Das Haus, mein Vater und ich. Teil2

Es ist ein seltsames Gefühl, heute zum Haus zu fahren, einmal mehr. Seit ich mich entschieden habe, es zu kaufen, warte ich nur auf den Moment, wo es endlich soweit ist. Noch muss ich warten. Schliesslich ist es das Haus meiner Oma und der Verkauf muss mit rechten Dingen, sprich abgesegnet von den Behörden werden.

Eigentlich dachte ich vor einigen Monaten, dass ich um diese Zeit bereits räumen könnte. Jetzt wäre der richtige Moment. Es ist nicht zu warm und nicht zu kalt. Doch stattdessen werde ich heute die Wiese mähen.

Ich liebe diese Arbeit, aber noch mehr Spass würde es mir machen, wenn es „meine“ Wiese wäre. Denn dann würde ich nach der Mäherei nicht alles wieder versorgen und nach Hause fahren, sondern mich auf die Gartenbank setzen und genüsslich ein kühles Bierchen trinken.

Mein Vater wird mir helfen. Das ist ein seltsames Gefühl, denn eigentlich mag er das Haus ja nicht. Dass er mich jetzt quasi bei den Umgebungsarbeiten coacht, ist für mich unschätzbar wertvoll und rührt mich zutiefst.

Er will mir heute zeigen, wie ich die Abhänge mit der Schnürlisägiss bearbeiten kann. Dann kann ich mir überlegen, ob ich ein solches Gerät anschaffen will.

Das seltsame Gefühl verfolgt mich. Andere Menschen in meinem Alter sind mit ihren Eltern durch ihre eigenen Kinder verbunden. Ich habe keine Kinder. Mein Vater wird zumindest durch mich nie Grossvater werden. Aber ich spüre, dass das Haus so eine Art Kind für mich ist. Natürlich will ich, dass er es mag. Ich wünsch mir, dass er dabei ist, wenn ich dem alten Haus am Bach neues Leben einhauche.

Ich bin gespannt auf heute.

Freitagabend

Ich erinnere mich gut an jenen Sommer Ende der 80er Jahre. Meine Schwester und ich spielten oft an der Sonne, bauten uns Hütten und tollten mit dem Hund herum.

An jenem einen Freitagabend aber war alles anders. Opa Walter wollte in den Ausgang gehen. Das bedeutete, dass er lange im Badezimmer stand, sich rasierte, parfümierte und seinen Blaumann gegen einen seiner guten Anzüge austauschte. Er sackte etwas Geld ein, Zigaretten und ging seiner Wege.

Normalerweise warteten Oma Paula und ich, bis Opa wieder da war. Schliesslich musste die Haustür verriegelt werden. Aber als er nachts um elf noch immer nicht da war, beschloss Oma, dass wir alle schlafen gehen.

Ich glaube, es war nachts um zwei Uhr, als ich wach wurde von seinem Geschrei. Mein Opa war immer ein eher leiser Mann. Umso ungewohnter war sein Gefluche in der nächtlichen Stille.

Immer wieder schrie er „Päul! Päul!!! Mach auf!!!“ Paula, das war meine Oma, aber wagte sich nicht nach unten.
„Er spinnt“, sagte sie beschwichtigend zu mir.
„Ja, aber der friert doch“, sagte ich.
„Soll er. Merkt er eh nicht. Der hat eh höch.“
Ich wusste sehr wohl, was das bedeutete. Mein Opa war nicht wie sonst leicht angeheitert, sondern sturzbetrunken.

Sein Gefluche wurde nicht leiser. Er hatte zwar offenbar einen Schlüssel, begriff aber nicht, dass die Türe längst offen war.
Oma öffnete das Dachfenster und rief:
„Halt mal die Schnorre. Die Nachbarn schlafen.“
Meinen Opa hielt das von weiteren Schimpftiraden nicht ab. Er fluchte nicht über meine Oma und natürlich nicht über uns, sondern über den lieben Gott, jeden, der ihn jemals verarscht hatte, seine ehemaligen Arbeitgeber und so weiter und so fort.

Schliesslich wurde seine Stimme leiser und ich dachte schon, Opa wäre jetzt ruhig. Aber das war ein Irrtum. Offenbar war er ums Haus herum gelaufen und hatte sich aus dem Schuppen eine Axt geholt. Und mit der hieb er jetzt in eine der Holzwände am oberen Eingang ein. Das Geräusch war grauenvoll.

Oma fluchte. Meine Schwester weinte und ich war verwirrt. Warum sollte Opa sein geliebtes Haus abbrechen wollen?

Nach einigen Minuten wurde es wirklich ruhig. Meine Oma ging still nach unten und öffnete die Türe. Sie half meinem Opa stumm in sein Schlafzimmer und versteckte die Axt. Dann kam sie wieder nach oben und befand, ich sollte jetzt endlich schlafen.
Mein Opa hatte am nächsten Tag einen fürchterlichen Kater. Er redete wenig. Oma Paula meinte nur, wir sollten unseren Eltern nichts davon erzählen. Das taten wir auch nie. Schliesslich kannten wir ähnliche Szenarien bereits von unserer Mutter. Aber das wusste Oma Paula ja nicht.

lebendig trauern.

Als ich anfing, den Paulablog zu schreiben, war ich verzweifelt. Das bin ich heute nicht mehr. Ich fand damals keinen Ausdruck für meine Trauer. Wie kann ich denn um einen Menschen trauern, den ich gerade verliere, aber der noch lebt?

Meine Oma ist mir der liebste Mensch. Sie hat mich geprägt, mich immer geliebt und unterstützt. Ich dachte, es wäre kein Problem für mich, auch immer für sie da zu sein. Das war ein Trugschluss.

Wenn ein Mensch demenzkrank wird, so lebt er zwar noch. Aber ganz viele Anteile seiner Persönlichkeit verändern sich. Meine Oma konnte beispielsweise immer wunderbare Geschichten erzählen. Das kann sie heute nicht mehr, oder zumindest anders.

Als meine Oma noch in ihrem Haus lebte, befand sie sich tatsächlich in ihrer eigenen Welt. Ich hatte zwar Zutritt, aber ich verstand vieles nicht. Nichtsdestotrotz akzeptierte ich ihre Entscheidung und ihren Wunsch, so lange als möglich in ihrem Haus zu leben.

Mehr als einmal hatte ich Angst, dass ihr was passiert. Dass sie stürzt, überfallen oder ausgeraubt wird. Es gibt nämlich derart kranke Arschlöcher, die Menschen wie meine Oma bestehlen, belügen und manchmal sogar verletzen. Ich schlief selten gut. Aber hätte ich sie deswegen zwingen sollen, dass sie aus ihrem geliebten Haus auszieht?

Das Zeitgefühl ging ihr ebenfalls flöten. Manchmal wusste sie nicht mehr, dass ich sie am Tag zuvor angerufen hatte und wurde wütend auf mich, weil ich mich nicht dann gemeldet hatte, wenn sie es erwartete.

Die dauernde Herausforderung und Belastungsprobe, was die Liebe betrifft, hat mich schlussendlich fast zerfleischt. Von dem Menschen, dem man sehr nahe steht in dieser Phase dauernd zu hören: „du hast mich nicht mehr gern. Dir wäre lieber, ich wäre tot“, zerstört einen unaufhaltsam.

Ich bin sehr froh, dass diese Phase vorbei ist. Jetzt bin ich nicht mehr die treulose Enkelin, sondern die freundliche Frau, die vielleicht Tante Hadj sein könnte. Ich habe kein Gesicht mehr, nur noch eine Stimme und meine Hände.

Vom „schweren Schicksal“

Wenn ich in meinem Bekanntenkreis erwähne, dass meine Oma demenzkrank ist, herrscht zuerst einmal tiefes Schweigen. Dann folgen Sätze wie: „Es ist halt schon schwierig.“ oder „Man weiss halt nicht, wie man alt wird.“

Was es wirklich bedeutet, wenn man Angehöriger eines Demenzkranken ist, wissen nur die Betroffenen.

Man arrangiert sich mit der Schusseligkeit und der Vergesslichkeit seines Angehörigen. So hört man sich hundert verschiedene Rechtfertigungen an, warum die Fernbedienung im Kühlschrank, das Portemonnaie im Müll und das Katzenfutter in der Pfanne gelandet ist. Man macht sich selber was vor.

Ich hab schon als Kind bemerkt, wie pedantisch und wie korrekt meine Oma ist. Es ist mir nicht aufgefallen, dass sie im Alter noch korrekter wurde. Nicht bemerkt habe ich, dass sie keinerlei Sinn mehr darin erkannte. Ich hatte mich daran gewöhnt.

Ich behaupte mal einfach so, dass das Vergessen das Schlimmste ist. Wenn ich als Enkelin nicht mehr als solche erkannt werde, sondern vielleicht mit der längst toten Tante Hadj verwechselt werde, dann tut sich auch was in meiner Identität.

So kann ich mir nie sicher sein, ob meine Oma Paula mich als Enkelin, Tochter, Schwester oder gar Mutter ansieht. Ich bin dankbar, dass ich von Paula so viele Familiengeschichten kenne. So finde ich mich zurecht. Aber der Schmerz bleibt.

Als sie mich das erste Mal nicht mehr als Enkelin Zora erkannte, habe ich auf dem Heimweg geweint. Es tat so furchtbar weh. Denn schliesslich ist meine Oma diejenige, die ich mich seit Geburt immer nahe und liebend begleitet hat.

Vom Altern

Es ist schon eine seltsame Sache mit dem Älterwerden.
Wer seine Eltern anblickt, weiss wie er selber einmal altern wird. Ich frage mich oft, wie ich mit 56 aussehen werde. Weiter reicht meine Fantasie nicht. Der Spiegel meines eigenen Alterns, meine Mutter, wurde nicht älter. In meiner Oma erkenne ich mich oft wieder. Wir sind beide pedantisch und ich habe ihre hohe Stirn geerbt. Wie werde ich mit 86 sein?

Die Falten sind mir gleichgültig. Weisse Haare habe ich schon lange. An den Verlust meiner Zähne werde ich mich gewöhnen müssen. Davor habe ich Angst. Meine Mutter hatte in meinem Alter schon längst ihre Dritten.

Manchmal habe ich grosse Angst davor, dass ich meinen Vater verliere. Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen werde. Ich denke trotzdem daran, denn ich hoffe, dass die Angst so wieder verschwindet.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bedeutete mein Vater mir alles. Er war der Held. Er trug einen Bart und ich erinnere mich daran, wie ich sagte: „Papi, wenn du deinen Bart jemals abschneidest, bist du nicht mehr mein Papi.“ Er schnitt ihn nie ab und dafür bin ich ihm dankbar.

Mein Vater war und ist mir immer ein wichtiger Ratgeber gewesen, egal ob ich Liebeskummer, Sorgen bei der Arbeit oder mit dem Auto hatte. Zu ihm konnte ich immer gehen. Während er seine Hühner und Kaninchen fütterte, sass ich auf der Steintreppe und redete.

Wir sind uns wohl sehr ähnlich. Wir reden nicht gerne einfach so. Es braucht was, dass wir uns öffnen. Als er an Krebs erkrankte, redete er plötzlich mehr. Krankheit macht verletzlich. Reden heilt.

Mein Vater hat als Kind wunderbare Bilder gemalt. Wie oft wünschte ich mir, er würde wieder malen und so seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Seine Tierzeichnungen habe ich ihm abgeschwatzt. Sie sind bei mir in sicheren und liebevollen Händen.

Sprache und Trauer

Wisst ihr was?
Es lohnt sich über seine Trauer und seine Gefühle zu sprechen.
Nie habe ich mehr Kontakt zu anderen Menschen gefunden, als in jenen Momenten, als ich über meine Trauer und meine Ängste sprach.

Ich wurde in dem Glauben erzogen, dass es nicht gut ist, über Gefühle zu sprechen. Der Tod meines Bruders? Kein Thema! Der Alkoholismus meiner Mutter? Kein Thema! Der Verlust der Heimat? Kein Thema!

Ich gehorchte. Ich sprach nicht darüber. Aber ich schrieb. Irgendwann ging es nicht mehr anders. Gefühle lassen einen nicht in Frieden. Man kann ihnen nicht entkommen.

Also redete ich.
Es geschah wenig. Aussen. Aber ich fühlte mich besser.
Der Weg der Trauer führt über die Sprache.
Das weiss ich ganz genau.

Handarbeit. Herzarbeit.

In meiner Familie mütterlicherseits wurde Handarbeit seit Generationen gepflegt und gelebt.

Mein Urgrossvater Henri arbeitete in einem Spinnerei-Betrieb im Toggenburg, ebenso wie meine Stief-Urgrossmutter Rosa. Im Estrich zeugen mehrere alte Strickmaschinen vom privaten Interesse meiner Urgrosseltern an diesem Handwerk. Gewisse alte Schränke sind voll mit Stoffen und Fäden. Nadeln, Borten, Spitzen, alles ist im Haus meiner Familie zu finden.

Auch mein Grossvater Walter arbeitete in der Textilbranche. Von ihm habe ich jede Menge technischer Bücher über Webmaschinen und Schnittmuster vererbt bekommen.

Meine Oma Paula war und ist nicht besonders handwerklich begabt. Nein, sie mochte nie Handarbeiten. Ihre Qualitäten lagen in der Kommunikation und der Herzlichkeit ihres Wesens.

Wenn ich an meine Mutter denke, so sehe ich sie auf ihrem Sofa sitzend, umgeben von Wollknäueln, Nadeln und Mustern. Sie liebte es zu häkeln. Riesige Decken aus Wollresten hat sie angefertigt und verschenkt, eine jede ein Kunstwerk mit viel von ihr gemacht.

Ich muss daran denken, was sie alles ausprobiert hat. Sie konnte Kleider nähen, Patchwork, Socken und Pullover stricken, Deckchen häkeln. Sie war so geschickt. Sie liebte Farben über alles.

Als meine Mutter im Spital und später im Pflegeheim lag, strickte sie Babysocken. Sie konnte nicht damit aufhören. Sie hatte vor über dreissig Jahren damit angefangen. Das Muster konnte sie längst ohne Vorlage stricken. Sie sass in ihrem Bett und schaute auf ihre Arbeit. Dann sagte sie:

„Zora, wann strick ich für dich Babysocken? Wann kriegst du ein Kind? Wann machst du mich zur Grossmutter?“

Was hätte ich sagen sollen? Nie? Mutter, du stirbst?

Ich schwieg.

Vor ein paar Tagen räumte ich mein Nähzimmer auf. In einer Kiste stiess ich auf die hellblauen Babysocken. Sie sind noch immer nicht vollendet Ich musste mich setzen. Sieben Jahre ist sie tot. Ich weine.

Vatergespräche

Ich hänge sehr an meinem Vater. Schliesslich habe ich ja nur noch ihn und meine Oma. Umso wichtiger sind mir unsere Gespräche.

Seit er pensioniert ist, sehe ich noch weniger als vorher. Denn früher konnte ich einfach an seinem Arbeitsplatz vorbei, ihm zusehen bei der Arbeit und kurz reden. Heute geht das nicht mehr, weil er dauernd unterwegs ist.

Als Kind tat ich alles, um ihn zu erheitern, denn im Gegensatz zu meiner Mutter war er eher ein stiller Mensch. Ich hatte oft das Gefühl, noch besser werden zu müssen, um ihm Freude zu bereiten. Schliesslich hatte er meinen Bruder verloren und männliche Nachkommen sind offenbar was besonderes.

Obwohl ich mit einer Hüftdysplasie zur Welt gekommen bin und als Kind operiert wurde, habe ich angefangen, Sport zu treiben. Ich wollte, dass er richtig stolz auf mich ist und seinen Kummer vergisst. Ich war in der Schule gut, weil ich keine Schande bereiten wollte. Auch rumgeknutscht habe ich nie. Naja.

Erst in der Sache mit dem Haus sind mein Vater und ich nicht einer Meinung. Er mag es nicht und ich liebe es. Zum ersten Mal stelle ich mich ihm entgegen. Nun könnte man sagen: Frau, du bist 36 Jahre alt. Werd mal erwachsen.

Es ist eine emotionale Sache. Anders kann ich es mir nicht erklären. Umso mehr freut es mich, dass mein Vater mir angeboten hat, mich beim Mähen der Wiese und des Rasens zu beraten. Aufgrund seines beruflichen Hintergrunds hilft er mir nun, ein passendes Gerät zu kaufen. Schliesslich sind die Wiesen abschüssig. Mit einem normalen Rasenmäher würde ich Probleme haben.

So bin ich dankbar für seine Hilfe und die sorgsam darin verpackte väterliche Sorge um mich.

 

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Vom Sterben auf eigene Kosten

Gibt es ein Recht auf den selbstbestimmten Tod?

Ich war schon als Kind irritiert von dem Gedanken, dass sich jemand einfach umbringt. Eine Schulfreundin von mir fand ihren Vater tot vor. Ich empfand dies als furchtbar gemein.

Jahre später brachte sich mein Kindergartenschatz um. Er wurde von einem Zug überrollt. Ich habe es nie verstanden. Es war für mich ganz und gar undenkbar, dass er, ausgerechnet er, sich so tötet.

Bis dahin empfand ich Suizid einfach als eigene Entscheidung. Niemand oder nur wenige waren in meinen Augen davon betroffen. Ich machte mir wenig Gedanken darüber.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember 2006 wurde ich Zeugin eines Suizids. Während ich an der Seite meines damaligen Freundes und seiner Tochter über den Seedamm fuhr, stürzte sich vor meinen Augen ein Unbekannter von der Brücke in den See.

Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich fühlte. Ich wurde ganz kalt. Mir war klar, dass jede Hilfe zu spät kommen würde. Wir riefen die Polizei an. Ich musste den Mann beschreiben und später nochmals an die Stelle gehen, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte.

Sie suchten mit Booten nach ihm. Das Licht der Lampen liess Fische springen. Es war ein ganz seltsames Schauspiel in jener kalten Nacht. Die Fische sprangen munter herum, während irgendwo der Leichnam eines Mannes im Wasser trieb. Der Wind peitschte mir ins Gesicht. Den Rest der Nacht konnte ich nicht mehr schlafen. Auch später konnte ich nur noch mit Mühe in jenen Teil des Zürichsees springen. Der Gedanke an die Leiche, die nirgends mehr auftauchte, liess mich nicht los.

Es machte mich wütend, dass ich, ausgerechnet ich, Zeugin wurde. Ich wollte das nicht. Es hat mich nicht traumatisiert, denn ich musste seinen Körper ja nicht aus dem Wasser ziehen und anschauen. Dennoch fand ich es ungerecht.

Als meine Mutter fast ein Jahr später starb, war ich dankbar, dass sie keine Hilfe zum Sterben beanspruchte. Der Gedanke, dass meine Mutter mithilfe eines Medis in einem Auto auf einem verlassenen Parkplatz hätte sterben wollen, wäre unerträglich gewesen. Ich war dankbar für die Art und Weise wie sie starb.

Der Tod eines guten Freundes berührte mich. Er hatte sich ebenfalls umgebracht. Ich blieb mit lauter Fragen zurück. Ich versuche zu verdrängen, dass er nicht mehr da ist, denn sonst würde es mich verrückt machen. Ich versuche an die schönen Zeiten zu denken und wie sehr ich sein Lachen und seine lieben Augen gemocht habe.

Zum Thema Sterbehilfe stehe ich nach wie vor offen. Ich finde, es ist eine Entscheidung, die jeder selber trifft und treffen muss. Dennoch wünsche ich mir Bedingungen für Menschen, seien es schmerzlindernde Medikamente am Ende eines Lebens, eine gute Betreuung im Alter und Unterstützung im Umfeld. All dies kann man nicht gesetzlich regeln. Es liegt uns allen, dass wir mit offenen Augen und Herzen durchs Leben gehen.

Das Ring-Ding

Als ich am Dienstag bei Paula war, fiel mir einmal mehr ihr goldener, irgendwie zeitloser Ehering auf. Sie trägt das gleiche Ding wie einst meine Mutter, obwohl Paula 1951, im dritten Monat schwanger und definitiv nicht mehr jungfräulich, und meine Mutter, Blumenkind, 1974 geheiratet haben.

Ich kann mich sehr wohl daran erinnern, dass Oma und meine Mutter ihre Eheringe immer getragen haben. Aber mein Vater und mein Opa trugen sie nicht. Nein. Mein Vater arbeitete in einem Beruf, wo der Ring hätte zerstört werden oder noch schlimmer, er einen Finger hätte verlieren können. Auch mein Opa war nicht der typische Ehering-Mann. Ich denke, dass in den 50ern ein Ring nur gestört hätte. Es wundert mich ohnehin, dass er, der Musiker, überhaupt geheiratet hat.

Seltsamerweise rühren mich Ehering tragende Männer, vielleicht, weil sie in meinem eigenen Leben nicht vorkommen. Es ist mir ein Graus, mir vorzustellen, dass ich einen Ehering am Finger kleben habe und mein Mann ebenso.

Früher ging man in der Kirche den Bund fürs Leben ein. Meine Urgrosseltern, meine Grosseltern und meine Eltern tatens. Ich weiss nicht, wie glücklich sie dabei waren. Eine Ehe ist doch viel mehr eine Schicksalsgemeinschaft, denn eine Liebessache. Leidenschaft verpufft. Sex noch schneller.

Als ich heiraten wollte, da hab ich über eine flammenförmige Tätowierung am Handgelenk nachgedacht. Aber irgendwie fand ich das dann doch zu prosaisch und habs gelassen. Auch das Heiraten. Die Vorstellung, einst als unverheiratetes Fräulein Debrunner unter einem Grabstein zu liegen, ist reizvoll. Mal sehen.