Endstation Trauer?

Dieses Wochenende würde mein Bruder Sven 38 Jahre alt werden.
Mein Vater hat mir erzählt, dass Svens Grab seit einigen Monaten geräumt ist. Es gibt also nichts mehr, was noch daran erinnert, dass Sven mal gelebt hat.

Ich hatte Angst vor diesem Moment. Warum? Weiss ich nicht genau.
Sven war ja nicht mein Kind, sondern mein Bruder.
Trotzdem hat sein Dasein und sein Tod mein Leben in den letzten Jahren bewegt. Ich habe sehr oft um ihn und um unsere Familie geweint.

Vielleicht ist es so, dass mit dem Verschwinden seines Grabes, Omis Tod im Januar und Mamis 10. Todestag im Oktober Ruhe eingekehrt ist. Vielleicht habe ich auch darum das Gefühl, dass es jetzt gut ist. Dass ich loslassen kann und mein eigenes Leben führe.

Vielleicht ist es auch so, dass das vertiefte Schreiben und Nachdenken über unsere familiären Traumata bewirkt hat, dass meine Trauer ein Ende fand.

Septembersonne

Es ist September geworden und seit langem alles anders als sonst. Ich trauere nicht mehr so stark wie noch vor einem Jahr. Oder fünf. Mutters Geburtstag ist morgen. Der 66ste. Seit zehn Jahren ist sie nicht mehr da.

Vielleicht liegt es daran, dass Omi jetzt auch nicht mehr lebt. Oder dass Svens Grab endgültig geräumt ist und somit alles, was war und schmerzte, verschwunden ist.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Trauer irgendwann ein Ende hat.

mami und ich

Auf dem Friedhofshügel

Letzte Woche ging es mir nicht besonders gut. Ich hatte zu wenig geschlafen, war müde und die Hitze machte mir zu schaffen. Ich musste daran denken, was ich noch vor wenigen Jahren in einer solchen Situation getan hätte: Omi anrufen, vorbeigehen, reden.

All das schien mir in den letzten Monaten seit Omis Tod recht sinnlos. Ich hatte Mühe, auf ihr Grab zu gehen. Ich hatte den Eindruck, dass Omi wirklich weg ist und ich kam mir blöd vor, an ihrem Grab zu stehen. Als ich am Montagnachmittag nach Hause kam, zog es mich auf den Friedhofshügel. Ich marschierte vorbei an jenem Baum, wo ich vor bald 20 Jahren Omi und Mami fotografiert hatte.

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Omis letzte Ruhestätte ist sehr klein. Sie wünschte sich ein Urnengrab. Die meisten alten Menschen tun das hier oben, denn in der Erde zerfallen die Körper nur schwer. Ich jätete das Grab, schnitt die Rosen. Dann machte ich das Gleiche bei Mamis Grab. Sie liegt hier bald 10 Jahre.

Während ich die beiden Gräber pflegte, redete ich leise mit Omi. Nach einigen Minuten schon spürte ich, wie mein Herz leichter wurde. Mit einem Mal wusste ich, was ich zu tun hatte: Ich stieg ins Auto, fuhr in die Landi und kaufte neue Pflanzen für das Herbstgrab.

Als ich schliesslich den Friedhofshügel erneut verliess, war ich ruhig und zufrieden. Ein wenig noch habe ich Omis Stimme von früher im Ohr: „Nimm es nicht so schwer. Es kommt schon alles gut. Du wirst schon sehen. Ich habe dich sehr gern.“

Ein Dank mit Tränen

Die Einladung vom NAR (Netzwerk Alternsforschung) in Heidelberg erreichte mich im Januar 2017, wenige Tage nach Omis Tod. Ich sagte sofort zu, an ihrem Seminar teilzunehmen.

Am 27. Juli 2017 war es dann soweit: Ich reiste mit Sascha nach Heidelberg, übernachtete in einem schönen Hotel. Noch nie in meinem Leben hatte ich eine Uni betreten. Dank Omi war mir das nun möglich.

Ich kann nicht genau beschreiben, was mir an jenem Abend durch den Kopf ging. Ich war sehr aufgeregt, voll freudiger Erwartung und nahe den Tränen. Ich stellte mir vor, wie Omi und meine Mutter weit hinten im Saal auf Stühlen sitzen und mir die Daumen drückten. Ich dachte: „Omi, ohne dich wäre ich jetzt nicht hier.“

Es rührte mich sehr, dass Malu auch da war. Ich bin mir sicher, dass wir Angehörigen von Demenzkranken einander zu Geschwistern werden, denn wir erleben ähnliches und brauchen einander nichts zu erklären.

Das NAR wurde 2006 unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Beyreuther gegründet. In diesem Netzwerk werden interdisziplinär die verschiedenen Aspekte des Alterns untersucht.

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Professor Dr. Bert Heinrichs hielt einen Vortrag zum moralischen Umgang mit Demenz. Ich hatte erst etwas Bedenken, mich mit seinen Ansichten zu konfrontieren,. Als Angehörige schmerzen mich oft Aussagen über Demenz und ich bin vorsichtig geworden, wem ich mein Ohr leihe. Beim Zuhören wurde mir aber klar, dass er in seinen klaren Worten beschreibt, worin das Dilemma von uns Angehörigen und der Gesellschaft besteht und dass es dafür keine Lösung gibt.

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Frau Andrea Germann, M.A. hielt ihr Referat über Bilder von Demenz in der Schönen Literatur. Ich war sehr berührt von ihren Erkenntnissen, ihrer Vortragsweise und der Tatsache, wie viel Literatur es über Demenz gibt.

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Ich durfte aus meinem Buch vorlesen. Im Vorfeld hatte ich die Befürchtung, ich würde anfangen zu weinen. Aber dann, beim Lesen, sah ich plötzlich wieder meine Omi vor mir. Wie sie ihr Leben trotz Demenz meistert. Wie sie den Pflegenden ein Lächeln ins Gesicht zauberte mit ihren träfen Sprüchen. Ihren letzten Satz an mich: Warum bist du denn traurig? Ach Omi.

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Ich bin noch immer sehr berührt von der Gastfreundschaft und der Liebenswürdigkeit, die mir von den Menschen vom NAR und den Zuhörern entgegengebracht wurde. Ich erlebte einen wunderbaren Abend in Ihrer Gesellschaft und die Gespräche hallen noch immer in mir nach. Ich möchte so herzlich danken für Ihr Vertrauen!

Ein halbes Jahr

Ein halbes Jahr ist sie nun schon tot und es scheint mir, als wäre es gestern her, dass wir zusammen gesessen sind und herumgeblödelt haben.
Nie mehr Geburtstage und Weihnachtsessen mit Omi.

Heute früh suchte ich 40 Fotos aus meinem Archiv heraus für meinen Geburtstag.
Auf unzähligen Fotos ist sie an meiner Seite.

Ich besitze praktisch keine Fotos mit meiner Mutter.
Das ist schon sehr seltsam und vor allem sehr traurig.

Omi war fast von Anfang meines Lebens an wie eine Mutter.
Sie hat mich gern gehabt und mir dies auch immer wieder gezeigt.
Für sie war ich Enkelin, Tochter und Hoffnung.
Als sie damals sehr unglücklich war, hat sie gesagt:
„Ich wollte nicht mehr leben. Aber für dich lebte ich weiter.“

Es war ja klar, dass ich sie irgendwann überleben würde.
Ich hatte immer Angst, dass dies früh geschehen würde, und nicht erst, wenn ich fast 40 bin.
Ich bin froh um die letzten Jahre mit ihr, selbst wenn sie mich und meinen Namen vergessen hat.

Omis liebevolles, hoffnungsfrohes Wesen fehlt mir so.
Selbst die Demenz, die so vieles zerstört, konnte mir diese Erfahrung, unsere Liebe, nicht nehmen.

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Dankbarkeit

Morgen vor vierzig Jahren hätte mein Geburts-Tag sein sollen.
Meine Eltern hatten mich auf den 7.7.77 geplant.
Aber weil es vor vierzig Jahren wohl sowas wie „Heute soll es sein!“ nicht gab, kam ich erst am 11. Juli zur Welt. Meine Mutter hat mir das bis zu ihrem letzten Tag vorgehalten.

Heute auf der Heimfahrt kam mir meine Mutter so unverhofft in den Sinn, dass es mich schmerzte.
Ich musste an ihren 40. Geburtstag denken und wie sie ihn mit Freunden gefeiert hat. Einige von ihnen leben auch nicht mehr. Ich dachte an meinen 30. Geburtstag und wie meine Mutter kurz danach verstorben ist. Diese schwierige Zeit hat mich sehr geprägt und ich bin nicht daran zerbrochen.

Die Menschen, die mein Leben bereichert haben und jetzt nicht mehr sind, fehlen mir sehr. Omi und meine Mutter fehlen mir, besonders jetzt. Ich würde so gerne mit ihnen jetzt im Garten sitzen, Wein trinken und rauchen. (Ja, Omi, ich rauche auch nicht zu viel, nur Brissago im Sommer.)

Aber da gibt es auch andere Menschen, die nun in meinem Leben sind, die ich sehr gern habe, und die mir mit ihrer lieben Art Freude bereiten. Deren Gesellschaft geniesse ich nun in vollen Zügen. Denn ich weiss genau, irgendwann werden sie und ich auch nicht mehr sein.

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2017

Vor einem halben Jahr lag Omi im Sterben und ich erzählte ihr, während sie einschlief, dass ich es schade finde, dass sie nicht mehr an meinem 40sten Geburtstag dabei sein wird. Sie lächelte mich an. Ich wusste Bescheid.

Dieses Gefühl hat sich nicht verändert. Sie fehlt mir so. Oft muss ich an sie denken; wenn ich ihre Lieblingsfarben oder ihre Gastkatze sehe, den Bach, ihren Garten oder ihre Pflanzen.

Sie war bei all meinen besonderen Tagen dabei: nach meiner Geburt, meiner Taufe, bei der Beerdigung meines Bruders, meinem 10ten Geburtstag, meiner Konfirmation, als meine Mutter starb, bei Mamis Beerdigung.

Omi liebte es, mit mir Geburtstag zu feiern. Ich bekam eine Torte, viele Küsse, Geschenke und unzählige Male gesagt, dass sie mich gern hat.

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In den Sommerferien verbrachte ich jeden Geburtstag, bis ich 16 war, bei ihr. Und jeder Geburtstag war der Schönste. Mein 19ter Geburtstag war der letzte mit Opa. Omi und ich haben noch Jahre später darüber gesprochen, wie schön das war. Zusammensein. Reden. Einander umarmen.

Seit ich 32 Jahre alt war, hab ich all meine Geburtstage kurz bei Omi vorbei geschaut, auch wenn sie längst nicht mehr wusste, wer ich war, oder dass ich Geburtstag habe. Aber irgendwie war es immer besonders:

Omi sass in ihrem Sessel, strahlte mich an, streichelte mich, wir umarmten uns und redeten einige verworrene Sätze.

Dieser Geburtstag ist der erste, wo ich sie nicht sehen werde. 2017.

Nachtrauern

Fast ein halbes Jahr lebe ich nun schon ohne Omi.
Meine grosse Erschöpfung ist gewichen und ich bin froh darum.
Ich bin manchmal traurig, dass Omi das Haus (und die neue Elektrik!) nicht sehen kann.
Dass sie nicht dabei ist, wie ich und Sascha hier leben, wo sie fast 30 Jahre lang gelebt hat.
Dass sie unseren Garten und ihre geliebten Johannisbeeren nicht sehen kann.
Dass sie nicht am Langen Tisch dabei war, wo sie doch Zusammensitzen und Essen immer so geliebt hat.
Dass sie nicht dabei ist, wenn ich 40 Jahre alt werde.

Ich frage mich nach wie vor, wozu das alles gut war, was wir gemeinsam erlebt haben.
Auf den Schmerz, die Tränen, die Sorgen könnte ich gut verzichten.

Manchmal erfahre ich, dank Omi und unserem Buch, Geschichten von Menschen.
Ich bekomme diese Geschichten wie kleine Umarmungen erzählt.
Dann ist zwar meine Trauer um Omi immer noch da und tut auch weh.

Wir alle leiden, wenn unsere Eltern und Grosseltern älter werden.
Zuzusehen, wie sie krank oder vergesslich werden, ist schwierig, denn wir haben noch immer unser Bild von ihnen, wie sie in unserer Kindheit, Jugend oder später agierten.
Eltern und Grosseltern so gebrechlich zu sehen, verletzt.

Aber irgendwie freut es mich auch, wenn Menschen dank Omis Geschichte über ihre eigenen Erfahrungen mit Demenz sprechen, es nicht für sich behalten, sondern offen sagen: so war es für mich.

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Weggefährten

1998 war ich gerade 21 Jahre alt geworden und todunglücklich.
Ich konnte nur schwer ertragen, wie sich meine Mutter langsam aber sicher mit Hilfe von Alkohol umbrachte. Ich fühlte mich nicht in der Lage, ihr zu helfen.
Ich wollte und musste irgend etwas unternehmen gegen meine Ohnmacht.

So meldete ich mich bei der Beratungsstelle und bat um Hilfe.
Ich erinnere mich noch heute, fast 20 Jahre später, an Frau I’s Stimme.
Sie war sehr freundlich zu mir und lud mich zu einem Gesprächstermin ein.
In ihrem Büro, Altbau, Parkettboden, hohe Wände, schilderte ich schliesslich mein Anliegen:
Ich wollte meiner Mutter helfen, vom Alk wegzukommen.

Frau I. sass vor mir und sagte:
„Frau Debrunner, Sie können Ihrer Mutter nicht helfen. Sie können nur sich selber helfen.“
Diese Worte werde ich nie vergessen.

Von da an besuchte ich Frau I. einmal die Woche.
Wir sprachen jeweils eine Stunde lang miteinander.
Irgendwann, nach langer Zeit, flossen endlich meine Tränen.

Frau I. war wenig älter, vielleicht 10, 12 Jahre, als ich.
Ich begann, mit ihrer Unterstützung, zu begreifen, was in meiner Familie, mit meiner Mutter, geschehen war. Ich lernte zu verstehen und, endlich, mir nicht mehr die Schuld an allem zu geben.
Das war harte Arbeit und bitter nötig.

Einige Jahre später fühlte ich mich stark genug und ich besuchte sie nicht mehr.
Sie sagte: „Sie können immer hierher kommen, wenn Sie Hilfe brauchen.“

2007 lag meine Mutter im Spital Frauenfeld.
Sie hatte eine Leberzirrhose und ihr blieb nicht mehr viel Zeit.
Ich wusste, was sie erwartete.
Ich wusste auch, was mich erwarten würde.

Der Arzt rief mich an und sagte mir, er würde meine Mutter nach Hause entlassen.
Ich weiss noch heute, was ich damals dachte:
Das ist ihr sicherer Tod.

Sie würde nicht aufhören können, Wasser zu trinken und elendiglich in ihrer Dachwohnung verrecken.
Kein Mensch würde wollen, dass ein anderer Mensch so stirbt.
Ich wusste genau, wenn sie nach Hause entlassen wird, würde ich sie tot auffinden.
Das wollte ich nicht.
Dem Arzt war das scheissegal.

„Intakte Familien nehmen ihre Sterbenden mit nach Hause und pflegen sie dort.“

Ich rege mich noch heute über seinen Satz auf, seine absolute Unfähigkeit mit einem sterbenden Menschen (und seinem Umfeld) umzugehen. Der Arzt liess nicht mit sich reden.
„Übermorgen werden wir Ihre Mutter nach Hause schicken.“

Und so rief ich Frau I. an.
Wieder.
Ich spürte, sie könnte mir helfen.
Ich brauchte nicht viel zu sagen. Dazu war ich gar nicht in der Lage.

Frau I. reichte in meinem Namen eine Gefährdungsmeldung bei der Stadt ein und sorgte so dafür, dass meine Mutter nicht heimgeschickt wurde. Wenig später verstarb meine Mutter im Pflegeheim.

Ich musste, im Rahmen meiner Weiterbildung, sehr oft an Frau I. denken.
Ich habe sie nach Mamis Tod nur noch einmal gesprochen.
Alles war gut.

Ich suchte vor einigen Tagen im Netz nach ihr, weil ich wissen wollte, was sie heute so macht.
Ich fand nichts ausser einer Todesmeldung.
Sie starb vor sechs Jahren bei einem schrecklichen Verkehrsunfall.

Ach, liebe Frau I.
Danke für alles.
Sie fehlen.

Die Suche nach einem Grabstein für Omi

Omi Paula ist fünf Monate tot.
Jetzt ist die Zeit da, wo wir uns Gedanken über ihren Grabstein machen.
Ich hatte ehrlich gesagt, keine Vorstellung davon, wie dieser aussehen sollte.
Da Omi aber immer so stolz auf Opas wunderschönen Stein war, fand ich die Vorstellung schön, dass in ihrem ein Stück davon enthalten sein sollte.

Ich wandte mich an die Bildhauerin in unserem Städtli. Ihre Werke waren mir aufgefallen, weil sie schlicht und schön sind. Würde sie uns helfen können?

Als wir in ihrem Atelier sitzen, überkommt mich mit einem Mal eine grosse Traurigkeit.
Omis Tod ist Realität. Wir suchen den Grabstein aus. Sie kommt nie mehr wieder.

Wir besprechen, was möglich ist, darüber, wie Omi war.
Stark war sie, fällt mir ein. Sie hatte einen Willen wie ein Stier.
Und dann muss ich an ihr Herz denken. Ihre Liebe zu mir.

Die Bildhauerin macht uns schliesslich einen Vorschlag, der so wunderbar ist, dass es mich tief berührt. Wieder weine ich.

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Dieses Bild hat Omi sehr geliebt. Es zeigt sie, während sie, ganz die vorbildliche Hausfrau mit Lappen und Grabsteinreiniger, Opas Grabstein putzt. Während sie dies tut, platzt es aus ihr heraus: „Schau mal, der daneben putzt seinen Grabstein auch nie!!“ Noch Jahre später, solange sie sich erinnern konnte, lachte sie schallend über dieses Foto.