Staubflocken und kleine Schritte

Der Tag abseits von zuhause hat mir gut getan. Der Blick auf den Hallwilersee, feines Essen und wohlschmeckender Wein haben mich abgelenkt von meinen aktuellen Sorgen.

Es gilt, nach vorne zu schauen. Es gibt soviel zu tun!
Falls morgen Montag klar wird, ob wir mit der Bank ins Geschäft kommen, werde ich in meinen Ferien im Oktober endlich mit der endgültigen Räumung des Hauses anfangen können.

Ich kann, solange mir das Haus nicht gehört, nicht einfach Omi Paulas Sachen wegschmeissen. Am liebsten würde ich alles verschenken in der Hoffnung, dass all ihre guten Gedanken auch andere Menschen befruchten würden. Aber wer hat schon Interesse an Möbeln aus den 50er und 60er Jahren?

Gestern wusste ich mit einem Mal, wo ich anfangen muss, zu ordnen. Zuerst muss das Gästezimmer hergerichtet werden. Omi nannte es immer „das Zimmerli“. Es ist irgendwie das hellste, aber auch das kleinste Zimmer. Ich will es putzen, die Möbel rausnehmen, das Bett aus dem ersten Stock raufholen. Alle Decken entstauben! Die Staubflocken sollen tanzen!

Ich möchte Bilder aufhängen. Den Vorraum weiss streichen. Die Vorhänge waschen.

Gestern war Svens Todestag. Vielleicht gelingt es mir in den nächsten Jahren, an seinem Todestag den Aufbruch zu erkennen. Nicht mehr an seinen Tod denken, sondern daran, wie ich mir 2014 überlegt habe, welche Schritte ich als nächstes tue, wie ich leben will.

Heute.

Svens Todestag ist einen Tag vor Saschas Geburtstag.

Ich hab mir dieses Jahr vorgenommen, nicht zuhause zu sitzen und zu trauern, sondern rauszugehen.

Man soll den Dingen einen Sinn geben. Ich hab bis heute keinen Sinn in Svens Tod gefunden. Es hat sich nichts zum besseren verändert. Ich habe nichts daraus gelernt.

35 Jahre sind eine lange Zeit. Ich war bestimmt schon seit einem Jahr nicht mehr an seinem Grab. Eine Freundin hat mich vor einigen Monaten gefragt: „Warum trauerst du so lange?“

Ich wusste keine Antwort, überlege mir, dass ich vielleicht nichts anderes kenne?

Um einen Menschen zu trauern gibt Lebenssinn. Doch ich würde lieber etwas schaffen, anstatt Löcher zu stopfen. Rückwärts gewandt leben ist nicht so mein Ding. Und trotzdem ist das seltsame Gefühl da, ihn nicht einfach vergessen zu wollen.

Als ich im Haus entdeckte, dass auch mein Grossvater eine vergessene, tote Schwester hatte, wurde mir einiges klar. Das Gefühl, dass jemand da in der Familie ist, den man nicht fassen kann, kenne ich mein Leben lang.

Ich hab das Gefühl, mein Bruder gehört zu mir.

Als meine Mutter im Sterben lag und nicht gehen konnte, hat Paula gesagt: „Du wirst deinen Sven wieder sehen.“

Auch ich hab es zu meiner Mutter gesagt, in der Hoffnung, sie könnte dann endlich sterben. Aber geglaubt hab ichs nicht.

Wenn jemand stirbt, würde ich sein Leben feiern wollen. Die Dankbarkeit, dass ein Mensch gelebt hat, ist grösser als die Trauer, dass er nicht mehr da ist. Doch bei Svens Tod geht die Rechnung einfach nicht auf. Vielleicht, weil er nie richtig leben durfte?

Morgen ist Saschas Geburtstag. Das ist wichtig. Das will ich feiern.

Elephantenhaut

Svens 35ster Geburtstag heute. Ich bin nicht zum Sinnieren gekommen. Ich rannte herum. Bewegung tut gut und not.

Ich musste heute morgen kurz an meine Schwester Doris denken. Sie lebt, fern von der Familie, in einem anderen Landesteil. Wir reden nicht mehr miteinander. Der Tod unserer Mutter hat uns auseinander gerissen. Wir gleichen uns nicht mal mehr wie Schwestern. Wir sind wie zwei Schiffbrüchige, doch wir klammern uns nicht an denselben Halm.

Ich konnte mich lange nicht in sie einfühlen. Bei der Auseinandersetzung mit Opa Walter und seiner toten Schwester Nelly fiel mir auf, wie schwierig es ist, für ein Kind, die Lücke des toten Geschwisters zu füllen.

Doris hatte keine Wahl. Für meine Mutter war sie die Rettung. Ein neues, lebendes Kind!
Meine Mutter hat sich über alle Massen über meine Schwester gefreut.

Doris hat Mutters Strenge nie gross erfahren. Auf ihren Rücken prasselten keine Schläge nieder. Kein Tritte. Kein Boxhiebe. Keine Schläge auf den Kopf.

„Du bist für mich zwei Kinder, Doris“, daran erinnere ich mich noch gut. Doris hatte alle Freiheiten, die ich als Ältere natürlich nicht hatte. Es gab selten Strafen, wenn meine Schwester geklaut hatte. Sie klaute wie ein Rabe!

Rückblickend denke ich, dass meine Schwester auffällig wurde, weil sie langsam verschwand. Doris ist nur ein Name, ebenso wie Sven.

Im Gegensatz zu mir wurde Doris nicht geliebt für Leistung, sondern für ihr Dasein. Sie brauchte nur zu lächeln, und alle freuten sich und liebten sie. Sie hat später zu mir gesagt: „Ich habe nie Grenzen gespürt.“

Und dabei hat meine Schwester Doris alles dafür gemacht, um Grenzen zu spüren. Was genau im Jahr 2006 passiert ist, vermag ich nicht zu eruieren. Fest steht, dass meine Schwester unter furchtbaren Ängsten litt.

Als kleines Mädchen habe ich oft darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn Sven überlebt und ich gestorben wäre. Ich war jahrelang überzeugt, dass ich kein Recht hatte zu leben, denn im Gegensatz zu meiner Schwester war ich mit verformten Hüftgelenken, Kurzsichtigkeit, einer Fehlstellung des Kiefers und anderem geschlagen. Ich war überzeugt, dass ich eine Laune der Natur war.

Heute sehe ich es anders.
Meine körperlichen Behinderungen haben mich gestärkt. Über das operierte Fleisch an meinem Körper sind dicke Narben gewachsen. Es scheint, als ich hätte in all den Jahren die Haut eines Elephanten erhalten.

Ich wünschte, ich könnte meiner Schwester davon abgeben.

Time after Time

Ist es wirklich schon 35 jahre her, seit er geboren wurde?
1979. Ich war zwei Jahre alt.
Ich erinnere mich an Fetzen von Gesprächen. Meine Mutter, die in dem dunkelgrün gekachelten Bad auf dem Klo sass. Sie zog sich dahin zurück, um hemmungslos zu weinen.

Ich erinnere mich an mein Kleid. Weiss-Rot. Meine Locken. Sein Grab. Quadratisch. Sehr klein. Seinen Namen.

Was mag in meiner Mutter vorgegangen sein?
Was für ein Gefühl ist es, ein Kind zu gebären und es zu verlieren und niemals wirklich zu erfahren, warum es gestorben ist?

Ich erinnere mich daran, wie ich meinen Kopf an ihren Bauch gehalten habe. Ich sehe es genau vor mir, so als stünde ich vor uns. Die Stube in Wängi. Die Wohnwand. Die Vorhänge. Sogar an die grasgrünen Gläser erinnere ich mich.

Wenn man ein Geschwisterchen kriegt, dann wird alles anders. Man spürt, nein: weiss, dass man nicht mehr alleine ist. Ich hab ihn nie gesehen. Ich hab nur noch ein Photo und einen Fussabdruck von ihm, der mir verrät, dass er einmal da war.

familie

Mein Name und der September

Mir geht in diesen Tagen viel durch den Kopf. Ich bin müde. Es zehrt an meinen Kräften. Der September ist nicht mein Monat. Selbstmordmonat. Das Leiden meiner Mutter steckt mir in den Gliedern. Die bunten Farben der Jahreszeit trügen noch immer.

Heute war einer dieser wunderbaren Spätsommertage. Es ist warm. Ich sitze an einem See, der so blau ist wie die Augen meines Grossvaters. Noch sind die Wiesen grün, doch die Blätter der Bäume verfärben sich bereits.

Die Menschen wirken glücklich. Der See ist warm. Ich bade, spüre das Wasser auf meiner Haut. Weit hinten sehe ich die Berge und irgendwo dazwischen steht mein Haus und wartet auf mich.

Ich hatte vor einigen Tagen eine Art Abszess am Hals. Mit einem Mal kamen mir all jene Gefühle wieder hoch, die ich längst vergessen, oder zumindest gut verstaut, glaubte: Was ist, wenn ich es nicht schaffe? Wenn mein Körper aus irgendeinem Grund aufgibt?

Das Laufen habe ich zwei Mal gelernt. Das zweite Mal tat mehr weh. Eine Frau zu werden war auch nicht leicht. Jetzt zu verstummen ist mein Albtraum.

Manchmal denke ich an meine Mutter und die Art, wie sie meinen Namen gesagt hat. Sie wird ihn nie wieder sagen. Auch Oma kennt ihn nicht mehr. Für sie bin ich meine Mutter, ihre Schwester, ihre Mutter. Aber nicht ich. Warum also noch über mich und meinen Namen nachdenken?

Der einzige Mensch, der noch von Anfang an weiss, wie ich wirklich heisse, ist mein Vater. Er hat sich daran gewöhnt, dass mich mein Umfeld zora nennt. Alpha und Omega. Anfang und Ende. So ist es nämlich.

Und nun fallt über mich her wie Tiere und zerreisst meinen Namen. Denn ihr habt keine Ahnung von Verlust, Wut und Sterben.

Mutter_Sein

Das Gute am Älterwerden ist, dass man sich nicht mehr an die Schläge seiner Kindheit erinnert.

Was soll ich sagen?
Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die bis zum Arsch hinab verwöhnt wurden. Meine Mutter war einer jener Menschen, denen die Hand „schnell mal ausrutschte“, wie sie es selber zu sagen pflegte. Wenn sie wütend wurde, und das geschah rasch und ohne Vorzeichen, schlug sie drein. Sie prügelte, trat, verteilte Ohrfeigen, Schläge auf den Kopf, auf den Rücken. Die Katze war ebenso Opfer wie ich.

Meine Mutter war ein warmherziger Mensch, jemand, der Fremden abends gerne eine Suppe kocht. Jemand, dessen Türe immer offen stand. Doch gegen mich führte sie ein hartes Regime.

In meiner Kindheit schien mir, als würde sie mich hassen. Ich meine: warum schlägt jemand sein (überlebendes) Kind? Eigentlich hätte sie mich vergöttern müssen, nachdem sie meinen Bruder geboren und verloren hatte. Doch dies geschah nicht. Ich spürte früh, dass sie nicht damit klar kam, dass ich, das Mädchen mit den krummen Beinen lebte während er, der perfekte Junge, in einem kleinen Sarg lag.

Ich habs lange nicht verstanden.
Sie war unsagbar wütend. Anders ist es nicht erklärbar. Ich mag nicht mehr über Herkunft und Umweltfaktoren, die zu Gewalt in der Familie führen, nachdenken.

Schläge tun weh. Der Körper mag es irgendwann vergessen. Die Seele vergisst nichts.

Ich habe keine Kinder. Ich weiss nicht, wie damit klar käme, 24 Stunden am Tag ein Wesen um mich zu haben, das mich aufzehrt, schreit oder einfach von einem Tag auf den anderen stirbt.
Ich bin keine Gebär-Mutter.

Mürbe

Den gestrigen Tag habe ich irgendwie hinter mich gebracht. Ich hatte gute Gespräche mit Freundinnen und Freunden über meine Mutter. Ich bin dankbar für liebevolle Gedanken.

Dennoch kann ich nicht verleugnen, dass alles an mir zehrt. Ich arbeite im Moment sehr viel, stecke in den letzten Überarbeitungen meines Kriminalromans „Lavinia Morgan“ und – warte seit Wochen darauf, dass ich endlich das Haus kaufen kann.

Die Warterei hat mich zermürbt. Ich bemerke dies vor allem an meinen Kieferschmerzen. Ich knirsche wieder mit den Zähnen. Der Herbst ist da und der Winter wird ebenso rasch kommen. Meine ganzen Pläne für diesen Herbst sind zur Sau.

Heute war ein wirklich turbulenter Tag. Ich lief bei der Arbeit an ein schwer verletztes Tier auf dem Gelände. Ein Steinmarder. Seine Beine gelähmt, die Augen vor Angst und Schmerzen geweitet. Er faucht. Zeigt mir seine Zähne. Ich schaute das Tier aus einigen Meter Entfernung an um es nicht weiter zu erschrecken und sah mit einem Male mich.
Mir war klar, ich muss handeln.

Ich rief die Polizei an und bat um den Wildhüter. Dieser kam dann auch rasch und erlöste das Tier von seinen schrecklichen Schmerzen. Ich bin mit einem Mal befreit. Ich hab das Richtige getan. Es musste nicht lange leiden.

Ich schaue auf mein Handy. Nachricht von Sascha. Wir haben Post von der Behörde. Grünes Licht. Endlich zur Bank. Endlich. Endlich. Später im Auto weine ich. Vor Glück. Trauer. Erleichterung. Endlich eine Perspektive. Endlich ein absehbares Ende. Keine Herzschmerzen mehr.

Ihr Geburtstag

1991 wurde sie 40 Jahre alt. Ich erinnere mich zu gut an diesen Tag, denn er war katastrophal.

Meine Mutter konnte niemand überraschen, erst recht nicht mit einem Geburtstagsfest zum Vierzigsten. Ich fand das, pubertierend, extrem doof und sagte ihr dies auch.
„Du wirst sogar einmal deine eigene Beerdigung noch organisieren wollen!“

Ich ahnte nicht, dass dies nicht passieren würde und ich dieses „Fest“ würde veranstalten müssen.

Wie immer im September fiel meine Mutter in eine Krise. Diese begann meistens nach ihrem Geburtstag und endete erst Ende Monat, wenn der Todestag meines Bruder vorüber war. Sie trank viel, um alles in sich zu betäuben. Anders konnte sie diese Wochen wohl nicht überstehen.

An ihrem Geburtstagsfest betrank sich meine Mutter, mit freundlicher Unterstützung ihrer „besten“ Freundin. Sie beleidigte meinen Vater und bemerkte nicht mal, wie peinlich ihr Auftreten war.

Ich hab mir zu der Zeit so oft gewünscht, dass einfach jemand kommt, meine Mutter an der Hand nimmt und sagt:
„Du hast jetzt genug gebüsst und gelitten. Werde wieder gesund. Lebe.“ Ich hab mir gewünscht, dass sie meinetwegen in die Forelklinik geht und wieder gesund rauskommt. Doch niemand, erst recht nicht wir als Familie, konnte das in die Wege leiten. Sie hatte ja kein Problem.

Ihr stilles Weinen, ihre Wutausbrüche, ihr Hass gegen sich selbst waren ihre Sache. Das wollte sie mit keinem Arzt besprechen. Niemand verstand sie.
Einige Wochen vor ihrem Tod hielt sie sich für einige wenige Tage in der Psychiatrie Littenheid auf. Sie fühlte sich wohl. Dennoch erzählte sie mir sehr überrascht, sie habe in einer Therapiegruppe teilnehmen müssen.
„Stell dir vor, ich sass da mit all diesen jungen Kerlen, die zuviel saufen. Das hätten alles meine Söhne sein können.“

Ihren letzten Geburtstag, den 56sten feierten, wir auf der Kante eines Krankenbetts. Ich weiss nicht mehr, was ich ihr geschenkt habe. Es war bestimmt kein Glas Wein. Vielleicht ein kleines Plüschtier?

Die Lücke, die ihr Gehen hinterlassen hat, ist nach wie vor gross. Ich denke oft ans sie. Ich habe nicht den Anspruch, dass sie mir eine grosse Hilfe wäre, doch ich vermisse ihre weiche Stimme, ihr Lachen und ihren Sinn für Humor.

Noch vor ein paar Jahren habe ich an dem Tag immer bei Paula angerufen und ihr gedankt, dass sie meine Mutter geboren hat. Irgendwann erinnerte sich Paula nicht mehr an Urseli, nicht mehr an mich. Heute hat Paula kein Telephon mehr und ich bezweifle, dass sie noch weiss, dass sie einmal die Mutter eines Kindes war.

Gestohlene Zeit

Die Parallelen sind für mich zumindest fühlbar. Ich fühle mich fast wie vor sieben Jahren. Ich eile zwischen zwei Wohnorten umher, versuche, dem Menschen, der mich braucht, nahe zu sein, ohne es zu können.

Meine Mutter liegt 2007 im Pflegeheim Wil. Die Institution liegt neben dem Spital, wo sie mich dreissig Jahre vorher geboren hat. Die Parkplätze sind rar. Der Spätsommer 2007 ist wunderschön. Er lädt ein zu Spaziergängen im Wald und in den Bergen.

Doch ich kriege nur wenig davon mit. Die Schönheit des Thurgaus in jener Jahreszeit sehe ich nur vom Auto aus. Die Sonnenuntergänge. Die bunten Blätter. Den Nebel. Die gefahrenen Kilometer hab ich nicht gezählt. Doch die Strecke habe ich mehr als einmal verflucht.

Ihr Geburtstag. Mit einem Mal erinnere ich mich nicht mehr, ob sie den 2. September 2007 im Kantonsspital Frauenfeld, in der Psychiatrie Littenheid oder im Pflegeheim Wil erlebt hat. Ist das ein gutes Zeichen? Bedeutet mein Vergessen Verarbeiten von Trauer?

Man hat mir damals angeraten „muesch halt bätte, Meitli“, was ich nicht tun konnte. Wie auch? Was hätte es genützt? Ich glaube nicht, dass der liebe Gott, Stewart Granger oder John Wayne vom Himmel herabgestiegen wären und Mami dem Tod entrissen hätten.

Stattdessen passierte das Gegenteil. Ich konnte die Sterbephasen nach Kübler-Ross praktisch auswendig. Auch wenn ich nicht darüber sprach (oder darüber sprechen konnte), befand ich mich in einer non-stop-Reflektion der aktuellen Phase.

Bullshit.
All das war nur ein Vorwand, um mich nicht der Wahrheit stellen zu müssen. Meine Mutter lag im Sterben und ich konnte nichts dagegen tun.

Heute ist die Lage natürlich nicht mehr so dramatisch. Aber ich bin mir bewusst, dass Omi nicht mehr hundert Jahre leben wird. Ich möchte aber die Zeit, die wir beide noch haben, mit ihr gemeinsam verbringen. Ich möchte sie sehen. Ich will diesen wunderbaren, liebevollen, lustigen Menschen umarmen und mich freuen, wenn sie was witziges sagt. Ich will mich mit ihr erinnern und ihre kryptischen Worte entziffern.

Ich will verdammt nochmal nicht noch einmal warten wie eine verdammte Idiotin und danach trauern um eine Zeit, die man mir gestohlen hat.

September 2014

Ich kanns kaum glauben, dass ich vor sieben Jahren das letzte Mal mit meiner Mutter Geburtstag gefeiert habe. Es scheint mir manchmal, als wäre es schon hundert Jahre her. Oder erst gestern.

Sie fehlt mir. Ich wünschte mir so sehr, sie wäre jetzt hier und würde mich unterstützen. Als ich 2006 in ein Theaterprojekt involviert war, meinte sie lediglich: „Du schaffst das schon, Meitli..“ Ihre Worte fehlen. Ihre trockene Art und Weise und gleichzeitig das Vertrauen in mein Können, das wäre jetzt in dieser Phase von Nöten.

Sie hat es nie verstanden, dass ich schrieb. Sie sagte oft: „von mir hast du das nicht, Meitli.“
Ich weiss es echt nicht. Wenn ich ihre Aufsätze durchlese, erkenne ich meine Schrift wieder. Ihre Zeichnungen. Ihre klaren Gedanken. Ihr Suchen nach Worten und Beschreibung. Nein. Von ihr hatte ich es nicht, denn sie hatte es bis zuletzt.

Meine Mutter lag vor sieben Jahren bereits im Pflegeheim. Sie war keine 56 Jahre alt. Um sie herum waren steinalte Menschen, die dort lebten. Nur sie war zum Sterben hier her gekommen.

Manchmal wünsch ich mir, ich hätte damals ein eigenes Haus gehabt und sie pflegen können. Ich hätte Spitex-Frauen herumgejagt und jedem Arzt Feuer unter dem Hintern gemacht, der sie schlecht behandelt. Aber damals wusste ich ja nicht, was mich erwartete. Ich war sozusagen blauäugig.

Heute ist das anders. Ich bin in sieben Jahren siebzig Jahre gealtert. Kein Stein ist seit ihrem Tod auf dem anderen geblieben. Ich bin wirklich ein anderer Mensch geworden.

Würde sie mich noch erkennen?

P.S. am meisten bereue ich, dass ich praktisch keine Photos von uns zweien habe. Es gibt eins, da bin ich noch ein Baby, beim anderen war ich Konfirmandin. Es scheint mir, als wären Tochter und Mutter nicht-existent.