zu kalt

Es ist kalt und es liegt Schnee.
Und du, liebes Omi, bist nicht mehr da.
Heute hat es zum ersten Mal seit April wieder geschneit.
Als du starbst, hatte es fast einen halben Meter Schnee und es war kalt.

Ohne dich ist alles sehr kalt.
Ich habe oft an dich gedacht, die letzten Monate.
Ich schliesse die Augen und stelle mir deine liebe Stimme vor.
Du hast mich in Gedanken begleitet.

Ach liebes Omi,
den Schnee hast du nie gemocht und im Winter
hast du mehr als einmal gemeint:
„Jetzt langeds dänn. Jetzt wotti go. Ich mag nüme läbe.“
Dann aber hast du nachgeschoben:
„So dänn dä Herrgott will.“

Gegangen bist du in einer der kältesten Nächte 2017.
Vor meinem vierzigsten Geburtstag.
Fast genau auf den Tag zwanzig Jahre nach Opa.

Heute traf ich in einem Geschäft auf eine Frau, die von hinten fast genauso aussah wie du.
Ich stehe da und weiss doch genau, dass du es nicht bist.
Für einen Moment wieder bin ich das kleine Mädchen von damals, das dir, der Omi
vom Hügel entgegen rennt und alle Kleider, alle Taschen von sich schmeisst, nur um in deine Arme zu fallen.

Doch ich weiss: nicht mehr in diesem Leben.

omi und zora (2)

Der Brief

Als mich vor einigen Tagen ein Brief von Omis Pflegeheim erreicht, denke ich für einen Moment: „Scheisse, jetzt kommt nach neun Monaten noch eine Rechnung.“

Ich öffnete den Umschlag und entnahm ihm eine Einladung.
Das Pflegeheim lud mich und andere Familienmitglieder ein, um an einem Gedenkanlass für Omi und all die anderen Bewohner und Bewohnerinnen, die in den letzten 12 Monaten verstorben sind, teilzunehmen. Mir stiegen die Tränen ins Gesicht.

Omi ist neun Monate tot. Neun Monate ohne ihr Lächeln, ihre Stimme, ohne eine Berührung ihrer Hände. Fast ein ganzes Jahr ist vergangen, und es scheint mir, als wäre es erst gestern passiert. Als wäre erst gestern Schnee gelegen und ich verzweifelt. Aber ich bemerke auch, dass die tiefe Trauer etwas neuem Platz gemacht hat. Mein Herz ist nicht länger verkohlt. Es tut zwar manchmal weh, aber ich spüre auch, dass es weiterlebt.

Wir leben hier in einer katholisch geprägten Region. Das Trauern in Abschnitten wird hier von einigen noch sehr hoch gehalten. Da ich reformiert erzogen bin, verstehe ich nur wenig davon. Den Gedenkanlass des Pflegeheims finde ich grossartig. So haben wir Familienmitglieder, aber auch die Bewohnerinnen und Bewohner und die Pflegenden, eine Möglichkeit, den Toten dieses Jahres zu gedenken und uns zu verabschieden. Auf dass die Wunden heilen und neues wachsen kann!

10 Jahre sind alles und nichts

Meine Mutter verstarb am 17. Oktober 2007 um 16.15 im Pflegeheim Wil.
Ich glaube, das Heim heisst heute anders.
Vor zehn Jahren war ich dreissig Jahre alt und färbte mein Haar nur aus Lust.
Nach dem Tod meiner Mutter zog sich eine breite weisse Strähne durch mein Haar.

Ihr Sterbezimmer war sonnendurchflutet.
Ich fühlte mich für alles zu jung und zu unwissend.
Ich hielt jene eine Nacht an ihrem Bett Wache,
so wie sie bei meiner Geburt nicht mehr zum Schlafe kam.

Ich hielt sie im Arm, weil ich dachte, ihr Tod sei das Schlimmste,
was mir mit 30 passieren konnte.
Ihr Atem, ihr ausgezehrter Körper in einer letzten Nacht.
Meine Angst.

Dann wachte ich auf. Nach kurzem Schlaf.
Ich ging unter die Dusche und wusch
mir die Angst vor dem Tod vom Körper.
Danach ging ich zurück an ihr Bett.

Als sie starb, war ich nicht alleine.
Wir standen da vor ihr.
Ein letzter Blick auf sie.
Im Wissen, dass das nicht alles war.

ten years ago

„heute geht es mir etwas besser als gestern. ich bin recht müde. die durchwachte nacht vom dienstag auf den mittwoch hat mich recht viel kraft gekostet. Meine eltern und freunde kümmern sich um mich.

ich habe am montag, so ab 15.00, am dienstagnachmittag und am mittwoch den ganzen tag zeit. ich muss allerdings noch für den mittwoch mit der friedhofverwaltung einen termin abmachen, weil ich dann mamis urne abholen muss.

die beerdigungsfeier und das drumherum habe ich organisiert. ich muss jetzt nur noch ihren lebenslauf schreiben und dem pfarrer per mail schicken. dann hab ichs für den moment.

zuhause halte ich es momentan fast nicht aus, weil die ganze wohnung voll von mamis sachen ist. ich habe bemerkt, dass ich fast keine schönen fotos von ihr habe. ich habe nur wenige, wo wir zusammen drauf sind.

ihr sterben mitanzusehen war die intensivste erfahrung meines bisherigen lebens. ich stelle mir im nachhinein vor, dass sterben vergleich mit gebären ist. am ende wirkte meine mutter eher wieder wie ein säugling, sehr in sich zurückgezogen, sehr friedlich. ihr körper war noch nach einer stunde nach dem tode warm. ich habe sie bis zum ende gestreichelt und geküsst. 

und ich habe am ende ihre liebe gespürt, ihr unvermögen, gefühle auszudrücken. sie konnte es einfach nicht und ich merkte, dass es falsch war zu denken, sie hätte mich nicht geliebt. ich habe für sie geweint, weil sies nicht konnte.

ich war furchtbar froh, dass sie in wil gestorben ist. die schwestern waren so liebevoll mit ihr, dass ich zwischendurch einfach weinen musste. sie kamen manchmal ins zimmer und haben sie einfach nur gestreichelt. sie haben ihr ade gesagt. das war wirklich sehr sehr schön.“

Dieser Text entstand wenige Tage nach dem Tod meiner Mutter Ursula.
Ich schrieb ihn an Inge, die vor einigen Jahren bei einem Unfall verstorben ist.

Wie es ist.

Vor 38 Jahren wurden mein Vater und meine Mutter zum zweiten Mal Eltern.
Ich kann mich heute noch an den Bauch meiner Mutter erinnern und das Glück in ihren Augen. Ich war knapp zwei Jahre alt. Ich schmiegte mich an ihren Körper und durfte die Bewegungen meines Bruders in ihrem Bauch an meinem Ohr fühlen.

Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet, ein Geschwisterchen zu kriegen. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber ich kann mich heute noch an meine Schritte in der Wohnung in Wängi erinnern. An die Möbel, das Licht, die Vorhänge und den Geruch. An meine Spielsachen. An die Tigerkatze, die sich an meine Beine schmiegte.

Heute, mit 40 fühle ich mehr denn je mit meinen Eltern mit, die damals ein Kind bekamen und wenige Tage nach der Geburt verloren. Meine Eltern waren bei seinem Tod am 20. September 1979 um die 30 Jahre alt. Mit seinem Tod zerbrachen Hoffnungen und Träume. Jahre der Trauer, der Verzweiflung und der Schuldgefühle sollten folgen.

Meine Omi hat immer gesagt: Alles ist für etwas gut.

An Swens Tod kann ich, noch immer, keinen Sinn erkennen, ausser dass ich es heute einfach akzeptiere, wie es ist.

Endstation Trauer?

Dieses Wochenende würde mein Bruder Sven 38 Jahre alt werden.
Mein Vater hat mir erzählt, dass Svens Grab seit einigen Monaten geräumt ist. Es gibt also nichts mehr, was noch daran erinnert, dass Sven mal gelebt hat.

Ich hatte Angst vor diesem Moment. Warum? Weiss ich nicht genau.
Sven war ja nicht mein Kind, sondern mein Bruder.
Trotzdem hat sein Dasein und sein Tod mein Leben in den letzten Jahren bewegt. Ich habe sehr oft um ihn und um unsere Familie geweint.

Vielleicht ist es so, dass mit dem Verschwinden seines Grabes, Omis Tod im Januar und Mamis 10. Todestag im Oktober Ruhe eingekehrt ist. Vielleicht habe ich auch darum das Gefühl, dass es jetzt gut ist. Dass ich loslassen kann und mein eigenes Leben führe.

Vielleicht ist es auch so, dass das vertiefte Schreiben und Nachdenken über unsere familiären Traumata bewirkt hat, dass meine Trauer ein Ende fand.

Auf dem Friedhofshügel

Letzte Woche ging es mir nicht besonders gut. Ich hatte zu wenig geschlafen, war müde und die Hitze machte mir zu schaffen. Ich musste daran denken, was ich noch vor wenigen Jahren in einer solchen Situation getan hätte: Omi anrufen, vorbeigehen, reden.

All das schien mir in den letzten Monaten seit Omis Tod recht sinnlos. Ich hatte Mühe, auf ihr Grab zu gehen. Ich hatte den Eindruck, dass Omi wirklich weg ist und ich kam mir blöd vor, an ihrem Grab zu stehen. Als ich am Montagnachmittag nach Hause kam, zog es mich auf den Friedhofshügel. Ich marschierte vorbei an jenem Baum, wo ich vor bald 20 Jahren Omi und Mami fotografiert hatte.

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Omis letzte Ruhestätte ist sehr klein. Sie wünschte sich ein Urnengrab. Die meisten alten Menschen tun das hier oben, denn in der Erde zerfallen die Körper nur schwer. Ich jätete das Grab, schnitt die Rosen. Dann machte ich das Gleiche bei Mamis Grab. Sie liegt hier bald 10 Jahre.

Während ich die beiden Gräber pflegte, redete ich leise mit Omi. Nach einigen Minuten schon spürte ich, wie mein Herz leichter wurde. Mit einem Mal wusste ich, was ich zu tun hatte: Ich stieg ins Auto, fuhr in die Landi und kaufte neue Pflanzen für das Herbstgrab.

Als ich schliesslich den Friedhofshügel erneut verliess, war ich ruhig und zufrieden. Ein wenig noch habe ich Omis Stimme von früher im Ohr: „Nimm es nicht so schwer. Es kommt schon alles gut. Du wirst schon sehen. Ich habe dich sehr gern.“

Puppenstube

Vor fünf Jahren um diese Zeit suchten wir gemeinsam mit Omi ein Heim. Fünf Jahre sind vergangen wie im Fluge. Omi ist nicht mehr und manchmal erscheint mir alles sehr irreal.

Seit zweieinhalb Jahren leben wir nun im Haus. In diesen Sommerferien haben wir es geschafft, alle Kisten im Estrich zu ordnen und zu entsorgen, was wir nicht mehr brauchen. Ich frage mich, was Omi sagen würde, wenn sie nun durch ihr Haus marschieren würde. Würde sie es noch erkennen?

Nun ist auch das Gästezimmer frei geräumt.
Es ist das modernste Zimmer von allen, denn dieser Hausteil wurde erst in den 50er Jahren angebaut.
Omis Buffett steht hier, ein Tisch, Stühle. Auf den Balkon geht man besser nicht.
Als Kinder haben wir hier gerne gespielt, denn in den Seitenschränken hatte Omi unser Spielzeug verräumt.

Vor über fünf Jahren standen Sascha und ich mit Omi hier und sie bat mich, alles mitzunehmen, was ich noch brauchen kann. Immer wieder hatte sie Angst, dass sie, wenn sie ins Pflegeheim ginge, alles abgerissen und entsorgt wird. Erst mit Verschlechterung der Demenz verlor sie diese Angst.

Ihre Angst nahm mich als Enkelin in die Pflicht, sorgsam mit ihrem Hab und Gut umzugehen. Ich fasse alles bewusst an und entscheide, was damit passiert.

Omis Puppenstube ist 80 Jahre alt. Ich versuche mir vorzustellen, wie die kleine Paula überglücklich damit gespielt hat. Sie hat immer wieder erzählt, wie sie sie von ihrem Arzt bekommen hat, als sie so krank war. Als Omi entschied, ins Pflegeheim zu gehen, übergab sie mir ihre Puppenstube und ermahnte mich, sie in Ehren zu halten. Das hab ich getan. Wie könnte ich auch anders?

Leitsätze

In jeder Familie gibt es mehr oder weniger offen deklarierte Leitsätze. In der Familie meiner Mutter war dies: „Wirf nichts weg!“

Ich bin mittlerweile das schwarze Schaf der noch verbleibenden Familie. Ich schmeisse viel weg. Ich hab den Haushalt meiner Mutter aufgelöst und den meiner Omi. Ich bin stolz auf mich.

Von meinen Kindheits-Spielsachen mag ich mich nur schwer trennen. Noch verstehe ich nicht, warum dies so ist. Ich werde ja nie Kinder haben und wohl auch schwerlich mit den Spielsachen spielen. Vielleicht kommt das mit der Zeit, dass ich die Kindheit loslassen kann.

Von Omis Sachen konnte ich mich gut trennen, obwohl gerade sie mir immer wieder und bis fast am Schluss eingebläut hat: Schmeiss nichts weg!

Ich habe mich von all den Zetteln getrennt, die mit ihrer Schrift vollgekritzelt waren. Auf vielen dieser Zettel stand: „Paula, erinnere dich! Du darfst nicht vergessen!“ Ihre legendäre Einkaufstütensammlung ist ebenso im Müll wie all die Bettelbriefe von katholischen Organisationen (ein grosses Fuck you an all jene, die demenzkranke Menschen mit sowas zumüllen!)

Ich trennte mich von Mamis Sachen. Dem Nippes. Von all den hässlichen Figürchen, die sie so geliebt hat und die ihr bis fast am Ende ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben.

Marie Kondos Bücher haben mich auf diesem Weg die letzten paar Jahre begleitet. Vieles verstehe ich nun besser. Das Wegwerfen fiel immer leichter, aber der Weg geht noch weiter. Das Ziel ist doch wohl, wenn man selber stirbt, nicht mehr viel von einem übrig bleibt, nicht wahr?

Die Suche nach einem Grabstein für Omi

Omi Paula ist fünf Monate tot.
Jetzt ist die Zeit da, wo wir uns Gedanken über ihren Grabstein machen.
Ich hatte ehrlich gesagt, keine Vorstellung davon, wie dieser aussehen sollte.
Da Omi aber immer so stolz auf Opas wunderschönen Stein war, fand ich die Vorstellung schön, dass in ihrem ein Stück davon enthalten sein sollte.

Ich wandte mich an die Bildhauerin in unserem Städtli. Ihre Werke waren mir aufgefallen, weil sie schlicht und schön sind. Würde sie uns helfen können?

Als wir in ihrem Atelier sitzen, überkommt mich mit einem Mal eine grosse Traurigkeit.
Omis Tod ist Realität. Wir suchen den Grabstein aus. Sie kommt nie mehr wieder.

Wir besprechen, was möglich ist, darüber, wie Omi war.
Stark war sie, fällt mir ein. Sie hatte einen Willen wie ein Stier.
Und dann muss ich an ihr Herz denken. Ihre Liebe zu mir.

Die Bildhauerin macht uns schliesslich einen Vorschlag, der so wunderbar ist, dass es mich tief berührt. Wieder weine ich.

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Dieses Bild hat Omi sehr geliebt. Es zeigt sie, während sie, ganz die vorbildliche Hausfrau mit Lappen und Grabsteinreiniger, Opas Grabstein putzt. Während sie dies tut, platzt es aus ihr heraus: „Schau mal, der daneben putzt seinen Grabstein auch nie!!“ Noch Jahre später, solange sie sich erinnern konnte, lachte sie schallend über dieses Foto.