Der letzte Monat

Getäfert waren die Wände des Pflegeheims, in dem meine Mutter lag. Es war September, neblig und sonnig zugleich. Ihr Bett stand an der Wand. Auf der Matratze lag eine selbstgehäkelte Decke. Auf ihrem Nachttischli stand eine kleine Flasche Grapillon Traubensaft.

Ich kaufte ihr einen CD-Player mit Radio, damit sie die Musikwelle hören konnte. Sie liebte diesen Sender in ihren letzten Monaten, als ihr das Fernsehen längst nichts mehr bedeutete. Oft sassen wir gemeinsam auf ihrem Bett. Wir schauten Zeitschriften an. Schwiegen.

Manchmal stritt sie mit mir über meine Kleidung. Sie hasste schwarz.
Vielleicht ist dies vielen Sterbenden gemeinsam. Sie liebte Farben. Von ihr aus hätte ich auch in knallgelb trauern können.

Ich wusste, dass uns die Zeit davon lief. Ich wollte jeden Moment mit ihr geniessen. Sie umarmen. Nie mehr loslassen.

Das Wissen, dass ein geliebter Mensch, die Mutter stirbt, schmerzt ungemein. Ich war dauernd nahe am Weinen, ohne es endlich tun zu können. Die abgrundtiefe Trauer riss mich erst mit, als sie tot war. Selbst da brauchte ich Zeit, bis ich endlich wieder weinen konnte.

Nicht mein Sohn

Jedes Jahr holen mich die Gedanken und Erinnerungen an meinen kleinen Bruder Sven von neuem ein. Manchmal ging es mir wirklich schlecht damit. Ich bin von einer tiefen Trauer überflutet und weiss doch ganz genau, dass es nicht meine Trauer sein kann. Als er geboren wurde und drei Tage später starb, war ich gerade mal zwei Jahre alt. Trotzdem kann ich mich an viele Dinge erinnern.

Meine Mutter war so glücklich. Ich erinnere mich voller Zärtlichkeit an den Moment, als ich meinen Kopf an ihren Bauch halten durfte. Sie trug eine geblümte Hippie-Bluse. Ihr Haar war kinnlang geschnitten. Ihre Hände waren weich und sie streichelte meinen Kopf. Auf dem Tisch vor uns standen grüne Gläser.

Dann erinnere ich mich, dass plötzlich, mitten in der Nacht, mein Vater verschwand und meine Omi in unserer Wohnung auftauchte. Sie weinte. Ich erinnere mich an verzweifelte Umarmungen und viele Tränen. Weitere Tage später ist meine Mutter wieder da. Sie kommt alleine, ihr Bauch ist leer und mein Bruder verschwunden. Sie weint. Ich finde sie auf dem Klo, wohin sie sich zurückgezogen hat, um hemmungslos zu weinen. Die Kacheln sind dunkelgrün.

Immer wieder weint sie. Einmal bemerke ich, wie ihr beim Abwaschen ein Glas zerbricht. Sie schneidet sich. Das Wasser färbt sich rot.

Ich wollte nie Kinder. Heute weiss ich wohl, warum das so ist. Für mich bedeutet in meiner Erinnerung Schwangerschaft nicht etwa Glückseligkeit, sondern letztendlich nur Verderben und Tod. Meine Mutter leiden zu sehen, hat mich geprägt. Ich mag nicht leiden. Meine Angst, ein Kind zu verlieren und daran zugrunde zu gehen, war und ist gross. Ich mag mich selber nicht verlieren.

Heute weine ich nicht um meine Mutter und meinen Bruder. Ich mag nicht mehr trauern um ein Kind, das nie meines war. Ich bin betroffen, wie dieser Teil meiner Kindheit verlief. Ich frage mich heute, wie ich all das überlebt habe. Antworten gibt es viele.

Trauriger September

Die Schwermut überholt mich jedes Jahr in dieser Zeit, selbst wenn ich mir vornehme, glücklich zu sein und an nichts zu denken. Es scheint in meinen Genen zu liegen, diese Traurigkeit im September.

Bald 38 Jahre ist es her seit seiner Geburt. In meinen Augenwinkeln sehe ich meine glückliche Mutter. Sie strahlt und hält ihren prallen Bauch. Immer wieder ist es dieses Bild, das ich vor Augen hab. Sie ist glücklich. Sie erwartet ihr zweites Kind. Sie ist 28 Jahre alt. Ich bin nicht mehr alleine. Ein Geschwister.

Doch der Traum zerbricht. Sie verschwindet im Spital und kommt als komplett veränderter Mensch zurück. Sie ist noch immer meine Mutter. Doch etwas und alles in ihr ist zerbrochen. Nie mehr wird sie die gleiche sein wie vorher. Alles, was vorher war, ist mit einem Mal weg. So als wäre sie tot.

An ihrer Seite ist mein Bruder nicht. Er liegt in einem kleinen weissen Sarg, gleich einer Schuhschachtel und verschwindet alsdann in jenem Grab, das bald von einem seltsamen Nadelgehölze überragt wird. Ich sehe ihn niemals lebend. Es scheint, als wäre allein das Wissen, dass er gelebt hat, ohne dass ich mich jemals von seinem Dasein überzeugen konnte, verwirrend.

Mein bruderloses Leben dauert weitere zwei Jahre, in denen ich meine Mutter als vollends traurigen Menschen erlebe. Wie hat sie es nur geschafft, all das zu überleben? Und wie schaffte ich es?

Ihr 65ster Geburtstag

Gestern war Mamis 65ster Geburtstag.

Noch bis vor einigen Jahren haben Omi und ich immer Mamis Geburtstag gefeiert. 2011 wäre Mami 60 Jahre alt geworden und Omi konnte es kaum glauben, dass das schon so lange her ist. Zu dem Zeitpunkt verwechselte sie meinen und „Urselis“ Vornamen häufig. Ich akzeptierte es, auch wenn es mir weh tat, diesen Namen zu hören.

Omi hat Mami oft zum Geburtstag lange Briefe geschrieben. Omi war in ihrer Korrespondenz sehr geradlinig und wertschätzend. Immer wieder schrieb sie ihr, wie sehr sie ihr einziges Kind liebt. Ich freute mich immer für Mami, dass sie solche Briefe erhielt.

Heute fuhr ich nach dem Einkaufen bei Omi vorbei. Sie lebt zwei Dörfer weiter im Pflegeheim. Es ist immer etwas schwierig, sie wach zu erwischen. Nach dem Frühstück verbringt sie den Morgen immer im Aufenthaltsraum in einem Sessel, wo sie die Füsse hochlagern kann. Auch heute thront sie in diesem Sessel, in ihrem Arm einen riesigen Plüschhund, den sie festhält.

Ich setze mich zu ihr hin und berühre sanft ihre Hand. Sie öffnet die Augen und lächelt mich verschlafen an.
„Du bist da. Ich hab gerade geschlafen. Und jetzt bist du da.“
Ich streichle ihre Hand und sie hält sie fest.
Wir reden ein wenig.
Sie fragt mich, wie es mir geht. Ich erzähle es. Ich würde gerne darüber reden, dass sie vor 65 Jahren meine Mutter zur Welt gebracht hat, aber ich lasse es, denn es würde Omi nur verstören und traurig machen.
Dann frage ich sie, wie es ihr geht.
Sie seufzt.
Omi Paula spricht von ihrer Schwester, die nicht mehr lebt und die mit ihren Söhnen vorbei gekommen ist. Sie redet, sucht Wörter, dann Buchstaben. Die Sätze machen keinen Sinn, aber sie redet wie früher.

Omis Hände

Dann verabschiede ich mich, denn ich bemerke, wie müde sie ist. Wir umarmen uns.
Zuhause gehe ich in den Garten, pflege die Rosen und denke an Omi und Mami. Die alten Rosen blühen noch immer.

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Vom Verlust und der Liebe

Am 2. September würde meine Mutter 65 Jahre alt werden. Ich kann es mir nicht vorstellen. Egal, wie lange ich darüber nachdenke, es stellt sich kein Bild meiner gealterten Mutter ein.

Wenn ich über sie nachdenke, sehe ich sie immer als junge Frau. Manchmal sogar als Teenager oder Kind. Im Haus gibt es so viele Bilder von ihr. Sie war wunderschön. Sie war eine grosse, schlanke Frau mit dunklem Haar und einer seltsam olivfarbenen Haut. In ihren 40ern war sie etwas fülliger geworden. Dann, mit 50 magerte sie ab. Sie wirkte ausgezerrt.

Am Ende ihres Lebens, nach all den Jahren des Leidens und des Erstickens von tiefen Emotionen mit Hilfe von Alkohol, war sie wieder wunderschön. Ihr Sterben war schwer. Doch der Tod hat was friedliches. Die Begegnung und die Auseinandersetzung mit ihrem Sterben hat mich sehr geprägt und die Sicht auf das Leben völlig verändert.

Als meine Mutter vor neun Jahren im Sterben lag, war mir alles schwer. Ich wusste nicht mehr, wie ich einen Schritt vor den anderen setzen sollte. Und doch war das Leben intensiv wie nie. Ich schätzte plötzlich Dinge, die ich vorher gar nicht erkannt hatte. Ich freute mich über Begegnungen, die mir Kraft gaben. Das waren insbesondere Gespräche mit Menschen, die ebenfalls Angehörige verloren hatten. Das Feingefühl, das Verständnis und vor allem die wortlose Übereinstimmung, was Verlust angeht, haben mich beeindruckt und tief berührt.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Sie fehlt mir so. Ich wünschte, sie würde noch leben und wir würden uns hin und wieder treffen und gemeinsam ein Glas Wein trinken. Ich würde so gerne mit ihr über die Liebe und den Verlust sprechen. Ich würde sie so gerne besser verstehen. Jetzt, mit fast 40 Jahren, ist sie mir in ihrem Sein näher denn je. Wir sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Wir sind Alpha und Omega. Feuer und Wasser.
Mir fehlen ihre Umarmungen und ihre sanfte Stimme.

mami und ich

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Sommermelancholie

Heute morgen arbeitete ich einige Stunden im Garten. Die Umgebung im Schuss zu halten, kostet Zeit, macht mir aber riesigen Spass. Ich verliere langsam den Ekel vor all den Insekten und Achtbeinern, die hier überall herumkriechen. Im Garten unterwegs zu sein, schafft Raum fürs Nachdenken. Das merke ich immer wieder.

Ich jätete heute das Beet beim Gartentor. Es war nicht voller Unkraut, aber doch so sehr, dass es sich lohnte, mit der Harke durchzugehen. Dann jätete ich das Tomatenbeet. Es steht dort, wo Omi schon vor dreissig Jahren bereits Tomaten geerntet hat. Ich entfernte eine Himbeerstaude, da ich unter all dem Zeugs einen wunderschönen, fruchttragenden Brombeerenstrauch entdeckt hatte. Den wollte ich frei legen. Beim Boden lockern entdeckte ich erneut Müll, den Omi hier „kompostiert“ hat: Brekkies-Aluminiumdeckel, verrottete Plastikstücke, Medikamentenblister.

Obwohl Omi Paula bald vier Jahre nicht mehr hier im Haus lebt, sind ihre Spuren noch deutlich. Erst kürzlich haben wir den Weichspüler aufgetrieben, den sie immer benützt hat. Jetzt riecht die Wäsche wieder so, als wäre sie erst gerade am Waschen gewesen.

Vor vier Jahren waren wir auf der Suche nach einem Heim für Omi Paula. Es scheint mir, als wäre es gestern und vor hundert Jahren gewesen. So viel ist seither geschehen. Manchmal, gerade wenn ich sehr glücklich bin, bedauere ich, dass Omi nicht mehr den Kontakt zu den tollen Menschen hier im Städtli gesucht hat. Sie hätte mit ihrer fröhlichen Art so gut hineingepasst.

Aber dann denke ich: genau das bringt die Demenz mit sich. Ein Mensch vereinsamt. Die Gedächtnislücken machen Angst und sorgen dafür, dass er oder sie sich nicht mehr unter Leute traut, weil man sich so sehr schämt und die Welt nicht mehr versteht. Der Umgang mit Demenz ist eine Aufgabe, die uns alle angeht, gerade in einer Gemeinschaft. Es scheint mir sehr wichtig, Menschen, die eine beginnende Demenz haben, nicht fallen zu lassen, sondern für sie da zu sein, sei es mit Einkaufen, gemeinsamem Kaffeetrinken oder ganz einfach Zuhören.

Diese eine letzte Nacht

Sie hatte es wieder getan.
Sie wollte wieder einmal nicht mehr leben. Dabei war es noch nicht mal September.
Der Auslöser für ihren Entscheid war schnell gefunden.
Es gab tausend Gründe: sie wollte nicht mehr leben.
Sie hatte Tabletten genommen. Ich weiss nicht mal welche.
Es ging ihr himmeltraurig. Sie weinte. Sie schrie. Sie kotzte.

Ich versteckte mich mit meiner kleinen Schwester unter der Bettdecke.
Hielt ihr die Ohren zu.
Meine Schwester sollte ihre Schreie nicht hören. Aber wir wussten beide, es ging um alles.
Ohne Mutter würden wir hier nicht mehr länger leben können.

Der Arzt kam. Kümmerte sich um unsere Mutter.
Die Tränen. Ihre Stimme. Ihre Verzweiflung.

Ich wusste, irgendwann würde es so nicht mehr weiter gehen. Ich war vielleicht zwölf Jahre alt.

Irgendwann kriegt man ein Gefühl für die Gefühle anderer Menschen. Man spürt genau, wie weit man gehen kann und wo man helfen muss. Als Erwachsener lernt man das in einer Ausbildung. Ich hab das schon als Kind gekonnt.

20 Jahre nach dieser Episode sitze ich an ihrem Sterbebett. Ich bin erstaunt, dass sie es so weit geschafft hat. Dass sie noch immer lebt und an ihrem Leben so festhält, obwohl sie es doch jahrelang riskiert hat. Ich sitze da und weiss ganz sicher, dass sie gehen wird. Diese Klarheit ist seh viel klarer als in meinen Kindertagen, denn ich sehe ich ihre Gesichtsfarbe, messe ihren Puls und achte auf ihre Atmung.

Als meine Mutter stirbt, bin ich traurig. Aber ich bin auch erleichtert, dass diese Angst nach fast 30 Jahren ihr Ende gefunden hat.

Omi besuchen

Ich habe lange nichts mehr von Omi geschrieben. Das hat aber weniger damit zu tun, dass ich sie nicht sehe, sondern dass es nichts zu erzählen gibt. Zumindest dachte ich das.

Omi schläft viel. Als wir sie das vorletzte Mal besuchen gingen, schlief sie tief und fest.
Sie wirkt zufrieden. Sie liegt auf ihrem Entspannungssessel, derweil der Fernseher läuft. Im Raum dösen noch mehr Menschen. Es herrscht eine friedliche Stimmung im Ruheraum zwischen diesen sehr alten Menschen. Manchmal denke ich daran, was haben sie alles noch zu erzählen haben.
Was habt ihr alles erlebt?
Welche Geschichten werden irgendwann mit euch gemeinsam für immer einschlafen?

Wenn Omi wach ist, reden wir. Sie thront in ihrem Ruhesessel, die Füsse hochgelagert, wie eine sehr alte Königin. Sie begrüsst uns wie früher, wenn wir sie im Haus besuchen kamen. Sie bietet uns Bier und Kaffee an und entschuldigt sich, dass sie keine Guetzli vorrätig hat. Sie gestiert sanft mit den Händen, ohne ihre Beine zu bewegen. Wir küssen uns und ich bemerke, wie sehr sie noch immer Berührungen und Küsschen mag.

Früher sind wir uns manchmal einfach unvermittelt in die Arme gefallen und standen einige Minuten eng umschlungen da. Sie hielt mich fest. Sagte Dinge wie: „Schön, dass du da bist.“ oder „Jetzt bleiben wir einfach so stehen.“

Das tun wir heute nicht mehr. Omi kann ohne Rollator nicht mehr stehen und ich traue mich nicht mehr, sie einfach zu umarmen, denn sie ist sehr zerbrechlich geworden.

Wir reden noch immer, aber unsere Dialoge klingen heute wie Dada-Gedichte. Omi bricht Sätze und Wörter ab. Fügt sie zu neuen Buchstabengebilden zusammen. Ihre Mimik ist noch gleich wie früher. Sie entschuldigt sich jedes Mal, dass sie sich nicht mehr erinnern kann und jedes Mal gibt es mir einen Stich ins Herz.

Vor einigen Tagen durchforstete ich die Fotoschachtel und stiess auf ein Photo, das ich vor bald 25 Jahren gemacht habe. Omi schaut aus dem Küchenfenster. Sie trägt ihren hellblauen Pullover, die schwarzen Haare liegen in Dauerwellen an ihrem Gesicht. Omi lacht und winkt mir zu. Ich muss oft an dieses Bild denken, weil es genau das ausdrückt, was ich empfinde: ein Abschied auf Raten.

Nach 30 Minuten gehen wir jeweils wieder. Länger halte ich es nicht (mehr) aus und längere Besuche machen auch keinen Sinn. Sie hat ihr Leben und ich meines. Wir geben uns Küsschen und ich verspreche ihr jedes Mal, dass ich wieder komme. Jedes Mal versucht sie mich zu überzeugen, doch noch nicht zu gehen. Jedes Mal denke ich daran, dass irgendwann der Tag da ist, wo ich ins Pflegeheim gerufen werde und nur noch ihre körperliche Hülle da ist und Omi verschwunden ist.

Die 30er im Rückspiegel.

Vor neun Jahren wurde ich 30 Jahre alt. Ich feierte meinen Geburtstag mit Wein und Zigarren und meinem damaligen Freund. Ich hatte alles, was ich mir immer gewünscht hatte: Liebe, meinen Traumjob, ich war gesund und zuversichtlich.

10 Tage später zerbrach alles um mich herum. Ich hatte gewusst, dass meine Mutter früh sterben würde und ich hatte mir, schon in der Ausbildung, vorgenommen, sie nie zu pflegen. Der Moment, als ich erkannte, dass sie im Sterben liegt und ich sie nicht alleine lassen würde, war heftig. Diese Klarheit im Handeln war für mich wegweisend. Ich schöpfte Kraft in Gesprächen mit Omi. Gemeinsam würden wir es schaffen.

Der Tod eines geliebten Menschen verändert einen.
Man ist nicht mehr der gleiche Mensch wie vorher. Die Trauer um einen Menschen stellt alles auf den Kopf.

Heute nun bin ich 39 Jahre alt geworden und ich staune erneut, wie sich in den neun Jahren alles um mich herum verändert hat. Jedes Jahr beinhaltete so viele gute Momente und mutmachende Begegnungen, trotz der Trauer um meine Mutter. Meine grosse Angst, in ein Loch zu fallen, bewahrheitete sich nicht. Irgendwie schaffte ich es, mich um Omi zu kümmern, auch wenn es oft weh tat und ich mich hilflos fühlte.

Ich bin froh, dass ich mich getraut habe, über all diese Erlebnisse und Gefühle zu schreiben. Denn es ist wahr: es gibt so viele Menschen, denen es ähnlich geht und mit denen man sich austauschen kann, ohne zu jammern und wehklagen. Man muss sich nicht verstellen. Man schöpft Kraft und kann diese auch weitergeben.

Für mich der bewegendste Moment im Juni war der Moment, als der Kontakt zu meiner Schwester wieder zustande kam. Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht zu bemerken, wie sehr ich sie vermisst hatte. Ich hoffe nun, wir können diesen Kontakt vertiefen. Es gibt noch so viel zu erleben und auszutauschen!

Omi schläft

Seit Omi im Pflegeheim lebt, und das ist schon vier Jahre her, ist es schwierig, den „richtigen“ Zeitpunkt für einen Besuch zu finden.

Früher konnte ich immer bei Omi vorbeigehen. Sie war immer zuhause, wach und freute sich über meinen Besuch. Omi stand früh am Morgen auf, ging in den Garten, einkaufen, schaute fern und räumte auf.

Ein Pflegeheim gibt andere Strukturen vor: Die Bewohner des Heims werden gewaschen, falls sie es nicht mehr selber können, zu einer bestimmten Zeit, sie essen zu einer bestimmten Zeit und sie schlafen zu einer bestimmten Zeit.

Omi ist schnell müde nach dem Essen. Sie geniesst zwar alles, aber irgendwann fallen ihr einfach die Augendeckel zu. Es berührt mich, denn ich kenne Omi als unermüdlichen Menschen. Wenn ich jetzt einfach so vorbeigehe, treffe ich sie oft schlafend an. Es ist irgendwie ein schönes Gefühl, dass sich ein Mensch gegen Ende seines Lebens entspannen kann.

Aber ich weiss natürlich auch, dass diese Schläfrigkeit ein Teil des Sterbeprozesses ist. Bei meiner Mutter habe ich ihn hautnah miterlebt.
Ich hab noch nicht mal Angst davor. Aber es macht mich traurig.

Ich bin dankbar, dass ich in Omis Haus leben darf. Es gibt keinen einzigen Tag, wo ich nicht an sie denke. Wenn ich die Rosen anschaue, die Johannisbeerbüsche oder die Eidechsen beobachte. Immer wieder denke ich an diese Kindheit zurück, die dank ihrer Liebe trotz allem schön war.

Manchmal wünsche ich mir, wir könnten so wie früher miteinander beim Einkaufen herumlaufen. Mit eingehakten Armen. Lächelnd.
„No es Käfeli, Omi?“
„Aber immer, Schatz Gottes. E Schale. Und en Toascht Hawaii.“
„Gärn.“

„Noch einen kleinen Kaffee, Oma?“
„Aber immer, Schatz Gottes. Eine Schale. Und einen Toast Hawaii.“
„Gern.“