Vom Reisen und Photographieren

Wenn ich meine gescannten Negative durchschaue, fällt mir auf, wie oft ich als Kind meine Omi Paula photographiert habe.

Schon als ich den ersten Photoapparat geschenkt bekommen habe, wie habe ich mich gefreut, war sie eines meiner ersten Sujets. Ihr liebes Gesicht, ihr schwarzes Haar, das später grau wurde, ihre schönen Hände. Immer nur Paula.

Ich erinnere mich an unsere Reisen. Besonders im Frühling setzten wir uns in den Zug und erkundeten die Schweiz. Wir reisten von Romanshorn bis Stein am Rhein. Dort stiegen wir aus und schauten uns die Stadt an. Das ist nun bestimmt zwanzig Jahre her.

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1999 reisten wir mit dem Zug von Zürich nach Berlin. Es war das erste Mal, dass wir gemeinsam ins Ausland fuhren. Paula war aufgeregt, ich weniger. Ich hatte gebucht. Wir reisten mit dem Nachtzug. Paula fands schlimm. Sie konnte nicht schlafen.

In Berlin marschierten wir herum. Die Stadt, so wie ich sie kennengelernt hatte, gefiel ihr nicht besonders. Wir assen zum ersten Mal Chinesisch. Paula hatte Angst, sich zu blamieren und war sehr froh, dass der Kellner ihr eine Gabel reichte. Stäbchen mochte sie nicht.

Es regnete. Das Brandenburger Tor wirkte dunkel. Wir waren nicht unglücklich, dass wir am Abend wieder zurückreisten.

 

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Paula nahm jeweils meine vollen Filme entgegen und liess sie für mich entwickeln. Die fertigen Photos feierten wir jeweils. Wir trafen uns zum Kaffeetrinken und redeten in bunten Farben über das Erlebte, das sich nun mehr oder weniger verwackelt auf Photopapier zeigte.

Ich vermisse es. Sie hat sich immer gewünscht, einmal mit mir nach Lourdes zu fahren; unsere grosse, gemeinsame Reise. Wir haben sie nie gemacht.

 

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Vom Vermissen

Der Mittwoch war Paulas und mein Tag. Seit frühester Kindheit hat sie mich an jenem Tag besucht. Für mich war es der schönste Tag der Woche. Wenn sie einmal nicht vorbeikam, sei es, weil sie arbeiten musste oder mit meiner Mutter Streit hatte, war ich traurig.

Mindestens einmal in der Woche hab ich mit Paula telephoniert. Wir konnten stundenlang reden. Sie wusste immer noch mehr zu erzählen und wenn wir uns nichts aktuelles mehr zu sagen hatten, sprachen wir eben über die Vergangenheit. Mehr als einmal hat mir Paula so die Geschichte ihres ersten Treffens mit Walter erzählt. Gewisse Geschichten werden besser und schöner, je öfter man sie sich erzählt.

Jetzt, wo Paula im Pflegeheim ist, telephonieren wir nicht mehr. Es fehlt mir, denn ich habe früher so gerne mit ihr geredet. Aber ich habe so grosse Mühe, ihr zuzuhören. Ich habe Angst, dass sie beim Gang zum Telephon stürzen könnte, dass sie überfordert ist, wenn es klingelt und sie nicht mehr weiss, wie bedienen. Ihre Scham ist zu meiner geworden.

Meine Mutter hat fürs Leben gerne erzählt, wie ich nackt im Bädli herumgeschwommen bin. Das tat sie aber nur, wenn von mir hochverehrte Männer in der Nähe waren. Ich schämte mich in Grund und Boden. Heute denke ich oft daran und wie sehr mir diese kleine Geschichte fehlt. Was gäbe ich darum, wenn meine Mutter jetzt dasässe vor einem Glas Merlot und sie mir erzählte?

Am schlimmsten waren am Anfang der Trauerzeit die Tage, an denen meine Mutter mich früher angerufen hatte. Terra X ist eine meiner liebsten Sendungen. Sie läuft seit meiner Kindheit um 19.30 auf ZDF. Meine Mutter hat mich just immer dann angerufen, um mir von ihrer Beziehung, ihren Sorgen und ihren kleinen Freuden zu erzählen. Mehr als einmal sass ich augenrollend auf dem Sofa meines damaligen Freundes und hoffte, das Telephonat wäre bald zu Ende.

Kurze Zeit danach war es zu Ende. Ich bereue es zutiefst, nicht mehr mit ihr geredet zu haben, kein schriftliches Zeugnis ihrer Gedanken zu haben, nicht zu wissen, wie man das beste Voressen der Welt macht. a

Von den Wurzeln, dem Leben und der Heimat

Irgendwie bin ich nicht weit herum gekommen.
Im Thurgau bin ich aufgewachsen zwischen Dreckhügeln, Nebelschwaden und Apfelbäumen. Ländlich. Ich sage: dreissig Jahre hinterher. Als man in Zürich darüber sprach, dass die Jungen Heroin spritzen, galt in meinem Dorf rauchen und wild herumknutschen als Gipfel der Verdorbenheit. 1989 war die Jugend auf dem Dorfe ein ewiger Groschenroman.

Mit 17 lebte ich ein Jahr lang in Nyon. Das kommt mir heute vor wie das Leben auf einem anderen Planeten. Die Gegend war nicht mal so sehr anders als die im Thurgau: grüne Hügel, Weinberge und ein grosser See. Die Menschen hingegen schienen auf eine seltsame Art und Weise offener als in meiner Heimat.

Nach der Lehre ging ich nicht fort aus dem Thurgau. Ich konnte nicht. Da war das Dorf, mein Heimatort. Nur wenige Kilometer von hier war meine Familie entstanden Die Gegend zieht mich an wie ein Magnet. Schon vor 500 Jahren haben die Meinen hier gelebt, deren Name, Debrunner, ich trage. Es ist der Name meines Vater. Ich liebe diesen Namen. Er bedeutet mir viel.

Die andere Hälfte von mir, die mütterliche, entstammt aus dem Toggenburg. Dieses Tal, auch hier fliesst die Thur durch, ist ebenfalls meine Heimat. Von hier kommt meine Mutter, mein Grossvater und mein Urgrossvater.

Ich bin und her gerissen. Besonders im Frühling liebe ich den Thurgau. Ich kann mir nicht vorstellen, hier wegzugehen. Doch das Haus im Toggenburg zieht mich an. Der Sommer ist so wunderbar dort. Kühl. Schattig. Plätschernd. Der Winter ist so bitterkalt.

Anna, meine Urgrossmutter, stammte aus Herisau. Um 1918 muss die Heirat in Richtung Toggenburg noch wie eine Weltreise gewesen sein. Oft denke ich an Anna, wenn ich von Lichtensteig über die Wasserfluh fahre. Wie sie wohl gereist ist?

Ich muss dran denken, dass auf dem Friedhof in Lichtensteig alle Meinigen mütterlicherseits begraben sind; Anna, Rosa, Henri, Nelly, Uschi und Walter. Irgendwann wird auch Paula dort ihren ewigen Schlaf halten. Warum also sollte ich nicht in dem Städtchen leben wollen, fernab der (alten) Heimat?

Das Haus, mein Vater und ich

Bei aller Hoffnung bald mein Haus zu kaufen, leide ich doch darunter, dass mein Vater das Haus nicht mag. Ich wünschte mir von Herzen, er würde Dinge sagen wie: „Du schaffst das schon, Zora.“ oder „Es wird wunderschön werden, du wirst schon sehen.“ Aber das tut er nicht.

Ich gehöre nicht einer Familie an, die mit Wohlstand gesegnet ist. Mein Vater hat mir weder Autoprüfung noch einen schicken Erstwagen gekauft. Nein, ich war von Anfang an auf meine eigenen Beine gestellt. Ich bin nicht unglücklich darüber, denn es hat mich gelehrt, mich zu wehren.

Trotzdem bin ich manchmal neidisch auf Freundinnen, deren Eltern mal einfach so ein bisschen Geld zur Verlobung sprechen, ein Studium bezahlen oder teure Geschenke machen. Ich kenne so etwas nicht. Ob das wirklich elterliche Liebe ist, wage ich zu bezweifeln.

Mehr umtreibt mich noch die Frage, warum mein Vater das Haus so hasst, dass er es liebend gerne abreissen würde.

Es ist das Haus meiner Familie mütterlicherseits und nach der Scheidung von meiner Mutter hat mein Opa ihn des Hauses verwiesen. Ich verstand damals nicht, wie unglaublich gemein und verletzend das war. Aber ich ahnte und spürte, dass Menschen nun mal so ticken.

Mein Opa hat ihn dann auch um Verzeihung gebeten. Trotzdem ist die Wunde nicht geschlossen. Irgendwie hoffe ich, mit dem Kauf neues Leben einzuhauchen. Ich möchte so gerne, dass das Haus und die Wiese wieder belebt werden. Zu gerne würde ich Hühner halten. Wenn ich dann am Samstagnachmittag, im Sommer, auf der Terrasse sitze, würd ich ihnen zuschauen, wie sie herumhüpfen und glücklich sind.

Ich möchte die Fassade neu streichen, die Küche renovieren und die Räume neu einrichten. Aber das beste wäre, wenn ich dann meine Familie und meine Freunde einladen könnte. Wir würden in der kleinen Stube sitzen und der Kachelofen gäbe uns warm.

Ein bisschen Hoffnung habe ich dennoch, dass er es mögen wird.

Ostern

Seltsames Gefühl, gestern im Haus gewesen zu sein. Es ist das zweite Mal an Ostern, dass es leer steht. So ganz ohne Paula ist das Osterfest nicht so festlich und verspielt wie früher.

Es liegt Schnee. Mein Plan, für Paula einige Tulpen aus dem eigenen Garten mitzubringen, scheint damit zu missglücken. Doch dann finde ich drei grosse, schöne rote Tulpen beim Waschbärenstall, unter dem Goldregen.

Ich weiss nicht, ob Paula noch einfach so Schoggi essen kann. Geschenke findet sie zwar toll, aber sie machen sie auch traurig.

Wir treffen auf Paulas langjährige Nachbarin, eine Frau mit zwei schulpflichtigen Kindern. Paula hat sie in den letzten Jahren, als sie noch im Haus gelebt hat, wie Enkelkinder angesehen. Wir reden übers Haus und unsere Absicht, es so schnell wie möglich zu kaufen. Die Nachbarin freut sich. Sie erzählt von ihrer Band und dass sie noch einen Bassisten suchen. Sascha grinst. Er spielt Bass. Was für eine Aussicht!

Wir reden über Paula und wie es ihr geht. Die Nachbarin richtet liebe Grüsse aus, auch von den Kindern. Dann fahren wir ins Pflegeheim. Natürlich kommen wir gerade rechtzeitig aufs Mittagessen. Um Paula dabei nicht zu stören, warten wir in ihrem Zimmer.

45 Minuten später kommt Paula in ihr Zimmer, begleitet von der Pflegenden. Wir reden ein wenig. Paula ist müde, sie könnte einfach nur schlafen.

Als wir dann allerdings gehen wollen, hüpft sie auf. Trotz ihres hohen Alters und ihren nicht mehr ganz so fitten Knochen, lässt sie es sich nicht nehmen, uns nach unten zu begleiten. Auf dem Weg nach unten trifft sie zwei Mitbewohner; ein jüngerer Mann und eine ältere Frau. Paula stellt mich, stolz wie immer als ihre Tochter vor. Nach dem Namen gefragt, schweigt sie. Ich stelle mich dann selber vor. Paula zeigt auf die Frau und sagt: „Das ist eine ganz liebe. Die Frau hier legt mir jeweils die Serviette beim Essen um.“ Die andere Frau nickt stolz.

Ich denke immer mehr, dass das Leben im Pflegeheim nicht einfach trist und sinnlos sein muss. Es entstehen Beziehungen, kleine Zärtlichkeiten unter Menschen, die sonst ganz alleine wären. Natürlich gibts Streitereien. Die einen habens lieber ruhig, die anderen brauchen Action. Aber es rührt mich immer wieder, zu sehen, wie Menschen mit einander umgehen. Wie sie die Kraft haben, aufeinander zuzugehen.

Ich bin froh, dass Paula in diesem kleinen Pflegeheim lebt. Sie wird gut umsorgt, nicht nur pflegerisch, sondern auch menschlich. Die vielen Jahre, alleine im Haus, waren nicht so leicht. Ihr sozialer Umgang wurde durch den Tod ihrer besten Freundin und meines Opas, dem Ruhestand eingeschränkt.

Am 6. Mai wird Paula 86. Dann ist hoffentlich auch im Toggenburg der Frühling eingekehrt.

Ein Samstag mit Henri

Eigentlich wollte ich heute frühlingshafte Photos und den dazugehörigen Text veröffentlichen. Gestern beschloss ich dann aber, dass ich an meinem Photoprojekt weiter arbeiten will.

Henri, mein Urgrossvater, beschäftigt mich immer wieder mal. Seit ich seine Karten an die Ururgrosseltern und an Anna gefunden habe, sehe ich ihn ganz anders. Er arbeitete in der damals florierenden Textilbranche im Toggenburg. Das ganze Haus zeugt davon. Es gibt keinen einzigen Schrank, wo nicht Wollresten, antike Fadenspulen oder gar Maschinen herumstehen. Drei Strickmaschinen befinden sich alleine im Dachgeschoss. Ich hoffe, ich werde es schaffen, mich mit der Materie vertraut zu machen…

Henri ist 1889 geboren. Das Haus ist 60 Jahre älter. Henri diente im Ersten Weltkrieg als Soldat. Vielleicht liegt es an seinen schriftlichen Zeugnissen, dass ich einen allzu lockeren Umgang mit der Zeit um 1914 nicht toll finde.

Die Zeit hat sich in Henris Gesicht eingeprägt. Über seine Kindheit weiss ich nichts. Er heiratete spät meine Urgrossmutter Anna. Sie waren beide nicht mehr die jüngsten, als sie ihr erstes Kind zeugten, meine Grosstante Nelly. Dieses Kind verstarb früh. Dann wurde mein Grossvater Walter geboren. 1947 verstarb Anna an Krebs. Wie muss das für Henri gewesen sein, als er seine geliebte Frau verlor?

Ich wurde 1977 geboren, da war Henri bereits 88 Jahre alt. Ich erinnere mich jedoch noch gut an ihn. Seine knarrende Stimme, heiser und blechern. Seine Hände. Sein riesiger Bauch. Der immergleiche Wollpullover. Seine würdevolle Ausstrahlung. Sein Zungenschlag. Toggenburger. Ein harter Grind.

Ich würde ihn so gerne vieles fragen. Wie er den Krieg wirklich erlebt hat. Woran er an seinem Leben Freude gehabt hat. Worunter er litt. Ich würde ihn gerne noch einmal umarmen.

 

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Henri, wahrscheinlich in den späten 60er Jahren vor dem Haus.

 

 
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Henri vor seinem Waschbärengehege. Im Hintergrund ist klar zu erkennen, wie die Landschaft hier vor 50 Jahren ausgesehen hat.

 

 
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Henri und sein Hund vor dem Waschbärengehege, wahrscheinlich Ende der 60er Jahre

 

Heiraten und so.

An der Hochzeit meiner Eltern wäre ich gerne dabei gewesen. Ich kenne diese Feier natürlich nur von den Fotos aus dem Album meiner Oma. Ich vermute, das war ein richtig gutes Fest.

Ich sehe meine Mutter als junge, schöne Braut. Irgendwie hab ich in jüngeren Jahren gehofft, sie würde mir ihr Kleid einmal vermachen. Ich hoffte, mein Mann würde einmal genau so gut und so verliebt aussehen wie mein Vater.

Es ist nicht dazu gekommen. Mit anfangs zwanzig träumte ich, ich würde heiraten. Ich stand da in einem weissen Kleid. Ich hatte sogar einen Bräutigam, dessen Gesicht ich aber nicht erkennen konnte.

Ich stand da ganz vorne in jener Kirche in meinem Dorf, als sich meine Verwandten anfingen zu streiten. Plötzlich waren sie fort. Auch der Pfarrer war mit einem Mal verschwunden. Der Bräutigam schien in Luft aufgelöst.

Ich stand da vorne in einem weissen Kleid. Ganz alleine. Ich zog es aus und lief davon. In der Nähe befand sich damals ein Teich. Ich sprang hinein und verwandelte mich in einen Fisch.

Ich wäre sehr gerne dabei gewesen an der Hochzeitsfeier meiner Eltern. Damals waren sie noch glücklich. Sie ahnten nicht, was auf sie zukommen würde, drei Jahre vor meiner Geburt.

Sie wussten nicht, dass sie mich und meine Schwester aufziehen und meinen Bruder verlieren würden. Wie viel hält die Liebe aus?

Nicht wenig, würde ich sagen. Aber Todesfälle zerstören jegliche Liebe. Ich kenne nur wenige Menschen, die den Tod eines Kindes unbeschadet und in Liebe überleben. Meine Eltern gehörten nicht dazu. Ich trage es ihnen nicht nach.

 

 

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meine Mutter und meine Oma 1974

 

 

Der beste Freund meiner Familie

Es gibt nicht viele Dinge, die mich wirklich verletzen. Mittlerweile habe ich vieles gelernt einzustecken und zu deuten. Aber es gibt da einen Punkt, da verstehe ich keinen Spass.

Ich war noch keine zwei Jahre alt, als mein Bruder starb. Er war nur drei Tage alt und die Umstände seines Todes im Spital Frauenfeld sind rätselhaft. Meine Mutter, und auch mein Vater, waren danach andere Menschen.

Meine Mutter entstammt einer Toggenburger Textilarbeiterfamilie. Ich wage zu behaupten, dass „Alkoholismus“ eine der Überlebensstrategien war. Wie anders hätte man den harten Alltag in der Fabrik durchstehen können? Ich nehme an, dass dadurch während Generationen eine Art Stress wegzustecken, weiter vererbt wurde. So war es bei meinem Uropa Henri, meinem Opa Walter und wohl auch bei meiner Mutter.

Der Alk, und ich behaupte mal, dass viele gutmeinende, sozial denkende Menschen keine Ahnung von dem Thema haben, zerstört vieles. In erster Linie wurde der Körper meiner Mutter zerstört. Eine Leberzirrhose kommt nicht von ungefähr. Doch sehr viel heftiger ist die Zerstörung des sozialen Umfelds und notabene des Selbstwertgefühls der Angehörigen.

Ich kannte nichts anderes. Ich fand es nicht aussergewöhnlich, dass meine Mutter um sechs Uhr morgens kotzte, nein. Ich half ihr beim Aufwischen, damit mein Vater es nicht bemerkte. Später ging ich zur Schule. Es war nicht aussergewöhnlich oder gar befremdlich, dass meine Mutter die Nachmittage schlafend auf der Couch verbrachte. Ich wusste nicht, dass andere Mütter morgens nicht nach Merlot aus dem Mund riechen.

Ich wusste nicht, dass andere Mütter ihre Kinder nicht einfach so verprügeln. Mir war nicht bekannt, dass Schläge auf den Rücken, den Kopf oder in die Beine nicht ok sind. Ich wusste nicht, dass andere Mütter ihre Tochter nicht einfach so mit dem Kleiderbügel prügeln, bis der Bügel bricht. Den Kopf gegen den Heizkörper schlagen. Mir fiel nie auf, dass andere Kinder keine blauen Flecke am ganzen Körper hatten.

Natürlich hatten wir selten andere Kinder zu Besuch, denn ich nehme mal an, dass ausser mir so ziemlich jeder bemerkt hat, dass meine Mutter trinkt. Meine Kindheit und meine Jugend war einsam. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich vor allem und jedem schützen. Wenn der Körper verletzt ist, ist auch die Seele beteiligt. Die Narben wachsen zu, doch die Wunden an der Seele eitern lange.

Später, ich war im Welschlandjahr, sah ich etwas klarer. Meine Madame schlug niemanden, schrie nicht herum. Auch als mir einmal eine teure Schüssel zu Boden fiel, fand sie das nicht so schlimm. Schlimmer fand sie die Tatsache, dass ich mich zu Boden geschmissen und die Hände über den Kopf gelegt, mich zusammengerollt hatte, um mich zu schützen.

Sie meinte: „Ma fille, so geht das aber nicht.“

Sie hat mich dann, ich war gerade mal 16, in eine Therapie geschickt. Madame D., meine Therapeutin sprach nur französisch und so lernte ich, die Tiefen meiner Verletzungen in einer Fremdsprache auszudrücken.

Mir wurde in der Zeit bewusst, dass in meiner Kindheit und Jugend ziemlich was scheisse gelaufen war. Noch konnte ich es nicht einordnen. Als ich wieder zuhause war, das Jahr war herum, waren meine Eltern getrennt, meine Mutter ausgezogen und es kehrte Normalität in mein Leben ein.

Meine Schwester allerdings war wütend auf mich. Sie fand es furchtbar, dass ich mit jemandem ausserhalb der Familie über „das Problem“ geredet hatte.
„Du stellst uns alle schlecht hin“, sagte sie. Ich musste mich entscheiden, ob ich lieber schweigen oder darüber reden will. Ich wusste, wenn ich schweige, dann kommt das nicht gut. Dann werde ich krank oder wahnsinnig oder sterbe.

Darum rede ich darüber. Ich verschweige den Alk in meiner Familie nicht. Ich gebe der Flasche nicht die Macht über mein Seelenleben.

Aber manchmal bin ich empfindlich. Bei Witzen über Alkis kann ich nicht lachen. Zu schmerzlich wird mir das Drama dahinter bewusst. Zu offensichtlich ist die Bigotterie der Lachenden und Spottenden.

Hühner, Hunde und andere Tiere.

In Sachen Tiere bin ich empfindlich.
Ich liebe Tiere. Am allerliebsten würde ich gerne Hühner halten. Tauben. Krähen aufziehen. Raubvögel füttern!

Ich wuchs mit jeder Menge Tiere auf. Wir hatten Katzen. Mauzi, Tigi, Negi und wie sie alle hiessen. Sie waren nicht einfach Tiere, sondern Familienmitglieder. Tigi bewachte mich, während ich in meinem Kinderbettchen lag. Mauzi hat mehr als einmal meine Tränen weg geschleckt. Negi kuschelte gerne.

 

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Mit den Kaninchen meines Vaters wusste ich nicht soviel anzufangen, nur soviel: ich ahnte früh, dass es äusserst schreckhafte, sensible Tierchen sind. Eine Narbe an meiner Hand zeugt davon. Keine Kuscheltiere. Aber mein Vater machte mir auch nie Illusionen über ihren Zweck, wenn ihr Leben vorbei war. Wir assen oft das Fleisch unserer Kaninchen. Das störte mich nicht, damals. Ich wusste, wenn mein Vater sie schlachtet, müssen sie nicht lange leiden.

Mein Vater züchtete auch Enten. An unserem früheren Wohnort habe ich mich sehr mit einigen angefreundet. Ich mochte das sanfte Klatschgeräusch ihrer Füsse. Eines Tages brach eine Schafherde aus und zertrampelte alles. Unsere Enten starben. Meine Mutter hat eine kleine Ente von Hand aufgezogen. Ich wäre am liebsten immer dagesessen und hätte ihnen zugehört: meine Mutter, die zärtlich spricht und das Entenküken, das antwortet.

Die Hühner meines Vaters habe ich sehr geliebt. Da war beispielsweise Berta, das Seidenhuhn. Ihr Mann, Berto. Schwarz. Majestätisch! Ein wahrer Gentleman. Dann waren da die Wyandotten. Ich glaube, wir hatten zwei. Die Antwerpener Bartzwerge. Was für ein Wort! Was für wundervolle, liebe Tiere! Als ich noch ein Kind war, hatten wir wachtelfarbige. Ich mochte den Gockel, der vornehm um seine Hühner herum lief. Später kauften mein Vater und seine Frau schwarze. Auch diese Hühner zeichneten sich durch eine unglaubliche Neugier und eine Gutmütigkeit aus.

Schliesslich kaufte mein Vater moderne englische Kämpfer. Diese Hühner, die einst für Hahnenkämpfe gezüchtet worden waren, wuchsen mir sehr ans Herz. Da ich sie täglich füttern durfte, wurden sie rasch zutraulich. Wenn ich mit dem Futtergeschirr in Richtung Hühnerhof kam, sie liefen damals frei herum, kamen sie geflogen.

Vielleicht liest es sich auf den ersten Blick wie eine Szene aus Hitchcocks „Die Vögel“. Sie landeten auf meinen Armen, meinem Nacken, immer gierig aufs Futter. Die feinen, aber spitzigen Schnäbel knabberten alsdann an meiner Haut, niemals bösartig, eher aufmunternd.

Die Idylle meiner Kindheit zerflog, als ein schwarzer Rottweiler zum wiederholten Mal durchs Dorf strich. Sein Herr, ein Nachbar, hatte es offenbar nicht für nötig befunden, seinen Hund an die Leine zu nehmen, beziehungsweise ihm Erziehung zukommen zu lassen. Als er unsere Hühner sah, drehte der Hund durch. Ich erinnere mich an Schreie meiner Mutter, damit wir Kinder uns in Sicherheit begeben. Für die Hühner kam der Warnschrei zu spät. Meine Mutter und mein Vater wollten nicht, dass wir rauskommen. Ich habs trotzdem getan. Der Hund hatte eine Spur der Verwüstung durch unsere Hühnerschar hinterlassen. Er hat die Hühner zerrissen und zerfetzt.
Berto, der tapfere Hahn, verlor einen Teil seiner Krallen, als er mutig versucht hatte, das Untier zu verscheuchen und Berta und die anderen Hühner zu beschützen.

Mein Vater hat den Besitzer des Hundes nie zur Rechenschaft gezogen. Das bedauere ich wirklich sehr.

 

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ca. 1983

 

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Geschichten erzählen

Was ich wirklich schlimm finde an Paulas Demenz ist ihr Erinnerungsvermögen, das langsam verloren geht. Als ich noch ein Kind und später ein Teenager war, konnte ich ihr stundenlang zuhören, wenn sie von meiner Kindheit und meinen Streiche erzählte. Es hat was unglaublich liebevolles, wenn man über sich Geschichten hört. Ich wusste früh, dass meine Oma mich über alles liebt. Ich liebte sie auch.

Meine Schwester und ich verbrachten alle Ferien bei ihr und Walter. Wir spielten von morgens bis abends, tollten ums Haus herum, gingen ins Schwimmbad und bauten uns aus Tüchern Hütten. Wir liebten es, mit Barri, dem Hund zu spielen. Er war ein wirklich guter Freund. Er war ein Erbstück von Henri und Rosa.

Als ich in die Lehre ging, stellte meine Oma mit Bedauern fest, dass meine Besuche bei ihr seltener wurden. Ich hatte viel weniger Ferien und wenig Zeit. Das Hüttenbauen und halbnackte Herumhüpfen ums Haus hatte ein Ende gefunden. Dann starb Barri. Er war ja auch schon ein alter Hund. Sein Tod war traurig.

Als nächstes starb mein Opa.

Wir erinnerten uns oft an seine Spässe während wir in der Küche sassen. Wie er uns Kinder liebevoll geärgert hat. Oma sprach sehr nachdenklich über ihn. Oft erzählte sie mir, wie sie über ihn nachgedacht hatte und wie sehr sie sich gewünscht hätte, friedlich mit ihm zusammen zu leben.

In jener Zeit sagte sie mir schon sehr oft den falschen Namen. Urseli. Der Name meiner Mutter. Sie entschuldigte sich immer sofort, wenn sie das getan hatte. Am Anfang ärgerte es mich, denn ich wollte nicht, dass ich sie an meine Mutter erinnere.

Dann starb meine Mutter.

Paula und ich trauerten gemeinsam, telephonierten stundenlang und redeten über unsere Gefühle. In jener Phase erzählte mir Paula sehr viel aus Uschis Kindheit. Es schien mit einem Mal alles präsent. Ich profitierte und lernte so meine verstorbene Mutter ganz anders kennen, was den Verlust noch schlimmer machte.

Einige Monate nach dem Tod meiner Mutter trennte ich mich von meinem damaligen Freund. Kurze Zeit später begann eine nächste Phase von Paulas Demenz. Sie brauchte Hilfe bei Medi einnehmen. Sie konnte nicht mehr alleine einkaufen gehen. Mich kannte sie noch. Ich war mit einem Male wieder ich selber.

In der Zeit vor dem Eintritt ins Pflegeheim wurde Paulas Kindheit unglaublich präsent. Sie wusste nicht mehr, dass sie ein Kind geboren hatte und verheiratet war. Sie wusste nicht einmal mehr, dass sie Mann und Tochter verloren hatte. Stattdessen lebte sie gefühlsmässig im Krieg. Sie hatte Angst. Sie verstand nicht mehr, was um sie herum passierte. Nachrichten hörte sie wenig. Der Radio war oft an. Dass gerade in der Zeit die Musikwelle abgestellt und der Sender nur noch via DAB empfangbar war, machte die Betreuung meiner Oma nicht einfacher. Einem über 80jährigen Menschen zu erklären, wie man ein Gerät mit Digitalanzeige und zu vielen Knöpfen bedient, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn ich heute bei Paula vorbei gehe, bin ich wohl einfach ein nettes Gesicht, das sie an irgendwen erinnert. Meine Geschichte weiss sie nicht mehr. Sie kann noch immer sprechen, an guten Tagen reden wir fast wie früher. Doch es ist anders. Die kindliche Unbekümmertheit ist verflogen. Bald weiss nur noch ich, was war.