz schmecke ich nicht mehr. Nur noch Zucker. Den hasse ich.

Treibholz

Die letzten Wochen waren unglaublich.
Seit ich von der Nominierung für einen Grimme Online Award erfahren habe, werde ich auf mein Blog angesprochen. Mittlerweile wissen auch meine Arbeitskollegen davon. Es ist ein seltsames Gefühl. Ich kann mich gar nicht richtig daran gewöhnen, dass jetzt Menschen in meinem Umfeld wissen, was und dass ich schreibe.

Ich freue mich auf die Reise nach Köln an die Preisverleihung. Meine Flugangst ist plötzlich weg. Die Welt öffnet sich mir. Ich bin aufgeregt, aber nicht so sehr, wie ich gedacht habe. Es ist alles sehr surreal.

Paula hat sich vor einigen Wochen einen komplizierten Bruch zugezogen. Meine Energie und meine Gedanken galten, neben meiner Arbeit, ihr. Ich mache mir Sorgen. Ich träume von ihr. Ich fühle mich seltsam traurig.

Was tue ich, wenn sie jetzt beschliesst zu sterben? Sie mag nicht mehr leben, wenn sie Schmerzen hat. Sie will einschlafen. Das war immer ihr Wunsch.

Meiner ist es nicht.
Ich will sie nicht verlieren. Nicht jetzt. Nicht irgendwann.
Aber das Leben ist irgendwie anders.

Menschen, die mich nicht kennen, aber von der Nominierung erfahren haben, sprachen mich an, wie stolz ich jetzt sein müsste. Ich bin irritiert.

Ich bin nicht stolz.
Schreiben ist mein Stück Treibholz, an das ich mich klammere und das dafür sorgt, dass ich nicht jämmerlich ersaufe. In der Auseinandersetzung mit dem Tod gibt es keine erhabenen Gefühle wie Überlegenheit.

Mein liebster Mensch, wenn meine Oma stirbt, ist alles anders.

Vielleicht.

Wenns nach mir ginge, wäre alles anders.
Dann würden meine Mutter und mein Bruder noch leben.
Mein Opa wäre noch da. Omi Paula besässe noch ihre Erinnerungen an mich. Alle wären glücklich.
Ich wäre auf ewig ein Kind von sechs Jahren, ohne Narben, ohne Zukunft, geliebt, verwöhnt und zufrieden.

Doch irgendwie ist das Leben wohl anders gedacht.
Ich denke oft darüber nach, warum mich der Tod meiner Mutter und meines Bruders so mitnimmt. Das Leben geht doch weiter. Ich lebe gerne.
Trotzdem berührt es mich. Mein Leben ist nicht mehr oberflächlich. Im Gegenteil. Weniger denn je mag ich mich mit Menschen umgeben, die die Tiefe scheuen.
Am liebsten spreche ich mit Menschen, die ähnliches erlebt haben. Ich erkenne mich wieder. Ich brauche nichts zu erklären. Alles ist gesagt ohne viel Worte.

Ich hab hart daran zu beissen, dass mein Omi langsam stirbt. Ich bin zwar dankbar, dass ich jeden Tag Abschied nehmen kann und muss. Aber manchmal wünschte ich mir, es wäre alles anders. Leichter.

Vielleicht wäre ich ohne all das ein anderer Mensch. Freundlicher. Offener. Weniger grüblerisch. Vielleicht ist das alles aber auch ein Geschenk, damit ich wirklich im Moment lebe.

Hausträume

In unregelmässigen Abständen träume ich davon, wie ich das Haus räume. Das sind jeweils sehr anstrengende Nächte, denn am nächsten Morgen tut mir alles weh. Es scheint so, als würde ich nachts das tun, was ich mir tagsüber wünsche.

Einmal mehr räumte ich die Winde auf. Sie ist komplett leer und ich kann endlich überprüfen, wie die Wände gebaut sind. Ich entsorge unpassende Regale, Müll und stehe vor dem kleinen Raum, der vor 175 Jahren wahrscheinlich als Abtritt gebaut worden war. Jahrelang hat meine Oma in diesem Raum Reinigungsgeräte aufbewahrt. Jetzt stehen alte Koffer darin herum.

Im Traum trage ich sie heraus auf die Terrasse, wo alles zu Staub zerfällt. Ich putze die Fenster, sauge den Boden und streiche die Wände. Ich will Helligkeit.

Mit einem Mal bin ich wieder wach. Heute werde ich nicht zum Haus fahren. Ich arbeite. Aber an die hellen Wände werd ich denken.