Was uns verbindet

Ich erinnere mich an ihn und es tauchen so viele Geschichten auf, die wir gemeinsam erlebt haben, dass ich es nur schwer schaffe, sie in Worte zu fassen.

Mein Vater und ich waren einander in vielen Situationen des Lebens eng verbunden, so fühle ich es jedenfalls.
Alles, was ich über meinen Bruder weiss, weiss ich von meinem Vater.
Von meinem Vater habe ich erfahren, wie belastend der Tod und die Beerdigung meines kleinen Bruders war. Mein Vater beschrieb mir, was er damals erlebt hatte. Ich verstand, warum mein Vater so war, wie er war. Ein verletzlicher, liebender Vater.

Mein Vater pflanzte an der Stelle des Grabes einen Nadelbaum. Dieses Bild begleitete mich während meiner Kindheit und Jugend: Wenn etwas stirbt, kann auch neues entstehen. Immer wieder war das Grab meines Bruders für mich ein wichtiger Anlaufpunkt bei wichtigen Entscheidungen in den letzten 40 Jahren.

Als meine Mutter 2007 verstarb, war es an mir, ihre Urne von Frauenfeld Oberkirch nach Lichtensteig zu schaffen. Mein Vater, der zu dem Zeitpunkt schon lange von ihr geschieden war, erfuhr davon. Er fragte mich, wie die Urne vom einen Ort zum anderen Ort gelangen sollte. Als ich es ihm erklärte, fragte er mich: „Das machst du ganz alleine?“
Ich bejahte dies.
Er sagte: „Ich verbiete dir das.“
Nun, ich war zu dem Zeitpunkt um die 30 und ich war es mich nicht gewöhnt, dass er mir irgendwas verbot.
„Du kannst diese Urne nicht alleine irgendwo hin fahren. Ich fahre dich.

Nun, das war sein Liebesdienst an mich und vielleicht auch an meine Mutter. Die war nämlich, sicher in Urne und Karton verstaut, auf dem Rücksitz angeschnallt, derweil wir vom Thurgau ins Toggenburg fuhren. Mein Vater und ich redeten über vieles. Gemeinsam lieferten wir ihre Asche ab.

Dass er vor fast einem Monat verstarb, scheint mir auch jetzt noch absolut irreal. Ich kann es nicht glauben, auch wenn ich es weiss. Es ist kurz vor Weihnachten und eigentlich würden wir nun gemeinsam überlegen, in welches Restaurant wir am 25.12 gehen würden. Nun ja, lieber Papi: Dein Timing war und ist toll. Selbst wenn du noch leben würdest, würden wir in diesem Jahr nicht mehr miteinander essen gehen.

Was bleibt: meine Erinnerung an einen zutiefst empathischen, liebenswürdigen und guten Vater. Meine Trauer um den Menschen, der mir wohl neben meiner Omi am nächsten stand. Ich kann nur schwer glauben, dass er nicht mehr ist. Auch wenn ich es weiss.

Am Tag der Beerdigung meines Vater fuhr ich am Grab meines Bruders in Wängi vorbei. Der Grabstein ist verschwunden. Doch noch schlimmer: Der Nadelbaum ist einfach abgesägt. Tot. Ich stehe da und denke: Nun sind sie alle weg.

Ich hasse dich, 2020

Dieses 2020 war für mich ein bedeutsames, schreckliches Jahr.

Ich verlor in diesem Jahr so vieles, wie viele andere auch. Einen Ausbildungsabschluss, auf den ich anderthalb Jahre hingearbeitet habe. Und wovon aktuell nichts übrig bleibt. Ich verlor meine geliebte Katze Dreizehntel im Alter von biblischen 18 Katzenjahren. Ihr Sterben war kurz und heftig. Mitten im Sommer, vor den kalten Tagen, ging sie einfach.

Doch das Prägendste in diesem verdammten Jahr ist der Tod und – noch viel mehr – das Sterben meines Vaters. Seine Krankheit, sein Aufenthalt im Pflegeheim, sein Sterben zuhause, haben mein Leben verändert – trotz der verdammten räumlichen Distanz.

Ich bereue die Zeit, die ich nicht mit ihm verbracht habe zutiefst. Mir fehlt die Zeit mit ihm. Mir fehlen die Zusammentreffen. Die Abende an seiner Seite. Auch wenn wir alles gemeinsam bereinigt haben, bereue ich es, dass ich nicht mehr da war. Wir nicht noch mehr reden konnten, auch wenn vielleicht alles schon gesagt war.

Ohne dieses fucking Corona-Virus wäre alles anders gewesen. Ich wäre mehr für ihn und meine Stiefmutter, die für mich seit Kindertagen wie eine Mutter war, da gewesen, ohne Angst, meine Liebsten krank zu machen. Ich wäre an seiner Seite gesessen, ohne Maske („zieh das Scheiss-Ding ab, ich seh dein Gesicht nicht“ – O-Ton Papi Debrunner im Pflegeheim).

Nun ist mein Vater nicht mehr da, und in meinem Leben klafft eine offene, blutende Wunde. Ich bin sehr traurig, denn gerade Weihnachten ohne ihn wird heavy. Ich hab noch nie in meinem Leben so ein Weihnachtsfest erlebt. Ohne ihn.

Er fehlt mir so sehr, mein schöner, lieber Vater. ich kann nichts anderes sagen. Er fehlt. Verdammt. Er fehlt.

(k)ein Nachruf auf meinen Vater

Am Donnerstagabend ist mein Vater verstorben.

Die Beisetzung meines Vaters findet in einigen Tagen statt und ich darf seinen Nachruf verfassen. Dazu muss ich sagen, dass ich es liebe, gute Nachrufe zu lesen. Mein Vater und ich haben jahrelang den Appenzeller Kalender gelesen und uns darüber am Telefon ausgetauscht. Diese Lektüre prägt, wenn man selber in die Lage kommt, über einen lieben Verstorbenen zu schreiben.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater führt einem immer wieder zu sich selbst zurück:
Wer bin ich? Woher komme ich?
Was ist mir wichtig? Wo will ich hin?

In meinem Fall ist es so: ich bin die Tochter meines Vaters. Er war federführend, was die Erziehung von mir und meiner Schwester betraf. Er hat uns geprägt mit seiner Liebe zur Natur, familiären Werten, der Liebe zum Kanton Thurgau (und auch zum Kanton Jura – aber das ist eine ganz andere Geschichte.) Ich verdanke meinem Vater die Fähigkeit zu fliegen: Er liess mich einfach ziehen, auch wenn ich weiss, dass es ihm fast das Herz gebrochen hat.

Mein Vater bemerkte vor einigen Jahren beiläufig, dass ich „es“ nicht von ihm hätte. Er meinte damit das Schreiben. Das mag vielleicht sogar stimmen. Er war eher ein Mann des Wortes. Mein Vater konnte, trotz seiner eher schüchternen, bescheidenen Art, vor Leute hin stehen und etwas sagen. Das habe ich immer sehr bewundert und ihn dafür geliebt. Ich war immer sehr stolz auf meinen Vater, weil er so ein guter Mensch war. Er fehlt mir so.

Während ich das hier schreibe und nachdenke, google ich meinen Vater.
Ich finde Fotos von ihm aus früheren Jahren, wie er sich kraftvoll und strahlend unter Menschen bewegt. Das Lachen habe ich zweifelsohne von ihm. Es gibt von ihm (und mir) kein Foto, wo wir lächeln. Entweder ganz oder gar nicht.

Wir haben die gleichen Gesichtszüge, sind aus einem Holz geschnitzt.
Wir waren es.

Ach, Papi

Mein Vater war definitiv der erste Mann in meinem Leben.
Mein Papi, ich liebte ihn von Anfang an.
Er trug mich auf seinen Schultern. Fuhr mich mit seinem Velo durch die Welt.
Er war meine Verbindung zur Natur. Er, der Bauernsohn.

Mein Vater war ein Feminist. Er dachte nie in Schubladen, sondern in Geleisen. Lerne einen Beruf. Mach dich unabhängig.
Heirate nicht, wenn du nicht unbedingt musst.
(Das Müssen wäre dagewesen, wenn es ein Kind gegeben hätte. Aber damit habe ich mein Umfeld nie beschenkt.)

Mein Vater ist ein wunderbarer Mensch.
Er ist sehr sensibel. Er ist präsent. Er weiss, was er will.

Vor zwei Jahren hat er zu mir gesagt:
Wenn ich gewusst hätte, wie mein Leben jetzt ist, hätte ich mit 40 noch
sehr viel mehr gelebt, was ich mich nie getraut hätte.
Ach Papi, du weisst gar nicht, was du mit diesen Sätzen bei mir ausgelöst hast.
Den Wunsch nach Freiheit. Den Wunsch, all das zu leben, was in mir steckt, an Potential, an Träumen.

Mir fällt ein Satz ein: Die Mütter schenken einem das Leben, die Väter verleihen einem die Flügel.

Mein Vater war in meiner Jugend einer der Menschen, der mir Flügel verlieh. Er akzeptierte nicht, dass ich meinen Beinen nicht mehr traute. Er hoffte auf mehr. Er trieb mich an. Ich lernte (wieder) zu laufen und zu velofahren, obwohl ich letzteres abgrundtief hasste. Aber trotz allem war es ein gutes Gefühl, zu spüren, was ich alles schaffte.

Nun gibt es so vieles in meinem Leben, was ich gerne mit meinem Vater erleben würde oder erlebt hätte. Er ist präsent in meinem Alltag, auch wenn er nicht immer mit dabei ist.

Ich denke zurück an jene Tage, wo wir gemeinsam unsere Krähe Fritzi aufzogen. Es waren glückliche Stunden, die ich nie vergessen werde. Wir waren als Familie aktiv und haben ein wunderbares Lebewesen am Leben gehalten.

Erinnerungen sind das, was einem bleibt. Erinnern ist eine intime Sache, weil es das Innen nach aussen kehrt. Das Aussen verursacht dann wohl auch all die Tränen, weil einem bewusst wird, wieviel man gerade verloren hat. Was einem fehlt.

Mein Papi ist nach wie vor der erste Mann in meinem Leben.
Ich habe ihn sehr gerne, weil ich mich in ihm wieder erkenne.
Er trägt mich nicht mehr auf seinen Schultern. Stattdessen streichle ich sein Gesicht. Sein weisses Haar.
Dank seinen Wünschen wage ich mich hinaus. In die Natur und stehe meinen Menschen.

Bleiben Sie zuhause!

Nein, das habe ich definitiv nicht gemacht. Ich war, wie alle meine Berufskolleg*innen in der stationären Pflege, fleissig am Arbeiten. Hab mich zurückgezogen. Vor allem aus meinem Freundeskreis und meiner Familie. Dass ich das getan habe, war nur richtig.
Im Nachhinein, bzw. jetzt gerade, ist es ein Fehler. Ich bin keine Einsiedlerin. Ich kann zwar super gut mit mir alleine sein, besonders wenn ich draussen in der Natur bin, aber ich brauche menschlichen Kontakt.

Ich vermisse meine Familie sehr. Ich vermisse meinen Vater. Meine Stiefmutter. Wenn ich das so sagen darf: Ich leide wie ein Hund.
Ich bin einfach nicht dafür gemacht, nur für mich selber zu sein.
Das merke ich jetzt.

Mein Vater ist schwerkrank. Wie lange er lebt, weiss ich nicht. Aber mein Gefühl sagt mir, dass sein Leben wohl nicht mehr lange dauert. Er ist schwerst beeinträchtigt. Er kann sich nicht mehr alleine bewegen, nur noch schwer sprechen, ist auf Hilfe angewiesen. Meine Stiefmutter pflegt ihn zuhause. Sie macht das alles hochprofessionell. Ich bewundere sie für ihre Ruhe und ihre Bedachtheit. Sie ist sein Fels und für mich die Mutter, die ich als Kind nicht hatte.

Ich habe mich abgegrenzt von ihnen, aber nicht, weil ich sie nicht mehr sehen wollte. Unser gemeinsamer, unausgesprochener, Grundsatz war, dass sie nicht meinetwegen plötzlich in ihrer Freiheit eingeschränkt sein sollten. Ich hatte Angst, weil ich sehr viel mehr (berufliche) soziale Kontakte habe als sie und sie nicht anstecken bzw. riskieren wollte, dass sie in Quarantäne gehen sollten.

Nun sah ich heute, nach vielen Wochen, endlich wieder meinen Vater. Ich trug eine Maske und ich weiss nicht mal, ob er mich erkannt hat. Doch fielen mir Steine vom Herzen. Ich erkannte, wie sehr es mir geschadet hat, sie nicht mehr zu sehen. Sie nicht mehr zu berühren. Zu umarmen.

Es geht ihm nicht wirklich gut. Er kann fast nicht mehr sprechen, schläft viel, hat Mühe mit Essen, verschluckt sich leicht. Ich muss ihn loslassen. Mein Herz tut sehr weh. Aber ich bemerke auch seine Ruhe. Seine Gelassenheit, nach so vielen Monaten des Leidens.

Ich bin meinem Vater so dankbar. Mütter nähren einen, aber Väter verleihen einem Kind Flügel. Mein Vater hat das von Anfang an getan. Er hat mich, trotz meiner früh erworbenen Gehbehinderung ermutigt und gedrängt, wieder laufen zu lernen. 2018 ging es ihm sehr schlecht. Er erzählte mir, dass er mit Anfang 40, also in meinem Alter, nie gedacht hätte, dass er mit 70 so schlecht zwäg sei. Er meinte damals zu mir, wenn er das gewusst hätte, hätte er noch sehr viel mehr seine Träume verwirklicht. Er hätte all das getan, was er sich nie gewagt hätte.

Das machte mich nachdenklich. Ich überlegte mir, welche unausgesprochenen Träume ich hegte. Damals wurde mir klar, dass ich Jagen lernen will. Ich weiss bis heute nicht, woher dieser Wunsch kam. Aber er war mit einem Mal so klar, so unausweichlich da, dass ich ihn leben wollte und musste. Ich meldete mich kurz darauf für die Jagdausbildung an und fing an zu lernen.

Die Jagd hat mein komplettes Leben verändert. Ich bin heute ein anderer Mensch. Gelassener. Lebensfroher. Ehrfürchtig gegenüber der Natur, ihren Schätzen, ihren Regeln. Ich habe eine komplett andere Welt kennen und schätzen gelernt. Ich bin, trotz Corona und all dem Scheiss, der um mich herum abgeht, glücklicher als je zuvor. Ich laufe mit Ausdauer steile Hügel hoch, was ich mir vor 30 Jahren nie hätte vorstellen können. Damals drohte mir der Rollstuhl.

Ich bin traurig, weil ich all dieses Glück, diese neue Chance im Leben, gerne mit meinem Vater teilen würde. Ich wünsche mir manchmal jene Sonntage im Wald zurück. Die Familienspaziergänge. Wie wir gemeinsam durch den Wald liefen, uns über Bäume und Vögel wunderten, uns wünschten, dass wir junge Füchse sehen würden.

Wir sahen uns heute. Mein Vater war sehr müde. Sein Zimmer ist voller Bilder von Füchsen. Ich erzählte ihm, dass ich morgen in den Wald gehen will. Er lächelte mich an. Seine Augen strahlten. In Gedanken ist er mit dabei, ganz gleich, wo er dann sein wird.

Die wilde 69

Es gibt Tage, da denke ich sehr oft an dich. Je älter ich werde, desto jünger sehe ich dich vor mir.
Du bist schön, gross, hast lange dunkle Haare und leuchtende braune Augen.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, warst du die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Du warst ein wenig wie Ava Gardner, ein wenig Jane Russell und sehr viel Ali MacGraw.

Ich weiss bis heute nicht genau, wieviel wir gemeinsam haben. Du hast mit mir alle Klassiker (und auch ganz viele Schundfilme) geschaut. Das Kino war eine gemeinsame Leidenschaft und ich bin dir auch heute noch dankbar dafür, dass du mir so viel erklärt und gezeigt hast.

Die Lebenszeit verkürzt sich sehr rasch und ich liebe das Leben genauso wie du. Dass du so jung verstorben ist, ist für mich auch heute noch ein Verlust. Ich hätte dich gerne besser kennengelernt.

Eine Sache habe ich dank dir schon früh gelernt: Das Leben ist ein Wunder und ein Geschenk. Viel zu schnell zerrinnt es einem zwischen den Fingern und man trauert dem ungelebten Leben nach. Du warst da anders: Du hast aus ganzem Herzen gelebt bist zu deinem letzten Tag. Ich bin sehr dankbar, dass ich bis zum Schluss dabei sein durfte.

Feriengefühle

Das letzte Mal, dass ich Ferien hatte, war im Oktober des letzten Jahres. Ich machte Wanderungen, Ausflüge und besuchte die OLMA. Jetzt ist bald Juni und ich weiss gar nicht, ob es dieses Jahr eine solche Messe noch geben wird.

Ferien habe ich jetzt eigentlich nur, weil ich dachte, dass ich nächste Woche an die Jagdprüfung gehen würde. Ich habe viel gelernt und mich darauf gefreut, auf die Fragen der Experten gute Antworten zu geben.

Doch auch daraus ist nichts geworden. Die Prüfungen sind für dieses Jahr abgesagt. Das hat mich im März schon recht aus der Bahn geworfen, wohl weil ich so viel Energie ins Lernen und in die Besuche der Kurse gelegt habe. Es fiel mir leicht, denn ich lernte mit grosser Freude und Neugier. Dass ich mit einem Mal mit nichts mehr dastand, war für mich schwierig.

Die Natur war denn auch während des Shutdowns mein Trost: Ich nahm wahr, wie sich alles nach dem Winter wieder aufrappelt, wie die Bäume spriessen, die ersten Blumen erblühen. Dann die Apfelblüte, der Bluescht im Thurgau, die noch schöner erschien als all die Jahre zuvor, wie ich zum ersten Mal auf freier Wildbahn Hasen erblickte, wie ich Rehe nachts beobachtete und die verliebten Elstern in unserer Tanne. Ich habe unzählige wunderschöne Sonnenuntergänge fotografiert und mich an den blühenden Rosen und den zum ersten Mal erblühenden Iris in unserem Garten erfreut.

Ich ging arbeiten wie immer, darüber war ich dankbar. Die Sorge um die Menschen, die wir als Team begleiten, war gross. Es ist eben nicht einfach so, dass man in unserem Beruf nur für sich selber Verantwortung trägt. Das wurde mir sehr klar in den letzten Wochen.

Ich sorgte mich um meine Eltern. Das Gefühl, dass es ihnen nicht gut geht, dass sie auf sich alleine gestellt sind, beschäftigte mich stark. Mir fehlen unsere Umarmungen, unsere Gespräche am Küchentisch und ich fühle mich traurig, weil ich ihnen nicht so zur Seite stehen konnte, wie ich es wollte. Ich erinnerte mich daran, wie mein Vater und ich im Mai vor neun Jahren gemeinsam eine Krähe aufgezogen und auswildert haben. Wie mein Vater mir vor sechs Jahren gezeigt hat, wie ich eine Wiese von Hand und mit der Fadensense mähen kann. So viel ist passiert in kurzer Zeit.

Glücklich machen mich die Treffen mit den Menschen, die ich sehr schätze und während der letzten Wochen vermisst habe. Ich bin über mich selber erschrocken, wie sehr ich mich zurückgezogen habe. Bin das wirklich noch ich?

Die nächsten Tage werde ich viel schlafen und im Garten arbeiten, Sport treiben und einfach draussen sein. Ich freue mich.

(m)eine Ode an @dreizehntel

Liebste Katze, mein liebes Dreizehntel

morgen ist also dein 18. Geburtstag. Meine Güte. Für eine Katzendame bist du genau im richtigen Alter. Nichts kann dich aus der Ruhe bringen, ausser vielleicht die freche Amsel, die dich manchmal vor dem Stubenfenster ärgert. Aber sonst bist du die Ruhe selbst.

Im Oktober 2002 warst du eine kleine, finöggelige Katze, ohne Schnurrbarthaare, mit einem Pilz im Gesicht, Flöhen und riesigen gelben Augen. Ich habe mich, ganz ehrlich, sofort mit Haut und Haar in dich verliebt. Ich habe mir immer eine schwarze Katze gewünscht, und indem ich dich traf, wurde dieser Wunsch erfüllt.

Ich war gerade mal 25 Jahre alt, mitten in der Ausbildung zur Agogin. Wir hatten einige Tage Seminar im Künstlerhaus Boswil im Kanton Aargau. Und plötzlich warst du da. Die erste Begegnung werde ich nie vergessen: Du warst pflutschnass vom Regen, hattest ein wunderbares Fell und vor nichts Angst. Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass der Wirt dich totschlagen sollte. Auch er hatte wenig Freude daran. Aber offenbar hielt man dich für ein räudiges kleines Kerlchen, das jegliches Recht auf Leben verwirkt hatte.

Ich nahm dich also mit, um dich zu retten. Eine Nacht schliefst du in meinem Bett im Herberge-Zimmer. Du hast viel gefressen, viel geschlafen. In einem Karton bist du in meinem ersten Auto gereist. Natürlich hast du ihn in wenigen Momenten mit deinen scharfen Krallen zerrissen.

Autos sind deine geheime Leidenschaft. Du bist oft mit mir über Autobahnen gependelt. Wo ich war, warst du nie fern. Dein erster Tierarzt prophezeite mir: „An dieser Katze haben Sie genug für ein Leben.“
Er hat Recht.

Du warst an meiner Seite, als ich meine Mutter im Pflegeheim besuchte. Sie hatte sich so sehr eine kätzische Begegnung gewünscht. Negi, ihr geliebter Büsi war einige Jahre zuvor gestorben. Du warst da und bist ohne Scheu auf sie zugegangen. Du hast sie getröstet und mich auch. Selbst in den schlimmsten Stunden.

Ehrlich gesagt lebe ich mit dir am längsten zusammen. Nie war ich so lange bei meinen Eltern, nie mit einem Mann. Aber du warst immer da.

Als ich sehr krank wurde, warst du da. Du hast auf meiner Brust, meinem Bauch geschlafen. Du hast Trost gespendet, beharrlich deine Noms verlangt. Du bist meine treueste und liebste Freundin. Du hast den Umzug ins Toggenburg problemlos überstanden und dir das Haus erobert.

Ach, liebe Dreizehntel. Jetzt bist du 18 Jahre alt und wunderschön. Ich liebe dein morgendliches Gegurre, dein Einfordern von Milchschaum, Toni-Joghurt mit Schoggi-Aroma, deinen Blick, wenn es im Haus warm und sonnig wird.

Ich erachte es noch immer als grosses Privileg, dass wir beide uns getroffen haben. Dass du gerne auf mir schläfst, mich morgens freundlich angurrst und du uns nachts weckst, wenn grad irgend ein wildes Tier durch den Garten streicht.


Liebe Dreizehntel, du bist meine absolute Lieblingskatze! ❤

übergeordnete Ereignisse

Die letzten Monate habe ich nur für meine Prüfung im Juni gelernt. Dank #fuckyoucorona fällt die für dieses Jahr total flach. Das hat mir den Boden unter den Füssen weggerissen, weil ich offenbar nur dafür gelebt habe. Jede freie MInute habe ich mich darin vertieft und dafür gelernt. Jetzt stehe ich einfach vor einem tiefem Loch.

Ich hab die letzten Tage nicht wenige Tränen darüber vergossen. Wenn man anderthalb Jahre auf ein Ziel draufarbeitet, und das wegen einem „übergeordneten Ereignis“ einfach wegfällt, ist das wie ein Schlag in die Magengrube. Ich brauche da einfach ein wenig Zeit, bis ich mental wieder auf den Beinen bin.

Natürlich habe ich jede Menge Bücher zur Seite, die ich noch lesen und rezensieren will. Es gibt so viel, was es zu entdecken gilt. Ich will weiter an kalligraphischen Übungen arbeiten, will weiterhin Vögel und Bäume bestimmen, mich draussen bewegen und Bulletjournal-Beiträge schrieben.

Mein Herz hingegen schlägt an einem anderen Ort. Ich würde gerne meinen Eltern unter die Arme greifen, damit sie in dieser Krise nicht alleine sind, im Wissen, dass sie alles eh alleine schaffen. Ich will, dass es ihnen gut geht, dass sie sich nicht zu sorgen brauchen. dass sie wissen, dass ich für sie da sein will. Dass sie nicht alleine alleine sind.

Die physische Entfernung zu meinen Freundinnen und Freunden macht mir zu schaffen. Ich lege im Berufsalltag wenig Wert auf Nähe. Im Privaten fehlt sie mir nun. Keine Gespräche mehr bei Rotwein und Kerzenlicht, keine Sitzungen mehr, wo wir uns austauschen. Die menschliche Nähe ist mit einem Mal weg.

3x 24 oder was ich mir nie zugetraut hätte

Schon als ich noch ein Kind war, liebte ich die 12er Reihe. Sie zog mich magisch an und ich konnte mir seltsamerweise alle Zahlen merken, auch wenn ich immer Buchstaben lieber mochte.

Heute wurde mein Vater 72 Jahre alt.
Damit ist er nun 16 Jahre älter als meine Mutter es je wurde und 30 Jahre älter als ich.
Mein Vater und ich haben, in meinen Augen, eine spezielle Beziehung. Ich bin seine älteste Tochter und genauso fühle ich mich auch.
In den letzten Monaten habe ich mich sehr mit Leben und Sterben auseinander gesetzt. Daran war mein Vater nicht ganz unschuldig. Er ist und war mein Schlüssel zur Natur. Von ihm habe ich soviel gelernt. Auch heute noch erkennt er Tiere nur aufgrund ihrer Silhouette, weiss vielerlei Geschichten zu erzählen.
Er ist ein Bauernsohn und was er in seiner Kindheit auf jenem Hügel im Thurgau mit Sicht auf den Säntis erlebt habt, mag wohl einige Bücher füllen. Mein Vater liess mich dabei sein, wenn er unsere Kaninchen schlachtete und erklärte mir, was es bedeutet, wenn ein Ei befruchtet und ausgebrütet wird.
Ich bin wohl ein richtiges Vaterkind und das hat mich immer glücklich gemacht. Ich hänge an ihm.
Als KInd wurde ich wütend, wenn ein Kind meinen Vater blöd fand und ich habe mich seinetwegen auch einige Male geprügelt. Mein Vater hat Landschaftsgärtner gelernt, war in Australien und hat auf dem Bau gearbeitet. Er war mein Tor zur Welt.

Als ich in den Kindergarten kam, und das ist nun bald 40 Jahre her, ging ich mit den Kindern seiner italienischen Arbeitskollegen dahin. Ich sprach früh Italienisch. Er pflegte zu sagen „Sprachen sind wichtig.“

Mein Vater war mir als Jugendliche alles. Mit ihm habe ich mich identifiziert, denn mit ihm habe ich um meinen Bruder getrauert, sehr viel offen gesprochen und mitgelitten. Von ihm habe ich meine Liebe zu Nadelbäumen, ich liebe Rottannen, und überhaupt zu Bäumen.
Doch wir hatten auch einige Diskussionen. Dass ich damals Omis Haus gekauft hatte, fand er gelinde gesagt ziemlich Scheisse. Doch es hat ihn nicht davon abgehalten, uns beim ersten Schnitt ums Haus unter die Arme zu greifen, mir zu helfen, eine gute Motorsense zu kaufen und mir vor allem zu zeigen, wie ich sie anwenden muss.

Gemeinsam haben wir alle eine Krähe aufgezogen und – ausgewildert. Dieses Erlebnis wird mich wohl bis ans Ende meines Lebens begleiten, denn es hat mich glücklich gemacht. In der Zuneigung zu Tieren gleichen wir uns. Wir können beide minutenlang dastehen und dem Tanz eines Eisvogels oder eines Huhns zuschauen.

Doch das ist alles tempi passati.
Er hat heute Mühe zu gehen, und er leidet unsagbar darunter und das macht mich traurig und verzweifelt und wütend.
Was mich aber besonders berührt, ist sein Wille. Er trauert um seine Mobilität, er leidet, doch er versteckt seine Gefühle nicht unter falsch verstandener Männlichkeit.
Er spornt mich an, mich zu bewegen, mein Leben zu geniessen.
Dank ihm habe ich mich an Dinge gewagt, die ich mir nie zuvor zugetraut hätte und ohne die ich heute nicht mehr leben möchte.


Es ist wie damals, als ich noch ein Kind war und er mich motiviert hat, schneller zu rennen, schneller mit dem Velo zu fahren, das zu tun, was ich immer wollte.
„Du kannst das.“


Lieber Papi, ich habe dich sehr gern. ❤