Sehnsucht

An Tagen wie diesen denke ich sehr oft an meine Mutter. Erdbeeren.
Sie hat sie jeweils für mich gepflückt und mir zu essen gegeben, weil sie wusste, dass ich sie so gerne habe.

Es ist bestimmt bald 25 Jahre her, es war ein Mittwoch, so wie heute, im Juni. Omi Paula besuchte uns. Wir redeten, tranken Kaffee. Ich war knapp zwölf Jahre alt.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Wir sassen auf dem Balkon. Die Katzen strichen um unsere Beine. Negi und Mauzi. Meine Mutter tadelte mich, wenn ich Mauzi aufhob und sie an den Tisch nahm.

„Sie stinkt“, sagte sie.
Ich wusste genau, dass Mami und Mauzi das Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten. Mauzi war mir meine liebste Freundin in jener Zeit.

Mami tischt Dessert auf. Sie war eine wunderbare Köchin.
Wir sitzen da und ich geniesse jenen Moment der Ruhe, denn ich weiss genau, dass, sobald Omi weg ist, meine Mutter ihr wahres Gesicht zeigt.

Meine Mutter konnte sich nur schlecht beherrschen. Der Alkohol machte sie zu einem komplett unberechenbaren Menschen. Die Katze und ich bekamen das oft genug zu spüren. Manchmal, wenn mir alles von den Schlägen wehtat und ich weinend im Bett lag, kam Mauzi in mein Bett. Sie stupste mich mit ihrer rosafarbenen Nase an und leckte meine Tränen weg. Dann stellte ich mir vor, dass Mauzi eine verzauberte Fee und ich in Wirklichkeit ihre verzauberte Tochter war.

Es ist eine seltsame Sache, doch bis auf Omi Paula und ich sind alle tot: Mauzi, Negi, und meine Mutter. Und Paula erinnert sich nicht mehr. Nur ich weiss noch.

Die dunkle Sache

Als ich noch ein kleines Mädchen war, vielleicht so elf oder zwölf Jahre alt, spielte ich fürs Leben gerne mit den nicht ins Album eingeklebten Familienphotos. In dieser einen Kiste lagen nicht nur unscharfe oder überbelichtete Bilder, sondern auch Zettel, alte wertlose Geldscheine und – ein Brief.

Ich war neugierig. Ich las ihn.
Nach einigen Minuten wurde mir schlecht.
Ich hatte das Gefühl, etwas ganz Verbotenes gelesen zu haben. So legte ich den Brief zurück in die Kiste. Doch noch am selben Abend, meine Mutter stand in der Küche und kochte, musste ich ihn einfach wieder hervor holen. Ich kroch auf allen Vieren durch die Stube und holte ihn aus dem untersten Schrank unserer dunklen Wohnwand.

Ich las ihn nochmals durch.
Natürlich kann ich nach bald dreissig Jahren den Inhalt nicht mehr genau wiedergeben. Doch soviel bleibt mir in Erinnerung: Ein junger Mann, nennen wir ihn Angelo, schrieb meiner Mutter einen Brief, in dem er sich mehrere Male entschuldigt, ihr weh getan zu haben.
Ich war verwirrt. Der Brief war mit einem Datum versehen: 1968. Da war meine Mutter gerade mal 17 Jahre alt.

Ich legte den Brief erneut zurück. Dann ging ich in die Küche. Ich fragte meine Mutter, so unbefangen wie möglich, nach Angelo. Meine Mutter drehte sich um und schaute mich wütend an.

„Was hast du gemacht? Du hast den Brief gelesen!“, schrie sie mich an.
Ich schreckte zusammen und nickte.
Meine Mutter rannte wie eine Furie an mir vorbei in die Stube.
„Dieser Schrank ist für dich tabu!“
Sie war wirklich sehr wütend.
Dann schickte sie mich in mein Zimmer.

Einige Tage später, meine Mutter war an der Arbeit, ging ich erneut zum Schrank und öffnete ihn. Der Brief war weg.

Als meine Mutter 2007 im Sterben lag, fand ich in ihrer Wohnung ihre an Angelo gerichteten Liebesbriefe. Sie war wirklich sehr verliebt in ihn gewesen. Sie beschrieb ihr Leben bei meinen Grosseltern, ihren Ärger, ihren Drang nach Freiheit. Während meine Mutter in ihrem Pflegebett auf den letzten Tag wartete, las ich erneut ihre Briefe durch. Ich konnte nicht anders. Beim nächsten Besuch im Pflegeheim fragte ich sie nach Angelo. Meine Mutter schüttelte müde den Kopf.
„Du hast meine Briefe gelesen.“
Ich nickte.
Dieses Mal wurde sie nicht mehr wütend.
Doch sie erzählte mir nichts von dieser einen Liebe. Sie schwieg.

Ein paar Wochen später war meine Mutter tot. Meine Oma Paula und ich trauerten. Paula besass noch ihre ganze Erinnerung. Wir sassen oft beisammen und sprachen über früher. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und fragte sie nach Angelo.

Oma Paula blickte mich nachdenklich an.
Dann sagte sie:
„Es ist eine schlimme Sache passiert. Deine Mutter war verliebt.“
Ich verstand kein Wort.
„Deine Mutter ist einfach weg gegangen. Und dann kam sie wieder. Mit blutverschmierten Kleidern. Stumm.“
Ich verstand.

Ist es eine Schande, über ein Unrecht zu reden oder zu schreiben?
Ich bin die Einzige, die noch davon weiss, was passiert ist.
Meine Oma hats vergessen und meine Mutter ist tot.
Dennoch betrifft es mich.

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ca 1970

 

Erwartet werden.

Darf ich glücklich sein, ich meine: so richtig, richtig glücklich? Würde es mir nicht besser anzustehen, mit gesenktem Kopf und traurigem Gesicht herum zu laufen?

Heute ist so einer dieser Tage, wo ich sehr glücklich bin. Ich reise. Ich fliege. Ich begebe mich in eine mir gänzlich unbekannte Stadt. Alles ist neu.

Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Mit einem Mal bin ich mutig. Alles ist gut, sage ich mir. Du darfst dich freuen.

Zu gerne würde ich heute abend Paula und meine Mutter anrufen. Ganz aufgeregt. Ich würde sagen: ich bin gut angekommen. Die Reise war toll.

Ich habe Wolken gesehen. Den Bodensee von oben. Es war aufregend. Die Häuser sahen sp klein aus vom Flugzeug. Ich denke daran, wann ich zum ersten Mal geflogen bin. Wien. Es ist so lange her.

Als ich die Wohnung meiner Mutter räumte, fand ich eine Glückwunschkarte. An ihrem 50sten Geburtstag flog sie mit der Crossair. Der Pilot und die ganze Crew hatten auf der Karte mit silbernem Stift unterschrieben. Sie durfte sogar ins Cockpit gehen. Noch Jahre später hat sie davon erzählt. Das war am 2.9.2001. Kurze Zeit später war die Welt eine andere.

Ich erinnere mich daran, wie ich am Boden lag und die Karte beschnupperte. Sie roch nach meiner Mutter. Nach Rauch.

Ich denke daran, wie glücklich sie damals war und sie nicht ahnte, dass sie nur schon sechs Jahre später sterben würde. So eine Verdammte Scheisse.

Ich werfe einen Blick auf mein Telefon.

Die Nummern meiner Mutter und meiner Oma sind alle beide nicht mehr gültig und trotzdem kenne ich beide noch auswendig. Nur kann ich dort nie mehr anrufen.

Vom Altern

Es ist schon eine seltsame Sache mit dem Älterwerden.
Wer seine Eltern anblickt, weiss wie er selber einmal altern wird. Ich frage mich oft, wie ich mit 56 aussehen werde. Weiter reicht meine Fantasie nicht. Der Spiegel meines eigenen Alterns, meine Mutter, wurde nicht älter. In meiner Oma erkenne ich mich oft wieder. Wir sind beide pedantisch und ich habe ihre hohe Stirn geerbt. Wie werde ich mit 86 sein?

Die Falten sind mir gleichgültig. Weisse Haare habe ich schon lange. An den Verlust meiner Zähne werde ich mich gewöhnen müssen. Davor habe ich Angst. Meine Mutter hatte in meinem Alter schon längst ihre Dritten.

Manchmal habe ich grosse Angst davor, dass ich meinen Vater verliere. Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen werde. Ich denke trotzdem daran, denn ich hoffe, dass die Angst so wieder verschwindet.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bedeutete mein Vater mir alles. Er war der Held. Er trug einen Bart und ich erinnere mich daran, wie ich sagte: „Papi, wenn du deinen Bart jemals abschneidest, bist du nicht mehr mein Papi.“ Er schnitt ihn nie ab und dafür bin ich ihm dankbar.

Mein Vater war und ist mir immer ein wichtiger Ratgeber gewesen, egal ob ich Liebeskummer, Sorgen bei der Arbeit oder mit dem Auto hatte. Zu ihm konnte ich immer gehen. Während er seine Hühner und Kaninchen fütterte, sass ich auf der Steintreppe und redete.

Wir sind uns wohl sehr ähnlich. Wir reden nicht gerne einfach so. Es braucht was, dass wir uns öffnen. Als er an Krebs erkrankte, redete er plötzlich mehr. Krankheit macht verletzlich. Reden heilt.

Mein Vater hat als Kind wunderbare Bilder gemalt. Wie oft wünschte ich mir, er würde wieder malen und so seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Seine Tierzeichnungen habe ich ihm abgeschwatzt. Sie sind bei mir in sicheren und liebevollen Händen.

Die Schildgeschichte

Als meine Mutter im Pflegeheim lag und auf ihren Tod wartete, wollte sie immer wieder zurück in ihre Wohnung. Diese jedoch musste ich räumen.

Das Sozialamt meinte, sie zahlten nicht für zwei Wohnungen, Sterbeprozess hin oder her. Ich solle mich beeilen. Nun denn. Ich hätte mich zurücklehnen können. Dann hätte die Stadt Frauenfeld die Wohnung selber geräumt und alle Habseligkeiten meiner Mutter wären in die Mulde gewandert. Da ich wusste, wie sehr meine Mutter an ihrem Nippes hing, war es an mir, ihre kleine Wohnung zu leeren.

Sie litt sehr darunter, dass sie nun keine richtige Bleibe mehr hatte. Ich musste ihr versprechen, dass ich ihr Hab und Gut für sie aufbewahre.
„Irgendwann komme ich vorbei und hole alles wieder ab“, pflegte sie müde zu sagen. Ich nickte.

Unter all den Zwergen, putzigen Kätzchen und Pimmelfigürchen befand sich auch ein gelbes Schild. All die Jahre hatte es über ihrer Haustüre gehangen. Wenn ich sie jeweils besucht habe in ihrer verrauchten Wohnung, sind wir da gestanden und sie zeigte drauf und lachte. Ich fand es peinlich.

Während der Räumung fiel mein Blick auf ihr Schild. Ich habe es abgenommen und ihr ins Pflegeheim gebracht. Sie hat fast geweint vor Freude. Natürlich musste ich es direkt über ihrem Bett aufhängen.

Ihr Lebenspartner fand das gar nicht lustig. Er versuchte mich dazu zu bewegen, dass ich es wieder mit nach Hause nahm – oder noch besser: wegwarf. Aber das tat ich nicht. Ich sagte zu ihm mit vehementer Stimme:

Das Schild bleibt!

Nach dem Tod meiner Mutter, noch am selben Abend habe ich ihre Tasche gepackt. Den roten Minirock, den sie unbedingt ins Pflegeheim mitnehmen wollte, ihre Zigaretten, das schreckliche jodelnde Murmeltier und ihr Schild.

Als ich zuhause ankam und nach einigen Wochen ihre Tasche endlich aufräumte, fiel mir das Schild wieder in die Hand. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Dann nahm ich es und hängte über meine eigene Haustür. Und da hängt es jetzt, seit bald sieben Jahren.

 

 

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Handarbeit. Herzarbeit.

In meiner Familie mütterlicherseits wurde Handarbeit seit Generationen gepflegt und gelebt.

Mein Urgrossvater Henri arbeitete in einem Spinnerei-Betrieb im Toggenburg, ebenso wie meine Stief-Urgrossmutter Rosa. Im Estrich zeugen mehrere alte Strickmaschinen vom privaten Interesse meiner Urgrosseltern an diesem Handwerk. Gewisse alte Schränke sind voll mit Stoffen und Fäden. Nadeln, Borten, Spitzen, alles ist im Haus meiner Familie zu finden.

Auch mein Grossvater Walter arbeitete in der Textilbranche. Von ihm habe ich jede Menge technischer Bücher über Webmaschinen und Schnittmuster vererbt bekommen.

Meine Oma Paula war und ist nicht besonders handwerklich begabt. Nein, sie mochte nie Handarbeiten. Ihre Qualitäten lagen in der Kommunikation und der Herzlichkeit ihres Wesens.

Wenn ich an meine Mutter denke, so sehe ich sie auf ihrem Sofa sitzend, umgeben von Wollknäueln, Nadeln und Mustern. Sie liebte es zu häkeln. Riesige Decken aus Wollresten hat sie angefertigt und verschenkt, eine jede ein Kunstwerk mit viel von ihr gemacht.

Ich muss daran denken, was sie alles ausprobiert hat. Sie konnte Kleider nähen, Patchwork, Socken und Pullover stricken, Deckchen häkeln. Sie war so geschickt. Sie liebte Farben über alles.

Als meine Mutter im Spital und später im Pflegeheim lag, strickte sie Babysocken. Sie konnte nicht damit aufhören. Sie hatte vor über dreissig Jahren damit angefangen. Das Muster konnte sie längst ohne Vorlage stricken. Sie sass in ihrem Bett und schaute auf ihre Arbeit. Dann sagte sie:

„Zora, wann strick ich für dich Babysocken? Wann kriegst du ein Kind? Wann machst du mich zur Grossmutter?“

Was hätte ich sagen sollen? Nie? Mutter, du stirbst?

Ich schwieg.

Vor ein paar Tagen räumte ich mein Nähzimmer auf. In einer Kiste stiess ich auf die hellblauen Babysocken. Sie sind noch immer nicht vollendet Ich musste mich setzen. Sieben Jahre ist sie tot. Ich weine.

Eine Geburt unter Freunden

Meine Geburt war für meine Mutter eine Geduldsprobe. Geplant hatten meine Eltern mich für den 7.7.1977. Aber irgendwie hat das nicht geklappt. Im heissen Sommer 77 liess ich meine Mutter vier Tage lang warten. Das hat sie mir bis zu ihrem Ende nicht verziehen.

Mein Vater erzählte mir, dass sie wahrscheinlich Angst hatte vor ihrer ersten Geburt. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde, da sie ein Einzelkind war. Nie hatte sie meine Oma Paula schwanger gesehen.

Für meinen lieben Vater war meine Geburt nicht minder aufregend. Er erzählte mir auch später immer wieder, dass er mich, kaum aus dem Mutterleib gezogen, auf die Arme genommen hatte.

„Du sahst aus! Voller Blut! So klein“, pflegte er zu sagen und ich hörte ihm gerne zu.

„Ich durfte deine Nabelschnur durchtrennen“, sagte er stolz und ich dachte, dass das Vater und Tochter aneinander bindet.

Wie meine Mutter ihr Wochenbett durchlebte, weiss ich leider nicht. Sie hat nie darüber gesprochen. Ich weiss aber, dass mein Vater alle Hände voll damit zu tun hatte, damit Paula, meine Oma, mich nicht heimlich katholisch taufen liess. Dies spielte offenbar in den späten 70er Jahren in der Ostschweiz noch eine riesige Rolle.

Mein Vater arbeitete auf dem Bau. Er war Baggerfahrer, hat mitgeholfen, die N1 zu bauen. Die Geburt seiner Tochter war für ihn ein Grund zum Feiern. Nachdem ich am 11. Juli 1977 um halb drei Uhr morgens auf die Welt gekommen war, ging er trotzdem zur Arbeit. Am Nachmittag lud er seine Arbeitskollegen zu einem Bier ein.

Sein Chef, Herr Z., ein Patron alter Schule, kam zufälligerweise an der Baustelle vorbei. Es entging ihm nicht, dass die Arbeiter nicht mehr an ihrem Platz waren und so marschierte er in den nächsten Spunten. Dort sassen mein Vater und seine Kollegen bei einem Bier und feierten meine Geburt.

Herr Z. wollte wissen, warum sie am helllichten Tage nicht mehr arbeiten, sondern trinken. Nachdem mein Vater erklärt hatte: „Ich bin seit heute morgen früh der Vater einer Tochter!“, lächelte Herr Z. Er bestand darauf, diese Runde zu zahlen.

Einige wenige Jahre später starb Herr Z. unverhofft. Die Trauer meines Vater war riesig. Es schien mir, als hätten wir alle einen Vater verloren. Mein Vater kündigte seine Stelle und wir zogen weiter.

Vom Vermissen

Der Mittwoch war Paulas und mein Tag. Seit frühester Kindheit hat sie mich an jenem Tag besucht. Für mich war es der schönste Tag der Woche. Wenn sie einmal nicht vorbeikam, sei es, weil sie arbeiten musste oder mit meiner Mutter Streit hatte, war ich traurig.

Mindestens einmal in der Woche hab ich mit Paula telephoniert. Wir konnten stundenlang reden. Sie wusste immer noch mehr zu erzählen und wenn wir uns nichts aktuelles mehr zu sagen hatten, sprachen wir eben über die Vergangenheit. Mehr als einmal hat mir Paula so die Geschichte ihres ersten Treffens mit Walter erzählt. Gewisse Geschichten werden besser und schöner, je öfter man sie sich erzählt.

Jetzt, wo Paula im Pflegeheim ist, telephonieren wir nicht mehr. Es fehlt mir, denn ich habe früher so gerne mit ihr geredet. Aber ich habe so grosse Mühe, ihr zuzuhören. Ich habe Angst, dass sie beim Gang zum Telephon stürzen könnte, dass sie überfordert ist, wenn es klingelt und sie nicht mehr weiss, wie bedienen. Ihre Scham ist zu meiner geworden.

Meine Mutter hat fürs Leben gerne erzählt, wie ich nackt im Bädli herumgeschwommen bin. Das tat sie aber nur, wenn von mir hochverehrte Männer in der Nähe waren. Ich schämte mich in Grund und Boden. Heute denke ich oft daran und wie sehr mir diese kleine Geschichte fehlt. Was gäbe ich darum, wenn meine Mutter jetzt dasässe vor einem Glas Merlot und sie mir erzählte?

Am schlimmsten waren am Anfang der Trauerzeit die Tage, an denen meine Mutter mich früher angerufen hatte. Terra X ist eine meiner liebsten Sendungen. Sie läuft seit meiner Kindheit um 19.30 auf ZDF. Meine Mutter hat mich just immer dann angerufen, um mir von ihrer Beziehung, ihren Sorgen und ihren kleinen Freuden zu erzählen. Mehr als einmal sass ich augenrollend auf dem Sofa meines damaligen Freundes und hoffte, das Telephonat wäre bald zu Ende.

Kurze Zeit danach war es zu Ende. Ich bereue es zutiefst, nicht mehr mit ihr geredet zu haben, kein schriftliches Zeugnis ihrer Gedanken zu haben, nicht zu wissen, wie man das beste Voressen der Welt macht. a

Tröstendes Weinen

Ich lese momentan ein Buch, von dem ich erst nicht mal wusste, warum ich es gekauft habe. Es hat mich einfach so aus dem Regal angelacht: „Die sieben Tröstungen“ von Anselm Grün. Beim Überfliegen in der Buchhandlung stach mir das Thema „Tränen“ ins Auge.

Wie schon beim Buch „Ich sehe deine Tränen“ von Jorgos Canacakis, welches ich im Sommer 2008 in den Ferien heulend unter einer grossen Sonnenbrille an der Adria gelesen habe, handelt auch dieses Buch von Anselm Grün von Trauer und dem Umgang damit.

Weinen ist eine Sache, die in meiner Familie nicht negativ behaftet ist. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit meiner Mutter Filme schauen konnte und wir beide hemmungslos weinten. Im Weinen waren wir uns nahe.

Eine Freundin meiner Eltern hatte mir an einer Geburtstagsfeier erzählt, dass sie noch nie einen Mann so hatte weinen sehen wie meinen Vater nach dem Tod meines Bruders. Sie machte sich grosse Sorgen.

Einer der frühesten Erinnerungen an meine Mutter ist jene, in der sie in Wängi in unserem alten Haus auf der Toilette sass, es war jene mit den dunkelgrünen Kacheln, und furchtbar weinte. Sie hatte die Türe angelehnt, doch ich kroch trotzdem den Absatz hoch. Ich war wahrscheinlich so zweieinhalb, fast drei Jahre alt. Es muss mich sehr erschreckt haben, sie so zu sehen, denn sie erzählte noch Jahre später, ich hätte gesagt: „Hör uf rägne, Mami.“ Dann soll ich ihr einen Putzlumpen hingehalten haben.

Auch als mein Opa Walter starb, erinnere ich mich gut an die vielen Tränen, die ich mit meiner kleinen Schwester an der Beerdigung weinte. Die Vorstellung, dass unser geliebter Grossvater nun in dieser schlichten Holzkiste liegt, öffnete alle Schleusen. Meine Schwester und ich hielten uns an den Händen und verabschiedeten uns so.

Als meine Mutter starb, hatte ich zwischendurch schon oft geweint. Manchmal lag ich heulend auf dem von Asche verschmutzten Teppich in ihrer Wohnung und schaute zur Decke hinauf. Auch nach jedem Besuch bei ihr kamen mir die Tränen. Die Beerdigung war schlimm. Zwar war ich nicht alleine da, Paula, mein Ex, ein Mitarbeiter meines Vaters und eine liebe Nachbarin meiner Mutter waren ebenfalls gekommen. Doch meine Schwester fehlte mir. Ich dachte mir, es muss doch so sein, dass wir zusammen trauern. Deshalb hat man doch Geschwister.

Nach der Beerdigung erholte ich mich langsam. Nach drei Monaten sagte ich mir: Fertig. Schluss. Die Trauer ist hiermit beendet. Vielleicht sagte ich auch was anderes, ziemlich dummes zu mir.

Jedenfalls staute sich in mir etwas an. Wenn mich jemand berührte, fühlte ich mich unwohl. Es schien mir, als sei ich um Jahre gealtert. Meine Gelenke schmerzten, manchmal sogar die Haare. Eines Abends, ich hatte gearbeitet und wollte eigentlich schlafen gehen, da überkam es mich. Zuerst wehrte ich mich dagegen. Ich hatte einen Kloss im Hals, der furchtbar weh tat. Irgendwann schloss ich die Augen.

All die Tränen, von denen ich gedacht hatte, sie wären geweint, kamen auf einmal. Ich lag auf meinem Flur und weinte gottserbärmlich. Ich hab geheult. Es tat verdammt gut, einfach loszulassen. Denn in jenem Moment, als ich dachte, ich verliere mich, weil ich weine, da passierte das Gegenteil.

Ich hatte das Gefühl, dass es mich zwar erschöpft, aber auch reinigt. Ich dachte mir, die Trauer ist jede Träne wert. Der Mensch, den man verloren hat, ist jede Träne wert, und auch den Schmerz. Aber noch viel mehr halte ich mich für wert, dass ich weinen kann. Wenn ich mir nicht mehr erlaube, zu weinen, werde ich krank. Dann verstopfe ich meine Lebensadern.

Nachhall

Nach der Scheidung meiner Eltern kehrte zum ersten Mal seit langem Ruhe in mein Leben ein. Mein Vater verliebte sich in Heidi, eine Freundin der Familie, und einer der wenigen Menschen, die mich in der Kindheit unterstützt hatten.

Ich kehrte vom Welschlandjahr zurück und ging zur Lehre in einer Confiserie. Dieses kleine Geschäft wurde für zwei Jahre zum Mittelpunkt meines Lebens. Ich habe die altmodische Einrichtung und mein Lehrmeister-Ehepaar sehr, sehr geschätzt. Manchmal denke ich, wenn die beiden nicht gewesen wären, hätte mir sehr viel in meinem Leben gefehlt.

Hier wurde ich zum ersten Mal als erwachsener Mensch behandelt. Niemand interessierte sich für meine Familie. Es war nur wichtig, dass ich höflich bediente, sauber putzte und fleissig arbeitete. Ich genoss dies über alle Massen. Noch heute muss ich gerade in der Weihnachtszeit daran denken, wie sehr ich den Trubel, die viele Arbeit und das Herumrennen genossen hatte und jetzt manchmal etwas vermisse.

Meine Mutter lebte in der gleichen Stadt wie ich. Doch unsere Leben waren unterschiedlich. Sie arbeitete an verschiedenen Orten, verlor immer mal wieder die Arbeit, weil ihre Alkoholkrankheit offensichtlich geworden war. Fleissig war sie aber immer.

Als ich in meiner zweiten Ausbildung steckte, ich lernte Fachfrau Betreuung im Behindertenbereich, musste ich mich gezwungenermassen mit meiner eigenen Geschichte befassen. Ich war sehr froh, dass ich mich all die Jahre vorher schon in einer Gesprächstherapie meiner Vergangenheit gestellt hatte.

Was mich in der Ausbildung geprägt hat, war die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod. Die Sterbephasen waren ein wichtiger Bestandteil der theoretischen Ausbildung. Ich war mir in jenen Lektionen sicher, dass ich meine Mutter NIEMALS in den Tod begleiten würde. Ich habe mich bei Dozent M. ausgekotzt. Ich hab geflucht. Ich war so wütend. Es kam alles hoch. Das war 2004.

Drei Jahre später stand ich da und war gerade von meinen Ferien zurückgekehrt. Ich war 30 geworden, hatte einen neuen, guten Job. Meine Mutter lag im Spital. Todkrank.

Ich erinnere mich noch sehr gut an jenen Moment. Ich musste nämlich lachen über mich. In jenem Moment, als mir klar wurde, dass sie jetzt in eben jenem verdammten Sterbeprozess steckt, wusste ich, dass ich nicht davon laufen würde. Dabei hätte ich genug Argumente gehabt. Mehr als einmal habe ich mit meinem damaligen Freund darüber gesprochen. Sie hatte mich als Kind windelweich geprügelt. Ich hätte auf meine Verantwortung als Tochter scheissen können.

Aber ich konnte nicht weg. Das Gefühl war unvergleichlich. Ich fühlte mich mit einem Mal wie eine Löwin, die ihr Junges vor Schlechtem bewahrte. Nur dass ich, die Tochter mit einem Mal die Mutter beschützen musste.
Ich hab mich beruflich mit Traumata auseinander gesetzt. Das ist eine seltsame Sache. Ich denke sehr wohl, dass das Kümmern um meine Mutter einen Teil meines Hasses geheilt hat. Der Blick auf ihr Sterben hat mich daran erinnert, dass ich ein fühlendes Wesen bin.

Natürlich hallt alles nach.
Ich bin sensibel, was körperliche Gewalt angeht, wie alle Menschen, die ähnliches erlebt haben. Ich bin mir bewusst, dass mich schlussendlich alles, was ich erlebe und erlebt habe, auf mich selber zurück wirft. Anderen kann man was vormachen. Sich selber nicht.