Ich hasse dich, 2020

Dieses 2020 war für mich ein bedeutsames, schreckliches Jahr.

Ich verlor in diesem Jahr so vieles, wie viele andere auch. Einen Ausbildungsabschluss, auf den ich anderthalb Jahre hingearbeitet habe. Und wovon aktuell nichts übrig bleibt. Ich verlor meine geliebte Katze Dreizehntel im Alter von biblischen 18 Katzenjahren. Ihr Sterben war kurz und heftig. Mitten im Sommer, vor den kalten Tagen, ging sie einfach.

Doch das Prägendste in diesem verdammten Jahr ist der Tod und – noch viel mehr – das Sterben meines Vaters. Seine Krankheit, sein Aufenthalt im Pflegeheim, sein Sterben zuhause, haben mein Leben verändert – trotz der verdammten räumlichen Distanz.

Ich bereue die Zeit, die ich nicht mit ihm verbracht habe zutiefst. Mir fehlt die Zeit mit ihm. Mir fehlen die Zusammentreffen. Die Abende an seiner Seite. Auch wenn wir alles gemeinsam bereinigt haben, bereue ich es, dass ich nicht mehr da war. Wir nicht noch mehr reden konnten, auch wenn vielleicht alles schon gesagt war.

Ohne dieses fucking Corona-Virus wäre alles anders gewesen. Ich wäre mehr für ihn und meine Stiefmutter, die für mich seit Kindertagen wie eine Mutter war, da gewesen, ohne Angst, meine Liebsten krank zu machen. Ich wäre an seiner Seite gesessen, ohne Maske („zieh das Scheiss-Ding ab, ich seh dein Gesicht nicht“ – O-Ton Papi Debrunner im Pflegeheim).

Nun ist mein Vater nicht mehr da, und in meinem Leben klafft eine offene, blutende Wunde. Ich bin sehr traurig, denn gerade Weihnachten ohne ihn wird heavy. Ich hab noch nie in meinem Leben so ein Weihnachtsfest erlebt. Ohne ihn.

Er fehlt mir so sehr, mein schöner, lieber Vater. ich kann nichts anderes sagen. Er fehlt. Verdammt. Er fehlt.

Mein Vater, der Eisvogel

Uns blieb unser letztes Jahr verwehrt. Dein Geburtstag im Februar 2020 war das letzte Fest unter Freunden, an das ich mich erinnern kann. Ich hätte nie gedacht, dass dies dein letzter Geburtstag sein würde und du genau neun Monate später tot sein würdest.

Wie viel an gemeinsamer Zeit und lieben Worten haben wir in diesem Jahr verloren?
Es war eines der härtesten Jahre meines Lebens, dieses verdammte 2020. Alles hat sich in meinem Leben verändert. Kein Stein blieb auf dem anderen. Doch dass ausgerechnet du am Ende nicht mehr da sein würdest, habe ich nicht erwartet.

Deine Krankheit war absolut unbarmherzig und grauenvoll. Von allen Dingen im Leben war sie das, was du nie im Leben wolltest. Du wolltest nie krank und auf Hilfe angewiesen sein, nicht bei vollem Bewusstsein die Kontrolle über deinen starken, sportlichen Körper verlieren. Es waren vier Jahre Qual, Leiden und Schmerzen.

Und ich war wenig bei dir, denn unsere Abmachung war: Freiheit ist das wichtigste. Keine Quarantäne riskieren, denn du wolltest täglich raus, in den Murg-Auen-Park, deine Singvögel beobachten. Den Eisvögeln zuschauen. Noch einmal eingeschlossen in ein Zimmer, wie damals im Pflegeheim, kam für dich nicht in Frage. „Isolationshaft“ hast du es genannt und du hattest wohl nicht ganz unrecht.

Rückblickend hätte ich vielleicht mutiger – oder je nach Sicht: rücksichtsloser – sein sollen. Meinem Herzen folgen, dich besuchen. Aber viel zu oft war ich müde, erschöpft, traurig oder einfach nur bestrebt danach, in den Wald zu gehen, abends zu schreiben, mir Ruhe zu gönnen.

Doch da war auch noch der Frühsommer 2019, als du mich batest, mit dir auszufahren und wir an alle für dich wichtigen Orte gefahren sind. Du hast mir sehr viel erklärt, vieles habe ich nicht auf Anhieb verstanden, aber ich habe dir zugehört. Schliesslich verstand ich, was du mir sagen wolltest. Du erzähltest mir Geschichten aus deiner RS, deiner Ehe mit meiner Mutter. Du hast quasi aufgeräumt und reinen Tisch mit dir (und mir) gemacht, derweil ich das Auto lenkte und dich dorthin fuhr, wo du es wünschtest. Irgendwann wurdest du müde und ich fuhr dich wieder nach Hause. Danach warst du seltsam zufrieden und ruhig.

Zu gerne hätte ich mit dir meinem 43. Geburtstag gefeiert. Aber dies blieb uns verwehrt, wie so vieles in diesem Jahr. Wenige Stunden vor deinem Tod sprach ich mit einer Begleitperson von dir, die dich lange Zeit zuhause betreut hat. Sie erzählte mir strahlend, dass sie bei einem Spaziergang mit dir zum ersten Mal im Leben einen Eisvogel gesehen hat. Dieses Strahlen werde ich nie vergessen.

Wenn ich dich suche, geliebter Vater, so gehe ich nicht auf den Friedhof, sondern an die Murg. Ich werde an deinem Ort sitzen und warten, bis ich die Eisvögel sehe und an dich denken, in der Hoffnung, dass du nun auch einer von ihnen geworden bist.

(k)ein Nachruf auf meinen Vater

Am Donnerstagabend ist mein Vater verstorben.

Die Beisetzung meines Vaters findet in einigen Tagen statt und ich darf seinen Nachruf verfassen. Dazu muss ich sagen, dass ich es liebe, gute Nachrufe zu lesen. Mein Vater und ich haben jahrelang den Appenzeller Kalender gelesen und uns darüber am Telefon ausgetauscht. Diese Lektüre prägt, wenn man selber in die Lage kommt, über einen lieben Verstorbenen zu schreiben.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater führt einem immer wieder zu sich selbst zurück:
Wer bin ich? Woher komme ich?
Was ist mir wichtig? Wo will ich hin?

In meinem Fall ist es so: ich bin die Tochter meines Vaters. Er war federführend, was die Erziehung von mir und meiner Schwester betraf. Er hat uns geprägt mit seiner Liebe zur Natur, familiären Werten, der Liebe zum Kanton Thurgau (und auch zum Kanton Jura – aber das ist eine ganz andere Geschichte.) Ich verdanke meinem Vater die Fähigkeit zu fliegen: Er liess mich einfach ziehen, auch wenn ich weiss, dass es ihm fast das Herz gebrochen hat.

Mein Vater bemerkte vor einigen Jahren beiläufig, dass ich „es“ nicht von ihm hätte. Er meinte damit das Schreiben. Das mag vielleicht sogar stimmen. Er war eher ein Mann des Wortes. Mein Vater konnte, trotz seiner eher schüchternen, bescheidenen Art, vor Leute hin stehen und etwas sagen. Das habe ich immer sehr bewundert und ihn dafür geliebt. Ich war immer sehr stolz auf meinen Vater, weil er so ein guter Mensch war. Er fehlt mir so.

Während ich das hier schreibe und nachdenke, google ich meinen Vater.
Ich finde Fotos von ihm aus früheren Jahren, wie er sich kraftvoll und strahlend unter Menschen bewegt. Das Lachen habe ich zweifelsohne von ihm. Es gibt von ihm (und mir) kein Foto, wo wir lächeln. Entweder ganz oder gar nicht.

Wir haben die gleichen Gesichtszüge, sind aus einem Holz geschnitzt.
Wir waren es.

Ach, Papi

Mein Vater war definitiv der erste Mann in meinem Leben.
Mein Papi, ich liebte ihn von Anfang an.
Er trug mich auf seinen Schultern. Fuhr mich mit seinem Velo durch die Welt.
Er war meine Verbindung zur Natur. Er, der Bauernsohn.

Mein Vater war ein Feminist. Er dachte nie in Schubladen, sondern in Geleisen. Lerne einen Beruf. Mach dich unabhängig.
Heirate nicht, wenn du nicht unbedingt musst.
(Das Müssen wäre dagewesen, wenn es ein Kind gegeben hätte. Aber damit habe ich mein Umfeld nie beschenkt.)

Mein Vater ist ein wunderbarer Mensch.
Er ist sehr sensibel. Er ist präsent. Er weiss, was er will.

Vor zwei Jahren hat er zu mir gesagt:
Wenn ich gewusst hätte, wie mein Leben jetzt ist, hätte ich mit 40 noch
sehr viel mehr gelebt, was ich mich nie getraut hätte.
Ach Papi, du weisst gar nicht, was du mit diesen Sätzen bei mir ausgelöst hast.
Den Wunsch nach Freiheit. Den Wunsch, all das zu leben, was in mir steckt, an Potential, an Träumen.

Mir fällt ein Satz ein: Die Mütter schenken einem das Leben, die Väter verleihen einem die Flügel.

Mein Vater war in meiner Jugend einer der Menschen, der mir Flügel verlieh. Er akzeptierte nicht, dass ich meinen Beinen nicht mehr traute. Er hoffte auf mehr. Er trieb mich an. Ich lernte (wieder) zu laufen und zu velofahren, obwohl ich letzteres abgrundtief hasste. Aber trotz allem war es ein gutes Gefühl, zu spüren, was ich alles schaffte.

Nun gibt es so vieles in meinem Leben, was ich gerne mit meinem Vater erleben würde oder erlebt hätte. Er ist präsent in meinem Alltag, auch wenn er nicht immer mit dabei ist.

Ich denke zurück an jene Tage, wo wir gemeinsam unsere Krähe Fritzi aufzogen. Es waren glückliche Stunden, die ich nie vergessen werde. Wir waren als Familie aktiv und haben ein wunderbares Lebewesen am Leben gehalten.

Erinnerungen sind das, was einem bleibt. Erinnern ist eine intime Sache, weil es das Innen nach aussen kehrt. Das Aussen verursacht dann wohl auch all die Tränen, weil einem bewusst wird, wieviel man gerade verloren hat. Was einem fehlt.

Mein Papi ist nach wie vor der erste Mann in meinem Leben.
Ich habe ihn sehr gerne, weil ich mich in ihm wieder erkenne.
Er trägt mich nicht mehr auf seinen Schultern. Stattdessen streichle ich sein Gesicht. Sein weisses Haar.
Dank seinen Wünschen wage ich mich hinaus. In die Natur und stehe meinen Menschen.

Bleiben Sie zuhause!

Nein, das habe ich definitiv nicht gemacht. Ich war, wie alle meine Berufskolleg*innen in der stationären Pflege, fleissig am Arbeiten. Hab mich zurückgezogen. Vor allem aus meinem Freundeskreis und meiner Familie. Dass ich das getan habe, war nur richtig.
Im Nachhinein, bzw. jetzt gerade, ist es ein Fehler. Ich bin keine Einsiedlerin. Ich kann zwar super gut mit mir alleine sein, besonders wenn ich draussen in der Natur bin, aber ich brauche menschlichen Kontakt.

Ich vermisse meine Familie sehr. Ich vermisse meinen Vater. Meine Stiefmutter. Wenn ich das so sagen darf: Ich leide wie ein Hund.
Ich bin einfach nicht dafür gemacht, nur für mich selber zu sein.
Das merke ich jetzt.

Mein Vater ist schwerkrank. Wie lange er lebt, weiss ich nicht. Aber mein Gefühl sagt mir, dass sein Leben wohl nicht mehr lange dauert. Er ist schwerst beeinträchtigt. Er kann sich nicht mehr alleine bewegen, nur noch schwer sprechen, ist auf Hilfe angewiesen. Meine Stiefmutter pflegt ihn zuhause. Sie macht das alles hochprofessionell. Ich bewundere sie für ihre Ruhe und ihre Bedachtheit. Sie ist sein Fels und für mich die Mutter, die ich als Kind nicht hatte.

Ich habe mich abgegrenzt von ihnen, aber nicht, weil ich sie nicht mehr sehen wollte. Unser gemeinsamer, unausgesprochener, Grundsatz war, dass sie nicht meinetwegen plötzlich in ihrer Freiheit eingeschränkt sein sollten. Ich hatte Angst, weil ich sehr viel mehr (berufliche) soziale Kontakte habe als sie und sie nicht anstecken bzw. riskieren wollte, dass sie in Quarantäne gehen sollten.

Nun sah ich heute, nach vielen Wochen, endlich wieder meinen Vater. Ich trug eine Maske und ich weiss nicht mal, ob er mich erkannt hat. Doch fielen mir Steine vom Herzen. Ich erkannte, wie sehr es mir geschadet hat, sie nicht mehr zu sehen. Sie nicht mehr zu berühren. Zu umarmen.

Es geht ihm nicht wirklich gut. Er kann fast nicht mehr sprechen, schläft viel, hat Mühe mit Essen, verschluckt sich leicht. Ich muss ihn loslassen. Mein Herz tut sehr weh. Aber ich bemerke auch seine Ruhe. Seine Gelassenheit, nach so vielen Monaten des Leidens.

Ich bin meinem Vater so dankbar. Mütter nähren einen, aber Väter verleihen einem Kind Flügel. Mein Vater hat das von Anfang an getan. Er hat mich, trotz meiner früh erworbenen Gehbehinderung ermutigt und gedrängt, wieder laufen zu lernen. 2018 ging es ihm sehr schlecht. Er erzählte mir, dass er mit Anfang 40, also in meinem Alter, nie gedacht hätte, dass er mit 70 so schlecht zwäg sei. Er meinte damals zu mir, wenn er das gewusst hätte, hätte er noch sehr viel mehr seine Träume verwirklicht. Er hätte all das getan, was er sich nie gewagt hätte.

Das machte mich nachdenklich. Ich überlegte mir, welche unausgesprochenen Träume ich hegte. Damals wurde mir klar, dass ich Jagen lernen will. Ich weiss bis heute nicht, woher dieser Wunsch kam. Aber er war mit einem Mal so klar, so unausweichlich da, dass ich ihn leben wollte und musste. Ich meldete mich kurz darauf für die Jagdausbildung an und fing an zu lernen.

Die Jagd hat mein komplettes Leben verändert. Ich bin heute ein anderer Mensch. Gelassener. Lebensfroher. Ehrfürchtig gegenüber der Natur, ihren Schätzen, ihren Regeln. Ich habe eine komplett andere Welt kennen und schätzen gelernt. Ich bin, trotz Corona und all dem Scheiss, der um mich herum abgeht, glücklicher als je zuvor. Ich laufe mit Ausdauer steile Hügel hoch, was ich mir vor 30 Jahren nie hätte vorstellen können. Damals drohte mir der Rollstuhl.

Ich bin traurig, weil ich all dieses Glück, diese neue Chance im Leben, gerne mit meinem Vater teilen würde. Ich wünsche mir manchmal jene Sonntage im Wald zurück. Die Familienspaziergänge. Wie wir gemeinsam durch den Wald liefen, uns über Bäume und Vögel wunderten, uns wünschten, dass wir junge Füchse sehen würden.

Wir sahen uns heute. Mein Vater war sehr müde. Sein Zimmer ist voller Bilder von Füchsen. Ich erzählte ihm, dass ich morgen in den Wald gehen will. Er lächelte mich an. Seine Augen strahlten. In Gedanken ist er mit dabei, ganz gleich, wo er dann sein wird.

41

Wenn du noch am Leben wärst, wäre heute dein 41. Geburtstag. Du wärst vielleicht verheiratet und hättest Kinder, eine Ehefrau oder einen Ehemann, einen Labrador Retriever und würdest in einem Riegelhaus im Zürcher Unterland wohnen. Auf dem einzigen Foto, das ich von dir besitze, hast du rotes Haar.

Unsere Eltern sehen darauf glücklich aus. Aber auch sehr müde. Früher hat mich der Blick auf dieses Polaroid, aufgeklebt auf blaues Papier, neben deinem Fussabdruck, erschüttert, weil ich erkannte, wie schwer sie dein Tod treffen würde nach jenem Moment der erschöpften Freude über die Geburt des ersten Sohnes.

Dein Tod war eine Katastrophe für diese Familie. Es hat das Oben nach unten gekehrt und umgekehrt. Dein Leben dauerte drei Tage und dein Tod hat viele Jahre danach noch deine Angehörigen verfolgt.

Dein Tod hat mein Leben all die Jahre geprägt, denn es ist eine seltsame Sache, einen Bruder zu haben, den man nie gesehen und mit dem man nie gespielt hat und der dennoch so wichtig war.

Ich bin dankbar, dass du da warst, wenn auch nur kurz. Lieber hätte ich dich länger an meiner Seite gehabt, lieber Bruder. Das wäre bestimmt ziemlich gut geworden. Du fehlst.

Zwei Monate ohne Dreizehntel

Am 16. Juli, vor zwei Monaten, verstarb Dreizehntel, unsere wunderbare, alte Katze. Sie fehlt. Unser Leben ist ohne sie ein ganz anderes.

Wir entschieden uns in der Woche als sie starb, zwei Katzenkinder bei uns aufzunehmen. Unsere Freundinnen Stella und Vreni haben uns bei der Entscheidung unterstützt. Ein Leben ohne Katzen? Für uns unvorstellbar. Gerade während des Shutdowns war unser Dreizehntel für uns Trost und Freude.

Nun leben Fauci („Fautschi“ – ja, wie der amerikanische Epidemiologe) und Aelfric (den Namen hat Sascha ausgesucht) seit bald zwei Monaten bei uns. Sie haben uns in vielen Momenten der Trauer mit ihrer verrückten, wilden Art getröstet.

Fauci war anfangs sehr scheu. Wir wissen nicht genau, was sie alles erlebt hat. Sie hat grossen Respekt vor Händen und es ist jedes Mal ein besonderes Gefühl, wenn man sie streicheln kann. Aelfric hingegen ist ein wilder, verschmuster, lustiger Kater. Er liebt Wasser, Milchschaum, Fressen, Streicheleinheiten und – Fressen. Fauci liebt unsere Schmutzwäsche, vor allem die 40°C Zaine hat es ihr angetan. Sie wird täglich mutiger und wir bemerken, wie klug sie ist. Sie ist eine wunderschöne, kleine Katze.

Immer wieder gibt es Momente, wo wir an unser liebes Dreizehntel denken, wo mich die Tränen übermannen, weil ihre herzige Art, das Streicheln ihres wunderbaren Fells, ihr Gurren, fehlen. Aber irgendwie ist sie trotzdem immer bei uns. Vor allem, wenn die „Kleinen“ Blödsinn machen, die Möbel zerkratzen, Geschirr zerdeppern, aus Gläsern und Tellern fressen, an meinen Haaren chaffeln, in Saschas Zehen beissen, in die Wanne fallen, während ich drin sitze.

Farewell my friend

Gestern war der Tag, wo sich unsere Wege nach fast 18 Jahren getrennt haben. Ich wusste, dass es bald soweit sein würde, dennoch wurde ich überrollt, wie schnell es vor sich ging.

Am Tag nach meinem Geburtstag wecktest du mich im Bett. Du wolltest vom Milchschaum meines Kaffees. Das war während vieler Jahre unser Morgenritual. Du hast jeweils drei Mal meinen Finger voller Schaum abgeleckt, dann bist du aus dem Schlafzimmer, die Treppe hinab gesprungen.

Im Laufe des Tages verliessen dich deine Kräfte sehr schnell. Du verbrachtest den Montag an der Sonne liegend auf Saschas Bürostuhl, zufrieden und ruhig. Am Dienstag mochtest du nicht mehr herumlaufen, sondern schliefst einfach auf dem Teppich. Am Abend dann bist du ins Bad gegangen und hast dich dort auf den Badewannenvorleger gelegt. Am Mittwochmorgen wussten wir, dass wir der Tierärztin Bescheid geben würden. Wir wollten dich nicht mehr irgendwo hin transportieren.

Du hattest ein seltsames, sehr kätzisches Wesen. Du warst zärtlich, aber auch sehr egozentrisch, was deine Fress- und Trinkbedürfnisse anging. Mit grosser Geduld hast du täglich eingefordert, was dir gebührte. Mir schien, als würde dir das Leben am besten behagen, wenn Sascha und ich wie faule Würste auf dem Sofa in der Stube lagen und du abwechslungsweise auf uns schlafen konntest.

Dein Fell war wunderschön und von einer aussergewöhnlichen Textur, auf die einen mochte es schwarz wirken, doch wenn man dich genau anschaute, konnte man die dunkle Schokolade erkennen. Deine Augen waren die einer Eule, gross und gelb, dein Blick intensiv. Du warst eine wunderschöne, stolze alte Löwin.

Du liebtest Musik. Wenn Sascha Bass übte oder sich lautstark Death Metal anhörte, dann sassest du auf dem Lautsprecher und blicktest wie eine Sphinx drein, so als wüsstest du alle Geheimnisse der Welt. Als wir 2015 hierher zogen und im August die Jazztage stattfanden, direkt vor unserer Haustüre, warst du sichtlich beeindruckt. Du hast die drei Tage am Fenster verbracht, voller Faszination für die Jazzmusik aus dem Postzelt, das direkt über unserem Haus aufgebaut war. Zu gerne hätten wir mit dir noch einmal die drei schönsten Tage unseres Städtlis miterlebt.

18 Jahre sind eine verdammt lange Zeit für ein Katzenleben, aber auch für mich. Dich loszulassen war einfach nur schmerzhaft und ist es noch immer. Mir fehlen deine Eigenheiten, dein forderndes Miauen, deine Spleens und deine nächtlichen Besuche im Bett, wenn du auf meine Brust gehockt bist und mich einfach angestarrt hast.

Ich will nicht über deinen Tod nachdenken, denn er kam schnell. Die Zeit davor war wunderschön und ich war so stolz, mit dir zusammen zu leben. Du warst für mich die Katze, die ich immer haben wollte, mein seltsames Fabelwesen, meine Schicksalsgefährtin, meine Inspiration für Figuren in Kurzgeschichten.

Du hast mir in deinen letzten Minuten deine Pfote auf die Hand gelegt. Dein Blick ging nach dem Fenster, so als wolltest du vorsorgen, dass deine Seele, und ja, ich bin überzeugt, dass du eine hast, entschwinden kann. Es ging sehr schnell, denn du warst bereit zu gehen und ich wollte dich gehen lassen. Auch wenn ich mich jetzt sehr einsam fühle, so als katzenverwaister Mensch.

Was bleibt sind viele Fotos und meine Erinnerungen an dich, geliebte Katze. Mach es gut.

Die Fotos stammen alle von Sascha @nggalai Erni

Fünf Jahre

Fünfeinhalb Jahre

Bald leben wir ein halbes Jahrzehnt hier im Toggenburg und die Zeit scheint zu rasen. In wenigen Tagen werde ich 43 Jahre alt und mir scheint, als gehe vieles sehr schnell.

Das Haus hat sich verändert. Der Garten nicht.
Im Garten wachsen Rosen und andere Pflanzen. Viele Tiere halten sich bei uns auf, angefangen bei Schmetterlingen, Ameisen, Bienen, verschiedensten Vögeln wie Elstern, Wasseramseln, Kleibern, Buntspechten, Spatzen, Kohlmeisen, dann Füchse, Marder, Igel und all die Nachbarskatzen…

Ehrlich gesagt bin ich froh, dass Omi seit 2017 nicht mehr lebt. Wie hätte ich ihr erklären sollen, dass ich sie über zwei Monate nicht mehr hätte besuchen dürfen? Wie hätte sie verstanden, was eine Pandemie ist? Sie hat weiss Gott vieles erlebt, aber das ist ihr erspart geblieben!

Ich denke oft an die Angehörigen jener älteren Menschen, die in Pflegeheimen verstorben sind. Die nicht besucht werden durften. Es tut mir weh, denn ich weiss genau, wie wichtig diese Begegnungen für Angehörige und die älteren Menschen sind. Man sieht sich. Umarmt sich. Redet.

Ich kann nur ahnen, wie viele Angehörige ihre älteren Menschen nicht mehr besuchen konnten. Vor dem Tod. Was für eine Lücke das hinterlässt. Was für Narben bleiben. So viel sollte noch besprochen werden. So viele Umarmungen fehlten noch. Es brauchte so viele wichtige Gespräche. Verzeihungen. Entschuldigungen. Liebesbekundungen. Letzte wichtige Worte. Von allen Seiten.

Allesamt sind sie in vielen Situationen ausgeblieben. Die Hinterbliebenen bleiben vielfach mit ihren Emotionen alleine. Trauerarbeit bleibt auf der Strecke in einer Zeit, wo die einen Rücksicht auf andere unternehmen und andere Party machen.

Mein Herz als Wiese

Heute ist Opas 23. Todestag. Am Morgen, kurz nach acht Uhr, als er 1997 seinen letzten Atemzug getan hat, dachte ich an ihn.

Wie hat sich die Welt seit damals verändert. Er würde sie nicht mehr wieder erkennen.Es wäre ihm wohl auch unverständlich, dass meine Mutter so früh gestorben ist. Ich denke, die beiden waren sich sehr ähnlich.

Ich sitze, während ich diese Worte schreibe, in der alten Werkstatt. Als wir vor über fünf Jahren entschieden, Omis Haus zu kaufen, war dieser Raum eine Müllhalde. Es roch nach Schimmel und überall lagen halb verrottete Zeitungsstapel und rostiges Werkzeug herum.

Die Werkstatt und der Keller waren Opas Reich und da hat er auch seine letzten Jahre verbracht: einen Rösslistumpen in seiner Pfeife rauchend, ein Glas Rosé auf einem Regal, die Hände in die Hüften gestemmt. Einige werden ihn wohl als faulen Menschen betitelt haben.

Aber das war er nicht. Omi sagte oft über ihn: „Der Opi wollte gerne arbeiten. Aber man liess ihn einfach nicht. Immer wieder machten die Fabriken zu oder Opi wurde entlassen, weil er zu alt war. Das machte ihm sehr zu schaffen und darum ist er auch nicht mehr glücklich gewesen.“

Nun, ich habe Opi gar nicht so unglücklich in Erinnerung. Er war zwar ein stiller, etwas melancholischer Mann mit leuchtend blauen Augen, aber auch ein Lausbub. Er liebte es, uns Kinder zu ärgern. Das tat er nie bösartig, sondern mit einem Augenzwinkern. Wenn wir irgendwo spielten, lief er an uns vorbei, rüttelte beispielsweise an unserem Kinderzelt und freute sich, wenn wir herum kreischten.

Seine Krebserkrankung und sein langsames, und doch zu rasches, Vergehen von dieser Welt hat mich damals mit knapp zwanzig Jahren sehr erschüttert. Ich träumte von ihm, vermisste ihn. Noch Jahre später haben Omi und ich uns an seinem Todestag getroffen, um gemeinsam zu weinen. Erst mit Omis Demenzerkrankung hörten wir damit auf, denn Opi war aus Omis Welt längst verschwunden.

Opi wurde 72 Jahre alt und starb fast auf den Tag genau zwanzig Jahre vor Omi. Manchmal denke ich, Omi und ich haben in jenen Trauerjahren alle Tränen vergossen, die es zu vergiessen gab. Heute bin ich nicht mehr traurig und ich muss auch nicht mehr über Opis Tod weinen. Aber es gibt da so eine Stelle, vielleicht in meinem Herzen, auf der wächst bis heute kein Stück Gras mehr.