Ihr Geburtstag

1991 wurde sie 40 Jahre alt. Ich erinnere mich zu gut an diesen Tag, denn er war katastrophal.

Meine Mutter konnte niemand überraschen, erst recht nicht mit einem Geburtstagsfest zum Vierzigsten. Ich fand das, pubertierend, extrem doof und sagte ihr dies auch.
„Du wirst sogar einmal deine eigene Beerdigung noch organisieren wollen!“

Ich ahnte nicht, dass dies nicht passieren würde und ich dieses „Fest“ würde veranstalten müssen.

Wie immer im September fiel meine Mutter in eine Krise. Diese begann meistens nach ihrem Geburtstag und endete erst Ende Monat, wenn der Todestag meines Bruder vorüber war. Sie trank viel, um alles in sich zu betäuben. Anders konnte sie diese Wochen wohl nicht überstehen.

An ihrem Geburtstagsfest betrank sich meine Mutter, mit freundlicher Unterstützung ihrer „besten“ Freundin. Sie beleidigte meinen Vater und bemerkte nicht mal, wie peinlich ihr Auftreten war.

Ich hab mir zu der Zeit so oft gewünscht, dass einfach jemand kommt, meine Mutter an der Hand nimmt und sagt:
„Du hast jetzt genug gebüsst und gelitten. Werde wieder gesund. Lebe.“ Ich hab mir gewünscht, dass sie meinetwegen in die Forelklinik geht und wieder gesund rauskommt. Doch niemand, erst recht nicht wir als Familie, konnte das in die Wege leiten. Sie hatte ja kein Problem.

Ihr stilles Weinen, ihre Wutausbrüche, ihr Hass gegen sich selbst waren ihre Sache. Das wollte sie mit keinem Arzt besprechen. Niemand verstand sie.
Einige Wochen vor ihrem Tod hielt sie sich für einige wenige Tage in der Psychiatrie Littenheid auf. Sie fühlte sich wohl. Dennoch erzählte sie mir sehr überrascht, sie habe in einer Therapiegruppe teilnehmen müssen.
„Stell dir vor, ich sass da mit all diesen jungen Kerlen, die zuviel saufen. Das hätten alles meine Söhne sein können.“

Ihren letzten Geburtstag, den 56sten feierten, wir auf der Kante eines Krankenbetts. Ich weiss nicht mehr, was ich ihr geschenkt habe. Es war bestimmt kein Glas Wein. Vielleicht ein kleines Plüschtier?

Die Lücke, die ihr Gehen hinterlassen hat, ist nach wie vor gross. Ich denke oft ans sie. Ich habe nicht den Anspruch, dass sie mir eine grosse Hilfe wäre, doch ich vermisse ihre weiche Stimme, ihr Lachen und ihren Sinn für Humor.

Noch vor ein paar Jahren habe ich an dem Tag immer bei Paula angerufen und ihr gedankt, dass sie meine Mutter geboren hat. Irgendwann erinnerte sich Paula nicht mehr an Urseli, nicht mehr an mich. Heute hat Paula kein Telephon mehr und ich bezweifle, dass sie noch weiss, dass sie einmal die Mutter eines Kindes war.

Gestohlene Zeit

Die Parallelen sind für mich zumindest fühlbar. Ich fühle mich fast wie vor sieben Jahren. Ich eile zwischen zwei Wohnorten umher, versuche, dem Menschen, der mich braucht, nahe zu sein, ohne es zu können.

Meine Mutter liegt 2007 im Pflegeheim Wil. Die Institution liegt neben dem Spital, wo sie mich dreissig Jahre vorher geboren hat. Die Parkplätze sind rar. Der Spätsommer 2007 ist wunderschön. Er lädt ein zu Spaziergängen im Wald und in den Bergen.

Doch ich kriege nur wenig davon mit. Die Schönheit des Thurgaus in jener Jahreszeit sehe ich nur vom Auto aus. Die Sonnenuntergänge. Die bunten Blätter. Den Nebel. Die gefahrenen Kilometer hab ich nicht gezählt. Doch die Strecke habe ich mehr als einmal verflucht.

Ihr Geburtstag. Mit einem Mal erinnere ich mich nicht mehr, ob sie den 2. September 2007 im Kantonsspital Frauenfeld, in der Psychiatrie Littenheid oder im Pflegeheim Wil erlebt hat. Ist das ein gutes Zeichen? Bedeutet mein Vergessen Verarbeiten von Trauer?

Man hat mir damals angeraten „muesch halt bätte, Meitli“, was ich nicht tun konnte. Wie auch? Was hätte es genützt? Ich glaube nicht, dass der liebe Gott, Stewart Granger oder John Wayne vom Himmel herabgestiegen wären und Mami dem Tod entrissen hätten.

Stattdessen passierte das Gegenteil. Ich konnte die Sterbephasen nach Kübler-Ross praktisch auswendig. Auch wenn ich nicht darüber sprach (oder darüber sprechen konnte), befand ich mich in einer non-stop-Reflektion der aktuellen Phase.

Bullshit.
All das war nur ein Vorwand, um mich nicht der Wahrheit stellen zu müssen. Meine Mutter lag im Sterben und ich konnte nichts dagegen tun.

Heute ist die Lage natürlich nicht mehr so dramatisch. Aber ich bin mir bewusst, dass Omi nicht mehr hundert Jahre leben wird. Ich möchte aber die Zeit, die wir beide noch haben, mit ihr gemeinsam verbringen. Ich möchte sie sehen. Ich will diesen wunderbaren, liebevollen, lustigen Menschen umarmen und mich freuen, wenn sie was witziges sagt. Ich will mich mit ihr erinnern und ihre kryptischen Worte entziffern.

Ich will verdammt nochmal nicht noch einmal warten wie eine verdammte Idiotin und danach trauern um eine Zeit, die man mir gestohlen hat.

September 2014

Ich kanns kaum glauben, dass ich vor sieben Jahren das letzte Mal mit meiner Mutter Geburtstag gefeiert habe. Es scheint mir manchmal, als wäre es schon hundert Jahre her. Oder erst gestern.

Sie fehlt mir. Ich wünschte mir so sehr, sie wäre jetzt hier und würde mich unterstützen. Als ich 2006 in ein Theaterprojekt involviert war, meinte sie lediglich: „Du schaffst das schon, Meitli..“ Ihre Worte fehlen. Ihre trockene Art und Weise und gleichzeitig das Vertrauen in mein Können, das wäre jetzt in dieser Phase von Nöten.

Sie hat es nie verstanden, dass ich schrieb. Sie sagte oft: „von mir hast du das nicht, Meitli.“
Ich weiss es echt nicht. Wenn ich ihre Aufsätze durchlese, erkenne ich meine Schrift wieder. Ihre Zeichnungen. Ihre klaren Gedanken. Ihr Suchen nach Worten und Beschreibung. Nein. Von ihr hatte ich es nicht, denn sie hatte es bis zuletzt.

Meine Mutter lag vor sieben Jahren bereits im Pflegeheim. Sie war keine 56 Jahre alt. Um sie herum waren steinalte Menschen, die dort lebten. Nur sie war zum Sterben hier her gekommen.

Manchmal wünsch ich mir, ich hätte damals ein eigenes Haus gehabt und sie pflegen können. Ich hätte Spitex-Frauen herumgejagt und jedem Arzt Feuer unter dem Hintern gemacht, der sie schlecht behandelt. Aber damals wusste ich ja nicht, was mich erwartete. Ich war sozusagen blauäugig.

Heute ist das anders. Ich bin in sieben Jahren siebzig Jahre gealtert. Kein Stein ist seit ihrem Tod auf dem anderen geblieben. Ich bin wirklich ein anderer Mensch geworden.

Würde sie mich noch erkennen?

P.S. am meisten bereue ich, dass ich praktisch keine Photos von uns zweien habe. Es gibt eins, da bin ich noch ein Baby, beim anderen war ich Konfirmandin. Es scheint mir, als wären Tochter und Mutter nicht-existent.

Ein Tag im Toggenburg

Tage wie dieser sind nicht mein Ding. Heute ist es besser als früher. In Sommerlagern wurde mir früh morgens in den Schlafsack gesungen. Aufgedreht und mit schlechtem Atem. Heute morgen wurde ich von der Katze geweckt. Der ist es nämlich scheissegal.

So fahre ich ins Toggenburg zu meiner Oma.
Seit einigen Tagen lebt sie mit einer anderen Frau in einem anderen Zimmer. Ich muss mich kurz umgewöhnen. Es ist enger geworden. Nur noch wenige Möbel haben Platz. Omi stört sich nicht daran. Sie liegt auf dem Bett und döst.

Wir reden miteinander. Sie freut sich über mein Kommen. Es ist ein guter Tag. Wir lachen viel. Schliesslich frage ich sie:
„Weisst du, was heute für ein Tag ist?“
„Freitag! Das weiss ich seit heute mittag.“
„Omi, es ist viertel vor elf.“
„Siehst du, werde bloss nie so alt wie ich.“

Dann singt sie mit einem Mal den Refrain eines Songs aus einem meiner Lieblingsfilme. Ich bin versöhnt mit dem Tag.

Als Omi von der Pflegenden in den Essraum begleitet wird, holen Sascha und ich Möbel aus dem Estrich. Ich hatte Angst vor diesem Moment. Doch irgendwie erheitert es mich. Lieber hole ich Möbel, die nicht mehr gebraucht werden, so lange Omi noch lebt.

Wir wollen zum Haus fahren, doch die Zufahrt ist mal wieder zuparkiert. Wir tragen Stühle und Taschen zum Haus. In der Küche packt mich der Ordnungswahn. Ich räume endlich den Gang. Fülle wieder drei Müllsäcke mit Plastik und altem Zeugs. Ich entdecke einige Elektrogeräte, die so alt sind, dass man sie besser nicht in die Nähe einer Steckdose stellt. Ich räume auf. Es tut gut. Im Bad gibt es mehrere Einbauschränke. Sie sind voll abgelaufener Medis, Pflegelotions und Verbände. Die Verpackungen stammen teilweise aus den 60er Jahren. Wieder füllt sich ein Sack. Ich entsorge alte Kleider, von denen ich nicht mal weiss, wer sie einst getragen hat.

Dann, nach zwei Stunden, ist es gut. Ich bin müde. Ich friere. Ich habe Hunger.
Aber irgendwie ist es ein gutes Gefühl, das Haus zu leeren, mich von uralten Dingen zu trennen und dann, irgendwann, bald, hier einzuziehen.

Feiertage

Als ich noch ein Kind war, liebte ich meinen Geburtstag. Es war Hochsommer. Heiss. Ferien. Ich erinnere mich an zahllose Torten, meine Oma, die mir Kuchen in den Mund stopft, meine Mutter, die mich umarmt.

Geburtstag. Der Tag, an dem ich geboren bin.
Ich schaue mir manchmal das Photo mit meinen Eltern drauf an und sehe, wie glücklich sie sind, dass es mich seit einigen Minuten gibt. Ich muss dran denken, dass meine Mutter mich neun lange Monate in ihrem Bauch herumgetragen hat.

Geburtstag bedeutet auch, dass ich ein Jahr älter werde. Vorbei ist die Zeit der Kindheit, als ich es kaum erwarten konnte, endlich 6 Jahre alt zu werden, in den Kindergarten zu gehen.

 

sweet zora und torte

skeptical Zora is skeptical 1982

torte 1982

an die Torte kann ich mich heute noch erinnern

Oder 10 Jahre alt zu werden. Endlich. 16 Jahre alt. Endlich von zuhause ausziehen. Oder 20 Jahre alt. David Bowie am Openair hören. Jamiroquai. Erwachsensein.

An meinem 28sten Geburtstag fuhr ich mit meinem damaligen Freund und Paula auf den Säntis. Wir assen Bratwurst und liessen uns den Wind um die Ohren blasen. Omi und ich hielten uns oft die Hände. Wir waren sehr glücklich.

Irgendwann wurde ich 30. Ich rauchte meine erste Zigarre in einem Fünf-Stern-Hotel. Wollte einen Mann heiraten.
Eine Woche nach meinem Geburtstag kommt meine Mutter ins Spital. Ihre Leber steht vor dem Kollaps. Und mich holt ihre Krankheit auf den Boden der Tatsachen zurück.

Ihr Sterben im Pflegeheim, welches neben dem Spital liegt, wo sie mich geboren hat, 30 Jahre vorher. Was für ein Witz! Das siebte Jahr ohne die Frau, die mich geboren hat. Das siebte Jahr ohne einen Spiegel, wie ich altern könnte.

Ich habs immer so gehasst, wenn sie darüber geredet hat, wie schlimm die vier Tage waren, an denen sie mich übertragen hat. Ihr Leiden. Die Hitze. Ich dachte als Kind, sie hasst mich deswegen.

Doch das ist natürlich Blödsinn. Ich würde so gerne mit ihr feiern und ihr danke sagen, dass sie mich geboren hat. Ich wäre neugierig, von ihr zu erfahren, wie sie die Welt sieht und ihr Leben.

Geburtstag und feiern

Ich wäre furchtbar gerne an die Republica nach Berlin gereist. Als ich mir das Datum aber genauer angesehen hatte, war klar, dass ich nicht hinfahre. Paulas Geburtstag am 6. Mai ist einer der festen Grössen im Jahr. Heute wird sie 86 und ich freute mich darauf, sie zu besuchen. Schliesslich weiss ich nie, wann es ihr letzter Geburtstag ist.

Das Pflegeheim fragte vor vier Wochen nach, ob wir mit Paula das Mittagessen einnehmen wollten. Natürlich wollten wir das. Mittagessen in Restaurants gestalten sich nämlich mittlerweile schwierig, weil Paula nicht mehr so viel essen mag.

Die Menüs im Pflegeheim sind denn auch schön hergerichtet, mit frischem Gemüse und in kleinen Portionen serviert. Paula kann so ihren Teller ohne Mühe leer essen. Sie hasst es nämlich, wenn etwas übrig bleibt. Diese Angewohnheit hat sie, seit ich sie kenne und stammt wohl aus Kriegszeiten.

Sie freut sich, dass wir da sind und wir umarmen uns. Paula zeigt ihre Geschenke, Blumen, weiss allerdings nicht mehr genau, von wem sie diese geschenkt bekommen hat.

Paula wünschte sich Kartoffelstock, Bohnen und Hackbraten und zum Dessert Früchtesalat mit Vanilleglacé. Das liebevoll, extra für uns gekochte Menü schmeckt wunderbar.

Beim Kaffee schliesslich reden wir über alte Zeiten und ich bemerke sehr rasch, dass mich Paula heute mal wieder für ihre Schwester Hadj hält. Paula erzählt mir von den „kleinen Brüdern“ und wie frech sie sind. Als sie nach dem Verbleib dieser fragt, antworte ich, dass sie tot sind. Paula sieht betroffen aus. Dann will sie wissen, was mit der Mamme sei. Was soll ich Paula sagen? Ja. Es geht ihr gut?

Stattdessen antworte ich damit, dass Paulas Mamme tot ist. Paula findet, das kann sie nicht glauben, ob es denn letzthin passiert sei. Ich schüttle den Kopf und sage: „Nein, es war vor über fünfzig Jahren.“

Ich fühle mich etwas mies, denn am Geburtstag redet man ja eigentlich von den schönen Dingen im Leben. Doch dann denke ich, dass Trauer um die Mutter am eigenen Geburtstag eine normale Sache ist. Schliesslich empfinde auch ich den „Freudentag“ als emotional, weil meine Mutter eben nicht mehr lebt.

Doch schon zehn Minuten später hat Paula unser Gespräch vergessen und fragt mich erneut nach der Mamme. Wieder macht sie dasselbe, leicht erschrockene Gesicht. Als sie mich nach dem Vater fragt, muss ich ihr erneut sagen, dass auch dieser nicht mehr lebt.

Schliesslich fragt sie mich nach ihrer Schwester Bibi. Nun kann ich ihr endlich eine positive Auskunft geben. Bibi ist zwar bald 90, lebt aber noch und zwar in einem Pflegeheim ein paar Dörfer weiter. Paula ist nun nicht mehr zu bremsen. Sie findet es doof, dass Bibi nicht zu ihr zieht.

Als ich sie frage, ob sie wirklich will, dass ihre ältere Schwester immer in der Nähe ist und alles kommentieren kann, was sie tut, schüttelte sie lachend den Kopf.
„Nein!“, ruft sie, „ich hatte schon immer meinen eigenen Grind!“

Geburtstagsvorbereitungen

Am Dienstag wird Paula also 86 Jahre alt. Seit Paulas Demenz zugenommen hat, tue ich mich schwer mit Geschenken, ganz egal ob zu Ostern, Weihnachten oder zum Geburtstag.

Als Kind bastelte ich ihr Geschenke, später haben wir an ihrem Geburtstag Ausflüge gemacht. wir sind mit dem Zug gefahren, als Paula nicht mehr so gut laufen konnte, fuhren mit dem Auto. Hauptsache, wir beide waren zusammen.

Unser Radius wurde immer kleiner. Ich habs anfangs nicht wahrhaben wollen. Ich konnte mit Paula keine langen Märsche mehr unternehmen. Sie hatte zwar nach wie vor grossen Spass an Ausflügen, doch ihre Kraft nahm langsam ab.

Schliesslich vergass sie ihren Geburtstag und auch meinen. Ich bemerke im Nachhinein, dass ich anfangs versucht hatte, eine Erklärung zu finden, die nicht allzu hart für mich war. Indes, es gab keine.

Ich zwang mich in den letzten Jahren bei ihr vorbeizugehen, im Wissen, dass wir einfach eine Stunde beieinandersitzen würden. Ich brachte ihr Kuchen mit oder Canapées. Einmal habe ich mein Laptop mitgenommen und mit ihr einen Film geschaut, den ich eigentlich im Kino mit ihr hatte sehen wollen.

Am Dienstag wird das anders sein. Wir sind im Pflegeheim zum Essen eingeladen. Ich werde frühmorgens arbeiten und dann mit Sascha ins Toggenburg fahren. Ich weiss nicht, ob ich mich freuen soll. An Weihnachten war das Essen zwar super, aber es hat mir wehgetan, dass Paula nicht mehr so essen konnte wie früher.

Im letzten Jahr sind wir zum Haus gefahren, doch das traue ich mir so nicht mehr zu. Meine Angst, dass sie stürzen und sich wieder etwas brechen könnte, ist riesig. Ich weiss genau, dass ein Knochenbruch in ihrem Alter sehr gefährlich sein kann.

Ich habe für Paula ein Geschenk gefunden, von dem ich hoffe, dass sie daran Freude hat. Es ist nämlich so, dass Paula vor sieben Jahren mit mir zum Bijoutier ging und ich mir eine Silberkette mit Anhänger aussuchen durfte. Sie sagte, ich solle mich immer an die schönen Zeiten mit ihr erinnern, wenn ich diese Kette trage. Nun habe ich ihr ebenfalls eine Kette gekauft. Ich hoffe, sie gefällt ihr. Die Illusion, dass sie sich an mich erinnert, habe ich heute nicht mehr.

Liebes Mami

heute, am 2.9. wäre ein 61ster Geburtstag.
Ich vermisse dich sehr.

Ich würde so gerne mit dir über das Leben diskutieren.
Die Männer
Die Liebe.
Ich bin sicher, du könntest mir so viel mitgeben, was ich bisher nicht gehört habe.

Du bist so fern.
Ich sehe dich als schöne Frau
als Mutter.
Du warst immer so wunderschön und lebenshungrig.
Nichts konnte dich einknicken, so dachte ich.

Im September warst jedes Jahr deines Lebens müde.
Du wolltest einfach nicht mehr.
Als du meinen Bruder verloren hast, warst du gerade mal 28 Jahre alt.

Manchmal stelle ich mir vor, dass ich an deiner Seite gesessen wäre, in jener Nacht
als du die schlimme Nachricht bekommen hast und sich niemand um dich gekümmert hat.
Du warst wie von Sinnen, denn du hast nicht verstanden, warum dein Neugeborenes starb.
Ich wäre so gerne an deiner Seite gewesen.

Wie muss es für dich gewesen sein, all die Monate bis zur Geburt meiner Schwester?
Wie sehr hast du gelitten? Dich gefürchtet?
Niemand konnte dir helfen, denn du selbst warst deine schärfste Richterin.

Du warst es bis zu deinem Ende.
Du hast dir nie erlaubt, zerstört und traurig zu sein.
Immer wieder hast du versucht, zu lächeln.

Liebes Mami
dein Geburtstag ist für mich auch mein Geburtstag.
Du bist meine Mutter, die mich geboren hat.
Ich möchte dich umarmen und dir sagen, wie sehr ich dich liebe und vermisse.
Du warst so lieb und so humorvoll. Zärtlich.
Ich gäbe so viel dafür, deine Stimme noch einmal zu hören.

Manchmal seh ich dich in meinen Träumen.
Du bist sehr jung und schön und unbekümmert.
Ich sitze da und schaue dich an.
Ich lächle dir zu und hoffe, nein, weiss:
du bist stolz auf mich, deine Tochter.

Paula wird 85.

Am nächsten Montag ist Paulas 85ster Geburtstag. Wow.

Doch, wie feiere ich diesen Tag mit ihr?
Ich habe frei genommen.
Ich werde eine Schwarzwäldertorte kaufen.
Doch ich weiss nicht mal, ob sie den Schriftzug auf der Torte noch lesen kann.

Geschenke mag sie nicht so sehr, ausser es sind Plüschtierhunde oder Früchte.
Aber bitte solche ohne Kerne!

Paula war 49 Jahre alt, als ich geboren wurde.
Ihren 60sten Geburtstag haben wir wild gefeiert!
Meine Mutter kaufte Torte und wir assen Raclette.

Den 70sten haben wir eher besinnlich begangen. Schliesslich starb kurz zuvor mein Opa Walter.
Nie habe ich Paula so frei erlebt wie damals. Sie war voller Tatendrang und Ideen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Hadi hat sie das halbe Haus renoviert. Wir sind gemeinsam an meinen freien Tagen durch die Schweiz gereist. Nach Berlin. Gingen ins Kino.

Als Paula 80 wurde, sind wir mit ihr essen gegangen, mein Ex und ich. Sie mochte ihn nicht so besonders. Einige Monate später war ich dann mit Sascha zusammen. Ihn mochte und mag sie sehr.

85 Jahre alt. Ein so langes Leben. Ich kann nicht ermessen, wie viel sie erlebt hat.
Ich weiss, dass sie gute und schlechte Zeiten hatte.
Was davon weiss sie noch?

Gestern telephonierten wir.
„Gell Omi, du weisst ja. Am Montag hast du Geburtstag.“
Paula seufzt.
„Ja. Sie haben’s gesagt. Aber 85? Ist das nicht etwas… alt?“

Nachtrag:
Auf dem Täfelchen wird stehen: „Omi, ha di gärn.“ #ausgründen

geburtstage

seit ich ein kind war, waren meine geburtstage im hochsommer ein highlight. ich wurde mit geschenken überhäuft. oma wusste einfach immer, was ich mir wünschte, ganz egal ob es pfirsichblüten-barbie, lego ritterburg oder ein robin-hood-kostüm war.

ich habe es zuerst mit meiner mutter miterlebt, wie es ist, wenn einem menschen das umfeld langsam wegschwimmt. mal telephonierten wir gar nicht, mal eine woche zu früh, mal einen tag später. dabei schien mir jener tag der geburt, gerade mit der mutter, sehr wichtig.

seit einigen jahren weiss auch paula nicht mehr, wann mein geburtstag ist. ich hab mich dran gewöhnt, auch wenn es beim ersten mal furchtbar weh tat. auch ihr eigener geburtstag rückte mehr und mehr in den hintergrund.
im juli dieses jahres allerdings geschah das unfassbare. paula rief mich punkt acht an und gratulierte mir zu meinem geburtstag:

„liebe zora, ich gratuliere dir ganz herzlich zu deinem 75sten geburtstag. bleib gesund und wie du bist, liebe schwester!“