Hühnerloses Leben

Seit ich mich erinnern kann, lebte ich mit Hühnern zusammen. Mein Vater züchtete sie während vielen Jahren: goldhalsige Antwerpener Bartzwerge, schwarze Wyandotten, Araucana, schwarze Seidenhühner, Ko Shamo und Moderne Englische Kämpfer.

Ich liebte es, mit ihnen zu zusammenzuleben und ihnen zuzusehen, wie sie sich bewegen und miteinander umgehen. Die Seidenhühner hatte ich sehr lieb und sie waren auch sehr zutraulich. Ich liebte es, sie in meinen Armen zu wiegen.

Vielleicht war ich ein seltsames Kind, aber mein grösster Traum damals so mit 11 oder 12 Jahren war, mit Hühnern, oder überhaupt Vögeln zu arbeiten. Sie erschienen mir immer als Wunderwesen. Ich gab ihnen Namen und weigerte mich als Kind standhaft, Hühnerfleisch zu essen.

Gerne hätte ich selber Hühner gehalten, doch bei meinen ersten Wohnorten und vor allem meinem Beruf, war das doch eher aufwändig. Umso mehr freute ich mich, wenn ich aushelfen konnte, wenn meine Eltern Ferien machten. Dann genoss ich die Hühner ganz für mich, überglücklich, dass ich für sie sorgen konnte.

Die Hühnerhaltung meiner Eltern ist längst Geschichte. Es scheint als mir, als wäre dieser Teil meines Lebens nun beendet. Ich bereue es, dass ich nicht mehr vom Wissen meines Vaters über Hühnerzucht mitnehmen konnte, dass so vieles mit ihm gestorben ist.

Papi.

Wenn ich an meinen Vater denke, dann purzeln meine Gedanken wild durcheinander.
Ich muss dran denken, was er mir über meine Geburt und die meiner anderen Geschwister gesagt hat:
Er war immer dabei. Ganz nah.
Er hat sich vor der Geburt eines Menschen nicht gescheut.
Ich war die Älteste.
Vielleicht sind wir darum so eng verbunden.

Ich erinnere mich an jenen weissen Hocker mit dem Weltkugelkleber, den er vor sich auf den Velolenker geschraubt hat. Er fuhr mit mir auf seinem Militärvelo herum, natürlich ohne Helm. Ich habe es als Kind geliebt, mit ihm zu fliegen.

Ich erinnere mich an Wanderungen durch den Wald und einige Kaninchenausstellungen. Ich war immer gerne mit ihm zusammen, denn mit ihm lief immer was. Ich liebte es als Teenager, etwas zu leisten, sei es Lose oder Sandwiches zu verkaufen. Diese eine Ausstellung, ich war vielleicht 15, werde ich nie mehr vergessen. Es war einfach super. Ich lernte sehr viel über Führung von Menschen, Kollegialität und über meinen Vater.

Als Teenager begleitete ich ihn einige Male beim Frauenfelder Waffenlauf. Jedes Mal litt ich stark, weil ich fürchtete, er würde diesen Marathon nicht überstehen. So ein Marathon ist kein Sonntagsspaziergang. Das Glück, wenn ich meinen Vater jeweils an den abgemachten Stellen traf, ihm Getränke reichen konnte und ihn durch den Zieleinlauf begleitete, vergesse ich nie mehr.

Mein Vater war nie ein lauter Mann. Das habe ich immer an ihm geschätzt. Aber er war durchdringend. Stark. Er besass eine natürliche Autorität. Ein Blick von ihm reichte, dass Menschen verstanden, was er wollte.

Er trieb mich immer wieder an und ich denke, wenn er in früheren Jahren hätte wählen können, hätte er gerne eine super sportliche, ehrgeizige und was Sport angeht erfolgreiche Tochter gehabt.
Stattdessen hatte er mich: ein Mädchen mit diagnostizierter beidseitiger Hüftdysplasie, mit mehreren Operationen gesegnet um überhaupt laufen zu können. Jahrelange Therapien. Ich habe ihn nie gefragt, wie das für ihn war.

Er hat sich nie beklagt, ganz im Gegenteil. Als er selber älter wurde, hat er thematisiert, dass es ihm leid tut, so wütend geworden zu sein, wenn ich nicht mehr velofahren oder laufen konnte. Diese Gedanken kamen spät, aber nicht zu spät. Ich lernte zu vergeben.

Als ich älter wurde, veränderte sich vieles. Ich habe das schon damals, als meine Mutter 2007 pflegebedürftig wurde, später bei meiner Omi erlebt. Es wurden andere Dinge wichtig.

Ich erinnere mich an jene eine Autoausfahrt vor wenigen Jahren mit meinem Vater durchs Toggenburg. Er war der Regisseur, sagte genau, wohin er fahren wollte und welche Strasse ich wählen sollte. Mein Vater hatte ein sensationelles Gedächtnis. Vielleicht hat das alles so schwierig gemacht. Wir spürten, dass wir hier einen Menschen bei vollem Bewusstsein verlieren, der sehr viel spürt, aber nicht mehr in der Lage ist, sich klar auszudrücken.

Heute las ich bei einer Freundin ein Gedicht von Mascha Kaleko und musste fest an meinen Vater denken. Wieviele Tode er wohl in seinem Leben erlebt hat? Ich weiss, er verlor einige seiner guten, lieben Freunde, seinen Sohn, seine Eltern.

Dieses Gedicht lässt mich fragend zurück.

Memento
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Sensenvater und Sensentochter

Vor einigen Jahren, ich glaube, es war so um 2013 herum, zeigte mir mein Vater nach langem Nachfragen meinerseits, wie ich mit einer Sense mähen kann. Nun könnte man meinen, dass diese Tätigkeit für ein ehemaliges Thurgauer Landmeiteli doch nichts besonderes bedeutet hätte. Viele Sommer lang half ich meinem Vater beim Heuen und Emden, aber die Sense hatte immer er fest in der Hand.

Er zeigte mir, wie ich die Sense halten und wie tängeln muss, verbunden mit mehrmaligen Hinweisen, mir nicht die Hände zu zerschneiden, bzw. in meinem Fall nur ja gute Handschuhe zu tragen. Auch sollte ich darauf achten, nicht in Steine und andere Hindernisse zu hauen, weil davon die Sense einen „Hick“ bekommen könnte. Wir mähten also gemeinsam ein Stück Wiese vor seinem Kaninchenstall, dann durfte ich seine Sense mitnehmen.

Ich hatte vor, die Wiese um Omis Haus zu mähen. Omi lebte zu dem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr im Pflegeheim und ich hatte mir auf die Fahne geschrieben, das Haus zu erhalten. Zu dem Zeitpunkt dachte ich höchstens entfernt daran, mal hier im Toggenburg zu wohnen. Zu weit war der Thurgau entfernt, zu wenig flach war es hier für meinen damaligen Geschmack.

An jenem Tag, wo ich die abschüssigen Wiesen ums Haus von Hand schnitt, kam eine tiefe Sehnsucht in mir auf. Hier in Lichtensteig war ich immer glücklich gewesen. Es bereitete mir grosse Freude, mir die Hände mit Erde dreckig zu machen. Ich schwitzte und keuchte zwar, weil ich die harte Mäharbeit nicht gewohnt war, doch ich war glücklich. Ich wusste plötzlich, hier will ich leben.

Vielleicht bin ich an jenem Abend als eine andere zu meinem Vater gekommen, als ich gegangen war. Ich überreichte ihm seine Sense, er kontrollierte, ob ich einen „Hick“ rein gemacht hatte. Ich war leicht betüpft, weil ich sein Werkzeug doch so sorgfältig behandelt hatte. Einige Tage später kaufte ich mir eine eigene Sense, was er auch nicht wirklich toll fand.

Ein Jahr später, mein Vater hatte mich mit Engelszungen überredet, dass ich mir eine Fadensense anschaffe, standen wir, also Papi, seine Frau, Sascha und ich wieder vor dem Haus, und mähten. Mein Vater liess es sich nicht nehmen, mich in die Kunst des Fadensensenmähens einzuweisen. Er hielt mir einen Vortrag über Arbeitssicherheit, Helm mit Schutzschild, Handschuhen, Bergschuhen und passenden Arbeitshosen inklusive. Dann durfte ich mähen. Für vielleicht fünf Minuten. Dann nahm er mir das Werkzeug wieder ab und mähte fröhlich selber weiter, derweil wir anderen das geschnittene Gras wegtragen durften.

Rückblickend war es ein grosser Liebesdienst meines Vaters an mich und wenn ich nun auf der Terrasse hocke und auf die Wiese schaue, höre ich seine kritische Stimme. Ein klein wenig wünschte ich mir, er wäre jetzt hier und würde zuschauen, wie ich mähe. Er würde vielleicht die alte Linde kritisieren „Die nimmt einfach zu viel Licht weg. Ich würde die als umtun.“ Ich wüsste und spürte aber haargenau, dass er insgeheim furchtbar stolz auf mich ist.

Die 73.

Der erste 19. Februar ohne dich.
Wie soll das nur gehen?
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen deiner Geburtstage ausgelassen zu haben. Ich kann mich an so viele erinnern.

Meist lag Schnee. Oder es regnete in Strömen.
Einmal gewann dein Kaninchen den Schweizer Titel.
Du warst sehr stolz. Und ich auf dich.

Immer waren Freunde von dir da und feierten mit dir.
Trotz deiner Krankheit waren es an deinem letztem Geburtstag nicht weniger.
Sie ertrugen deine starke Trauer und deine Tränen.
Es fielen viele liebe Worte an dich.
Voller Freundschaft und Liebe.

Aber beim letzten Kilometer sind all diese Freundschaften wohl nicht mehr so wichtig. Du hast dich nicht mehr an vieles erinnert.
Du hast viel mehr gefühlt.
Was dir wichtig war.

Ich erinnere mich an den letzten Kilometer.
Du hast so stark und schnell geatmet.
Du warst sehr konzentriert
und dennoch voll da.
Du hast meine Hand gedrückt,
als ich dir ein Märchen erzählte.
Es war, als würdest du mir einen letzten Hinweis geben.
Eine Korrektur. Einen Trost, bei alledem, was nun folgen würde.

In einigen Tagen ist dein 73. Geburtstag.
Ich weiss nicht, wie ich den feiern soll,
jetzt, wo du nicht mehr da bist.

Lass die Maske fallen

„Zieh die Maske ab, ich möchte dein Gesicht sehen“, sagte mein Vater, als ich ihn an Pfingsten 2020 im Pflegeheim besuchte. Das Sprechen fiel ihm damals noch nicht schwer, das Bewegen seiner Beine hingegen schon. Ich bin seinem Wunsch nicht nachgekommen, weil mir das schlimmstenfalls einen Rauswurf aus dem Heim eingebracht hätte.

Rückblickend bereue ich es, dass mein Vater mich nicht mehr ansehen konnte.
Mein Vater ist vor zwei Monaten nach langer, schwerer Krankheit zuhause verstorben. In all der Zeit hat er mich nie mehr ohne Gesichtsmaske gesehen, denn das war eine der Abmachungen, die wir als Familie getroffen haben: Lieber so, als dass die Eltern Gefahr laufen, krank zu werden.

Ich sah meinen Vater immer sehr gerne an. Er war ein gutaussehender Mann. Das war er nicht immer gewesen, hatte er mir vor Jahren verraten. Als Jugendlicher litt er unter einer schlimmen Akne, die ihm einige Narben im Gesicht einbrachten. Deswegen hat er sich dann später auch einen Bart wachsen lassen. Als kleines Kind habe ich seinen Bart geliebt. Und als er einmal erwog, diesen zu rasieren, habe ich ihm gedroht: „Dann bist du nicht mehr mein Papi.“

Unsere Vater-Tochter-Beziehung war immer sehr ehrlich gewesen. Ich konnte ihm als Teenager alle meine Sorgen erzählen. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich und selten Ratschläge. Die meisten unserer Gespräche fanden statt, wenn er seine Kaninchen fütterte. Er hörte mir zu, runzelte die Stirn und am Schluss lud er mich jeweils zum Znacht oder einem Kaffee zuhause ein.

All das konnten wir die letzten Monate seines Lebens nicht mehr geniessen. Alles fiel ihm schwer. Er litt und ich stand daneben und konnte ihm nicht helfen. Wahrscheinlich ist all das auch nicht die Aufgabe einer Tochter. Für ihn war wichtig, dass ich mein eigenes Leben lebe, dass ich das tue, was mir wichtig ist. Er hat nie den Wunsch geäussert, dass ich ihn mit-pflegen sollte. Das war für uns beide wohl zu intim. Ich meine, den eigenen Vater derart verletzlich zu erleben, war für mich, trotz 20 Jahren Berufserfahrung in Pflege und Betreuung, ein Schock:

Einen Menschen zu pflegen verlangt von einem, dass man die Maske fallen lässt. Beim Pflegen ist man körperlich und seelisch nahe an seinem Mitmenschen. Anders könnte man ihm gar nicht begegnen und helfend tätig sein. Gleichzeitig trägt man die Maske der Professionalität, die es einem möglich macht, tagtäglich menschliches Leid zu ertragen. Wenn man nun seinen Angehörigen pflegt, umgibt man sich in grosser Nähe zu jenem Menschen, den man liebt, verliert jegliche Zeit und Sorge zu sich selber und muss sich gleichzeitig mit der Endlichkeit des Seins abfinden. All dies ist eine schwer erträgliche Sache.

Ich durfte in den letzten Stunden seines Lebens an meines Vaters Seite sitzen. Ich trug dabei eine Maske. Zwischendurch ging ich auf die Terrasse, um frei durchzuatmen, eine neue Maske anzuziehen, weil die alte von Tränen durchfeuchtet war. An jenem 19. November war ich tieftraurig, weil ich wusste, dass ich meinen Vater nun gehen lassen muss. Doch ich war gleichzeitig von einer grossen Erleichterung durchflutet: ich durfte meinen Vater besuchen. Er musste nicht alleine im Pflegeheim sterben. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Tatsache so glücklich machen würde. Was für ein verdammtes Scheissjahr.

Papi und ich

Ach, Papi

Mein Vater war definitiv der erste Mann in meinem Leben.
Mein Papi, ich liebte ihn von Anfang an.
Er trug mich auf seinen Schultern. Fuhr mich mit seinem Velo durch die Welt.
Er war meine Verbindung zur Natur. Er, der Bauernsohn.

Mein Vater war ein Feminist. Er dachte nie in Schubladen, sondern in Geleisen. Lerne einen Beruf. Mach dich unabhängig.
Heirate nicht, wenn du nicht unbedingt musst.
(Das Müssen wäre dagewesen, wenn es ein Kind gegeben hätte. Aber damit habe ich mein Umfeld nie beschenkt.)

Mein Vater ist ein wunderbarer Mensch.
Er ist sehr sensibel. Er ist präsent. Er weiss, was er will.

Vor zwei Jahren hat er zu mir gesagt:
Wenn ich gewusst hätte, wie mein Leben jetzt ist, hätte ich mit 40 noch
sehr viel mehr gelebt, was ich mich nie getraut hätte.
Ach Papi, du weisst gar nicht, was du mit diesen Sätzen bei mir ausgelöst hast.
Den Wunsch nach Freiheit. Den Wunsch, all das zu leben, was in mir steckt, an Potential, an Träumen.

Mir fällt ein Satz ein: Die Mütter schenken einem das Leben, die Väter verleihen einem die Flügel.

Mein Vater war in meiner Jugend einer der Menschen, der mir Flügel verlieh. Er akzeptierte nicht, dass ich meinen Beinen nicht mehr traute. Er hoffte auf mehr. Er trieb mich an. Ich lernte (wieder) zu laufen und zu velofahren, obwohl ich letzteres abgrundtief hasste. Aber trotz allem war es ein gutes Gefühl, zu spüren, was ich alles schaffte.

Nun gibt es so vieles in meinem Leben, was ich gerne mit meinem Vater erleben würde oder erlebt hätte. Er ist präsent in meinem Alltag, auch wenn er nicht immer mit dabei ist.

Ich denke zurück an jene Tage, wo wir gemeinsam unsere Krähe Fritzi aufzogen. Es waren glückliche Stunden, die ich nie vergessen werde. Wir waren als Familie aktiv und haben ein wunderbares Lebewesen am Leben gehalten.

Erinnerungen sind das, was einem bleibt. Erinnern ist eine intime Sache, weil es das Innen nach aussen kehrt. Das Aussen verursacht dann wohl auch all die Tränen, weil einem bewusst wird, wieviel man gerade verloren hat. Was einem fehlt.

Mein Papi ist nach wie vor der erste Mann in meinem Leben.
Ich habe ihn sehr gerne, weil ich mich in ihm wieder erkenne.
Er trägt mich nicht mehr auf seinen Schultern. Stattdessen streichle ich sein Gesicht. Sein weisses Haar.
Dank seinen Wünschen wage ich mich hinaus. In die Natur und stehe meinen Menschen.

Bleiben Sie zuhause!

Nein, das habe ich definitiv nicht gemacht. Ich war, wie alle meine Berufskolleg*innen in der stationären Pflege, fleissig am Arbeiten. Hab mich zurückgezogen. Vor allem aus meinem Freundeskreis und meiner Familie. Dass ich das getan habe, war nur richtig.
Im Nachhinein, bzw. jetzt gerade, ist es ein Fehler. Ich bin keine Einsiedlerin. Ich kann zwar super gut mit mir alleine sein, besonders wenn ich draussen in der Natur bin, aber ich brauche menschlichen Kontakt.

Ich vermisse meine Familie sehr. Ich vermisse meinen Vater. Meine Stiefmutter. Wenn ich das so sagen darf: Ich leide wie ein Hund.
Ich bin einfach nicht dafür gemacht, nur für mich selber zu sein.
Das merke ich jetzt.

Mein Vater ist schwerkrank. Wie lange er lebt, weiss ich nicht. Aber mein Gefühl sagt mir, dass sein Leben wohl nicht mehr lange dauert. Er ist schwerst beeinträchtigt. Er kann sich nicht mehr alleine bewegen, nur noch schwer sprechen, ist auf Hilfe angewiesen. Meine Stiefmutter pflegt ihn zuhause. Sie macht das alles hochprofessionell. Ich bewundere sie für ihre Ruhe und ihre Bedachtheit. Sie ist sein Fels und für mich die Mutter, die ich als Kind nicht hatte.

Ich habe mich abgegrenzt von ihnen, aber nicht, weil ich sie nicht mehr sehen wollte. Unser gemeinsamer, unausgesprochener, Grundsatz war, dass sie nicht meinetwegen plötzlich in ihrer Freiheit eingeschränkt sein sollten. Ich hatte Angst, weil ich sehr viel mehr (berufliche) soziale Kontakte habe als sie und sie nicht anstecken bzw. riskieren wollte, dass sie in Quarantäne gehen sollten.

Nun sah ich heute, nach vielen Wochen, endlich wieder meinen Vater. Ich trug eine Maske und ich weiss nicht mal, ob er mich erkannt hat. Doch fielen mir Steine vom Herzen. Ich erkannte, wie sehr es mir geschadet hat, sie nicht mehr zu sehen. Sie nicht mehr zu berühren. Zu umarmen.

Es geht ihm nicht wirklich gut. Er kann fast nicht mehr sprechen, schläft viel, hat Mühe mit Essen, verschluckt sich leicht. Ich muss ihn loslassen. Mein Herz tut sehr weh. Aber ich bemerke auch seine Ruhe. Seine Gelassenheit, nach so vielen Monaten des Leidens.

Ich bin meinem Vater so dankbar. Mütter nähren einen, aber Väter verleihen einem Kind Flügel. Mein Vater hat das von Anfang an getan. Er hat mich, trotz meiner früh erworbenen Gehbehinderung ermutigt und gedrängt, wieder laufen zu lernen. 2018 ging es ihm sehr schlecht. Er erzählte mir, dass er mit Anfang 40, also in meinem Alter, nie gedacht hätte, dass er mit 70 so schlecht zwäg sei. Er meinte damals zu mir, wenn er das gewusst hätte, hätte er noch sehr viel mehr seine Träume verwirklicht. Er hätte all das getan, was er sich nie gewagt hätte.

Das machte mich nachdenklich. Ich überlegte mir, welche unausgesprochenen Träume ich hegte. Damals wurde mir klar, dass ich Jagen lernen will. Ich weiss bis heute nicht, woher dieser Wunsch kam. Aber er war mit einem Mal so klar, so unausweichlich da, dass ich ihn leben wollte und musste. Ich meldete mich kurz darauf für die Jagdausbildung an und fing an zu lernen.

Die Jagd hat mein komplettes Leben verändert. Ich bin heute ein anderer Mensch. Gelassener. Lebensfroher. Ehrfürchtig gegenüber der Natur, ihren Schätzen, ihren Regeln. Ich habe eine komplett andere Welt kennen und schätzen gelernt. Ich bin, trotz Corona und all dem Scheiss, der um mich herum abgeht, glücklicher als je zuvor. Ich laufe mit Ausdauer steile Hügel hoch, was ich mir vor 30 Jahren nie hätte vorstellen können. Damals drohte mir der Rollstuhl.

Ich bin traurig, weil ich all dieses Glück, diese neue Chance im Leben, gerne mit meinem Vater teilen würde. Ich wünsche mir manchmal jene Sonntage im Wald zurück. Die Familienspaziergänge. Wie wir gemeinsam durch den Wald liefen, uns über Bäume und Vögel wunderten, uns wünschten, dass wir junge Füchse sehen würden.

Wir sahen uns heute. Mein Vater war sehr müde. Sein Zimmer ist voller Bilder von Füchsen. Ich erzählte ihm, dass ich morgen in den Wald gehen will. Er lächelte mich an. Seine Augen strahlten. In Gedanken ist er mit dabei, ganz gleich, wo er dann sein wird.

Die wilde 69

Es gibt Tage, da denke ich sehr oft an dich. Je älter ich werde, desto jünger sehe ich dich vor mir.
Du bist schön, gross, hast lange dunkle Haare und leuchtende braune Augen.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, warst du die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Du warst ein wenig wie Ava Gardner, ein wenig Jane Russell und sehr viel Ali MacGraw.

Ich weiss bis heute nicht genau, wieviel wir gemeinsam haben. Du hast mit mir alle Klassiker (und auch ganz viele Schundfilme) geschaut. Das Kino war eine gemeinsame Leidenschaft und ich bin dir auch heute noch dankbar dafür, dass du mir so viel erklärt und gezeigt hast.

Die Lebenszeit verkürzt sich sehr rasch und ich liebe das Leben genauso wie du. Dass du so jung verstorben ist, ist für mich auch heute noch ein Verlust. Ich hätte dich gerne besser kennengelernt.

Eine Sache habe ich dank dir schon früh gelernt: Das Leben ist ein Wunder und ein Geschenk. Viel zu schnell zerrinnt es einem zwischen den Fingern und man trauert dem ungelebten Leben nach. Du warst da anders: Du hast aus ganzem Herzen gelebt bist zu deinem letzten Tag. Ich bin sehr dankbar, dass ich bis zum Schluss dabei sein durfte.

Neun Jahre ohne dich

Manchmal denke ich dran, wie es wäre, wenn der morgige Tag nicht der wäre, der er für mich geworden ist: dein Todestag. Manchmal denke ich dran, wie es wäre, wenn du noch lebtest.

Neun Jahre sind eine lange Zeit und ein Flügelschlag.

65 wärst du jetzt und ich stelle mir vor, dass du ein klein wenig aussiehst wie Connie Palmen. Eine rauhe Stimme vom vielen Rauchen und Trinken. Ein charmantes Lächeln. Viele Falten. Du wärst ne ziemlich coole Rentnerin geworden.

Doch dann stellen sich die Bilder in meinem Kopf ein, wie du gegangen bist. Dein Leiden. Dein Festhalten am Leben wie eine Ertrinkende. Sterben ist kein Ponyhof. Das Band zwischen Mutter und Tochter scheint in unserem Falle tiefer und enger zu sein, als wir es beide je erwartet haben.

In 16 Jahren bin ich so alt wie du, als du starbst. 16 Jahre sind nichts. Neun Jahre sind nichts. Das ganze Leben verläuft im Sand. Es geht viel zu schnell. Es bleiben nur die Erinnerungen und die Gedanken an jene Menschen, die einen geprägt haben.

Tochterglück

Ich war gespannt auf die heutige Mähsession um Paulas Haus im Toggenburg. Mein Vater wollte vorbei kommen und mir erklären, wie eine Schnürli-Sägiss funktioniert.

Das tat er dann auch. Während mein Vater anfing zu mähen, räumten wir anderen, Papis Frau, Sascha und ich, das Gras weg.
Natürlich war ich furchtbar ungeduldig, weil ich mich so sehr aufs Mähen gefreut hatte und jetzt die Maschine nicht bedienen durfte. Nach dem Mittagessen, als wir nur noch ein kleines Stück mähen mussten, war schliesslich der feierliche Moment:

Mein Vater übergab mir den Helm mit Sichtschutz und schulterte mir den Rucksackmotor auf. Dann endlich konnte es los gehen…

Mähen mit dieser Sägiss sieht einfacher aus, als es ist. Ich brauchte viel Kraft. Meine Arme waren zwar stark genug, um den Stiel zu halten und mähen. Aber mein Rücken fing an zu schmerzen, weil ich in gebückter Haltung im abschüssigen Gelände stehen musste.

Aber das Gefühl, mit einem solchen Gerät eine Wiese gemäht zu haben, ist unvergleichlich. Ich fühlte mich richtig gut.

Ebenso schön war es, mit meinem Vater und seiner Frau durchs Haus zu laufen und alle Räume anzusehen. Ich bin froh, dass sie uns beistehen. Besonders glücklich war ich über das Angebot, dass mein Vater mir helfen will bei den Umgebungsarbeiten. Das ist das krasse Gegenteil von dem, was er die letzten Jahre über Paulas Haus gesagt hat.

Er hat jede Menge Ideen, was man alles machen muss, um das Haus instand zu halten. Ich bemerke, wie wenig ich weiss, aber dass ich unglaublich Lust habe, endlich loszulegen.

So endet dieser Tag mit einer glücklichen Tochter, die dankbar ist, den wunderbarsten, liebsten und tüchtigsten Vater der Welt zu haben.

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