Geburtstag und feiern

Ich wäre furchtbar gerne an die Republica nach Berlin gereist. Als ich mir das Datum aber genauer angesehen hatte, war klar, dass ich nicht hinfahre. Paulas Geburtstag am 6. Mai ist einer der festen Grössen im Jahr. Heute wird sie 86 und ich freute mich darauf, sie zu besuchen. Schliesslich weiss ich nie, wann es ihr letzter Geburtstag ist.

Das Pflegeheim fragte vor vier Wochen nach, ob wir mit Paula das Mittagessen einnehmen wollten. Natürlich wollten wir das. Mittagessen in Restaurants gestalten sich nämlich mittlerweile schwierig, weil Paula nicht mehr so viel essen mag.

Die Menüs im Pflegeheim sind denn auch schön hergerichtet, mit frischem Gemüse und in kleinen Portionen serviert. Paula kann so ihren Teller ohne Mühe leer essen. Sie hasst es nämlich, wenn etwas übrig bleibt. Diese Angewohnheit hat sie, seit ich sie kenne und stammt wohl aus Kriegszeiten.

Sie freut sich, dass wir da sind und wir umarmen uns. Paula zeigt ihre Geschenke, Blumen, weiss allerdings nicht mehr genau, von wem sie diese geschenkt bekommen hat.

Paula wünschte sich Kartoffelstock, Bohnen und Hackbraten und zum Dessert Früchtesalat mit Vanilleglacé. Das liebevoll, extra für uns gekochte Menü schmeckt wunderbar.

Beim Kaffee schliesslich reden wir über alte Zeiten und ich bemerke sehr rasch, dass mich Paula heute mal wieder für ihre Schwester Hadj hält. Paula erzählt mir von den „kleinen Brüdern“ und wie frech sie sind. Als sie nach dem Verbleib dieser fragt, antworte ich, dass sie tot sind. Paula sieht betroffen aus. Dann will sie wissen, was mit der Mamme sei. Was soll ich Paula sagen? Ja. Es geht ihr gut?

Stattdessen antworte ich damit, dass Paulas Mamme tot ist. Paula findet, das kann sie nicht glauben, ob es denn letzthin passiert sei. Ich schüttle den Kopf und sage: „Nein, es war vor über fünfzig Jahren.“

Ich fühle mich etwas mies, denn am Geburtstag redet man ja eigentlich von den schönen Dingen im Leben. Doch dann denke ich, dass Trauer um die Mutter am eigenen Geburtstag eine normale Sache ist. Schliesslich empfinde auch ich den „Freudentag“ als emotional, weil meine Mutter eben nicht mehr lebt.

Doch schon zehn Minuten später hat Paula unser Gespräch vergessen und fragt mich erneut nach der Mamme. Wieder macht sie dasselbe, leicht erschrockene Gesicht. Als sie mich nach dem Vater fragt, muss ich ihr erneut sagen, dass auch dieser nicht mehr lebt.

Schliesslich fragt sie mich nach ihrer Schwester Bibi. Nun kann ich ihr endlich eine positive Auskunft geben. Bibi ist zwar bald 90, lebt aber noch und zwar in einem Pflegeheim ein paar Dörfer weiter. Paula ist nun nicht mehr zu bremsen. Sie findet es doof, dass Bibi nicht zu ihr zieht.

Als ich sie frage, ob sie wirklich will, dass ihre ältere Schwester immer in der Nähe ist und alles kommentieren kann, was sie tut, schüttelte sie lachend den Kopf.
„Nein!“, ruft sie, „ich hatte schon immer meinen eigenen Grind!“

Eine Geburt unter Freunden

Meine Geburt war für meine Mutter eine Geduldsprobe. Geplant hatten meine Eltern mich für den 7.7.1977. Aber irgendwie hat das nicht geklappt. Im heissen Sommer 77 liess ich meine Mutter vier Tage lang warten. Das hat sie mir bis zu ihrem Ende nicht verziehen.

Mein Vater erzählte mir, dass sie wahrscheinlich Angst hatte vor ihrer ersten Geburt. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde, da sie ein Einzelkind war. Nie hatte sie meine Oma Paula schwanger gesehen.

Für meinen lieben Vater war meine Geburt nicht minder aufregend. Er erzählte mir auch später immer wieder, dass er mich, kaum aus dem Mutterleib gezogen, auf die Arme genommen hatte.

„Du sahst aus! Voller Blut! So klein“, pflegte er zu sagen und ich hörte ihm gerne zu.

„Ich durfte deine Nabelschnur durchtrennen“, sagte er stolz und ich dachte, dass das Vater und Tochter aneinander bindet.

Wie meine Mutter ihr Wochenbett durchlebte, weiss ich leider nicht. Sie hat nie darüber gesprochen. Ich weiss aber, dass mein Vater alle Hände voll damit zu tun hatte, damit Paula, meine Oma, mich nicht heimlich katholisch taufen liess. Dies spielte offenbar in den späten 70er Jahren in der Ostschweiz noch eine riesige Rolle.

Mein Vater arbeitete auf dem Bau. Er war Baggerfahrer, hat mitgeholfen, die N1 zu bauen. Die Geburt seiner Tochter war für ihn ein Grund zum Feiern. Nachdem ich am 11. Juli 1977 um halb drei Uhr morgens auf die Welt gekommen war, ging er trotzdem zur Arbeit. Am Nachmittag lud er seine Arbeitskollegen zu einem Bier ein.

Sein Chef, Herr Z., ein Patron alter Schule, kam zufälligerweise an der Baustelle vorbei. Es entging ihm nicht, dass die Arbeiter nicht mehr an ihrem Platz waren und so marschierte er in den nächsten Spunten. Dort sassen mein Vater und seine Kollegen bei einem Bier und feierten meine Geburt.

Herr Z. wollte wissen, warum sie am helllichten Tage nicht mehr arbeiten, sondern trinken. Nachdem mein Vater erklärt hatte: „Ich bin seit heute morgen früh der Vater einer Tochter!“, lächelte Herr Z. Er bestand darauf, diese Runde zu zahlen.

Einige wenige Jahre später starb Herr Z. unverhofft. Die Trauer meines Vater war riesig. Es schien mir, als hätten wir alle einen Vater verloren. Mein Vater kündigte seine Stelle und wir zogen weiter.

Geburtstagsvorbereitungen

Am Dienstag wird Paula also 86 Jahre alt. Seit Paulas Demenz zugenommen hat, tue ich mich schwer mit Geschenken, ganz egal ob zu Ostern, Weihnachten oder zum Geburtstag.

Als Kind bastelte ich ihr Geschenke, später haben wir an ihrem Geburtstag Ausflüge gemacht. wir sind mit dem Zug gefahren, als Paula nicht mehr so gut laufen konnte, fuhren mit dem Auto. Hauptsache, wir beide waren zusammen.

Unser Radius wurde immer kleiner. Ich habs anfangs nicht wahrhaben wollen. Ich konnte mit Paula keine langen Märsche mehr unternehmen. Sie hatte zwar nach wie vor grossen Spass an Ausflügen, doch ihre Kraft nahm langsam ab.

Schliesslich vergass sie ihren Geburtstag und auch meinen. Ich bemerke im Nachhinein, dass ich anfangs versucht hatte, eine Erklärung zu finden, die nicht allzu hart für mich war. Indes, es gab keine.

Ich zwang mich in den letzten Jahren bei ihr vorbeizugehen, im Wissen, dass wir einfach eine Stunde beieinandersitzen würden. Ich brachte ihr Kuchen mit oder Canapées. Einmal habe ich mein Laptop mitgenommen und mit ihr einen Film geschaut, den ich eigentlich im Kino mit ihr hatte sehen wollen.

Am Dienstag wird das anders sein. Wir sind im Pflegeheim zum Essen eingeladen. Ich werde frühmorgens arbeiten und dann mit Sascha ins Toggenburg fahren. Ich weiss nicht, ob ich mich freuen soll. An Weihnachten war das Essen zwar super, aber es hat mir wehgetan, dass Paula nicht mehr so essen konnte wie früher.

Im letzten Jahr sind wir zum Haus gefahren, doch das traue ich mir so nicht mehr zu. Meine Angst, dass sie stürzen und sich wieder etwas brechen könnte, ist riesig. Ich weiss genau, dass ein Knochenbruch in ihrem Alter sehr gefährlich sein kann.

Ich habe für Paula ein Geschenk gefunden, von dem ich hoffe, dass sie daran Freude hat. Es ist nämlich so, dass Paula vor sieben Jahren mit mir zum Bijoutier ging und ich mir eine Silberkette mit Anhänger aussuchen durfte. Sie sagte, ich solle mich immer an die schönen Zeiten mit ihr erinnern, wenn ich diese Kette trage. Nun habe ich ihr ebenfalls eine Kette gekauft. Ich hoffe, sie gefällt ihr. Die Illusion, dass sie sich an mich erinnert, habe ich heute nicht mehr.

Vom Lieben

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bekam ich sehr wohl mit, dass meine Mutter und meine Oma Paula sich regelmässig stritten, Wie viele Mütter ertrug es auch meine Mutter nicht, dass Oma ihr dreinquatschte. Dies führte zu regelmässig stattfindenden Streitgesprächen und danach folgenden Besuchsverboten.

Streitthema Nummer eins war das Essen. Als Kind war ich sehr mager. Ich hasste Fleisch und wollte es einfach nicht essen. Auch Bohnen und gewisse Gemüsesorten konnte ich auf den Tod nicht aufstehen. Meine Mutter hatte da aber ganz eigene Erziehungsmethoden. Wenn ich nicht aufass, dann musste ich so lange sitzen bleiben, wie sie es wollte oder aber, bis ich das Essen gegessen hatte. Mehr als einmal schob sie mir das Essen in den Mund und drückte ihn zu. Noch heute kann ich gewisse Nahrungsmittel nicht essen.

Meine Oma sah diesem Treiben zu und hinterfragte es. Das konnte meine Mutter nicht ausstehen. Da Oma auffiel, dass ich zeitweise gar nichts mehr ass, schenkte sie mir Süssigkeiten, die wir in meinem Zimmer versteckten. Das machte meine Mutter sehr wütend. Verwüstungen meines Zimmers waren die Folge.

Paula hat auch immer wieder kritisiert, wenn meine Mutter mich geschlagen hat. Einmal ging sie sogar zwischen uns und hielt mich fest, damit meine Mutter sie trifft und nicht mich.

Meine Mutter war enttäuscht von meiner Oma, denn eigentlich übte sie nur dieselbe Art von Erziehung aus, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte. Meine Oma versuchte mehr als einmal zu erklären, dass dies falsch gewesen sei. Sie bedauerte zutiefst, dass auch sie als junge Mutter ihr Kind geschlagen habe. Oma fand klare Worte für ihre eigene Gewalt: ich war müde von der Arbeit, überfordert und unglücklich und wollte nur meine Ruhe. Aber geliebt habe ich dich immer.

Für meine Mutter waren das denkbar schlechte Argumente. Sie sah sich betrogen. Wenn ich mit ihr Streit hatte und sie mich schlug, rief sie mehr als einmal: „Deine Oma, die du so liebst, hat es genau gleich gemacht.“ Das nützte mir nicht viel. Wie eine Gläubige klammerte ich mich an meine Oma, die mir Schutz versprach.

Die Ferien bei Paula verbot uns unsere Mutter nicht. Sie sah wohl ein, dass sie so zumindest für einige Wochen von mir und meiner Schwestern befreit würde. Dieses Angebot nahm sie gerne an.

Als ich schliesslich älter wurde und meine Mutter auszog, war es mit ihren ambivalenten Gefühlen gegenüber meiner Oma nicht zu Ende. Ich erinnere mich noch gut, dass sie ein Jahr vor ihrem Tod sagte: „Irgendwann wirst du noch bereuen, dass du sie mehr geliebt hast als mich. Dann kannst du für sie schauen.“

Ich bereue es nicht, dass meine Oma und ich uns so nahe stehen. Meine Oma ist meine Oma und meine Mutter ist meine Mutter. Die Liebe, die ich für beide Frauen empfinde, ist nicht vergleichbar. Dass ich jetzt für Oma sorge, ist keine Strafe, es scheint mir nur die logische Folge unserer Beziehung seit Kindheit an.

Vom Loslassen Teil 256

Manchmal muss man eben loslassen können, das sagte schon meine Mutter. Sie hielt sich selten dran. Meinen Bruder hat sie nicht los gelassen und er sie irgendwie auch nicht. Die gescheiterte Ehe mit meinem Vater hat sie lange verfolgt. Von meinem Tochter-Boot aus konnte ich das damals nicht verstehen. Heute ist mir das schon klarer.

Auch das Leben wollte sie nicht loslassen. Sie liebte es. Meine Schwester und mich liess sie gehen. Als Teenager fühlte ich mich sogar gezwungen, aus ihrem Leben zu treten. Das tat weh. Ich bin heute noch neidisch auf Töchter, die es gut mit ihren Müttern haben. Ich wollte, ich wäre eine davon.

Meine Mutter hat in Sachen Haare immer kurzen Prozess gemacht. An ihrer Hochzeit trug sie ihr langes, gerades, starkes Haar bis weit unter die Schultern. Sie war eine wunderschöne, junge Frau.

Nach meiner Geburt hat sie ihre Haare geschnitten. Sie wurden danach immer kürzer. Später färbte sie sie dann auch. Sie trug sie in allen möglichen Farben. Sie legte grossen Wert, trotz aller Geldprobleme gegen Ende ihres Lebens, dass sie eine „anständige“ Frisur trug. Voller Stolz zeigte sie mir jeweils ihre jeweiligen Kurzhaarfrisuren.

Als sie meine Schwester geboren hatte, war sie 30 Jahre alt. Als meine Mutter starb, war sie 56; 20 Jahre älter als ich jetzt.

Heute habe ich meine Haare geschnitten. Es ist das erste Mal seit sechseinhalb Jahren, seit Mamis Tod, dass sie so kurz sind. Reichten sie vorher bis unter die Schultern, sind sie nun nur noch kinnlang. Sie sind ungefärbt, obwohl ich natürlich weiss, dass eine Frau meines Alters die weisse Strähne verdecken sollte.

Ich muss daran denken, dass ich an Mutters Sterbebett gesessen bin und gewartet habe. Da sah ich zum ersten Mal, dass sie weisses Haar hatte. In all den Jahren habe ich das nicht bemerkt. Ich beschloss, mein Haar auch nicht mehr zu färben. Am liebsten hätte ich es mir abgeschnitten. Kahl. Der Gedanke kommt mir immer, wenn ich etwas loslassen muss. Ich denke an den Frühling. Der Wind bläst mir um die Ohren. Der Dutt ist ab. Vielleicht sind es die Sorgen und die Trauer auch bald.

Von den Wurzeln, dem Leben und der Heimat

Irgendwie bin ich nicht weit herum gekommen.
Im Thurgau bin ich aufgewachsen zwischen Dreckhügeln, Nebelschwaden und Apfelbäumen. Ländlich. Ich sage: dreissig Jahre hinterher. Als man in Zürich darüber sprach, dass die Jungen Heroin spritzen, galt in meinem Dorf rauchen und wild herumknutschen als Gipfel der Verdorbenheit. 1989 war die Jugend auf dem Dorfe ein ewiger Groschenroman.

Mit 17 lebte ich ein Jahr lang in Nyon. Das kommt mir heute vor wie das Leben auf einem anderen Planeten. Die Gegend war nicht mal so sehr anders als die im Thurgau: grüne Hügel, Weinberge und ein grosser See. Die Menschen hingegen schienen auf eine seltsame Art und Weise offener als in meiner Heimat.

Nach der Lehre ging ich nicht fort aus dem Thurgau. Ich konnte nicht. Da war das Dorf, mein Heimatort. Nur wenige Kilometer von hier war meine Familie entstanden Die Gegend zieht mich an wie ein Magnet. Schon vor 500 Jahren haben die Meinen hier gelebt, deren Name, Debrunner, ich trage. Es ist der Name meines Vater. Ich liebe diesen Namen. Er bedeutet mir viel.

Die andere Hälfte von mir, die mütterliche, entstammt aus dem Toggenburg. Dieses Tal, auch hier fliesst die Thur durch, ist ebenfalls meine Heimat. Von hier kommt meine Mutter, mein Grossvater und mein Urgrossvater.

Ich bin und her gerissen. Besonders im Frühling liebe ich den Thurgau. Ich kann mir nicht vorstellen, hier wegzugehen. Doch das Haus im Toggenburg zieht mich an. Der Sommer ist so wunderbar dort. Kühl. Schattig. Plätschernd. Der Winter ist so bitterkalt.

Anna, meine Urgrossmutter, stammte aus Herisau. Um 1918 muss die Heirat in Richtung Toggenburg noch wie eine Weltreise gewesen sein. Oft denke ich an Anna, wenn ich von Lichtensteig über die Wasserfluh fahre. Wie sie wohl gereist ist?

Ich muss dran denken, dass auf dem Friedhof in Lichtensteig alle Meinigen mütterlicherseits begraben sind; Anna, Rosa, Henri, Nelly, Uschi und Walter. Irgendwann wird auch Paula dort ihren ewigen Schlaf halten. Warum also sollte ich nicht in dem Städtchen leben wollen, fernab der (alten) Heimat?

Ein Samstag mit Henri

Eigentlich wollte ich heute frühlingshafte Photos und den dazugehörigen Text veröffentlichen. Gestern beschloss ich dann aber, dass ich an meinem Photoprojekt weiter arbeiten will.

Henri, mein Urgrossvater, beschäftigt mich immer wieder mal. Seit ich seine Karten an die Ururgrosseltern und an Anna gefunden habe, sehe ich ihn ganz anders. Er arbeitete in der damals florierenden Textilbranche im Toggenburg. Das ganze Haus zeugt davon. Es gibt keinen einzigen Schrank, wo nicht Wollresten, antike Fadenspulen oder gar Maschinen herumstehen. Drei Strickmaschinen befinden sich alleine im Dachgeschoss. Ich hoffe, ich werde es schaffen, mich mit der Materie vertraut zu machen…

Henri ist 1889 geboren. Das Haus ist 60 Jahre älter. Henri diente im Ersten Weltkrieg als Soldat. Vielleicht liegt es an seinen schriftlichen Zeugnissen, dass ich einen allzu lockeren Umgang mit der Zeit um 1914 nicht toll finde.

Die Zeit hat sich in Henris Gesicht eingeprägt. Über seine Kindheit weiss ich nichts. Er heiratete spät meine Urgrossmutter Anna. Sie waren beide nicht mehr die jüngsten, als sie ihr erstes Kind zeugten, meine Grosstante Nelly. Dieses Kind verstarb früh. Dann wurde mein Grossvater Walter geboren. 1947 verstarb Anna an Krebs. Wie muss das für Henri gewesen sein, als er seine geliebte Frau verlor?

Ich wurde 1977 geboren, da war Henri bereits 88 Jahre alt. Ich erinnere mich jedoch noch gut an ihn. Seine knarrende Stimme, heiser und blechern. Seine Hände. Sein riesiger Bauch. Der immergleiche Wollpullover. Seine würdevolle Ausstrahlung. Sein Zungenschlag. Toggenburger. Ein harter Grind.

Ich würde ihn so gerne vieles fragen. Wie er den Krieg wirklich erlebt hat. Woran er an seinem Leben Freude gehabt hat. Worunter er litt. Ich würde ihn gerne noch einmal umarmen.

 

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Henri, wahrscheinlich in den späten 60er Jahren vor dem Haus.

 

 
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Henri vor seinem Waschbärengehege. Im Hintergrund ist klar zu erkennen, wie die Landschaft hier vor 50 Jahren ausgesehen hat.

 

 
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Henri und sein Hund vor dem Waschbärengehege, wahrscheinlich Ende der 60er Jahre

 

Heiraten und so.

An der Hochzeit meiner Eltern wäre ich gerne dabei gewesen. Ich kenne diese Feier natürlich nur von den Fotos aus dem Album meiner Oma. Ich vermute, das war ein richtig gutes Fest.

Ich sehe meine Mutter als junge, schöne Braut. Irgendwie hab ich in jüngeren Jahren gehofft, sie würde mir ihr Kleid einmal vermachen. Ich hoffte, mein Mann würde einmal genau so gut und so verliebt aussehen wie mein Vater.

Es ist nicht dazu gekommen. Mit anfangs zwanzig träumte ich, ich würde heiraten. Ich stand da in einem weissen Kleid. Ich hatte sogar einen Bräutigam, dessen Gesicht ich aber nicht erkennen konnte.

Ich stand da ganz vorne in jener Kirche in meinem Dorf, als sich meine Verwandten anfingen zu streiten. Plötzlich waren sie fort. Auch der Pfarrer war mit einem Mal verschwunden. Der Bräutigam schien in Luft aufgelöst.

Ich stand da vorne in einem weissen Kleid. Ganz alleine. Ich zog es aus und lief davon. In der Nähe befand sich damals ein Teich. Ich sprang hinein und verwandelte mich in einen Fisch.

Ich wäre sehr gerne dabei gewesen an der Hochzeitsfeier meiner Eltern. Damals waren sie noch glücklich. Sie ahnten nicht, was auf sie zukommen würde, drei Jahre vor meiner Geburt.

Sie wussten nicht, dass sie mich und meine Schwester aufziehen und meinen Bruder verlieren würden. Wie viel hält die Liebe aus?

Nicht wenig, würde ich sagen. Aber Todesfälle zerstören jegliche Liebe. Ich kenne nur wenige Menschen, die den Tod eines Kindes unbeschadet und in Liebe überleben. Meine Eltern gehörten nicht dazu. Ich trage es ihnen nicht nach.

 

 

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meine Mutter und meine Oma 1974

 

 

Tröstendes Weinen

Ich lese momentan ein Buch, von dem ich erst nicht mal wusste, warum ich es gekauft habe. Es hat mich einfach so aus dem Regal angelacht: „Die sieben Tröstungen“ von Anselm Grün. Beim Überfliegen in der Buchhandlung stach mir das Thema „Tränen“ ins Auge.

Wie schon beim Buch „Ich sehe deine Tränen“ von Jorgos Canacakis, welches ich im Sommer 2008 in den Ferien heulend unter einer grossen Sonnenbrille an der Adria gelesen habe, handelt auch dieses Buch von Anselm Grün von Trauer und dem Umgang damit.

Weinen ist eine Sache, die in meiner Familie nicht negativ behaftet ist. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit meiner Mutter Filme schauen konnte und wir beide hemmungslos weinten. Im Weinen waren wir uns nahe.

Eine Freundin meiner Eltern hatte mir an einer Geburtstagsfeier erzählt, dass sie noch nie einen Mann so hatte weinen sehen wie meinen Vater nach dem Tod meines Bruders. Sie machte sich grosse Sorgen.

Einer der frühesten Erinnerungen an meine Mutter ist jene, in der sie in Wängi in unserem alten Haus auf der Toilette sass, es war jene mit den dunkelgrünen Kacheln, und furchtbar weinte. Sie hatte die Türe angelehnt, doch ich kroch trotzdem den Absatz hoch. Ich war wahrscheinlich so zweieinhalb, fast drei Jahre alt. Es muss mich sehr erschreckt haben, sie so zu sehen, denn sie erzählte noch Jahre später, ich hätte gesagt: „Hör uf rägne, Mami.“ Dann soll ich ihr einen Putzlumpen hingehalten haben.

Auch als mein Opa Walter starb, erinnere ich mich gut an die vielen Tränen, die ich mit meiner kleinen Schwester an der Beerdigung weinte. Die Vorstellung, dass unser geliebter Grossvater nun in dieser schlichten Holzkiste liegt, öffnete alle Schleusen. Meine Schwester und ich hielten uns an den Händen und verabschiedeten uns so.

Als meine Mutter starb, hatte ich zwischendurch schon oft geweint. Manchmal lag ich heulend auf dem von Asche verschmutzten Teppich in ihrer Wohnung und schaute zur Decke hinauf. Auch nach jedem Besuch bei ihr kamen mir die Tränen. Die Beerdigung war schlimm. Zwar war ich nicht alleine da, Paula, mein Ex, ein Mitarbeiter meines Vaters und eine liebe Nachbarin meiner Mutter waren ebenfalls gekommen. Doch meine Schwester fehlte mir. Ich dachte mir, es muss doch so sein, dass wir zusammen trauern. Deshalb hat man doch Geschwister.

Nach der Beerdigung erholte ich mich langsam. Nach drei Monaten sagte ich mir: Fertig. Schluss. Die Trauer ist hiermit beendet. Vielleicht sagte ich auch was anderes, ziemlich dummes zu mir.

Jedenfalls staute sich in mir etwas an. Wenn mich jemand berührte, fühlte ich mich unwohl. Es schien mir, als sei ich um Jahre gealtert. Meine Gelenke schmerzten, manchmal sogar die Haare. Eines Abends, ich hatte gearbeitet und wollte eigentlich schlafen gehen, da überkam es mich. Zuerst wehrte ich mich dagegen. Ich hatte einen Kloss im Hals, der furchtbar weh tat. Irgendwann schloss ich die Augen.

All die Tränen, von denen ich gedacht hatte, sie wären geweint, kamen auf einmal. Ich lag auf meinem Flur und weinte gottserbärmlich. Ich hab geheult. Es tat verdammt gut, einfach loszulassen. Denn in jenem Moment, als ich dachte, ich verliere mich, weil ich weine, da passierte das Gegenteil.

Ich hatte das Gefühl, dass es mich zwar erschöpft, aber auch reinigt. Ich dachte mir, die Trauer ist jede Träne wert. Der Mensch, den man verloren hat, ist jede Träne wert, und auch den Schmerz. Aber noch viel mehr halte ich mich für wert, dass ich weinen kann. Wenn ich mir nicht mehr erlaube, zu weinen, werde ich krank. Dann verstopfe ich meine Lebensadern.

Nachhall

Nach der Scheidung meiner Eltern kehrte zum ersten Mal seit langem Ruhe in mein Leben ein. Mein Vater verliebte sich in Heidi, eine Freundin der Familie, und einer der wenigen Menschen, die mich in der Kindheit unterstützt hatten.

Ich kehrte vom Welschlandjahr zurück und ging zur Lehre in einer Confiserie. Dieses kleine Geschäft wurde für zwei Jahre zum Mittelpunkt meines Lebens. Ich habe die altmodische Einrichtung und mein Lehrmeister-Ehepaar sehr, sehr geschätzt. Manchmal denke ich, wenn die beiden nicht gewesen wären, hätte mir sehr viel in meinem Leben gefehlt.

Hier wurde ich zum ersten Mal als erwachsener Mensch behandelt. Niemand interessierte sich für meine Familie. Es war nur wichtig, dass ich höflich bediente, sauber putzte und fleissig arbeitete. Ich genoss dies über alle Massen. Noch heute muss ich gerade in der Weihnachtszeit daran denken, wie sehr ich den Trubel, die viele Arbeit und das Herumrennen genossen hatte und jetzt manchmal etwas vermisse.

Meine Mutter lebte in der gleichen Stadt wie ich. Doch unsere Leben waren unterschiedlich. Sie arbeitete an verschiedenen Orten, verlor immer mal wieder die Arbeit, weil ihre Alkoholkrankheit offensichtlich geworden war. Fleissig war sie aber immer.

Als ich in meiner zweiten Ausbildung steckte, ich lernte Fachfrau Betreuung im Behindertenbereich, musste ich mich gezwungenermassen mit meiner eigenen Geschichte befassen. Ich war sehr froh, dass ich mich all die Jahre vorher schon in einer Gesprächstherapie meiner Vergangenheit gestellt hatte.

Was mich in der Ausbildung geprägt hat, war die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod. Die Sterbephasen waren ein wichtiger Bestandteil der theoretischen Ausbildung. Ich war mir in jenen Lektionen sicher, dass ich meine Mutter NIEMALS in den Tod begleiten würde. Ich habe mich bei Dozent M. ausgekotzt. Ich hab geflucht. Ich war so wütend. Es kam alles hoch. Das war 2004.

Drei Jahre später stand ich da und war gerade von meinen Ferien zurückgekehrt. Ich war 30 geworden, hatte einen neuen, guten Job. Meine Mutter lag im Spital. Todkrank.

Ich erinnere mich noch sehr gut an jenen Moment. Ich musste nämlich lachen über mich. In jenem Moment, als mir klar wurde, dass sie jetzt in eben jenem verdammten Sterbeprozess steckt, wusste ich, dass ich nicht davon laufen würde. Dabei hätte ich genug Argumente gehabt. Mehr als einmal habe ich mit meinem damaligen Freund darüber gesprochen. Sie hatte mich als Kind windelweich geprügelt. Ich hätte auf meine Verantwortung als Tochter scheissen können.

Aber ich konnte nicht weg. Das Gefühl war unvergleichlich. Ich fühlte mich mit einem Mal wie eine Löwin, die ihr Junges vor Schlechtem bewahrte. Nur dass ich, die Tochter mit einem Mal die Mutter beschützen musste.
Ich hab mich beruflich mit Traumata auseinander gesetzt. Das ist eine seltsame Sache. Ich denke sehr wohl, dass das Kümmern um meine Mutter einen Teil meines Hasses geheilt hat. Der Blick auf ihr Sterben hat mich daran erinnert, dass ich ein fühlendes Wesen bin.

Natürlich hallt alles nach.
Ich bin sensibel, was körperliche Gewalt angeht, wie alle Menschen, die ähnliches erlebt haben. Ich bin mir bewusst, dass mich schlussendlich alles, was ich erlebe und erlebt habe, auf mich selber zurück wirft. Anderen kann man was vormachen. Sich selber nicht.