Liebenswerk

Ich denke daran, wie sehr mich Paulas Geschichte zum Schreiben verleitet hat. Ist ihre Krankheit und meine Auseinandersetzung damit unser letztes Liebesbekenntnis?

In den letzten Wochen träume ich praktisch nur noch vom Haus. Ich renoviere es. Dazwischen träume ich von meiner Kindheit. Ich sehe meine Omi Paula vor mir, wie wir miteinander geredet haben, wie wir herumgereist sind und wie wir einfach immer zusammengehört haben.

Mich von der Einrichtung des Hauses zu trennen, ist ein schwerer Schritt. Doch es gibt so viele Möbel, die unpraktisch sind und die mir nicht gefallen. Ich werde sie entsorgen müssen. Doch im Gegenzug werde ich Bilder aufhängen. Porträts meiner Vorbewohner. Ich werde die Stoffe, die sich noch im Haus befinden, langsam aufbrauchen. Ich werde jeden einzelnen in etwas Sinnvolles vernähen. Das Holz im Keller werde ich verbrennen.

In der Stube liegen Opas und Uropas Musikinstrumente. Nie durfte ich eines lernen. Stattdessen scheint die Sprache heute mein Instrument. Doch die Geige lässt mich nicht los.

Das Haus scheint die Summe meiner Familie mütterlicherseits zu sein. Da wachsen Tulpen, Rosen und Primeln. Der Garten schreit danach, wieder belebt zu werden. Ich werde die Bäume schneiden, den Rasen mähen, die Fensterläden neu streichen.

Vor bald einem Jahr habe ich mir gewünscht, dass diese Weihnachten das Haus nicht mehr dunkel dasteht, sondern die Fenster beleuchtet sind. Ich hoffe, mein Traum wird wahr.

Meine Mutter und die grosse Demütigung

Meine Mutter ist bald sieben Jahre tot. Sie war und ist einer jener Menschen, vor denen ich trotz allem Erlebten grossen Respekt habe. Sie hat fürs Leben gerne gearbeitet. Schon mit 17 stand sie im Berufsleben. Sie hatte eine Anlehre als Verkäuferin in einer Haushaltsabteilung gemacht.

Weil sie in jungen Jahren eine wunderschöne Frau war, fand sie rasch einen Job als Serviertochter. So hat sie auch meinen Vater kennengelernt. Als sie verheiratet war, arbeitete sie als Kioskfrau. Auch diesen Job liebte sie. Sie war mit mir schwanger, als sich vor ihren Augen am Bahnhof Sirnach ein Mann vor den vorbeifahrenden Zug warf. Danach konnte sie nicht mehr dort arbeiten.

Sie wurde Hausfrau. Sie strickte und häkelte. Aber eigentlich war ihr langweilig. Nach dem Tod meines Bruders und der Geburt meiner Schwester zogen wir um und meine Eltern wurden Hauswarte einer grossen Schulanlage.

Sie arbeiteten viele Jahre gemeinsam. Diese Arbeit mag vielleicht gut bezahlt sein, aber sie fordert sehr viel Abgrenzung und eine dicke Haut, die meine Mutter bestimmt nicht besass. Meine Eltern trennten sich nach fast zwanzig Jahren Ehe. Ich habe noch heute das Gefühl, dass die beiden das früher hätten tun sollen. Meine Mutter, und auch mein Vater, blühten auf. Während mein Vater sich neu verliebte, fand meine Mutter einen Job in der Stadt.

Sie jobbte in drei Filialen von Denner. Sie sass an der Kasse, füllte Regale auf und war glücklich. Ich kriegte mit, dass man sie trotz hoher Arbeitspensen und ihrer absoluten Flexibilität, als Aushilfe entlöhnte. Das machte mich wütend. Sie hat nicht mal einen richtigen Arbeitsvertrag bekommen. Sie hat für den Rest ihres Lebens für einen verdammten Hungerlohn gearbeitet.

Irgendwann hat man sie entlassen. Sie war zu alt, zu alkoholkrank und passte nicht mehr zum neuen, Möchtegern-cleanen Denner-Image. Meine Mutter war selten krank, lief sauber herum und kam nie zu spät zur Arbeit. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen hat meine Mutter auch nie geklaut.

Dann geriet sie in die Schlaufe der staatlichen Arbeitslosenunterstützung. Sie musste, um ihren Wochenrhythmus zu wahren, im „Opdi-Werk“ antraben. Unter den Arbeitslosen, darunter viele entlassene Leute kurz vor der Rente, hiess die Institution „Bekloppti-Werk“.

Meine Mutter rief mich in jener Zeit oft an. Sie machte sich Luft. Es war für sie eine immerwährende Demütigung, Arbeiten zu verrichten, die man eigentlich an Menschen mit Behinderungen vergibt. Sie sagte: Ich verblöde hier noch. Warum kann ich nicht einfach arbeiten gehen?

Wir schrieben Bewerbungen. Aber manchmal kriegte sie bei der Absage nicht einmal mehr ihre teuer bezahlten Bewerbungsmappen zurück. Sie war verzweifelt.

Am Ende ihres Lebens geriet sie in die Sozialhilfe. Für meine Mutter, die immer sorgfältig auf ihr Geld geschaut hatte, war das schlimm. Ihre Kontoauszüge, ihre Zahlungsbelege lesen sich wie einziges Drama. Man behandelte sie auf dem Amt wie eine Aussätzige. Omi Paula steckte ihr manchmal Geld für Zigaretten zu, ermutigte sie, weiterzumachen. Paula war der unerschütterlichen Meinung, dass alles wieder gut kommt. Meine Mutter wurde schliesslich schwer krank, kam ins Spital, schliesslich ins Pflegeheim.

In jener Zeit hatte ich das Vergnügen, mit Mamis Dame vom Sozialamt zu sprechen.
Diese Sachbearbeiterin versuchte, mich wie ein Stück Dreck zu behandeln. Ich bemerkte das an ihrer Sprache. Ich habs mir nicht gefallen lassen und mich gewehrt. Das kam bei ihr nicht so gut an. Trotz allem versuchte ich für meine Mutter gut zu sorgen, musste auf Druck ihre Wohnung räumen. Die Sachbearbeiterin meinte, ob ich wirklich das Gefühl habe, dass das Amt soviel für meine Mutter bezahlen würde. Nach fast 40 Jahren Berufstätigkeit wurde meine Mutter behandelt, als wäre sie eine Betrügerin. Mir wurde übel und damals versiegte jeglicher Glaube an die staatliche Versorgung in mir.

Als meine Mutter starb, hatte die Sachbearbeiterin der Sozialhilfe Ferien. Sie rief mich dann einige Tage später gut gelaunt an und fragte mich, wie es denn so stehe in Sachen Wohnungsräumung.
Ich sagte, wie es aussieht, dass meine Mutter tot war und ich die Wohnung geräumt hatte. Alleine.
„Das hätten Sie doch nicht tun müssen“, meinte die Dame.

Für mich war diese Erfahrung eine Lehre. Sozialhilfe verdient den Namen nicht. Menschen, die auf diese Hilfe angewiesen sind, haben meistens nicht mehr viel, was ihnen geblieben ist. Da kann man mir nichts anderes erzählen.

Nachtrag:
Auf wundersame Weise gelangten damals Gläubiger meiner Mutter an meine Telephonnummer und Adresse. Ich nehme heute an, dass das Sozialamt alle Anfragen freundlicherweise an mich weitergeleitet hat. Ein Mitarbeiter der Stadt Frauenfeld hat mir bei der Todesmeldung dann sofort geraten, Mutters Erbe auszuschlagen, um nicht noch mehr Probleme zu kriegen, als mir die Damen des Sozialamts eh schon angetragen hatten.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich die Beerdigung meiner Mutter sowie Grabstein und Bepflanzung ihres Grabes selber bezahlen durfte. Wenn es nach dem Sozialamt Frauenfeld gegangen wäre, hätte ich die Asche meiner Mutter höchstens in die Thur kippen dürfen. #fail

Staubflocken und kleine Schritte

Der Tag abseits von zuhause hat mir gut getan. Der Blick auf den Hallwilersee, feines Essen und wohlschmeckender Wein haben mich abgelenkt von meinen aktuellen Sorgen.

Es gilt, nach vorne zu schauen. Es gibt soviel zu tun!
Falls morgen Montag klar wird, ob wir mit der Bank ins Geschäft kommen, werde ich in meinen Ferien im Oktober endlich mit der endgültigen Räumung des Hauses anfangen können.

Ich kann, solange mir das Haus nicht gehört, nicht einfach Omi Paulas Sachen wegschmeissen. Am liebsten würde ich alles verschenken in der Hoffnung, dass all ihre guten Gedanken auch andere Menschen befruchten würden. Aber wer hat schon Interesse an Möbeln aus den 50er und 60er Jahren?

Gestern wusste ich mit einem Mal, wo ich anfangen muss, zu ordnen. Zuerst muss das Gästezimmer hergerichtet werden. Omi nannte es immer „das Zimmerli“. Es ist irgendwie das hellste, aber auch das kleinste Zimmer. Ich will es putzen, die Möbel rausnehmen, das Bett aus dem ersten Stock raufholen. Alle Decken entstauben! Die Staubflocken sollen tanzen!

Ich möchte Bilder aufhängen. Den Vorraum weiss streichen. Die Vorhänge waschen.

Gestern war Svens Todestag. Vielleicht gelingt es mir in den nächsten Jahren, an seinem Todestag den Aufbruch zu erkennen. Nicht mehr an seinen Tod denken, sondern daran, wie ich mir 2014 überlegt habe, welche Schritte ich als nächstes tue, wie ich leben will.

Heute.

Svens Todestag ist einen Tag vor Saschas Geburtstag.

Ich hab mir dieses Jahr vorgenommen, nicht zuhause zu sitzen und zu trauern, sondern rauszugehen.

Man soll den Dingen einen Sinn geben. Ich hab bis heute keinen Sinn in Svens Tod gefunden. Es hat sich nichts zum besseren verändert. Ich habe nichts daraus gelernt.

35 Jahre sind eine lange Zeit. Ich war bestimmt schon seit einem Jahr nicht mehr an seinem Grab. Eine Freundin hat mich vor einigen Monaten gefragt: „Warum trauerst du so lange?“

Ich wusste keine Antwort, überlege mir, dass ich vielleicht nichts anderes kenne?

Um einen Menschen zu trauern gibt Lebenssinn. Doch ich würde lieber etwas schaffen, anstatt Löcher zu stopfen. Rückwärts gewandt leben ist nicht so mein Ding. Und trotzdem ist das seltsame Gefühl da, ihn nicht einfach vergessen zu wollen.

Als ich im Haus entdeckte, dass auch mein Grossvater eine vergessene, tote Schwester hatte, wurde mir einiges klar. Das Gefühl, dass jemand da in der Familie ist, den man nicht fassen kann, kenne ich mein Leben lang.

Ich hab das Gefühl, mein Bruder gehört zu mir.

Als meine Mutter im Sterben lag und nicht gehen konnte, hat Paula gesagt: „Du wirst deinen Sven wieder sehen.“

Auch ich hab es zu meiner Mutter gesagt, in der Hoffnung, sie könnte dann endlich sterben. Aber geglaubt hab ichs nicht.

Wenn jemand stirbt, würde ich sein Leben feiern wollen. Die Dankbarkeit, dass ein Mensch gelebt hat, ist grösser als die Trauer, dass er nicht mehr da ist. Doch bei Svens Tod geht die Rechnung einfach nicht auf. Vielleicht, weil er nie richtig leben durfte?

Morgen ist Saschas Geburtstag. Das ist wichtig. Das will ich feiern.

Elephantenhaut

Svens 35ster Geburtstag heute. Ich bin nicht zum Sinnieren gekommen. Ich rannte herum. Bewegung tut gut und not.

Ich musste heute morgen kurz an meine Schwester Doris denken. Sie lebt, fern von der Familie, in einem anderen Landesteil. Wir reden nicht mehr miteinander. Der Tod unserer Mutter hat uns auseinander gerissen. Wir gleichen uns nicht mal mehr wie Schwestern. Wir sind wie zwei Schiffbrüchige, doch wir klammern uns nicht an denselben Halm.

Ich konnte mich lange nicht in sie einfühlen. Bei der Auseinandersetzung mit Opa Walter und seiner toten Schwester Nelly fiel mir auf, wie schwierig es ist, für ein Kind, die Lücke des toten Geschwisters zu füllen.

Doris hatte keine Wahl. Für meine Mutter war sie die Rettung. Ein neues, lebendes Kind!
Meine Mutter hat sich über alle Massen über meine Schwester gefreut.

Doris hat Mutters Strenge nie gross erfahren. Auf ihren Rücken prasselten keine Schläge nieder. Kein Tritte. Kein Boxhiebe. Keine Schläge auf den Kopf.

„Du bist für mich zwei Kinder, Doris“, daran erinnere ich mich noch gut. Doris hatte alle Freiheiten, die ich als Ältere natürlich nicht hatte. Es gab selten Strafen, wenn meine Schwester geklaut hatte. Sie klaute wie ein Rabe!

Rückblickend denke ich, dass meine Schwester auffällig wurde, weil sie langsam verschwand. Doris ist nur ein Name, ebenso wie Sven.

Im Gegensatz zu mir wurde Doris nicht geliebt für Leistung, sondern für ihr Dasein. Sie brauchte nur zu lächeln, und alle freuten sich und liebten sie. Sie hat später zu mir gesagt: „Ich habe nie Grenzen gespürt.“

Und dabei hat meine Schwester Doris alles dafür gemacht, um Grenzen zu spüren. Was genau im Jahr 2006 passiert ist, vermag ich nicht zu eruieren. Fest steht, dass meine Schwester unter furchtbaren Ängsten litt.

Als kleines Mädchen habe ich oft darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn Sven überlebt und ich gestorben wäre. Ich war jahrelang überzeugt, dass ich kein Recht hatte zu leben, denn im Gegensatz zu meiner Schwester war ich mit verformten Hüftgelenken, Kurzsichtigkeit, einer Fehlstellung des Kiefers und anderem geschlagen. Ich war überzeugt, dass ich eine Laune der Natur war.

Heute sehe ich es anders.
Meine körperlichen Behinderungen haben mich gestärkt. Über das operierte Fleisch an meinem Körper sind dicke Narben gewachsen. Es scheint, als ich hätte in all den Jahren die Haut eines Elephanten erhalten.

Ich wünschte, ich könnte meiner Schwester davon abgeben.

Time after Time

Ist es wirklich schon 35 jahre her, seit er geboren wurde?
1979. Ich war zwei Jahre alt.
Ich erinnere mich an Fetzen von Gesprächen. Meine Mutter, die in dem dunkelgrün gekachelten Bad auf dem Klo sass. Sie zog sich dahin zurück, um hemmungslos zu weinen.

Ich erinnere mich an mein Kleid. Weiss-Rot. Meine Locken. Sein Grab. Quadratisch. Sehr klein. Seinen Namen.

Was mag in meiner Mutter vorgegangen sein?
Was für ein Gefühl ist es, ein Kind zu gebären und es zu verlieren und niemals wirklich zu erfahren, warum es gestorben ist?

Ich erinnere mich daran, wie ich meinen Kopf an ihren Bauch gehalten habe. Ich sehe es genau vor mir, so als stünde ich vor uns. Die Stube in Wängi. Die Wohnwand. Die Vorhänge. Sogar an die grasgrünen Gläser erinnere ich mich.

Wenn man ein Geschwisterchen kriegt, dann wird alles anders. Man spürt, nein: weiss, dass man nicht mehr alleine ist. Ich hab ihn nie gesehen. Ich hab nur noch ein Photo und einen Fussabdruck von ihm, der mir verrät, dass er einmal da war.

familie

Ihr Geburtstag

1991 wurde sie 40 Jahre alt. Ich erinnere mich zu gut an diesen Tag, denn er war katastrophal.

Meine Mutter konnte niemand überraschen, erst recht nicht mit einem Geburtstagsfest zum Vierzigsten. Ich fand das, pubertierend, extrem doof und sagte ihr dies auch.
„Du wirst sogar einmal deine eigene Beerdigung noch organisieren wollen!“

Ich ahnte nicht, dass dies nicht passieren würde und ich dieses „Fest“ würde veranstalten müssen.

Wie immer im September fiel meine Mutter in eine Krise. Diese begann meistens nach ihrem Geburtstag und endete erst Ende Monat, wenn der Todestag meines Bruder vorüber war. Sie trank viel, um alles in sich zu betäuben. Anders konnte sie diese Wochen wohl nicht überstehen.

An ihrem Geburtstagsfest betrank sich meine Mutter, mit freundlicher Unterstützung ihrer „besten“ Freundin. Sie beleidigte meinen Vater und bemerkte nicht mal, wie peinlich ihr Auftreten war.

Ich hab mir zu der Zeit so oft gewünscht, dass einfach jemand kommt, meine Mutter an der Hand nimmt und sagt:
„Du hast jetzt genug gebüsst und gelitten. Werde wieder gesund. Lebe.“ Ich hab mir gewünscht, dass sie meinetwegen in die Forelklinik geht und wieder gesund rauskommt. Doch niemand, erst recht nicht wir als Familie, konnte das in die Wege leiten. Sie hatte ja kein Problem.

Ihr stilles Weinen, ihre Wutausbrüche, ihr Hass gegen sich selbst waren ihre Sache. Das wollte sie mit keinem Arzt besprechen. Niemand verstand sie.
Einige Wochen vor ihrem Tod hielt sie sich für einige wenige Tage in der Psychiatrie Littenheid auf. Sie fühlte sich wohl. Dennoch erzählte sie mir sehr überrascht, sie habe in einer Therapiegruppe teilnehmen müssen.
„Stell dir vor, ich sass da mit all diesen jungen Kerlen, die zuviel saufen. Das hätten alles meine Söhne sein können.“

Ihren letzten Geburtstag, den 56sten feierten, wir auf der Kante eines Krankenbetts. Ich weiss nicht mehr, was ich ihr geschenkt habe. Es war bestimmt kein Glas Wein. Vielleicht ein kleines Plüschtier?

Die Lücke, die ihr Gehen hinterlassen hat, ist nach wie vor gross. Ich denke oft ans sie. Ich habe nicht den Anspruch, dass sie mir eine grosse Hilfe wäre, doch ich vermisse ihre weiche Stimme, ihr Lachen und ihren Sinn für Humor.

Noch vor ein paar Jahren habe ich an dem Tag immer bei Paula angerufen und ihr gedankt, dass sie meine Mutter geboren hat. Irgendwann erinnerte sich Paula nicht mehr an Urseli, nicht mehr an mich. Heute hat Paula kein Telephon mehr und ich bezweifle, dass sie noch weiss, dass sie einmal die Mutter eines Kindes war.

September 2014

Ich kanns kaum glauben, dass ich vor sieben Jahren das letzte Mal mit meiner Mutter Geburtstag gefeiert habe. Es scheint mir manchmal, als wäre es schon hundert Jahre her. Oder erst gestern.

Sie fehlt mir. Ich wünschte mir so sehr, sie wäre jetzt hier und würde mich unterstützen. Als ich 2006 in ein Theaterprojekt involviert war, meinte sie lediglich: „Du schaffst das schon, Meitli..“ Ihre Worte fehlen. Ihre trockene Art und Weise und gleichzeitig das Vertrauen in mein Können, das wäre jetzt in dieser Phase von Nöten.

Sie hat es nie verstanden, dass ich schrieb. Sie sagte oft: „von mir hast du das nicht, Meitli.“
Ich weiss es echt nicht. Wenn ich ihre Aufsätze durchlese, erkenne ich meine Schrift wieder. Ihre Zeichnungen. Ihre klaren Gedanken. Ihr Suchen nach Worten und Beschreibung. Nein. Von ihr hatte ich es nicht, denn sie hatte es bis zuletzt.

Meine Mutter lag vor sieben Jahren bereits im Pflegeheim. Sie war keine 56 Jahre alt. Um sie herum waren steinalte Menschen, die dort lebten. Nur sie war zum Sterben hier her gekommen.

Manchmal wünsch ich mir, ich hätte damals ein eigenes Haus gehabt und sie pflegen können. Ich hätte Spitex-Frauen herumgejagt und jedem Arzt Feuer unter dem Hintern gemacht, der sie schlecht behandelt. Aber damals wusste ich ja nicht, was mich erwartete. Ich war sozusagen blauäugig.

Heute ist das anders. Ich bin in sieben Jahren siebzig Jahre gealtert. Kein Stein ist seit ihrem Tod auf dem anderen geblieben. Ich bin wirklich ein anderer Mensch geworden.

Würde sie mich noch erkennen?

P.S. am meisten bereue ich, dass ich praktisch keine Photos von uns zweien habe. Es gibt eins, da bin ich noch ein Baby, beim anderen war ich Konfirmandin. Es scheint mir, als wären Tochter und Mutter nicht-existent.

verdiente Armut

Gestern war ich im Haus. Es hat mir gefehlt, die letzten drei Wochen. Mir scheint, als würde das Leben allzu schnell an mir vorüber ziehen. Ich werde alt, während es, das Haus, gleichbleibend 175 Jahre zählt.

Ich bin jetzt 37 Jahre alt. Fast 140 Jahre jünger als das Haus., fast 90 Jahre jünger als Henri, der das Haus in den 50er Jahren kaufte. Henri ist der grosse Unbekannte in meinem Leben, nebst Anna, meiner Urgrossmutter.

Henri wurde 1889 im Toggenburg geboren. Er hat sein Leben lang in der Textilindustrie gearbeitet. Seit gestern weiss ich, dass er bis zu seinem 75sten Lebensjahr einen Job in der Textilfabrik hatte.

1964 wurde er „pensioniert“. Er blieb bis zum Ende seines Lebens umtriebig. Er züchtete Waschbären, Hunde und pflegte mit Röös seinen Garten.

Ich erinnere mich dunkel an seine knorrige Nase, die der meinen gleicht. seine Stimme. Seinen Bauch. Sein Lächeln. Ich war noch ein kleines Kind, als ich ihn wahrnahm, wie er so da sass in seiner dunklen Toggenburger Stube.

Die Stube sieht längst anders aus. Die Bewohner des Hauses sind gegangen. Walter, Henri und Röös sind tot. Paula lebt in einem Pflegeheim, während ich das Haus räume und mich seinen Geheimnissen stellen muss.

Als Röös und kurz darauf mein Urgrossvater Henri starb, waren meine Grosseltern Walter und Paula gezwungen, den übrigen Verwandten Geld zu überweisen. Ich habe nie verstanden, warum mein Grossvater derart gekränkt war.

Heute weiss ich es. Er musste beweisen, dass mein Urgrossvater Henri nicht arm geheiratet hat. Er musste Beweise vorlegen, dass Henri Geld besass.

Ich erinnere: Henri war zuerst mit Anna verheiratet. Sie mussten bis zum Ende des Ersten Weltkriegs warten, bis sie heiraten konnten. Dann wurde Nelly geboren. Aus mir noch unbekannten Gründen starb Nelly als Kleinkind. 1924 wird mein Opa Walter geboren. 1947 stirbt Anna in St. Gallen an Brustkrebs und wird auch dort begraben.

Mein Uropa Henri hat jahrelang gearbeitet. Er war ein fleissiger Mann. Haben die Arztkosten von Anna ihn zu einem armen Mann gemacht? Hat dies meinen Grossvater so sehr gekränkt? Ich kann nur spekulieren und hoffen, dass das Haus mir weitere Spuren seiner Bewohner bereit hält.

Obergeschoss räumen

Heute war mein erklärtes Tagesziel, das Obergeschoss, also Omas früheres Schlafzimmer, den Flur und das „Zimmerli“ zu räumen.

Omas altes Schlafzimmer, der Ort, wo wir Kinder jeweils in den Ferien übernachteten, ist praktisch ausgeräumt. Paula hat das alles noch selber gemacht. Es muss sie sehr viel Kraft gekostet haben. Hier hatte ich ausser dem Aussortieren des Kleiderschrankes nicht mehr viel zu tun. Für einmal eine wirklich schnelle Sache.

Der Flur bereitete mir mehr Sorgen. Er war ziemlich zugestellt, so dass ich zuerst sortieren musste, was weg kommt. Omi Paula hatte massenhaft Stoffe und Vorhänge in alte Koffer gepackt. Was noch brauchbar ist, werde ich an meinem Flohmarkt anbieten. Ich nehme alles in die Hand, Abwaschtücher kommen in die Wäsche, Bettwäsche alles auf eine Beige. Das sortiere ich erst aus, wenn ich ALLES gefunden habe.

Dann kommt das Bücherregal an die Reihe. Man merkt an der Auswahl, dass wohl meine Urgrossmutter Röös die grosse Leserin in der Familie war. Die Buchtitel stammen samt und sonders alle aus den 30er bis 50er Jahren. Ich stelle zurück, was ich behalten will. „Dianetik“ wandert sofort in den Müll, nicht ohne eine kleine Verwünschung aus meinem Munde.

Fünf 60lt Säcke mit Kleidern fülle ich. Ein seltsames Gefühl, mich von den alten Fetzen zu trennen. Omas Überkleider, die auf vielen Fotos mit mir zu sehen sind, behalte ich. Die Pflegende meinte letzten Freitag nämlich, wenns dann mal soweit sei, könnte Oma im Grab ein solches Kleid tragen. Nun denn.

Ich stosse auf Schranktüren, alte Kinderwägen, haufenweise leere Schachteln. Alles kommt weg. Im Keller ist bald kein Platz mehr. Ich muss endlich mal einen Anhänger füllen!!

Die versteckten Seitenschränke lasse ich heute sein. Mein Vater hat kurz reingeschaut. Da müssen irgendwo Mäuse sein. Darauf hab ich grad wenig bis gar keine Lust.
Als nächstes kommt der Schuhschrank dran. Er ist voller Schuhe. aus den 50ern, die teilweise ungetragen und wohl noch von meinen Urgrosseltern stammen müssen. Ich entsorge, was nicht mehr gut ist. Der Rest, einige originelle Pumps und neue Herrenschuhe, kommen auf den Flohmarkthaufen. Es ist ein seltsames Gefühl, diesen Schrank zum ersten Mal, seit ichlebe, wirklich leer zu sehen.

Dann räume ich das „Zimmerli“ auf. Dieser Raum ist der neueste des Hauses. Er wurde wohl erst vor 60 Jahren angebaut. Er wirkt warm, Leider ist auch dieser Raum zugestellt. Mühsam räume ich Schachtel um Schachtel weg. Das elektrische Heizkissen (innen spröde wie blöd!) kommt sofort zum Elektro-Schrott. Zum Glück hat Paula dieses Ding nie angestellt.

Zuhinterst in der Ecke stosse ich auf eine Kiste mit Steuerunterlagen und – Dokumenten über meine Urgrossmutter, ihre Kinder und den Erbstreit meines Grossvaters. Ich finde Unterlagen übers Haus, sehe mit einem Mal, wie es früher ausgesehen hat und bin gerührt.

Ich denke ganz stark an meinen Grossvater. Ich wünschte, er würde mich jetzt sehen, wie ich sein Haus entrümple. Langsam komme ich den Geheimnissen, welches es verbirgt auf die Spur. Würde es ihm gefallen?