Vom Verlust und der Liebe

Am 2. September würde meine Mutter 65 Jahre alt werden. Ich kann es mir nicht vorstellen. Egal, wie lange ich darüber nachdenke, es stellt sich kein Bild meiner gealterten Mutter ein.

Wenn ich über sie nachdenke, sehe ich sie immer als junge Frau. Manchmal sogar als Teenager oder Kind. Im Haus gibt es so viele Bilder von ihr. Sie war wunderschön. Sie war eine grosse, schlanke Frau mit dunklem Haar und einer seltsam olivfarbenen Haut. In ihren 40ern war sie etwas fülliger geworden. Dann, mit 50 magerte sie ab. Sie wirkte ausgezerrt.

Am Ende ihres Lebens, nach all den Jahren des Leidens und des Erstickens von tiefen Emotionen mit Hilfe von Alkohol, war sie wieder wunderschön. Ihr Sterben war schwer. Doch der Tod hat was friedliches. Die Begegnung und die Auseinandersetzung mit ihrem Sterben hat mich sehr geprägt und die Sicht auf das Leben völlig verändert.

Als meine Mutter vor neun Jahren im Sterben lag, war mir alles schwer. Ich wusste nicht mehr, wie ich einen Schritt vor den anderen setzen sollte. Und doch war das Leben intensiv wie nie. Ich schätzte plötzlich Dinge, die ich vorher gar nicht erkannt hatte. Ich freute mich über Begegnungen, die mir Kraft gaben. Das waren insbesondere Gespräche mit Menschen, die ebenfalls Angehörige verloren hatten. Das Feingefühl, das Verständnis und vor allem die wortlose Übereinstimmung, was Verlust angeht, haben mich beeindruckt und tief berührt.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Sie fehlt mir so. Ich wünschte, sie würde noch leben und wir würden uns hin und wieder treffen und gemeinsam ein Glas Wein trinken. Ich würde so gerne mit ihr über die Liebe und den Verlust sprechen. Ich würde sie so gerne besser verstehen. Jetzt, mit fast 40 Jahren, ist sie mir in ihrem Sein näher denn je. Wir sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Wir sind Alpha und Omega. Feuer und Wasser.
Mir fehlen ihre Umarmungen und ihre sanfte Stimme.

mami und ich

familie

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Diese Liebe

Berlin ist meine erste Liebe.
Die erste Reise, die ich alleine vom Thurgau aus machte, führte mich nach Berlin.
Da wollte ich ihn. Ich weiss nicht wieso.

1998. Ich arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft an der Kasse mit Blick auf
die Bahnlinie. Ich hatte grosses Fernweh, besonders wenn die Wägen des Orient-Express vorbei donnerten. Das geschah jeweils am Dienstag. Ich weiss noch genau, dass ich um jene Zeit am Nachmittag immer besonders aufmerksam nach draussen schaute.

Ich reiste wenige Wochen nach dem schrecklichen Bahnunglück von Eschedde nach Berlin. Meine Reservationen waren ungültig und ich verbrachte den grössten Teil der Fahrt auf den Boden. Aber das störte mich nicht.

Ich stieg am Bahnhof Zoo aus und wanderte durch die Stadt. Eine ganze Woche lang. Ich war glücklich. Es war, als würde ich nach Hause kommen. Dieses Gefühl kannte ich damals nicht, denn ich lebte nicht gern an jenen Orten im Thurgau, wo ich aufgewachsen war.

Ich frage mich oft, warum gerade Berlin es mir so angetan hat. Vielleicht hat es mit meiner Uroma Röös zu tun, denn sie lebte einige Zeit während des Krieges in dieser Stadt. Wenn ich durch die Stadt laufe, denke ich an sie und frage mich, ob sie hier wohl auch mal gestanden hat. Alles ist anders als damals. Sie kam nach dem Krieg zurück ins Toggenburg, heiratete meinen Urgrossvater Henri und redete nie mehr über Berlin. Nur dank Souvenirs weiss ich, dass sie hier gewesen war.

Ein wenig Angst hatte ich schon, als ich am Sonntag hier ankam. Ich weiss ja, dass Berlin sich sehr schnell verändert. Würde ich noch irgendetwas wiedererkennen?

Sascha und ich liefen durch die Stadt. Hier bin ich auch mit Paula durchgewandert. Das ist erst 17 Jahre her. Die Zeit vergeht so schnell. Ich gehe zum ersten Mal an die Republica. Das habe ich bisher nie getan, weil Paula immer um jene Zeit Geburtstag hat. Ich dachte immer: du weisst nicht, wie lange sie noch da ist. Dieses Jahr ist ihr Geburtstag am Freitag. Also bin ich jetzt in Berlin und nachher, am Freitag bei Paula.

Gartenerde

Im Gegensatz zu 2015, wo ich lange grippekrank darnieder lag und nicht sooooo viel im Garten tun konnte, wie ich es mir eigentlich erwünscht hatte, bin ich dieses Jahr seit Wochen aktiv.

Das lange Blumenbeet, welches ich letzten Sommer gegraben habe, ist gejätet und neu bepflanzt. Der alte Rosenstock ist geschnitten, die Forsythie ebenfalls. Auf ihre Blüten freue ich mich sehr. Auch diese Pflanze ist sehr alt. Da ein Teil ihrer Äste auf dem Hühnerstalldach abgestützt sind, habe ich mich sorgfältig daran gemacht, ihr abgestorbenes Holz zu schneiden und sie davon zu befreien.

Der alte Komposthaufen war mein Pièce de Résistance: Omi Paula hat hier nicht nur kompostierbares entsorgt, sondern auch Joghurtdeckeli, Plastik und vieles andere. Mein Vater hat mir ein Kompostsieb geschenkt und nun siebe ich geduldig die Erde durch. Es ist unglaublich, was da zusammenkommt. Es erschreckt mich auch, wie sich die Demenz ausgewirkt hat. Sie verstand den Sinn von Recycling, was ihr immer sehr wichtig war, gar nicht mehr. Ich bin froh, hat sie den Müll dort und nicht noch häufiger im Dorfbach entsorgt.

Wenn die Erde gesiebt ist, werde ich an jener Wand im Garten das Beet für die Tomaten graben. Ich erinnere mich nämlich dunkel, dass Omi dort immer Tomaten gepflanzt hat.

Ich pflanzte einen Magnolienbaum. Er ist einer meiner Lieblingsbäume. Ich mag die Blüten, die nur für kurze Zeit im Jahr da sind. Meine Freude über die vielen Primeli ist riesig. Genau so sah es hier aus, als ich noch ein Kind war.

Heute werden wir eine Blumentopfwand aufbauen. Ich freu mich darauf, den Garten weiter zu beleben und Gemüse anzubauen. Ich möchte Mosaiken legen und noch viel mehr Farbe aufs Grundstück bringen.

Und vielleicht schaffen wir es ja auch noch, dass hier irgendwann muntere Hühner (am liebsten Antwerpener Bartzwerge, Japanische Seidenhühner und Appenzeller Spitzhauben) herum rennen. Darauf freue ich mich.

 

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so sah es hier 2013 aus.

 

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ich mochte Hühner schon als kleines Mädchen

Vernunfttrunken

Omi Paula lebt seit Oktober 2012 im Pflegeheim. In einigen Wochen wird sie 88 Jahre alt.
Sie hat sich lange gegen einen Umzug gewehrt. Sie fühlte sich nicht alt. Sie hatte ihren eigenen, grossen Haushalt, ihren Garten, ihren Tagesablauf. Ich wollte sie auch nicht dazu zwingen, denn ich bin ich der Meinung, dass Zwang etwas vom Schlimmsten ist, das man einem Menschen antun kann.

Ich setzte auf Omis Vernunft.
„Vernunft?“, wirst du vielleicht fragen.
Ja. Vernunft. Selbst Menschen mit einer Demenzerkrankung können denken, fühlen und vor allem Entscheidungen treffen. Sie brauchen etwas Hilfe, Liebe und Geduld.
Ich glaube, Geduld und Liebe sind das Wichtigste, das man einem demenzkranken Menschen entgegenbringen kann.

Wenn jemand an Demenz erkrankt, verändert sich so vieles. Das Gewohnte scheint verändert. Angehörige, die andauernd an einem Menschen herum reklamieren, ihn zurechtweisen, ihn klein machen und so demütigen, machen alles nur noch schlimmer.

Vielleicht war es mein Geschenk, dass ich seit vielen Jahren mit Menschen mit geistigen Behinderungen arbeiten darf. Ihr Verhalten ist manchmal auf den ersten Blick so unverständlich, so fremd, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als seine eigene Sicht auf das Leben immer wieder zur Seite zu stellen und sich aufs Gegenüber einzulassen und nachzufragen.

Mir fielen Omis veränderte Verhaltensweisen früh auf. Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Omi sagte oft: „Warte nur, bis du so alt bist wie ich.“

Ich sprach immer wieder ihren Gesundheitszustand an. Ich machte mir grosse Sorgen, dass sie stürzt, Schmerzen erleidet oder aber überfallen wird. Ich sagte ihr, ich halte es fast nicht aus, dich hier so zu sehen. Bei allem aber war mir klar, dass es ihre Entscheidung ist und nicht meine.

Als Omi sich entschloss, umzuziehen, war die Sache emotional nicht ausgestanden. Wenn jemand dreissig Jahre am gleichen Ort lebt, kann man ihn nicht einfach umpflanzen. Es braucht Behutsamkeit und Verständnis. Schliesslich muss sich ein Mensch von seinem bisherigen Leben verabschieden.

Mir schien, als stürbe Omi ein wenig. Ihr ganzes Leben zog während der Umzugsphase an ihr vorbei. Die Erinnerungen waren präsenter als die Gegenwart. Ich habe sehr viel gelernt über mich, über sie und unsere Familie. Ich bin dankbar, trotz der vielen Tränen und den Sorgen, dass ich sie auf diesem Weg begleiten darf.

Heute ist Omi sehr glücklich. Sie wirkt sehr alt und gleichzeitig kindlich. Sie lacht oft und wirkt auf mich gelassen. Natürlich mache ich mir Gedanken, was uns alles noch erwartet. Wie das Ende sein wird. Doch Omi sagte immer: Jetzt ist ein schöner Moment. Geniessen wir ihn.

Schwesterleben

Jetzt ist es bald zehn Jahre her, dass meine Schwester und ich uns so entfremdet haben.
Sie litt unter einer psychischen Krise und verbrachte einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik. Ich versuchte ihr eine gute Schwester zu sein, was ich aber ihres Erachtens wohl total verbockt habe.

Als meine Schwester nämlich unterernährt und psychisch angeschlagen nicht mehr nachts zu ihrem damaligen Freund nach Hause kam, habe ich ihm geholfen, für sie einen FFE zu beantragen. Er bat mich am Phone um Hilfe, denn er fürchtete, sie würde in der Kälte sterben. Sie nahm das Telefon nicht mehr ab und wir wussten nicht genau, wo sie sich aufhält. Er meinte, es wäre meine Pflicht als Schwester, ihr beizustehen.

Das hab ich getan um den Preis des Gehasstwerdens. Natürlich denke ich oft darüber nach, was ich hätte anders machen können. Ich mache mir noch heute Gedanken, was sie alles erlebt hat in jenen Tagen. Ich war froh, dass es damals diesen Weg gab. Ich wollte nicht akzeptieren, dass sie sich so umbringt. Doch hatte ich das Recht dazu?
Das Leben, so schien es mir, gerade nach dem Tod unserer Mutter, ist das Wertvollste, Wichtigste. Krisen gehen vorbei. Und vielleicht, so dachte ich, sieht sie es irgendwann auch so und wir würden darüber reden und es wäre alles wieder gut. Aber das war es nicht.

Ich war die Ältere von uns zweien. Die Kluge. Sie war die Schöne.
Während ich an Krücken ging, tollte sie herum.
Ich war nie neidisch auf sie.

Dass gerade sie mit so vielen Dämonen zu kämpfen hatte, war und ist für mich unverständlich. Ihr schien immer alles in den Schoss gefallen. Sie wurde von unseren Eltern sehr geliebt. Sie war das Wunschkind. Gesund. Am Leben.

Währenddessen war ich die immerzu kränkliche; mit krummen Beinen und schlechten Augen.
Ich denke oft darüber nach, warum es so gekommen ist. Denn eigentlich hätte ich an ihrer Stelle sein sollen. Ich hab die Gewalt abgekriegt und den Hass. Meine Kindheit hat mich stark gemacht, sie jedoch fast getötet. Ich verstehe es bis heute nicht.

Versteck dich nicht.

Ich werde immer mal wieder gefragt, warum ich über Omi rede. Was ich mir davon verspreche, wenn ich über die Krankheit meiner Angehörigen erzähle und im Blog erkläre, was es bedeutet, wenn jemand langsam die Welt vergisst.

Ich gebe mir bei dieser Frage Mühe, keinen Wutausbruch zu kriegen.

Es ist nun mal so, dass ich immer über die Menschen gesprochen habe, die ich liebe. Ich spreche über meinen Freund, meine Eltern, meine Stiefmutter, meine Geschwister und – über Omi. Denn obwohl sie demenzkrank ist, gehört sie doch zu meiner Welt. Ich habe schon als Kind über sie geredet und ich tue auch jetzt, wo sie nicht mal mehr weiss, dass es mich gibt.

Ich wehre mich dagegen, dass es zu privat sein soll, wenn man über Menschen redet, die es selbst nicht mehr in der Gesellschaft tun können. Demenzkranke Menschen gehören dazu. Nur weil man sie nicht mehr sieht, bedeutet das nicht, dass es sie nicht gibt.

Ich bin nicht der Meinung, dass Demenz ein Makel ist.

Niemand sollte sich verstecken müssen. Über Menschliches zu sprechen, macht uns alle empfindsamer und sensibler für andere. Wer sich nicht für seinen Nächsten interessiert, wird sein Herz auch nicht für Fremde öffnen können.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der auch demenzkranke Menschen ein Teil davon sind. Nur weil jemand vergisst, bedeutet das nicht, dass er tot ist.

 

Hände

Vom Glück des Älterwerdens

Vor einigen Tagen las ich einen Beitrag im inspirierenden Blog von Jrene Rolli. Das Glück vom Erwachsenwerden. Der Text hat mich die letzten Tage über eng begleitet.

Als ich 30 Jahre alt wurde, dachte ich: Deine Kindheit und deine Pubertät hast du überlebt. Die Narben sind sichtbar. Jetzt kanns nur noch besser kommen. Eine Woche nach meinem 30sten Geburtstag kam meine Mutter ins Spital. Ihr blieben drei Monate.

Ich bin nun fast 38 Jahre alt. Ihr Tod ist bald acht Jahre her. Ich fühle mich zwar jünger, doch die Zeichen der Zeit sind sichtbar. Der Tod meiner Mutter hat mich mehr mitgenommen, als ich zunächst zugeben wollte.

Dennoch bin ich dankbar für diese Zeit. Anteilnehmen am Leben und am Sterben eines Menschen, verzehrt Energie, gibt aber auch neue Kraft. Nie werde ich die Worte meiner Mutter im Pflegeheim vergessen: „Lebe!“ oder „Kleide dich in Farben. Trag nicht immer Schwarz!“ oder „Geniess dein Leben. Du hast nur dieses eine!“

Meine Mutter hat das Leben geliebt. Dank ihr hab ich meines bekommen. Die Begleitung ihrer letzten Wochen hat mein eigenes Leben intensiviert. Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf, sozusagen.

Nach ihrem Tod war ich am Boden zerstört. Ich musste lernen, meine Trauer zuzulassen. Zu weinen. Über meine eigenen Grenzen zu sprechen.

Ihr Sterben hat mich sensibilisiert für die Lebenssituationen anderer Menschen. Ich spüre heute sehr viel besser, wie es anderen geht, gerade in Trauersituationen, weil ich selber die Sprachlosigkeit und die Verzweiflung erlebt habe. Sätze wie „es ist nicht so schlimm“ oder „das geht schon vorbei“ hab ich selber oft gehört, über meine Lippen jedenfalls kommen sie nicht.

Seit ihrem Tod habe ich den Mut gefunden, mich bunt zu kleiden. Ich trage wieder Ohrringe, schminke mich. Ich bin langsam zu meinem Ich geworden.

Die Tatsache, dass ich keine Kinder geboren habe, ist für einige meiner Mitmenschen ein trauriger Fakt. Ich jedoch sehe das nicht so eng. Die Pflege und Begleitung von Omi Paula scheint mir genau so anspruchsvoll und wichtig zu sein wie die Erziehung eines eigenen Kindes. Das Schreiben von Büchern hat ebenfalls was von Schwangerschaft und Gebären. Mein Körper mag vielleicht kein Kind in sich getragen haben, mein Kopf jedoch war mehr als einmal schwanger mit Gedanken, Buchplots und Dialogen.

Was bleibt ist die Gewissheit, dass Altern trotz der körperlichen Vergänglichkeit etwas Schönes inne hat. Man besinnt sich auf sich selbst, vertraut und liebt sich selber.

Tage-Bücher

Ich räumte am Nachmittag weitere Kisten im Estrich aus. Dabei stiess ich, auf der Suche nach Mutters Schulheften, auf ihre Notizhefte.

Vor acht Jahren hab ich diese Hefte aus Mutters Wohnung gezügelt. Sie rochen nach Rauch. Ich verstaute und vergass sie. Heute fielen sie mir in die Hände.

Ich weiss nicht, ob es eine gute Idee war, Mutters Gedanken zu lesen. 1995 war sie 44 und ich 18. Ich war unglücklich verliebt und sie war es auch. Ich litt und schrieb. Sie litt, schrieb und trank.

Die Parallelen sind erstaunlich. Meine Mutter hat jeden meiner Besuche notiert. Ich besuchte sie damals oft. Sie hat sich darüber offensichtlich gefreut. Und doch war sie unglücklich. Sie konnte nur mit wenigen Menschen über sich selber sprechen. Sie hatte ein offenes Ohr für Probleme, besonders für jene von Männern. Darin gleichen wir uns auch.

Mich erstaunt, dass ich nichts Neues aus ihren Zeilen erfuhr. Meine Mutter sprach mit mir immer offen. Ihre Verliebtheit, die Männer in ihrem Leben, ihre Sehnsucht, all das wusste ich immer. Es ist verwunderlich, dass sie all das einem 18jährigen Mädchen anvertraut hat. Ihre geschriebenen Worte klingen genauso so, wie sie damals gesprochen hat. Ich brauche nur ihr Notizheft laut vorzulesen und ich höre die Stimme meiner Mutter.

Ich bedauere so sehr, dass sie nicht mehr lebt. Heute wüsste ich mehr zu entgegnen. Heute könnte ich besser zuhören. Wir wären uns näher, weil wir uns verdammt ähnlich sind.

So bin ich am Nachmittag in die Landi gefahren, um Blumen für ihr Grab zu kaufen. Es ist alles, was ich jetzt noch tun kann. Die direkte Zwiesprache ist beim Tod eines Menschen beendet. Es sind nur noch die Gedanken und meine Gefühle, die da sind.

Auf ihrem Grab wachsen wunderschöne Tulpen. Ich habe sie im Winter 2007 gepflanzt. Die Tulpen sind dunkelrot, gelb und schwarz. Ihre Blütenblätter sind spitz. Sie sind stark, denn sie haben den Winter im Toggenburg überlebt. Und trotz allem sind sie zerbrechlich.

 

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Frühling im Toggenburg

Nach fast zehn Tagen Krankheit bin ich heute zum ersten Mal wieder zur Arbeit gefahren. Es ist schon unglaublich, was 200 Meter Höhenunterschied zwischen Toggenburg und Thurgau bewirken!

Während bei uns hier oben die Natur erst langsam erwacht, blühen im Thurgau bereits Magnolien und Löwenzähne. Hier oben leuchten die Primeln in allen Farben, so wie früher, als ich noch ein Kind war. Dieses Jahr hab ich das Gefühl, sie sind schöner als je zuvor.

Jetzt ist es schön warm und sonnig auf unserer Terrasse. Ich möchte mich hinlegen und mich sonnen. Ich fühle mich gut.

Dann ein Anruf von Omis Pflegeheim. In drei Wochen hat sie Geburtstag. Ich weiss. Ich hab ja extra Ferien genommen. Wir reden über Omis Zustand. Sie ist oft müde. Sie kann praktisch nicht mehr alleine essen.

Essen eingeben ist nicht so einfach, wie es vielleicht aussehen mag. Man muss sich auf den Essenden einstellen. Alte Menschen kauen vielleicht lange oder gar nicht. Verschlucken sich. Oder können gar nicht aufhören zu essen. Essen eingeben ist eine äusserst intime Sache. Es gehört sehr viel Vertrauen dazu.

Dann gebe ich ihr am Geburtstag also das Essen ein, wenn sie mag. Ich muss an ein Bild von mir und Omi denken. Ich war noch ganz klein. Sie hat mich mit einem Schaumkuss gefüttert und dabei gelacht.

 

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Jahresrückblick 2014

Dieses Jahr war wirklich eines der besten, an die mich erinnern konnte. Den ganzen Frühling über arbeitete ich wie eine Verrückte an meinem Buch „Lavinia Morgan“. Ich bestellte das Land ums Haus herum. Im Februar erhielt meine Omi einen Beistand. Das war für mich eine riesige Entlastung, denn Herr H. kümmert sich nicht nur um ihre finanziellen Angelegenheiten, sondern besucht sie auch regelmässig.

So wurde im Februar meine Kaufabsicht eingeläutet und eine lange Zeit des Wartens, der Unsicherheit für mich und des Entrümpelns begann.

Im April reisten Sascha und ich nach Paris. Diese Stadt hat uns so sehr gefallen. Wir wurden süchtig! Einige Tage später aber wurde unser beider Leben auf den Kopf gestellt. Ich erhielt eine Mail vom Grimme-Institut und erfuhr, dass ich für einen Grimme-Online-Preis nominiert war.

Ich buchte Flüge nach Köln, das Hotel und wusste nicht, wie mir geschah. Dann wurde es Mai, wir reisten von Friedrichshafen aus und ich sah zum ersten Köln.

Die Nominierungsfeier war grossartig und ich begriff zum ersten Mal, was hier gerade passierte. Ich bemerkte, in welcher Gesellschaft ich mich befand und was „Demenz für Anfänger“ ausgelöst hatte. Indies, am gleichen Abend flog ich zurück. Am selben Abend erfuhr ich, dass Omi gestürzt war und sich schwer verletzt hatte. Das grossartige Gefühl von Köln machte einer unglaublichen Angst Platz. Wenn sehr alte Menschen stürzen und sich verletzen, ist es oft keine Seltenheit, dass sie daran sterben. Das wollte ich nicht. Nicht jetzt!

Ich besuchte Omi im Spital, ärgerte mich über die medizinische Versorgung und den herzlosen Umgang mit Demenzpatienten. Ich war heilfroh, dass Omi nach einer Woche wieder in „ihr“ Pflegeheim gehen konnte. Schon nach einigen Tagen begann sie trotz ihrer schweren Verletzung wieder zu laufen.

Im Juni flog ich an die Verleihung. Ich lernte viele Menschen kennen, Blogger, Medienleute. Ich redete, bis ich heiser war. Ich war nicht traurig, dass ich keinen Grimme gewonnen hatte. Vielmehr war ich in Gedanken bei Omi, dem Haus und dem, was mich im Sommer erwartete. Ich wusste, wenn Omi jetzt stirbt, dann verlier ich sie und auch das Haus. Das belastete mich über alle Massen.

Dass ich in jener Zeit einen Buchvertrag von einem renommierten deutschen Verlag erhielt, schien mir wie die Ironie des Schicksals.

Im Juli begannen Sascha und ich mit der Entrümpelung des Hauses. Wir entsorgten ungefähr eine Tonne Müll in Kehrrichtsäcken und 300kg (bis jetzt) an Sperrmüll. Wir leerten das Haus, verschoben Möbel, begannen mit der Renovation.

In jener Zeit griffen uns mein Vater und seine Frau unter die Arme. Ohne hätten wir den Spagat wohl nicht geschafft. Mein Vater organisierte mir eine Fädelisägiss, einen Rasermäher, einen Helm, usw. Meines Vaters Frau zeigte mir, wie ich die Johannisbeerstauden und die Büsche schneiden muss. Ich machte zum ersten Mal Johannisbeerliqueur. Wir schliefen zum ersten Mal im Haus. Dank Freunden, die mir immer wieder Mut machten, stand ich diese Phase durch. Danke!

Ende Oktober erschien dann mein erstes Buch „Lavinia Morgan“. Ich durfte am Lesefest meiner Verlegerin Fatima Vidal vorlesen und zum ersten Mal Bücher signieren.

Im November dann wurde es ernst und ich ging mit Sascha und Omis Beistand aufs Grundbuchamt und unterzeichnete den Eintrag. Kurz vor Weihnachten stand dann fest: das Haus gehört mir.

Ein weiteres Highlight waren zahllose Interviews und der Besuch bei Kellerschuran in Frauenfeld. Ich bin sehr dankbar für dieses Jahr 2014 und freue mich, wenn ich anfangs 2015 mit Sascha im Toggenburg leben darf.