Sprache und Trauer

Wisst ihr was?
Es lohnt sich über seine Trauer und seine Gefühle zu sprechen.
Nie habe ich mehr Kontakt zu anderen Menschen gefunden, als in jenen Momenten, als ich über meine Trauer und meine Ängste sprach.

Ich wurde in dem Glauben erzogen, dass es nicht gut ist, über Gefühle zu sprechen. Der Tod meines Bruders? Kein Thema! Der Alkoholismus meiner Mutter? Kein Thema! Der Verlust der Heimat? Kein Thema!

Ich gehorchte. Ich sprach nicht darüber. Aber ich schrieb. Irgendwann ging es nicht mehr anders. Gefühle lassen einen nicht in Frieden. Man kann ihnen nicht entkommen.

Also redete ich.
Es geschah wenig. Aussen. Aber ich fühlte mich besser.
Der Weg der Trauer führt über die Sprache.
Das weiss ich ganz genau.

Handarbeit. Herzarbeit.

In meiner Familie mütterlicherseits wurde Handarbeit seit Generationen gepflegt und gelebt.

Mein Urgrossvater Henri arbeitete in einem Spinnerei-Betrieb im Toggenburg, ebenso wie meine Stief-Urgrossmutter Rosa. Im Estrich zeugen mehrere alte Strickmaschinen vom privaten Interesse meiner Urgrosseltern an diesem Handwerk. Gewisse alte Schränke sind voll mit Stoffen und Fäden. Nadeln, Borten, Spitzen, alles ist im Haus meiner Familie zu finden.

Auch mein Grossvater Walter arbeitete in der Textilbranche. Von ihm habe ich jede Menge technischer Bücher über Webmaschinen und Schnittmuster vererbt bekommen.

Meine Oma Paula war und ist nicht besonders handwerklich begabt. Nein, sie mochte nie Handarbeiten. Ihre Qualitäten lagen in der Kommunikation und der Herzlichkeit ihres Wesens.

Wenn ich an meine Mutter denke, so sehe ich sie auf ihrem Sofa sitzend, umgeben von Wollknäueln, Nadeln und Mustern. Sie liebte es zu häkeln. Riesige Decken aus Wollresten hat sie angefertigt und verschenkt, eine jede ein Kunstwerk mit viel von ihr gemacht.

Ich muss daran denken, was sie alles ausprobiert hat. Sie konnte Kleider nähen, Patchwork, Socken und Pullover stricken, Deckchen häkeln. Sie war so geschickt. Sie liebte Farben über alles.

Als meine Mutter im Spital und später im Pflegeheim lag, strickte sie Babysocken. Sie konnte nicht damit aufhören. Sie hatte vor über dreissig Jahren damit angefangen. Das Muster konnte sie längst ohne Vorlage stricken. Sie sass in ihrem Bett und schaute auf ihre Arbeit. Dann sagte sie:

„Zora, wann strick ich für dich Babysocken? Wann kriegst du ein Kind? Wann machst du mich zur Grossmutter?“

Was hätte ich sagen sollen? Nie? Mutter, du stirbst?

Ich schwieg.

Vor ein paar Tagen räumte ich mein Nähzimmer auf. In einer Kiste stiess ich auf die hellblauen Babysocken. Sie sind noch immer nicht vollendet Ich musste mich setzen. Sieben Jahre ist sie tot. Ich weine.

Vatergespräche

Ich hänge sehr an meinem Vater. Schliesslich habe ich ja nur noch ihn und meine Oma. Umso wichtiger sind mir unsere Gespräche.

Seit er pensioniert ist, sehe ich noch weniger als vorher. Denn früher konnte ich einfach an seinem Arbeitsplatz vorbei, ihm zusehen bei der Arbeit und kurz reden. Heute geht das nicht mehr, weil er dauernd unterwegs ist.

Als Kind tat ich alles, um ihn zu erheitern, denn im Gegensatz zu meiner Mutter war er eher ein stiller Mensch. Ich hatte oft das Gefühl, noch besser werden zu müssen, um ihm Freude zu bereiten. Schliesslich hatte er meinen Bruder verloren und männliche Nachkommen sind offenbar was besonderes.

Obwohl ich mit einer Hüftdysplasie zur Welt gekommen bin und als Kind operiert wurde, habe ich angefangen, Sport zu treiben. Ich wollte, dass er richtig stolz auf mich ist und seinen Kummer vergisst. Ich war in der Schule gut, weil ich keine Schande bereiten wollte. Auch rumgeknutscht habe ich nie. Naja.

Erst in der Sache mit dem Haus sind mein Vater und ich nicht einer Meinung. Er mag es nicht und ich liebe es. Zum ersten Mal stelle ich mich ihm entgegen. Nun könnte man sagen: Frau, du bist 36 Jahre alt. Werd mal erwachsen.

Es ist eine emotionale Sache. Anders kann ich es mir nicht erklären. Umso mehr freut es mich, dass mein Vater mir angeboten hat, mich beim Mähen der Wiese und des Rasens zu beraten. Aufgrund seines beruflichen Hintergrunds hilft er mir nun, ein passendes Gerät zu kaufen. Schliesslich sind die Wiesen abschüssig. Mit einem normalen Rasenmäher würde ich Probleme haben.

So bin ich dankbar für seine Hilfe und die sorgsam darin verpackte väterliche Sorge um mich.

 

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Vom Sterben auf eigene Kosten

Gibt es ein Recht auf den selbstbestimmten Tod?

Ich war schon als Kind irritiert von dem Gedanken, dass sich jemand einfach umbringt. Eine Schulfreundin von mir fand ihren Vater tot vor. Ich empfand dies als furchtbar gemein.

Jahre später brachte sich mein Kindergartenschatz um. Er wurde von einem Zug überrollt. Ich habe es nie verstanden. Es war für mich ganz und gar undenkbar, dass er, ausgerechnet er, sich so tötet.

Bis dahin empfand ich Suizid einfach als eigene Entscheidung. Niemand oder nur wenige waren in meinen Augen davon betroffen. Ich machte mir wenig Gedanken darüber.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember 2006 wurde ich Zeugin eines Suizids. Während ich an der Seite meines damaligen Freundes und seiner Tochter über den Seedamm fuhr, stürzte sich vor meinen Augen ein Unbekannter von der Brücke in den See.

Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich fühlte. Ich wurde ganz kalt. Mir war klar, dass jede Hilfe zu spät kommen würde. Wir riefen die Polizei an. Ich musste den Mann beschreiben und später nochmals an die Stelle gehen, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte.

Sie suchten mit Booten nach ihm. Das Licht der Lampen liess Fische springen. Es war ein ganz seltsames Schauspiel in jener kalten Nacht. Die Fische sprangen munter herum, während irgendwo der Leichnam eines Mannes im Wasser trieb. Der Wind peitschte mir ins Gesicht. Den Rest der Nacht konnte ich nicht mehr schlafen. Auch später konnte ich nur noch mit Mühe in jenen Teil des Zürichsees springen. Der Gedanke an die Leiche, die nirgends mehr auftauchte, liess mich nicht los.

Es machte mich wütend, dass ich, ausgerechnet ich, Zeugin wurde. Ich wollte das nicht. Es hat mich nicht traumatisiert, denn ich musste seinen Körper ja nicht aus dem Wasser ziehen und anschauen. Dennoch fand ich es ungerecht.

Als meine Mutter fast ein Jahr später starb, war ich dankbar, dass sie keine Hilfe zum Sterben beanspruchte. Der Gedanke, dass meine Mutter mithilfe eines Medis in einem Auto auf einem verlassenen Parkplatz hätte sterben wollen, wäre unerträglich gewesen. Ich war dankbar für die Art und Weise wie sie starb.

Der Tod eines guten Freundes berührte mich. Er hatte sich ebenfalls umgebracht. Ich blieb mit lauter Fragen zurück. Ich versuche zu verdrängen, dass er nicht mehr da ist, denn sonst würde es mich verrückt machen. Ich versuche an die schönen Zeiten zu denken und wie sehr ich sein Lachen und seine lieben Augen gemocht habe.

Zum Thema Sterbehilfe stehe ich nach wie vor offen. Ich finde, es ist eine Entscheidung, die jeder selber trifft und treffen muss. Dennoch wünsche ich mir Bedingungen für Menschen, seien es schmerzlindernde Medikamente am Ende eines Lebens, eine gute Betreuung im Alter und Unterstützung im Umfeld. All dies kann man nicht gesetzlich regeln. Es liegt uns allen, dass wir mit offenen Augen und Herzen durchs Leben gehen.

Unruhe und Wut

Heute ging ich das Grab meiner Mutter bepflanzen. Es ist eigentlich eine sinnlose Sache, denn sie hat sich nie eines gewünscht. Ihre Asche hätte ich irgendwo auskippen sollen, Ich habs nicht gemacht.

Sie mochte Farben über alles. Je bunter, je wilder, desto besser. Ihr Grab soll auch so aussehen. Lebensfroh. Keine Traurigkeit, dass sie nicht mehr da ist. Dankbarkeit, dass sie mich geboren hat und da war.

Das fällt mir schwer.
Auf dem Friedhof steht ein Verkaufsregal. Rosen. Herzen. Muttertag. Ja, mein Gott. Was soll ich denn jetzt noch so was für sie kaufen? Sie sieht es ja nicht.

Ich räume das Grab ab. Dabei fallen mir drei rote Rosen aus Plastik auf. Die waren im Herbst noch nicht da. Ich dachte, ich wäre die Einzige, die noch ihr Grab aufsucht. Oma kann schon lange nicht mehr hingehen und sie wüsste nicht einmal mehr, wer unter dem Stein begraben liegt.

Da der Friedhof nur zwei Minuten vom Haus weg ist, beschliesse ich, noch vorbei zu fahren. Von der Hauptstrasse aus kann man das Haus kurz sehen. Das Gartentor steht offen. Also halte ich an und gehe den Weg herunter.

Der Weg ist verwachsen. Die Wiese blüht. Das Gras steht hoch. Ich laufe um das Haus herum. Mit einem Mal stehe ich kurz vor einem Tränenausbruch.

Ich sollte jetzt hier leben. Ich sollte jetzt die Wiese mähen, den Garten bepflanzen. Alles spriesst. Unter dem Dach haben sich Spatzen eingenistet. Ich kann ihre Brut hören. Mir scheint, als zieht schon wieder alles an mir vorüber. Die Warterei zehrt an meinen Nerven. Ich hatte so sehr gehofft, dass ich bereits im Mai den Kaufvertrag unterschreiben kann. Doch wieder muss ich warten. Es wird nicht vor dem Herbst der Fall sein.

Im Herbst das Haus zu räumen, ist Irrsinn. Es wird zu kalt sein. Wir werden es nicht schaffen, die Küche zu renovieren vor dem Winter. Ohne anständige Küche werden wir erst im nächsten Frühling einziehen können. Ich bin wütend.

Das Haus lassen meine Tränen kalt. 175 Jahre lang steht es schon hier. Ein Jahr mehr oder weniger leer leben, macht ihm wohl nichts aus. Mir schon. Ich habe Träume. Wünsche. Ich will endlich dort leben.

In einem Anfall von Wut jäte ich den verwachsenen Weg. Dann geht es mir wieder besser.

Weiher, Wurzeln und Grosseltern

Meine Oma Paula wuchs am Wiler Weiher auf. Sie lebte bis Jahre nach ihrer Heirat mit meinem Opa bei ihren Eltern. Paula brachte meine Mutter im eigenen Elternhaus zur Welt. Das war 1951.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, gingen wir oft gemeinsam an den Weiher. Wir fütterten die Enten und die Goldfische und Oma gab mir fein geschnittenes trockenes Brot in die Hand. Immer hatte sie Angst, dass ich ins Wasser fallen und ertrinken könnte. Immer fürchtete sie, jemand könnte etwas sagen, weil so viel trockenes Brot wegschmiss.

Ich liebte es, die Vögel zu füttern. Meine Oma Paula erzählte mir beim Gang um den Weiher, wie meine Mutter hochschwanger mit mir im Bauch drin ebenfalls darum herum gelaufen ist. Ein schönes Gefühl und vor meinem geistigen Auge konnte ich es sogar sehen.

Oma beschrieb mir, wie sie mit ihren Eltern in dem alten Haus, dem Bädli, gelebt hatten. Sie zeigte mir Bilder, wo meine Uroma Berta auf einer Bank vor dem Haus sitzt, freundlich lächelt und strickt.

Für meine Mutter war die Zeit bei den Urgrosseltern wohl die schönste ihres Lebens. Auch sie liebte ihre Oma so sehr, wie ich die meine. Da meine Oma voll berufstätig war, ebenso wie mein Opa, denn damals konnte man sich gar nichts anderes leisten, wuchs meine Mutter bei Berta und Johann auf.

Auch meine Urgrosseltern grossmütterlicherseits hatten erst spät Kinder gekriegt. Meine Uroma muss gegen die 45 gewesen sein, als sie ihre jüngsten Söhne geboren hatte. Als meine Mutter zur Welt kam, waren beide schon gegen die 70 Jahre alt. Ich hingegen hatte eine 49jährige Oma, als ich geboren wurde. Ein wahrer Luxus!

Meine Grosseltern mussten schliesslich ausziehen, weil mein Opa Walter eine neue Stelle im Toggenburg antrat. Pendeln kam wohl nicht in Frage. Paula erzählte mir, dass es ihr das Herz zerrissen hat, als sie ihre Mutter verlassen musste. Auch für meine Mutter war es einzige Katastrophe, denn sie verlor so die Nähe derjenigen Menschen, die sie bedingungslos geliebt hatten.

Auch in meiner Geschichte gab es einen ähnlichen Bruch. Als ich acht Jahre alt war, zogen meine Eltern in ein Dorf im hintersten Thurgau. Die Verkehrsverbindungen waren sehr schlecht und ich sah meine Oma nur noch alle 14 Tage. Noch viel schlimmer war es für mich, alle meine Freunde zu verlieren, in einem Alter, in dem man Freunde so dringend braucht. Am neuen Wohnort gewöhnte ich mich nur schwer ein. Mir fehlten unser altes Haus, meine Schaukel, die nur mir gehörte, und mein Bach mit dem Tintenfischbaum.

Als ich als erwachsene Frau aus jenem Dorfe weg zog, war ich nicht traurig. Im Gegenteil. Ich fühlte mich wie ein Vogel, dem die gestutzten Federn nachgewachsen sind.

Das Ring-Ding

Als ich am Dienstag bei Paula war, fiel mir einmal mehr ihr goldener, irgendwie zeitloser Ehering auf. Sie trägt das gleiche Ding wie einst meine Mutter, obwohl Paula 1951, im dritten Monat schwanger und definitiv nicht mehr jungfräulich, und meine Mutter, Blumenkind, 1974 geheiratet haben.

Ich kann mich sehr wohl daran erinnern, dass Oma und meine Mutter ihre Eheringe immer getragen haben. Aber mein Vater und mein Opa trugen sie nicht. Nein. Mein Vater arbeitete in einem Beruf, wo der Ring hätte zerstört werden oder noch schlimmer, er einen Finger hätte verlieren können. Auch mein Opa war nicht der typische Ehering-Mann. Ich denke, dass in den 50ern ein Ring nur gestört hätte. Es wundert mich ohnehin, dass er, der Musiker, überhaupt geheiratet hat.

Seltsamerweise rühren mich Ehering tragende Männer, vielleicht, weil sie in meinem eigenen Leben nicht vorkommen. Es ist mir ein Graus, mir vorzustellen, dass ich einen Ehering am Finger kleben habe und mein Mann ebenso.

Früher ging man in der Kirche den Bund fürs Leben ein. Meine Urgrosseltern, meine Grosseltern und meine Eltern tatens. Ich weiss nicht, wie glücklich sie dabei waren. Eine Ehe ist doch viel mehr eine Schicksalsgemeinschaft, denn eine Liebessache. Leidenschaft verpufft. Sex noch schneller.

Als ich heiraten wollte, da hab ich über eine flammenförmige Tätowierung am Handgelenk nachgedacht. Aber irgendwie fand ich das dann doch zu prosaisch und habs gelassen. Auch das Heiraten. Die Vorstellung, einst als unverheiratetes Fräulein Debrunner unter einem Grabstein zu liegen, ist reizvoll. Mal sehen.

Geburtstag und feiern

Ich wäre furchtbar gerne an die Republica nach Berlin gereist. Als ich mir das Datum aber genauer angesehen hatte, war klar, dass ich nicht hinfahre. Paulas Geburtstag am 6. Mai ist einer der festen Grössen im Jahr. Heute wird sie 86 und ich freute mich darauf, sie zu besuchen. Schliesslich weiss ich nie, wann es ihr letzter Geburtstag ist.

Das Pflegeheim fragte vor vier Wochen nach, ob wir mit Paula das Mittagessen einnehmen wollten. Natürlich wollten wir das. Mittagessen in Restaurants gestalten sich nämlich mittlerweile schwierig, weil Paula nicht mehr so viel essen mag.

Die Menüs im Pflegeheim sind denn auch schön hergerichtet, mit frischem Gemüse und in kleinen Portionen serviert. Paula kann so ihren Teller ohne Mühe leer essen. Sie hasst es nämlich, wenn etwas übrig bleibt. Diese Angewohnheit hat sie, seit ich sie kenne und stammt wohl aus Kriegszeiten.

Sie freut sich, dass wir da sind und wir umarmen uns. Paula zeigt ihre Geschenke, Blumen, weiss allerdings nicht mehr genau, von wem sie diese geschenkt bekommen hat.

Paula wünschte sich Kartoffelstock, Bohnen und Hackbraten und zum Dessert Früchtesalat mit Vanilleglacé. Das liebevoll, extra für uns gekochte Menü schmeckt wunderbar.

Beim Kaffee schliesslich reden wir über alte Zeiten und ich bemerke sehr rasch, dass mich Paula heute mal wieder für ihre Schwester Hadj hält. Paula erzählt mir von den „kleinen Brüdern“ und wie frech sie sind. Als sie nach dem Verbleib dieser fragt, antworte ich, dass sie tot sind. Paula sieht betroffen aus. Dann will sie wissen, was mit der Mamme sei. Was soll ich Paula sagen? Ja. Es geht ihr gut?

Stattdessen antworte ich damit, dass Paulas Mamme tot ist. Paula findet, das kann sie nicht glauben, ob es denn letzthin passiert sei. Ich schüttle den Kopf und sage: „Nein, es war vor über fünfzig Jahren.“

Ich fühle mich etwas mies, denn am Geburtstag redet man ja eigentlich von den schönen Dingen im Leben. Doch dann denke ich, dass Trauer um die Mutter am eigenen Geburtstag eine normale Sache ist. Schliesslich empfinde auch ich den „Freudentag“ als emotional, weil meine Mutter eben nicht mehr lebt.

Doch schon zehn Minuten später hat Paula unser Gespräch vergessen und fragt mich erneut nach der Mamme. Wieder macht sie dasselbe, leicht erschrockene Gesicht. Als sie mich nach dem Vater fragt, muss ich ihr erneut sagen, dass auch dieser nicht mehr lebt.

Schliesslich fragt sie mich nach ihrer Schwester Bibi. Nun kann ich ihr endlich eine positive Auskunft geben. Bibi ist zwar bald 90, lebt aber noch und zwar in einem Pflegeheim ein paar Dörfer weiter. Paula ist nun nicht mehr zu bremsen. Sie findet es doof, dass Bibi nicht zu ihr zieht.

Als ich sie frage, ob sie wirklich will, dass ihre ältere Schwester immer in der Nähe ist und alles kommentieren kann, was sie tut, schüttelte sie lachend den Kopf.
„Nein!“, ruft sie, „ich hatte schon immer meinen eigenen Grind!“

Eine Geburt unter Freunden

Meine Geburt war für meine Mutter eine Geduldsprobe. Geplant hatten meine Eltern mich für den 7.7.1977. Aber irgendwie hat das nicht geklappt. Im heissen Sommer 77 liess ich meine Mutter vier Tage lang warten. Das hat sie mir bis zu ihrem Ende nicht verziehen.

Mein Vater erzählte mir, dass sie wahrscheinlich Angst hatte vor ihrer ersten Geburt. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde, da sie ein Einzelkind war. Nie hatte sie meine Oma Paula schwanger gesehen.

Für meinen lieben Vater war meine Geburt nicht minder aufregend. Er erzählte mir auch später immer wieder, dass er mich, kaum aus dem Mutterleib gezogen, auf die Arme genommen hatte.

„Du sahst aus! Voller Blut! So klein“, pflegte er zu sagen und ich hörte ihm gerne zu.

„Ich durfte deine Nabelschnur durchtrennen“, sagte er stolz und ich dachte, dass das Vater und Tochter aneinander bindet.

Wie meine Mutter ihr Wochenbett durchlebte, weiss ich leider nicht. Sie hat nie darüber gesprochen. Ich weiss aber, dass mein Vater alle Hände voll damit zu tun hatte, damit Paula, meine Oma, mich nicht heimlich katholisch taufen liess. Dies spielte offenbar in den späten 70er Jahren in der Ostschweiz noch eine riesige Rolle.

Mein Vater arbeitete auf dem Bau. Er war Baggerfahrer, hat mitgeholfen, die N1 zu bauen. Die Geburt seiner Tochter war für ihn ein Grund zum Feiern. Nachdem ich am 11. Juli 1977 um halb drei Uhr morgens auf die Welt gekommen war, ging er trotzdem zur Arbeit. Am Nachmittag lud er seine Arbeitskollegen zu einem Bier ein.

Sein Chef, Herr Z., ein Patron alter Schule, kam zufälligerweise an der Baustelle vorbei. Es entging ihm nicht, dass die Arbeiter nicht mehr an ihrem Platz waren und so marschierte er in den nächsten Spunten. Dort sassen mein Vater und seine Kollegen bei einem Bier und feierten meine Geburt.

Herr Z. wollte wissen, warum sie am helllichten Tage nicht mehr arbeiten, sondern trinken. Nachdem mein Vater erklärt hatte: „Ich bin seit heute morgen früh der Vater einer Tochter!“, lächelte Herr Z. Er bestand darauf, diese Runde zu zahlen.

Einige wenige Jahre später starb Herr Z. unverhofft. Die Trauer meines Vater war riesig. Es schien mir, als hätten wir alle einen Vater verloren. Mein Vater kündigte seine Stelle und wir zogen weiter.

Geburtstagsvorbereitungen

Am Dienstag wird Paula also 86 Jahre alt. Seit Paulas Demenz zugenommen hat, tue ich mich schwer mit Geschenken, ganz egal ob zu Ostern, Weihnachten oder zum Geburtstag.

Als Kind bastelte ich ihr Geschenke, später haben wir an ihrem Geburtstag Ausflüge gemacht. wir sind mit dem Zug gefahren, als Paula nicht mehr so gut laufen konnte, fuhren mit dem Auto. Hauptsache, wir beide waren zusammen.

Unser Radius wurde immer kleiner. Ich habs anfangs nicht wahrhaben wollen. Ich konnte mit Paula keine langen Märsche mehr unternehmen. Sie hatte zwar nach wie vor grossen Spass an Ausflügen, doch ihre Kraft nahm langsam ab.

Schliesslich vergass sie ihren Geburtstag und auch meinen. Ich bemerke im Nachhinein, dass ich anfangs versucht hatte, eine Erklärung zu finden, die nicht allzu hart für mich war. Indes, es gab keine.

Ich zwang mich in den letzten Jahren bei ihr vorbeizugehen, im Wissen, dass wir einfach eine Stunde beieinandersitzen würden. Ich brachte ihr Kuchen mit oder Canapées. Einmal habe ich mein Laptop mitgenommen und mit ihr einen Film geschaut, den ich eigentlich im Kino mit ihr hatte sehen wollen.

Am Dienstag wird das anders sein. Wir sind im Pflegeheim zum Essen eingeladen. Ich werde frühmorgens arbeiten und dann mit Sascha ins Toggenburg fahren. Ich weiss nicht, ob ich mich freuen soll. An Weihnachten war das Essen zwar super, aber es hat mir wehgetan, dass Paula nicht mehr so essen konnte wie früher.

Im letzten Jahr sind wir zum Haus gefahren, doch das traue ich mir so nicht mehr zu. Meine Angst, dass sie stürzen und sich wieder etwas brechen könnte, ist riesig. Ich weiss genau, dass ein Knochenbruch in ihrem Alter sehr gefährlich sein kann.

Ich habe für Paula ein Geschenk gefunden, von dem ich hoffe, dass sie daran Freude hat. Es ist nämlich so, dass Paula vor sieben Jahren mit mir zum Bijoutier ging und ich mir eine Silberkette mit Anhänger aussuchen durfte. Sie sagte, ich solle mich immer an die schönen Zeiten mit ihr erinnern, wenn ich diese Kette trage. Nun habe ich ihr ebenfalls eine Kette gekauft. Ich hoffe, sie gefällt ihr. Die Illusion, dass sie sich an mich erinnert, habe ich heute nicht mehr.