Gewöhn dich dran!

Ja, ich weiss. Ich muss mich dran gewöhnen.
Tu ich ja auch. Trotzdem tut es mir jedes Mal weh.
Ich weiss nicht genau, warum.

Ich meine, wir haben immer so viel gesprochen. Und jetzt reden wir wenig. Wir lachen oft. Ich versuch mich daran zu gewöhnen, dass Namen nicht mehr wichtig sind. Dass mein Name nicht mehr wichtig ist.

Ich mach ihr keinen Vorwurf. Aber es schmerzt mich trotzdem.

Sie wusste immer alles. Sie kannte jeden Namen. Sie arbeitete als Verkäuferin, da musst du dir sehr rasch alle Nachnamen und die jeweiligen Titel, besonders der männlichen Kunden, merken. Ihr Gedächtnis war phänomenal.
Sie kannte alle Haupt- und Nebendarsteller von „California Clan“, „Denver Clan“, der „Lindenstrasse“, „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ und „Dallas“. Sie verfügte auch über die aussergewöhnliche Fähigkeit, die Namen sämtlicher Adeligen Europas zu auswendig zu wissen.

Heute morgen besuche ich sie.
Sie sitzt da, sieht mich. Lächelt und sagt meinen Namen.
Ich steh da, weine nicht, sondern umarme sie.
Für einen Moment lang ist alles wie früher.
Ich halte Omi und den Augenblick fest im Arm.

Endlich!

Eigentlich hatte ich am 10. Juli, dem offiziellen Erscheinungstermin geplant, Omi besuchen zu gehen und ihr „unser“ Buch zu bringen. Aber es kam alles etwas anders als geplant. Meine Hauptangst seit einem Jahr bestand darin, dass Omi das Erscheinen des Buchs schlicht und einfach nicht erlebt. Aber Omi hielt durch. Dass ich dann kurzfristig an „meinem“ Tag arbeiten gehen musste, gefiel mir gar nicht. Aber nun denn.

So ging ich heute, an meinem ersten Ferientag zu ihr.
Ich war aufgeregt. Natürlich hatte ich ihr immer wieder vom Buch erzählt, doch ich konnte nicht sicher sein, ob sie es wirklich versteht.

Und nun ging ich heute bei ihr vorbei und überreichte ihr das Buch. Omi lächelte. Sie freute sich über meinen Besuch, auch wenn sie nicht wusste, wer ich bin. Sie sagte nur: „Ihr gehört zu mir.“ Das stimmt ja auch. Omi strich über die Seiten des Buches. Das Umschlagbild gefiel ihr. Sie konnte nur mehr schwer lesen. Die falsche Brille. Das musste es sein.

Im Gemeinschaftsraum lief derweil ein Interview auf SRF. Carla del Ponte und Stephan Klapproth diskutierten miteinander. Ich bemerkte, dass Omi plötzlich Grimassen schnitt.
„Was ist denn los?“, fragte ich.
Ich drehte mich um und schaute auf den Bildschirm. Omi imitierte Carla und zwar so, dass ich einen Lachanfall bekam. Ich umarmte Omi.
Omi aber lächelte mich an und sagte: „Gell, die ist eine komische!“

Tage-Bücher

Ich räumte am Nachmittag weitere Kisten im Estrich aus. Dabei stiess ich, auf der Suche nach Mutters Schulheften, auf ihre Notizhefte.

Vor acht Jahren hab ich diese Hefte aus Mutters Wohnung gezügelt. Sie rochen nach Rauch. Ich verstaute und vergass sie. Heute fielen sie mir in die Hände.

Ich weiss nicht, ob es eine gute Idee war, Mutters Gedanken zu lesen. 1995 war sie 44 und ich 18. Ich war unglücklich verliebt und sie war es auch. Ich litt und schrieb. Sie litt, schrieb und trank.

Die Parallelen sind erstaunlich. Meine Mutter hat jeden meiner Besuche notiert. Ich besuchte sie damals oft. Sie hat sich darüber offensichtlich gefreut. Und doch war sie unglücklich. Sie konnte nur mit wenigen Menschen über sich selber sprechen. Sie hatte ein offenes Ohr für Probleme, besonders für jene von Männern. Darin gleichen wir uns auch.

Mich erstaunt, dass ich nichts Neues aus ihren Zeilen erfuhr. Meine Mutter sprach mit mir immer offen. Ihre Verliebtheit, die Männer in ihrem Leben, ihre Sehnsucht, all das wusste ich immer. Es ist verwunderlich, dass sie all das einem 18jährigen Mädchen anvertraut hat. Ihre geschriebenen Worte klingen genauso so, wie sie damals gesprochen hat. Ich brauche nur ihr Notizheft laut vorzulesen und ich höre die Stimme meiner Mutter.

Ich bedauere so sehr, dass sie nicht mehr lebt. Heute wüsste ich mehr zu entgegnen. Heute könnte ich besser zuhören. Wir wären uns näher, weil wir uns verdammt ähnlich sind.

So bin ich am Nachmittag in die Landi gefahren, um Blumen für ihr Grab zu kaufen. Es ist alles, was ich jetzt noch tun kann. Die direkte Zwiesprache ist beim Tod eines Menschen beendet. Es sind nur noch die Gedanken und meine Gefühle, die da sind.

Auf ihrem Grab wachsen wunderschöne Tulpen. Ich habe sie im Winter 2007 gepflanzt. Die Tulpen sind dunkelrot, gelb und schwarz. Ihre Blütenblätter sind spitz. Sie sind stark, denn sie haben den Winter im Toggenburg überlebt. Und trotz allem sind sie zerbrechlich.

 

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Ich habs getan!

Unsere Wohnung im Thurgau ist fast leer. Nur noch jene Möbel, die das Brockenhaus abholen wird und Geschirr stehen da.

Es hat mir wenig ausgemacht, mich von Dingen zu trennen, die ich nicht mehr brauche. Schwieriger sahs aus bei Gegenständen meiner Mutter, die ich aus Pflichtgefühl in der Wohnung herumstehen hatte.

Dazu muss ich folgendes sagen: ich hasse Clowns. Ich kann weiss geschminkte Gesichter nicht ausstehen. Meine Mutter aber liebte sie. Sie besass mehrere Clownpuppen, eine hässlicher als die andere.

Als sie starb, packte ich sie alle ein. Ich brachte es nicht übers Herz, sie wegzuschmeissen oder wegzugeben. Einige der Puppen habe ich Paula gebracht, aber auch sie konnte wenig damit anfangen und so kamen die Puppen wieder in meinen Besitz. Ich hab lange darüber nachgedacht, warum ich sie nicht wegschmeissen konnte.

Als meine Mutter starb, war ich im Schock. Ich wollte alles behalten, was mich an sie erinnerte. Am liebsten hätte ich ihren Geruch konserviert. Ihre Stimme aufgenommen. Fotos von ihrem Gesicht gemacht.

Stattdessen versuchte ich in Ehren zu halten, was sie mochte und verleugnete damit mich selber.

Gestern ging ich zum letzten Mal in meinen Estrich. Dort steht mein Kinderschrank. Er ist wackelig und fällt fast auseinander. Puppen und Clownfiguren habe ich dort aufbewahrt, damit ich sie in der Wohnung nicht mehr anschauen muss.

In einem Akt von Abschiednehmen vom Haus habe ich alles in einen Müllsack getan: die Puppen, Mutters Pullover, meine alte Servierschürze, eine Weste, die mir seit fünfzehn Jahren nicht mehr gefällt. Weg damit, dachte ich. In meinem neuen Leben ist kein Platz mehr dafür. Und damit meine ich nicht die Erinnerung an meine Mutter.

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Omi Berta in meinen Augen

Seit einigen Monaten spricht mich Omi Paula immer wieder als ihre Mamme an. Es ist seltsam, aber dieser Vergleich tut mir nicht weh. Das muss dran liegen, dass Paula und ihre Mamme Berta eine sehr enge Beziehung hatten.

Omi Berta habe ich leider nie kennenlernen dürfen. Sie starb einige Jahre vor meiner Geburt, ja sogar lange vor der Hochzeit meiner Eltern.

Sie muss eine besonders starke Frau gewesen sein. Sie hatte meinen Urgrossvater geheiratet, der als Verdingkind ennet des Ricken aufwuchs. Berta und ihr Mann hatten fünf Kinder: Bibi, Hadi, meine Oma Paula, Sepp und Hans. Sie waren eine sehr arme Familie und lebten am Rande der Stadt Wil in der alten Mühle.

Meine beiden Grosstanten und Omi Paula erzählten nur gutes von Berta. Anders als in jener Zeit üblich hat sie ihre Kinder nie geschlagen. Sie umsorgte die Familie, erst recht als mein Urgrossvater einen schweren Unfall hatte. Danach muss er schwer körperbehindert und Epileptiker gewesen sein.

Auch die Hirnhautentzündung meiner Oma Paula muss die Familie in arge Nöte gebracht haben. Berta muss grosse Ängste um ihre jüngste Tochter gelitten haben.

Berta war eine Frau mit einer rundlichen Figur und einem sehr lieben Gesicht. Auf allen Bildern strahlt sie. Sie hat freundliche Augen und und einen breiten Mund.

Auch für meine Mutter war sie jahrelang die wichtigste Bezugsperson, so wie Paula für mich. Die Trennung von Berta aufgrund des Umzugs von Wil nach Ebnat-Kappel hat meine Mutter in eine tiefe Krise gestürzt.

Dann wurde Omi Berta krank. Sie lag im Pflegeheim und wartete auf den Tod. Das war Ende der 60er Jahre kein schönes Sterben. Paula durfte schlussendlich nicht mal die letzten Momente an Bertas Bett verbringen. Das hat sie nie verwunden, solange sie sich daran erinnert hat. Sie hat sich immer für mich gefreut, dass es mir gelungen ist, bei meiner Mutter bis am Schluss zu bleiben. Sie sagte: „Das ist ein Geschenk, Kind.“

Vielleicht macht es mich darum glücklich, dass, wenn Paula in mein Gesicht blickt, ihre Mutter sieht und keine Angst und keine Trauer mehr verspürt.

Geburt.

Gestern ging das Zahlungsversprechen unserer Bank ans Grundbuchamt. Am Dienstagmorgen haben wir den Termin auf dem Grundbuchamt für die Grundstückverschreibung. Was trocken und nichtssagend klingt, bedeutet für Sascha und mich, dass wir nach bald neun Monaten (endlich!) unser Haus haben.

Es ist ein wirklich seltsames Gefühl für mich. Ich hänge nicht an Besitz. Aber ein Haus zu haben, bedeutet, dass in einem Buch mein Name eingetragen ist. Es berührt mich sehr, dass ich das Haus von Oma kaufen konnte, fast sechzig Jahre, nachdem meine Urgrosseltern es erworben haben.

Ich bin aber auch seltsam leer. Die neun Monate Warten haben mich zermürbt. Mehr als einmal war ich am Ende. Tausend dunkle Gedanken, warum ich das Haus nicht kaufen kann, schwirrten mir durch den Kopf. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Sorgen um den Schlaf bringen. Wenn ich im Haus war, habe ich jeweils zum Abschied gesagt: „bitte warte auf uns“. Ich strich über seine Wände, den Verputz. Fast jeden Zentimeter kenne ich mittlerweile. Ich sehe die verblassten Farben. Die Holzböden. Die Werkstatt, die einmal mein Büro werden soll.

Gestern abend, als ich nach Hause kam, schaute ich mir das Familienfoto an, das ca. 1979 entstand. Meine Mutter war wohl mit meinem Bruder schwanger. Ich entnehme das ihrem strahlenden Gesicht. Omi Paula muss gerademal fünfzig Jahre alt gewesen sein, Henri war achtzig, meine Eltern Ende zwanzig. Ich schaue das Bild an und stelle mir vor, was sie dazu sagen, dass ich jetzt bald da wohnen werde. Henri und Röös, mein Opa Walter. Sie alle haben in dem Haus gelebt und sind darin gestorben.

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Ich freue mich so darauf, dass ich das Haus wandeln darf. Dass meine Bücher dort in Regalen stehen werden, meine Katze durchs Haus läuft und nach dem Rechten sieht. Dass Sascha ein Büro mit Blick auf die Strasse bezieht und trotzdem das Rauschen des Baches hört. Der Garten. Die Bäume. Singvögel. Ich freu mich darauf, dass ich im Frühling die Tulpen wachsen sehe. Die Krokusse. Im Sommer die Rosen. Dass ich Johannisbeerlikör machen werde. Grillieren auf der Terrasse. Eine neue Gartenbank vors Haus. Ich werde unser Haus öffnen. Das Haus ist nicht gemacht zur Einsamkeit.

Ihr Geburtstag

1991 wurde sie 40 Jahre alt. Ich erinnere mich zu gut an diesen Tag, denn er war katastrophal.

Meine Mutter konnte niemand überraschen, erst recht nicht mit einem Geburtstagsfest zum Vierzigsten. Ich fand das, pubertierend, extrem doof und sagte ihr dies auch.
„Du wirst sogar einmal deine eigene Beerdigung noch organisieren wollen!“

Ich ahnte nicht, dass dies nicht passieren würde und ich dieses „Fest“ würde veranstalten müssen.

Wie immer im September fiel meine Mutter in eine Krise. Diese begann meistens nach ihrem Geburtstag und endete erst Ende Monat, wenn der Todestag meines Bruder vorüber war. Sie trank viel, um alles in sich zu betäuben. Anders konnte sie diese Wochen wohl nicht überstehen.

An ihrem Geburtstagsfest betrank sich meine Mutter, mit freundlicher Unterstützung ihrer „besten“ Freundin. Sie beleidigte meinen Vater und bemerkte nicht mal, wie peinlich ihr Auftreten war.

Ich hab mir zu der Zeit so oft gewünscht, dass einfach jemand kommt, meine Mutter an der Hand nimmt und sagt:
„Du hast jetzt genug gebüsst und gelitten. Werde wieder gesund. Lebe.“ Ich hab mir gewünscht, dass sie meinetwegen in die Forelklinik geht und wieder gesund rauskommt. Doch niemand, erst recht nicht wir als Familie, konnte das in die Wege leiten. Sie hatte ja kein Problem.

Ihr stilles Weinen, ihre Wutausbrüche, ihr Hass gegen sich selbst waren ihre Sache. Das wollte sie mit keinem Arzt besprechen. Niemand verstand sie.
Einige Wochen vor ihrem Tod hielt sie sich für einige wenige Tage in der Psychiatrie Littenheid auf. Sie fühlte sich wohl. Dennoch erzählte sie mir sehr überrascht, sie habe in einer Therapiegruppe teilnehmen müssen.
„Stell dir vor, ich sass da mit all diesen jungen Kerlen, die zuviel saufen. Das hätten alles meine Söhne sein können.“

Ihren letzten Geburtstag, den 56sten feierten, wir auf der Kante eines Krankenbetts. Ich weiss nicht mehr, was ich ihr geschenkt habe. Es war bestimmt kein Glas Wein. Vielleicht ein kleines Plüschtier?

Die Lücke, die ihr Gehen hinterlassen hat, ist nach wie vor gross. Ich denke oft ans sie. Ich habe nicht den Anspruch, dass sie mir eine grosse Hilfe wäre, doch ich vermisse ihre weiche Stimme, ihr Lachen und ihren Sinn für Humor.

Noch vor ein paar Jahren habe ich an dem Tag immer bei Paula angerufen und ihr gedankt, dass sie meine Mutter geboren hat. Irgendwann erinnerte sich Paula nicht mehr an Urseli, nicht mehr an mich. Heute hat Paula kein Telephon mehr und ich bezweifle, dass sie noch weiss, dass sie einmal die Mutter eines Kindes war.

Mein Bruder und ich

Ich frage mich oft, was wäre, wenn mein Bruder Sven noch leben würde. Diesen September würde er 35 Jahre alt werden.

Er war noch ein Baby, als er starb. Sein nicht gelebtes Leben macht mich unsagbar traurig. Was hätte er alles erleben können? Wie hätte er ausgesehen?Hätte er rotes Haar gehabt?

Einen Bruder zu haben, der sein Leben nur kurz gelebt hat, ist eine Bürde. In jedem Mann seines Alters suche ich sein Gesicht. Welchen Beruf er wohl ergriffen hätte? Wäre er Landmaschinen-Mechaniker geworden? Jurist? Förster? Autor?

Mit 19 dachte ich oft daran, wie wir uns gestützt hätten. Er hätte mich getröstet, wenn ich unglücklich verliebt war. Ich hätte ihm Mut zugesprochen, wenn er in der Schule ein Problem gehabt hätte. Wahrscheinlich hätten wir uns auch sehr oft gestritten, denn dafür sind Geschwister schliesslich da.

Bestimmt hätte er mich an die Beerdigung unserer Mutter begleitet. Diesen letzten Weg hätten wir Kinder alle gemeinsam auf uns genommen. Da bin ich mir ganz sicher.

Doch ich kann dieses „hätte“ und „würde“ nicht mehr sehen. Ich bin nicht traurig, ich bin wütend. Wütend auf dieses Baby, das nie gelebt hat und einfach starb. Auf Babies darf niemand wütend sein. Auf das Schicksal und den lieben Gott schon.

Manchmal denke ich, dass sein Tod so vieles zerstört hat. Ohne ihn ist alles anderes. Trotzdem haben wir uns noch. Wir leben. Warum bloss reisst der Tod eines drei Tage alten Kindes eine so tiefe Schneise in unsere Familie?

Beim Räumen in Paulas Haus fand ich Svens Geburtsanzeige. Sie gleicht der meinen. Die Eltern freuen sich, die Geburt ihres ersten Sohnes bekannt zu geben. Ich weiss nicht mal, ob diese Karte jemals abgeschickt wurde. Denn der Tod trat drei Tage nach der Geburt ein. Schliesslich fand ich seine Todesanzeige. Tod des Kindes. Eltern. Schwester. Grosseltern. Alle erschüttert. Noch heute.

Auch in Paulas Erinnerung ist sein Tod tief eingegraben. Sie nennt ihn den Schutzengel, hofft, dass sie ihn, ihre Eltern und ihre Tochter irgendwann wieder sieht.

Ich bin gespalten. Ich glaube nicht an das Jenseits. Da hab ich keine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Mir steht der Sinn nach Klarheit. Ich will wissen, wie und warum er gestorben ist. Das gibt mir Frieden und nichts anderes.

Mein Herz in St. Gallen

Gestern durfte ich in St. Gallen zwei meiner Texte am Fest des Kulturmagazins Saiten vorlesen. Ich war aufgeregt.
Und wurde wehmütig. Zu gerne hätte ich meine Mutter und Omi hier gehabt. Wäre meine Mutter stolz auf mich gewesen?

Wenn ich an St. Gallen denke, kommt mir jene Stadt aus den 80ern vor mein Auge. Ich erinnere mich an jene seltsame Maestrani-Installation im Bahnhof. Wenn Omi und ich an die Olma gingen, blieb ich immer sehr lange stehen. Ich war fasziniert davon. Der Jahrmarkt. Die Riitschuel. Die vielen Gerüche. Halle 7. Es scheint mir, als wäre es gestern gewesen.

St. Gallen ist aber auch der Ort, an den meine Schwester notfallmässig eingeliefert wurde, als sie einen Fieberkrampf erlitt. Obwohl dies schon dreissig Jahre her ist, erinnere ich mich noch gut an die Angst meiner Mutter, den leblosen Körper meiner Schwester.

In St. Gallen wurde ich vor bald zwanzig Jahren am Kiefer operiert. Ich war gerade mal neunzehn Jahre alt. Ich litt Schmerzen und ich verlor meinen Geschmackssinn. Der Sommer aber war sehr heiss.

Später begleitete ich Paula zu ihrem Orthopäden nach St. Gallen. Wir marschierten keine weiten Strecken mehr. Jetzt führe ich Omi an der Hand, so wie sie mich als Kind an der Hand genommen hatte.

Vor über zwei Jahren erfuhr ich, dass Anna Aerne, meine Urgrossmutter, 1947 an ihrer Brustkrebserkrankung im Spital in St. Gallen verstorben ist. Als ich vor zwei Wochen ihre Todesanzeige fand, man stelle sich vor, ein Blatt Papier, das über 65 Jahre alt ist, wusste ich auch, dass sie in St. Gallen beerdigt wurde. Sie liegt nicht auf dem selben Friedhof wie alle anderen meiner Familie.

Ich las keinen ernsten Text in St. Gallen vor. Mir stand der Sinn nach Lebensfreude. Traurig sein kann ich auch morgen noch.

Omi und Röös

Meine Urgrossmutter Röös ist eine geheimnisvolle Figur in meiner Familie. Sie tauchte nach dem Krieg, irgendwann in den 50er Jahren, an der Seite meines Urgrossvaters Henri auf. Niemand weiss so genau, woher sie gekommen ist. Die Zeugnisse ihres Lebens sind Bücher, Photos und Postkarten.

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Röös in den 50er Jahren vor dem Haus

Mein Grossvater Walter hasste sie. Er war, als seine Mutter Anna 1947 starb, gerade mal 23 Jahre alt. Die neue Frau an seines Vaters Seite akzeptierte er nie. Trotzdem hat er die beiden seit Anfang der 80er Jahre bis zu ihrem Tod einige Jahre später gepflegt.

Röös‘ Vergangenheit scheint abenteuerlich. Sie lebte lange im Dritten Reich. Ihre Kinder sind über Osteuropa verstreut. Ich weiss nicht mal, ob O. und M. noch leben. Viele Briefe zeugen von ihrer Verbundenheit zu den Kindern. Doch existieren tun nur noch die Briefmarken in meinem Album, das mir mein Opa Walter schenkte.

Er war es, der mir, als ich 10 Jahre alt war, die Briefmarken schenkte und meinte, ich soll sie vernichten, weil sie seiner Meinung nach nichts wert waren. Nur zwei Jahre später, im Spätherbst 1989 rief mein Opa mich an und fragte scheu, ob ich alle Marken vernichtet hätte. Ich verneinte, woraufhin er mich lobte.

Röös war Omis grösste Prüfung während der damals noch jungen Ehe im Jahre 1951. Röös schien nicht besonders nett mit Omi Paula umgegangen zu sein. 2012, bevor Omi ins Pflegeheim eintrat, loderten all jene Geschichten nochmals auf. Überall im Haus entdeckte Paula Röös‘ Spuren. Sie fluchte. „Immer diese Röös. Überall lässt sie ihre Sachen herumliegen!“ Dass Röös damals fast 30 Jahre tot war, wusste Omi nicht mehr.

Ich war froh, dass ich all die Jahre gut zugehört hatte, um Omi jetzt in ihrer Not zu verstehen. Dank meines Vorwissens verurteilte ich Omis Sätze nicht als Hirngespinste.

Manchmal laufe ich durch das Haus und frage mich, wie viel von all den Sorgen meiner Vormütter noch in den Mauern steckt. Wie viele Tränen sind hier wohl geflossen sind?