Herbstferienbeginn

Ich bin noch immer nicht ganz gesund. Die Grippe von letzter Wochen ist mir ans Lebendige gegangen. Ich wollte heute Paula besuchen, aber ich hab Angst davor, dass ich sie anstecke und sie auch krank wird.

Wir haben jetzt Ferien. Es ist ein seltsames Gefühl, denn im Februar bin ich davon ausgegangen, dass das Haus ausgeräumt ist und wir im Toggenburg leben. Das ist (noch) nicht der Fall.

Wir sind noch zwei Formulare vom Haus entfernt, jede Menge Sperrmüll steht im Haus bereit zum Abtransport. Innerlich sitze ich auf gepackten Koffer, obwohl dies äusserlich gar nicht der Fall ist. Ich bin dankbar für jene Menschen, die mich so sehr unterstützen. Da ist Omis Beistand, der einfach da ist. Meine Eltern, die anrufen und uns bei der Gartenpflege helfen. Meine Arbeitskollegen, die Ohr und Herz haben.

In zwei Wochen ist meine Mutter sieben Jahre tot. Ich kann es kaum glauben, dass die Zeit so schnell an mir vorbei rast. Bei all dem Trubel komme ich nicht dazu, trübselig zu sein und zu trauern. Ich sollte ihr Grab neu machen. Obwohl ich nicht gläubig bin, achte ich darauf, dass es an Allerheiligen für den Winter bereit ist. Omi hat darauf immer grossen Wert gelegt.

Vor sieben Jahren um diese Zeit bekam ich einige freie Tage von meinem Vorgesetzten, damit ich mit letzter Kraft die Wohnung meiner Mutter räumen konnte. Ich war am Ende. Die Angst, dass sie jeden Tag sterben könnte, der Druck vom Sozialamt, mein Gefühl des Versagthabens, die Trauer um sie, die Angst, dass man sie einfach aus dem Spital entlassen könnte, lastete schwer auf mir. Ich weiss nicht, wie ich das damals geschafft habe.

Jetzt, bei Paula, ist es irgendwie anders. Ich habe Hoffnung. Ich lebe in dem Gefühl, dass wenn ich umgezogen bin, ich Omi Paula wieder näher bin. Dass ich dann in einem sicheren Hafen lebe. Das Haus ist mein Schutzpanzer. Seine Geschichte ist älter als meine. Ich denke daran, wie meine Vorfahren schon dort gelebt haben und es macht mich glücklich.

Herbstferien. Früher bin ich mit Paula jeweils an die Olma gefahren. Das ist schon lange vorbei. Aber ich mag den dumpfen Nebel. Den Geruch der Bratwürste und der einschlafenden Erde.

Mutter_Sein

Das Gute am Älterwerden ist, dass man sich nicht mehr an die Schläge seiner Kindheit erinnert.

Was soll ich sagen?
Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die bis zum Arsch hinab verwöhnt wurden. Meine Mutter war einer jener Menschen, denen die Hand „schnell mal ausrutschte“, wie sie es selber zu sagen pflegte. Wenn sie wütend wurde, und das geschah rasch und ohne Vorzeichen, schlug sie drein. Sie prügelte, trat, verteilte Ohrfeigen, Schläge auf den Kopf, auf den Rücken. Die Katze war ebenso Opfer wie ich.

Meine Mutter war ein warmherziger Mensch, jemand, der Fremden abends gerne eine Suppe kocht. Jemand, dessen Türe immer offen stand. Doch gegen mich führte sie ein hartes Regime.

In meiner Kindheit schien mir, als würde sie mich hassen. Ich meine: warum schlägt jemand sein (überlebendes) Kind? Eigentlich hätte sie mich vergöttern müssen, nachdem sie meinen Bruder geboren und verloren hatte. Doch dies geschah nicht. Ich spürte früh, dass sie nicht damit klar kam, dass ich, das Mädchen mit den krummen Beinen lebte während er, der perfekte Junge, in einem kleinen Sarg lag.

Ich habs lange nicht verstanden.
Sie war unsagbar wütend. Anders ist es nicht erklärbar. Ich mag nicht mehr über Herkunft und Umweltfaktoren, die zu Gewalt in der Familie führen, nachdenken.

Schläge tun weh. Der Körper mag es irgendwann vergessen. Die Seele vergisst nichts.

Ich habe keine Kinder. Ich weiss nicht, wie damit klar käme, 24 Stunden am Tag ein Wesen um mich zu haben, das mich aufzehrt, schreit oder einfach von einem Tag auf den anderen stirbt.
Ich bin keine Gebär-Mutter.

September 2014

Ich kanns kaum glauben, dass ich vor sieben Jahren das letzte Mal mit meiner Mutter Geburtstag gefeiert habe. Es scheint mir manchmal, als wäre es schon hundert Jahre her. Oder erst gestern.

Sie fehlt mir. Ich wünschte mir so sehr, sie wäre jetzt hier und würde mich unterstützen. Als ich 2006 in ein Theaterprojekt involviert war, meinte sie lediglich: „Du schaffst das schon, Meitli..“ Ihre Worte fehlen. Ihre trockene Art und Weise und gleichzeitig das Vertrauen in mein Können, das wäre jetzt in dieser Phase von Nöten.

Sie hat es nie verstanden, dass ich schrieb. Sie sagte oft: „von mir hast du das nicht, Meitli.“
Ich weiss es echt nicht. Wenn ich ihre Aufsätze durchlese, erkenne ich meine Schrift wieder. Ihre Zeichnungen. Ihre klaren Gedanken. Ihr Suchen nach Worten und Beschreibung. Nein. Von ihr hatte ich es nicht, denn sie hatte es bis zuletzt.

Meine Mutter lag vor sieben Jahren bereits im Pflegeheim. Sie war keine 56 Jahre alt. Um sie herum waren steinalte Menschen, die dort lebten. Nur sie war zum Sterben hier her gekommen.

Manchmal wünsch ich mir, ich hätte damals ein eigenes Haus gehabt und sie pflegen können. Ich hätte Spitex-Frauen herumgejagt und jedem Arzt Feuer unter dem Hintern gemacht, der sie schlecht behandelt. Aber damals wusste ich ja nicht, was mich erwartete. Ich war sozusagen blauäugig.

Heute ist das anders. Ich bin in sieben Jahren siebzig Jahre gealtert. Kein Stein ist seit ihrem Tod auf dem anderen geblieben. Ich bin wirklich ein anderer Mensch geworden.

Würde sie mich noch erkennen?

P.S. am meisten bereue ich, dass ich praktisch keine Photos von uns zweien habe. Es gibt eins, da bin ich noch ein Baby, beim anderen war ich Konfirmandin. Es scheint mir, als wären Tochter und Mutter nicht-existent.

Der Geruch des Fortgehens

Ich räume Paulas Haus. Es geschieht ohne Eile. Im ganzen Haus riecht es nach Mottenkugeln und Weichspüler. Schimmel. Holz. Fenjal Seife.
Anders als vor sieben Jahren, als ich die Wohnung meiner Mutter leeren musste, bleibt mir hier die Wahl.

Ich erinnere mich an die verdorbene Suppe, die ich wegleeren musste. Sie war das letzte, was meine Mutter sich noch selber gekocht hat, bevor sie bewusstlos wurde. Beim Aufräumen hoffte ich so sehr, dass ich ihr Rezept für Voressen finden würde. Ich wollte so gerne wissen, was sie alles hineingetan hat in dieses Essen, das ich so sehr liebte.

Doch das Rezept bleibt verschwunden, existiert nur noch in meiner Erinnerung.

Es tat mir weh, einen Teil ihrer Habe in Müllsäcken zu entsorgen. Ihre Kleider konnte ich lange nicht wegwerfen. Ich bunkerte alles in Kisten in meinem Keller. Alles roch nach ihr. Nach Rauch und nach Traurigkeit. Sie bat mich, ihre kleinen Figurinen zu behalten, nicht wegzuschmeissen. Das hab ich bis heute getan. Ich finde sie allesamt hässlich, aber ich bringe es nicht übers Herz, sie wegzutun.

Es fiel mir schwer, mitanzusehen, wie meine Mutter langsam abgab. Dieser Rückzug in sich selbst, diese Bescheidenheit, die Freude an kleinen Dingen. Ich beobachte es auch an Paula. Vielleicht braucht es gar keine so grossen Mühen im Leben. Keine Ratgeber fürs Ordnung halten. Am Ende geht man mit leeren Taschen. Der Nippes bleibt zurück.

Ich habe eine Packung ihrer Zigaretten behalten. Mary Long. Sie rochen nach ihr. Jetzt zerbröseln sie langsam. Es scheint, als wäre sie nie dagewesen.

Mein Herz in St. Gallen

Gestern durfte ich in St. Gallen zwei meiner Texte am Fest des Kulturmagazins Saiten vorlesen. Ich war aufgeregt.
Und wurde wehmütig. Zu gerne hätte ich meine Mutter und Omi hier gehabt. Wäre meine Mutter stolz auf mich gewesen?

Wenn ich an St. Gallen denke, kommt mir jene Stadt aus den 80ern vor mein Auge. Ich erinnere mich an jene seltsame Maestrani-Installation im Bahnhof. Wenn Omi und ich an die Olma gingen, blieb ich immer sehr lange stehen. Ich war fasziniert davon. Der Jahrmarkt. Die Riitschuel. Die vielen Gerüche. Halle 7. Es scheint mir, als wäre es gestern gewesen.

St. Gallen ist aber auch der Ort, an den meine Schwester notfallmässig eingeliefert wurde, als sie einen Fieberkrampf erlitt. Obwohl dies schon dreissig Jahre her ist, erinnere ich mich noch gut an die Angst meiner Mutter, den leblosen Körper meiner Schwester.

In St. Gallen wurde ich vor bald zwanzig Jahren am Kiefer operiert. Ich war gerade mal neunzehn Jahre alt. Ich litt Schmerzen und ich verlor meinen Geschmackssinn. Der Sommer aber war sehr heiss.

Später begleitete ich Paula zu ihrem Orthopäden nach St. Gallen. Wir marschierten keine weiten Strecken mehr. Jetzt führe ich Omi an der Hand, so wie sie mich als Kind an der Hand genommen hatte.

Vor über zwei Jahren erfuhr ich, dass Anna Aerne, meine Urgrossmutter, 1947 an ihrer Brustkrebserkrankung im Spital in St. Gallen verstorben ist. Als ich vor zwei Wochen ihre Todesanzeige fand, man stelle sich vor, ein Blatt Papier, das über 65 Jahre alt ist, wusste ich auch, dass sie in St. Gallen beerdigt wurde. Sie liegt nicht auf dem selben Friedhof wie alle anderen meiner Familie.

Ich las keinen ernsten Text in St. Gallen vor. Mir stand der Sinn nach Lebensfreude. Traurig sein kann ich auch morgen noch.

Mutterfarben

Wenn ich durch Frauenfelds Strassen fahre, denke ich an meine Mutter. Ihr liebes Gesicht fehlt mir. Ihre Stimme. In Gedanken sehe ich sie, wie sie läuft, grossgewachsen und dennoch leicht gebückt, mit kurzem Haar. In der Hand hält sie eine rote Denner-Tasche. Darin transportiere sie ihre Weinschlegel.

Immer trug sie bunte Oberteile, so als könnten nur Farben ihrem Lebensgefühl Form verleihen. Weisse Pullover mit roten Streifen. Regenbogenfarben. Nur ja kein braun, grau oder schwarz.

Meine Mutter war am Ende ihres Lebens keine schöne Frau mehr. Dennoch sehe ich auf den Photos, die mir geblieben sind, einen Menschen mit warmherzigen Augen und höre ihre Stimme. Ihr Dialekt, eine Mischung aus Thurgauer und Toggenburger Mundart, ihr Kichern werde ich nie vergessen.

Ich muss dran denken, wie ich vor sieben Jahren verzweifelt war. Ich bin es heute nicht mehr. Trotz des Leides durfte ich die Erfahrung machen, dass ich nicht alleine bin. Da waren so viele Leute. Besonders berührt hat mich die Fürsorge meines Vaters und seiner Frau.

Meine Mutter war kein Engel gewesen. Sie war nach der Scheidung wütend. Sie beschimpfte Menschen und machte aus ihren Gefühlen und ihrer Verletzung keinen Hehl.

Wenn ich an Mutters Wohnung vorbei fahre, werfe ich einen Blick hinauf zu jenen Fenstern, die heute geschlossen sind. Ich sehe ihr Gesicht, ihr Winken und winke zurück, obwohl da niemand mehr ist.

Leben wollen

Ich erinnere mich noch sehr gut an den 1. August 2007.
Diesen Tag verbrachte ich mit meinem damaligen Freund auf seinem Boot auf dem Zürisee. Von aussen betrachtet waren wir glücklich.

Doch in mir drin tobte ein schrecklicher Sturm. Einmal mehr war ich nicht mehr fähig, darüber zu reden, wie schlecht es mir geht. Meine Mutter lag seit einigen Tagen im Kantonsspital Frauenfeld und wir erwarteten jede Stunde ihren Tod.

Auf den Tod warten. Was für ein schreckliches Wort.
Meine Angst lässt sich nicht anders ausdrücken. Ich war gerade erst dreissig Jahre alt geworden und hatte einen tollen Job angefangen. Das Sterben meiner Mutter kam eindeutig zum falschen Zeitpunkt.

Sieben Jahre später lächle ich über mein damaliges Leben.
Ich war so naiv.
Ich hatte keinen Plan, was mich erwartete. Das war gut so.

Meine Mutter war das, was man von aussen eine lebensfrohe Frau nennt. Sie liebte Feiern, Schlagermusik, nette, bärtige Männer und Alkohol. Doch tief drinnen war sie anders: Grüblerisch. Tiefgründig. Vom Leben gezeichnet. Ich hielt sie die ganzen Jahre meiner Jugend für oberflächlich und kindisch, nicht fähig, sich auf einen anderen Menschen, mich, einzulassen.

Vielleicht ist das von allen Lektionen meines bisherigen Lebens die heftigste: nichts sieht so aus, wie es wirklich ist. Die Frau, die ich lange verabscheute und sogar hasste, war ein sensibler, verletzter Mensch. Die Frau, die über mehrere Jahre lang am Todestag meines Bruders versuchte, sich das Leben zu nehmen, hing am Ende an ihrem Leben wie niemand sonst, den ich zuvor kannte.

Ihre Worte „Du musst leben!“, „Du lebst jetzt!“, „Trauere nicht um mich!“, „Kein Schwarz mehr, Meitli!“ werden mich immer ermahnen und begleiten. Der Tod ist nicht ein Feind, er ist nur ein Weiter.

Erinnern am Ort

Es war ein seltsames Gefühl, gestern mit den Eltern durchs Haus zu gehen. Sie haben uns damals begleitet, als Omi Paula aus dem Haus auszog und bemerkten schockiert die Vermüllung des Hauses.
Gestern aber lobten sie mich, wie ich das Haus aufgeräumt und wieder hergerichtet habe. Das macht mich stolz.

Meinem Vater war das Haus immer ein Dorn im Auge. Ich habs schon als Kind gespürt. Die ganze Hütte war verpestet vom Geruch Opas Stumpen, deren Stummel er in seiner Pfeife bis zum letzten ausrauchte. Omas Zustand, ihre zunehmende Demenz, hingegen hat ihn schwer betroffen. Fast zwanzig Jahre war mein Vater mit meiner Mutter verheiratet. Viele Photos aus früheren Zeiten zeugen davon, dass auch er hier viel Zeit verbracht hat. Er kannte das Haus seit den frühen Siebzigern von Besuchen bei meinen Urgrosseltern Henri und Röös.

Dass er und seine Frau mich nun so unterstützen bei der Pflege des Grundstücks, macht mich glücklich. Ich weiss sehr wohl, dass meine eigene Mutter, das nie getan hätte. Meine Mutter konnte sich nicht um Oma kümmern. Die Gräben zwischen ihr und Oma waren zu tief. Davon zeugen viele Briefe, in denen sich beide bemühen, wieder miteinander zu reden. Schlimme Dinge sind in der Kindheit passiert. Gewalt. Harte Worte. Meine Oma gab sich oft die Schuld für Mutters Alkoholkrankheit, für ihre Gewaltexzesse gegen meine Person.

Vielleicht, so denke ich, ist es wirklich (m)eine Aufgabe, das Haus, und damit die Familie, von all dem seelischen Schutt, dem psychischem Schimmel und der traurigen Vergangenheit zu befreien. Es ist nicht einfach, sich dem zu stellen. Jede Information, die ich kriege, jedes Bild, das ich sehe, jeder Brief, den ich lese, fügt ein neues, kleines Mosaiksteinchen zum grossen Ganzen hinzu.

Manchmal ist der Schmerz unerträglich. Ich fühle nach, wie oft meine Oma und auch meine Mutter geweint haben. Dennoch ist es aushaltbar. Ich bin froh, dass ich so oft mit Oma geredet habe, als die Erinnerung noch nicht in den Hintergrund getreten war. So kann ich besser einordnen, was mir im Haus in die Hände fällt.

Ein Satz von Erich Fried begleitet mich seit einigen Wochen und er gibt mir Kraft:

Erinnern, das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual.

Der Brief

Meine Recherchen im Haus sind nicht immer fröhlicher Natur.
Als ich gestern die Stube räumte, fiel mir ein Block mit einem Briefentwurf in die Hand. Meine Oma muss ihn 1980, drei Jahre nach meiner Geburt und nur einige Monate nach dem Tod meines Bruders, verfasst haben. Ich gebe ihn hier sinngemäss wieder.

Meine liebe Tochter

wir danken Dir so sehr, dass du vor drei Jahren unsere Enkelin, unseren Sonnenschein, geboren hast. Du glaubst nicht, wie dankbar wir dafür sind und welchen Lebensmut Du in uns wieder entfacht hast.

Manchmal fürchte ich, du denkst, wir haben dich seit ihrer Geburt weniger lieb. Aber dem ist nicht so. Du bist unsere einzige, über alles geliebte Tochter. Du bist alles für uns. Wir lieben dich so sehr.
Dein Vater und ich wünschen Dir alles denkbar Gute für dich.

Die letzten Monate waren so schwer für Dich.
Lass uns all das Böse vergessen.
Du musst leben. Du hast eine Tochter, einen lieben Mann und Eltern, die Dich lieben. Ich hoffe und bete so sehr, dass du wieder Mutter wirst und all Deine Sorgen vergessen kannst.

Es lieben dich sehr

Deine Eltern

Ich stand da und mir fielen die Tränen ins Gesicht. Ich weiss nicht mal, ob Oma diesen Brief je abgeschickt hat. Ich hoffe es so sehr. Über das Böse musste ich nachdenken. Ich weiss, dass meine Mutter geschlagen wurde. Kam all dies wieder herauf, als meine Mutter meinen Bruder verlor? Was ist sonst noch passiert, was niemand mehr weiss? Fragen über Fragen und keine Antworten.

Sommerlust

Ich liebe es, im Garten zu arbeiten. Diese Leidenschaft habe ich wohl von meinem Vater und meiner Oma weitervererbt bekommen. Egal, wo wir wohnten, ein Garten musste einfach sein.

In den Sommerferien konnte ich jeweils mitverfolgen, wie gewissenhaft und lustvoll Omi Paula ihren Garten bestellte. Sie pflanzte Erdbeeren, Bohnen, Zwiebeln und Kabis an.

Im Juli erntete sie die Johannisbeeren und begann diese dann einzumachen. Sie kochte die beste Gonfi der Welt und extra für mich machte sie Johannisbeersirup.

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Omi in ihren Garten in Sirnach, irgendwann Ende der 60er

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Sommer 2013 in Paulas Johannisbeerplantage im Toggenburg

 

Diesen brachte ich jeweils stolz nach Hause.
Eine andere, etwas traurigere Episode erinnert mich ebenfalls an den besten Sirup der Welt.

An einem Samstagnachmittag, meine Mutter war gerade kurz im Garten oben, hatten meine Schwester und ich Lust auf einen Streich. Wir suchten Mamis Weinflaschenversteck, öffneten die Flaschen und kippten ihren Merlot weg.

Dann entschied ich, als Ältere, Johannisbeersirup in die Flaschen zu füllen, diese wieder zu verschliessen und zu warten. Das Donnerwetter erfolgt wie ein Sommergewitter.

Meine Mutter begann kurz nach 15h ihr Glas zu füllen und bemerkte den Streich. Leider war um diese Zeit der Dorfladen bereits zu und sie konnte nicht Autofahren. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals einen Menschen derart ausrasten sah. Nur die Tatsache, dass ich schnell rennen und gut klettern konnte, rettete mich vor den Prügeln meines Lebens.